Theaterglück

Ein Besuch bei Frank Castorfs „Mephisto“-Proben im Berliner Ensemble

Es ist das erste Mal, dass Jens Harzer bei Frank Castorf spielt. Zwei Theaterwelten treffen aufeinander: Kann das gut gehen? Ein Probenbesuch im Berliner Ensemble.

8 Min
Jens Harzer als Höfgens alias Gründgens.

Jens Harzer als Höfgens alias Gründgens.

© Moritz Haase

Fragen wird man ja mal dürfen – und siehe da: kein Problem. Der Kritiker bekommt nicht nur den derzeitigen Stand des Regiebuchs mit Textfassung, Licht- und Musikeinsätzen sowie Regieanweisungen zugeschickt, sondern ich darf sogar eine Probe besuchen. Frank Castorf adaptiert Klaus Manns Theaterroman „Mephisto“ für das Berliner Ensemble; der Regisseur und einstige Volksbühnenintendant hat mit dem Spielzeitbeginn die Proben wieder aufgenommen. Premiere ist in zehn Tagen.

Meine Neugier weckt die Inszenierung schon allein dadurch, dass Jens Harzer die Titelrolle spielt: den Theaterkünstler Hendrik Höfgens, der eine Entwicklung vom linken, gesellschaftskritischen Schauspieler und Regisseur der Weimarer Republik zum Staatstheaterintendanten unter den Nazis durchmacht, ein sich immer weiter aushöhlender Opportunist, der nur spielen will und Applaus braucht und darüber seine Ideale, Kollegen und Freunde verrät.

Nachempfunden und mit kaum nachprüfbaren und sehr delikaten Details ausgemalt ist diese Figur dem Theaterstar Gustaf Gründgens, der ein Freund und Schwager des Autors war. Der Stoff hat gerade Konjunktur. Es gab tolle gegenwartskritische Inszenierungen unter anderem von Sascha Hawemann in Potsdam mit Guido Lambrecht (amtierender „Schauspieler des Jahres“) als Klaus Mann oder von Jette Steckel mit Thomas Schmauser (Eysoldt-Ring- und Faust-Preis-Träger) in der Titelrolle.

Wo bleibt der Brechreiz?

Castorf hat im Interview mit der Welt schon mal klargemacht, dass ihn der Roman als Zivilcourage-Lehrstück in AfD-Zeiten nicht interessiert: „Aktualität ist das Furchtbarste und Langweiligste im Theater.“ Es sei so einfach, sich heute hinzustellen und zu verkünden: Wenn die Zeiten sich wiederholen, stehe ich auf jeden Fall auf der richtigen Seite der Geschichte. „Gerade Leute aus der Kunst sollten da besser vorsichtig sein.“

Gilt auch für Kritiker. Mal abgesehen davon, dass die genannten Inszenierungen es sich ganz und gar nicht so leicht machen, kann es in unseren Tagen nicht schaden, den eigenen Opportunismus sowie die Abwehr- und Brechreizreflexe angesichts des Aufstiegs rechtsextremistischer Ideen zu überprüfen.

Frank Castorf bei einer Probe

Frank Castorf bei einer Probe

© Moritz Haase

Harzer spielt das erste Mal in einer Castorf-Inszenierung, die beiden kommen von unterschiedlichen Theatersternen und rasen nun aufeinander zu. Jens Harzer, dekoriert unter anderem mit dem auf Lebenszeit verliehenen Iffland-Ring für den besten Schauspieler deutscher Zunge, wurde schon viel für seine stimmliche und gedankliche Präzision gepriesen. Man schreibt ihn der Schule Dieter Dorns zu, auch wenn er sich längst emanzipiert hat. Es ist die Schule des repräsentativen und virtuosen Ensemble-Theaters, der Demut und buchstäblichen Treue zum literarischen Werk.

Frank Castorf hingegen zerlegt das Werk, mit dem er sich beschäftigt, setzt auf den Widerspruch, auf Improvisation, Überforderung: auf das Spiel mit der Realität des Kontrollverlusts. Dass er kein blindwütiger Zertrümmerer ist, sondern dem Glutkern des Werks auf der Spur ist – und es auf diese Weise ehrt, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. Man kann sich für beides begeistern – und beides ist einem schon gründlich auf die Nerven gegangen.

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Grenzverletzung mit Genehmigung

Nun also steht der Theatergeschichte diese Konfrontation bevor – oder eine Synthese und damit gar die Auflösung aller Widersprüche. Dabei gibt es kein Entkommen, denn alles Bühnengeschehen ist durch den „Mephisto“-Stoff von Reflexionswänden umstellt. So oder so, ich möchte gern dabei sein.

Es ist eine Grenzverletzung mit Genehmigung, die mein Besuch im Berliner Ensemble an diesem Montagabend bedeutet. Natürlich sind alle Beteiligten informiert und einverstanden. Ich werde auch noch einmal sehr freundlich belehrt, dass die Probe in einem Schutzraum stattfindet. Was das für diesen Text hier genau bedeutet, bleibt etwas im Vagen.

Figurenrede darf zitiert werden, aber spoilern wäre schade. Die Grundidee Castorfs – die Verschiebung der Aufmerksamkeit auf Klaus Mann als Figur, die mit ihren eigenen Trieben ringt und sie unter Faschismusverdacht stellt – hat er im Welt-Interview bereits selbst verraten. Unausbleibliche Konflikte, die bei den Proben zwischen dem Regisseur und den Schauspielern oder im Ensemble entstehen und ausgefochten werden, gehen die Öffentlichkeit nichts an. Von Geheimnissen und Tricks bei der Herstellung von Effekten oder Stimmungs- und Gefühlslagen ist zu schweigen. Ich freue mich über das Vertrauen, das man mir entgegenbringt, und trage schwer an der Verantwortung.

Ein bisschen gemildert wird alles dadurch, dass mir der Zutritt lediglich für eine Stunde gestattet wird. Ich darf vor den Türen zum Rang warten, bis der Regieassistent uns hineinbittet. Es sind noch zwei Kollegen von der Presse dabei, die sich von der Brisanz und der Delikatesse ihres Tuns offenbar weniger aus der Ruhe bringen lassen als ich – oder sie können es besser verbergen.

Es dauert eine halbe Stunde, bis wir durch die Türen zum Rang schleichen und Platz nehmen dürfen. Niemand im Parkett schenkt uns Beachtung, das ist mir nur recht. Es ist gerade eine kleine Pause, Lichtstimmungen werden durchgeschaltet, ein bisschen Nebel liegt noch in der Luft, der Regisseur sitzt in der vierten Reihe, hinter ihm sind Pulte aufgebaut mit Rechnern, Wasserflaschen und abgegessenen Tellern – er lässt sich noch einen Weißwein bringen. Pardon, war das schon eins dieser Geheimnisse?

Synthese Leberkäse

So langsam und nacheinander finden sich die Schauspieler ein, die in der angesetzten Szene auftreten. Schön sind sie, wie immer in den glitzernden Kostümen von Adriana Braga Peretzki. Sie treten nah an die Rampe, weil Castorf nicht besonders laut spricht. Sogar sehr leise. Oben, bei mir auf dem Rang, ist jedenfalls kein Wort zu verstehen. Es sieht eher nach entspanntem Small Talk aus als nach Gesprächen, die die Abgründe der Kunst erforschen und die Falten der Seele öffnen. Das einzige Wort, das ich verstehe, ist „Leberkäse“.

Sprechen sie vielleicht extra so leise? Schließlich wissen sie um die Anwesenheit der drei Pressefiguren. Auch wenn wir nicht stören, bilden wir ein Publikum. Und dieses kann noch so mickrig sein – der Verdacht, dass sich durch unsere Anwesenheit das Sprechen und Proben verändern könnte, dass sich die Spieler, statt etwas auszuprobieren, zeigen oder etwas vor uns verbergen, beschädigt die Grundverabredung. Der Schutz ist mit unserem Betreten des Raumes längst zerrissen. Es ist so, als würde man versuchen, die Dunkelheit in einem geschlossenen Kühlschrank zu sehen.

Was auf jeden Fall rüberkommt, ist die professionelle Nichtbeachtung unserer Anwesenheit – diese Noch-nicht-mal-Ignoranz. Warum sollten sie sich in ihrem Tun auch stören lassen? Warum sollten sie nicht über Leberkäse sprechen?

Spontane Liebe

Irgendwann zieht sich die Spannung zusammen, die Schauspieler verschwinden auf ihre Positionen in den Kulissen, und dann kommt, was kommen muss: „Und bitte“ – die Szene wird durchgespielt, die Texte werden teilweise hereingegeben, Auftritte, Gänge und Haltungen scheinen verabredet zu sein; die einen ziehen durch, die anderen deuten noch an. Ich lass mal die Namen weg, verfalle aber in dieser Situation sofort in Liebe.

Ein Schauspieler schiebt seinen dominanten Glitzerbauch ins Gedränge, eine Schauspielerin kommt rückwärts auf allen vieren (Brücke) auf die Bühne und macht interessante Dinge mit ihren Beinen, eine andere lässt den Fluff ihrer Perückenmähne im Stakkato ihres Wutausbruchs wippen, man rekelt sich auf Barhockern, man tanzt, man küsst einander und spricht dabei weiter, bis ein Ereignis eintritt, das die Wut von Höfgens entfacht.

Ein eisiger Schreck

Ihn habe ich hier ja schon ins Licht gestellt: Jens Harzer. Er versucht, eine der Schauspielerinnen von der Kündigung abzuhalten – natürlich auf der fiktiven Ebene, und er tut dies mit der angeschafften Wut, die ein Intendant eben manchmal zu brauchen glaubt. Deutet sich da die innere Distanz des Zungenkünstlers zu diesem körperlichen Ausbruch an? Oder ist diese Distanz genau das, was hergestellt wird, um den in seiner Künstlichkeit gefangenen Höfgens zu greifen? Es wird noch komplizierter.

Die Szene läuft einmal durch. Castorf hat einiges zu sagen, deutet mit sicherem Gespür für differenzierte Sprechweisen einiges selbst an, verteilt seine Ideen gerecht auf die Schauspieler, die verstehen und nicken. Alles sehr lieb, konzentriert und produktiv, etwas lauter als zuvor, aber dennoch bekomme ich nur ein paar Fetzen mit. Als er Harzer noch etwas anfeuert und dabei auf Louis de Funès verweist, vereise ich.

Wie hätte ein Gründgens auf einen solchen Hinweis reagiert? Der Theaterstar soll sich ein Beispiel an einem französischen Filmkomödianten nehmen? Aber nein, es kommt nicht zum Eklat (und wenn es zu einem Eklat gekommen wäre, würde hier nichts darüber zu lesen sein). Harzer scheint es jedenfalls nicht als Affront aufzunehmen, sondern er setzt die Idee einfach bravourös um. Wie? Dazu mehr bei der Kritik, die meine geschätzte Kollegin Doris Meierhenrich schreiben wird. Ich habe mich durch den Besuch des Schutzraums für diese Inszenierung disqualifiziert. Ich schiele vor Theaterglück.

Mephisto. Premiere am 17. September, 18 Uhr, im Berliner Ensemble. Weitere Termine und Karten im Ticketshop der Berliner Zeitung

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