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Jena: Hundert Männer, acht Frauen, vier Lebenswege, zwei Systeme, ein Umbruch

Von der Uni Jena über Carl Zeiss bis nach der Wende: Vier Biografien zeigen, wie ostdeutsche Physikerinnen Beruf, Familie und politische Umbrüche erlebten.

Roland Hensel
9 Min
Jena: Platz der Kosmonauten im Jahr 1978

Jena: Platz der Kosmonauten im Jahr 1978

© United Archives/Imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Ostdeutsche Allgemeine und die Berliner Zeitung geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Im Herbst 1969 begannen 108 junge Menschen an der Friedrich-Schiller-Universität Jena ein Physikstudium. Hundert Männer. Acht Frauen. Viele kamen nicht unmittelbar von der Schule, sondern hatten vorher einen Beruf gelernt oder Berufsausbildung und Abitur miteinander verbunden. Das galt auch für die Frauen: Industriekauffrau, Krankenschwester, Elektrikerin, Feinmechanikerin.

Fünf der acht Studentinnen machten ihr Diplom. Vier ihrer Lebenswege sind in einem Buch über den Jenaer Physikjahrgang ausführlich dokumentiert. Mehr als fünfzig Jahre später lassen sie sich fast wie eine Versuchsanordnung lesen: ähnliche fachliche Ausgangsbedingungen, unterschiedliche Herkunft – und schließlich zwei Gesellschaftssysteme.

Heimlich an der Abendschule angemeldet

Anita Ehmke hatte ihren ersten Kampf um Bildung schon hinter sich, bevor sie nach Jena kam. Physik war ihr Lieblingsfach, die Zulassung zur Erweiterten Oberschule hatte sie bereits in der Tasche. Doch der Vater fand, ein hübsches Mädchen brauche kein Abitur, sondern später einen netten Mann. „Nein! Damit bin ich nicht einverstanden. Du machst kein Abitur. Es reicht, wenn du die zehnte Klasse abschließt.“

Ehmke begann eine Lehre zur Industriekauffrau – und meldete sich heimlich an der Abendschule an. Dreimal in der Woche saß sie nach Berufsschule und Arbeit noch fünf Stunden im Unterricht, oft bis 21 Uhr. Morgens klingelte um halb sechs der Wecker. „Das war wirklich knallhart“, erinnert sie sich.

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Anita Ehmke

Anita Ehmke

© Roland Hensel

Nach dem Abitur begann sie zunächst Jura zu studieren. „Ich habe es ihm zuliebe gemacht. Aber nach einem halben Jahr war ich todunglücklich.“ Sie ließ sich exmatrikulieren und wechselte endlich in das Fach, das sie schon immer gewollt hatte: Physik. Leicht wurde es nicht. Aber Ehmke hatte längst ein Credo entwickelt, das sie später durch viele berufliche Brüche tragen sollte: „Für uns gab es kein Geht-nicht. Man kann alles! Man muss es nur wollen.“

Nach 1990 arbeitete sie unter anderem als Reiseleiterin, an einer Technikerschule und schließlich beim Arbeitsamt in Potsdam. Dort bereitete sie Jugendliche auf Bewerbungen und Eignungstests vor. Einer wollte unbedingt bei Mercedes anfangen; Ehmke übte mit ihm Bruch- und Prozentrechnung und Textaufgaben, bis er sich im Auswahlverfahren durchsetzte. „Es war enorm, welches Vertrauen mir die Jugendlichen entgegenbrachten“, sagt sie. Manche sprechen sie noch heute auf der Straße an: „Wissen Sie, wie sehr Sie mir geholfen haben?“

Bestaunt wie ein Fabelwesen

Bärbel Voigtsberger kam mit einer ganz anderen Vorgeschichte nach Jena. Sie hatte Krankenschwester gelernt, ihr Vater war Physiker. Als Kind nahm er sie einmal mit ins Institut und zeigte ihr ein Elektronenmikroskop. „Das hat mein Verständnis für die Welt geweckt.“ Nach Studium und Promotion ging Voigtsberger gemeinsam mit ihrem Mann Hans-Jürgen, ebenfalls Physiker aus demselben Jahrgang, in die Keramischen Werke Hermsdorf. Dort wurde sie zunächst bestaunt „wie ein Fabelwesen: Was soll eine junge Frau als promovierte Physikerin in der Industrie machen?“

Sie arbeitete an Zinkoxid-Varistoren, später leitete sie große Teile der Forschung. 1988 war sie stellvertretende Leiterin des Bereichs Forschung und Technologie. Doch die späten DDR-Jahre wurden zunehmend von Materialmangel, fehlender Technik und politischen Vorgaben bestimmt. „Im Prinzip haben wir immer mehr das Nicht-mehr-Können verwaltet.“

Bärbel Voigtsberger

Bärbel Voigtsberger

© Roland Hensel

Mit der Wende ging es plötzlich nicht mehr darum, was nicht produziert werden konnte, sondern ob es den Forschungsbereich überhaupt noch geben würde. Die Keramischen Werke wurden zur Tridelta, Mitarbeiter gingen, Strukturen zerfielen. 1992 schickte die Treuhand Voigtsbergers Mitarbeiter in Kurzarbeit Null. Sie selbst bekam die Kündigung.

Da hatte sie bereits begonnen, etwas von dem wissenschaftlichen Kern zu retten. „Mein Ansinnen war es, wenigstens einen kleinen Kern von Wissenschaftlern und Technikern zu halten und daraus eine eigenständige, unabhängige, wirtschaftsnahe Forschungseinrichtung zu schmieden.“ Die Treuhand unterstützte den Plan zunächst nicht. Also suchte Voigtsberger andere Partner: Jenoptik, das Thüringer Wirtschaftsministerium, den Landrat, Unternehmen. 1992 entstand das Hermsdorfer Institut für Technische Keramik mit 47 Wissenschaftlern und Technikern. Voigtsberger wurde Geschäftsführerin. Sie sagt: „Das war aus meiner Sicht eine Riesenchance zur Gestaltung.“

Die Mitarbeiter fuhren durch die Bundesrepublik, suchten Aufträge und Märkte. „Wir haben wie die Trüffelschweine Nischen gesucht.“ Aus 47 Mitarbeitern wurden später 130; 2008 ging das Institut im Fraunhofer-Institut für Keramische Technologien und Systeme auf. Voigtsberger übergab ein schuldenfreies Institut.

Zwischen Kreuzfahrtschiff und Kernbrennstäben

Ingrid Bade hatte auf der Mathias-Thesen-Werft in Wismar Elektrikerin gelernt. Zwei Jahre Grundausbildung Metall gehörten dazu; Schmieden hätte sie gern ausprobiert, erzählt sie, aber dafür sei sie zu klein gewesen und der Amboss zu hoch. Auf dem sowjetischen Kreuzfahrtschiff „Ivan Franko“ installierte sie Kabinenausrüstung, bei anderen Arbeiten ging es hoch hinauf auf die Kabelkrananlage.

Nach dem Physikstudium arbeitete Bade bei Carl Zeiss an Maschinen für die Herstellung von Kernbrennstäben. Privat lebte sie mit ihrem Mann und den Kindern noch immer in einer Einraumwohnung in Jena-Lobeda-Ost. Wohnungsanträge blieben erfolglos. Als wieder Volkskammerwahlen anstanden, ging sie aus Protest nicht wählen. Das hatte Folgen, denn nach dem Babyjahr durfte sie nicht an ihren geheim eingestuften Arbeitsplatz zurück. Sie sagt: „Ich war mit dieser Aktion zu einem unsicheren Element an so einem geheimen Arbeitsplatz geworden.“

Ingrid Bade

Ingrid Bade

© Roland Hensel

1985 zog die Familie zurück in die Altmark. Bade wurde Brandschutzinspektorin auf der Baustelle des Kernkraftwerks Stendal. Nach dem Baustopp 1990 folgten neue Aufgaben: Personalchefin in einem Stahlbaubetrieb, Weiterbildung zur EDV-Assistentin, ABM in Arneburg, schließlich der Wasserverband Stendal-Osterburg.

Dort brauchte man Verwaltungskenntnisse. „Weil mein Chef nicht unbedingt Lust hatte, es selbst zu tun, delegierte er mich zum Lehrgang für Verwaltungsrecht“, erklärt sie. Also machte die Diplomphysikerin noch eine Ausbildung zur Verwaltungsfachwirtin und blieb bis zur Rente beim Wasserverband. „Im Prinzip habe ich mich vor und nach der Wende von einem Job zum nächsten gehangelt“, sagt sie. In der Altmark habe kaum jemand gewusst, was er mit einer Diplomphysikerin anfangen sollte. „Also habe ich das genommen, was es gerade gab.“

Dann folgt der Satz, der vielleicht am besten beschreibt, was dieses Studium vielen des Jahrgangs mitgegeben hatte: „Wir wurden ja als disponible Physiker ausgebildet, und das waren wir wirklich. Wir haben gelernt, uns immer wieder einzuarbeiten.“

Parteieintritt? Nein, danke!

Ilse Schönfelder war Feinmechanikerin und wollte eigentlich Astronomie studieren. Schon als Schülerin beobachtete sie mit einem selbstgebauten Fernrohr den Himmel. Mit dem Physikstudium selbst wurde sie nie recht warm. Elektronik lag ihr überhaupt nicht. Gleich im ersten Praktikum zerstörte sie einen empfindlichen Transistor durch statische Aufladung. „Somit hatte ich gleich eine dieser elektronischen Mimosen auf dem Gewissen.“

Den Ausgleich fand Schönfelder außerhalb des Hörsaals. Sie gehörte zu den Gründungsmitgliedern des neuen Philharmonischen Chores, spielte Gitarre, gab Unterricht und komponierte. Bei einem Kulturpraktikum entdeckte sie die Landschaftsfotografie. „Ich lernte das Sehen neu.“ Später dokumentierte sie die Orchideen auf den Muschelkalkhängen im Saaletal.

Erst die Diplomarbeit brachte ihr jene Freiheit, die sie im Studium vermisst hatte. „Das Dreivierteljahr der Diplomarbeit war eine herrliche Zeit, die beste des Studiums. Ich konnte eigenverantwortlich arbeiten, meine Aufgabe nach eigenem Gutdünken lösen, meine Zeit selbst einteilen.“

Die Universität bot ihr an, nach dem Diplom zu bleiben. Schönfelder lehnte innerlich sofort ab. Eine wissenschaftliche Karriere an der Hochschule verband sie mit Parteieintritt, politischer Anpassung und möglicher Mitwirkung an Entscheidungen gegen unangepasste Studenten. „Nein und nochmals nein, hier war nicht mein Platz.“

Ilse Schönfelder

Ilse Schönfelder

© Roland Hensel

Sie ging zu Carl Zeiss, arbeitete zunächst in der Optik und später an Industrierobotern. 1990 wurden die Aufträge für ihre Roboterzellen storniert. „Für uns blieb nur die Abbruchverteidigung.“ Es folgten Kurzarbeit Null und 1991 die Kündigung.
Schönfelder ließ sich zur Umweltschutztechnikerin ausbilden, arbeitete in einer ABM und bekam schließlich eine halbe Stelle als Laboringenieurin an der damaligen Fachhochschule Jena.

Zunächst war das für die frühere wissenschaftliche Mitarbeiterin ein Abstieg. Doch über einen ehemaligen Kommilitonen kam sie wieder zur Robotik und Handhabungstechnik, betreute Praktika und half beim Aufbau eines modernen Rechnerlabors. Dort hörte sie schließlich einen Satz, der ihr Berufsleben anders enden ließ, als es nach Zeiss ausgesehen hatte: „Wir betrachten es als einen Glücksfall, dass wir Sie bekommen haben.“

Das Selbstverständnis trifft auf eine neue Wirklichkeit

Drei der fünf Frauen, die 1973 ihr Physikdiplom erhielten, heirateten jeweils einen Mann aus demselben Studienjahrgang. Damit liefen innerhalb derselben Familien zwei Berufsbiografien nebeneinander – mit ähnlicher Ausbildung, aber nicht immer denselben Spielräumen. Voigtsberger sagt über ihren Mann: „Er hat mir den Rücken freigehalten. Damals gab es nicht so viele Männer, die mir das zugebilligt hätten.“

Hundert Männer und acht Frauen in einem Physikjahrgang sind ohnehin kein Beleg für vollendete Gleichberechtigung. Bemerkenswert ist etwas anderes. In den Erzählungen dieser Frauen erscheint ein eigenes Berufsleben nicht als Ausnahme. Sie sprechen über Arbeit, Vorgesetzte, Kinder, politische Grenzen, Aufstieg und Statusverlust. Aber die Frage, ob eine Frau überhaupt einen Beruf haben, eigenes Geld verdienen und nach einer Unterbrechung wieder arbeiten sollte, stellt sich ihnen kaum. Berufliche Eigenständigkeit gehörte zu ihrem Selbstverständnis.

Nach 1989 traf dieses Selbstverständnis auf eine neue Wirklichkeit. Politische Grenzen verschwanden, zugleich brachen Betriebe, Institute und berufliche Sicherheiten weg. Für ostdeutsche Frauen bedeutete die deutsche Einheit deshalb nicht nur neue Freiheit, sondern auch den Eintritt in eine Arbeits- und Gesellschaftsordnung, deren Selbstverständlichkeiten andere waren. Die vier Biografien können keinen Ost-West-Vergleich beweisen. Aber sie zeigen, wie wenig diese Frauen daran zweifelten, dass ihr Beruf zu ihnen gehörte – auch dann, wenn sie ihn wechseln, neu lernen oder ganz von vorn anfangen mussten.

Die DDR hatte Gleichberechtigung versprochen und zugleich Grenzen gesetzt. Die Bundesrepublik brachte neue Freiheiten und nahm in der Umbruchzeit Sicherheiten, mit denen diese Generation gerechnet hatte.

Was beide Erfahrungen überdauerte, war weniger ein Arbeitsplatz als eine Haltung: die Erwartung, ein eigenes berufliches Leben führen zu können. Nicht jeder Weg stand ihnen offen. Aber dass es ihr eigener sein sollte, darüber bestand kein Zweifel.

Roland Hensel ist Physiker, Fotograf und Fachjournalist. Nach wissenschaftlicher Tätigkeit bei Carl Zeiss Jena und in Berlin studierte er Fotografie in Dresden und später Journalistik in Köln. Heute lebt und arbeitet er als freiberuflicher Fotograf und Autor in Dresden.

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