Nach fast vier Wochen weitgehender öffentlicher Abwesenheit hatte der Kanzler bei seinen ersten Fernseh- und Wahlkampfauftritten offenbar ein Problem, das sich nicht mit einer Pressemitteilung wegmoderieren lässt: Beobachter beschrieben Friedrich Merz als müde, gereizt, mitunter fahrig – jedenfalls als einen Kanzler, der nicht nur politisch angeschlagen wirkte. Die Bundesregierung bekam deshalb in der Bundespressekonferenz diese Woche eine Frage gestellt, die im politischen Berlin gewöhnlich erst dann laut wird, wenn sie längst durch die Hinterzimmer wabert: Ist der Regierungschef gesundheitlich angeschlagen?
„Nein“ – und eine Pointe, die haften bleibt
Die Antwort des Regierungssprechers Stefan Kornelius fiel von bestechender Kürze aus: „Nein.“ Auf die Nachfrage, ob medizinische Behandlungen oder Operationen in den vergangenen zwei Monaten auszuschließen seien, nannte Kornelius die Überlegung eine „absurde Spekulation“. Der Kanzler sei gesund. Nur eines wollte der Sprecher nicht kategorisch ausschließen: einen Besuch beim Zahnarzt. Die Pointe war wohl als Fußnote gedacht. Sie dürfte dennoch haften bleiben – nicht zuletzt, weil Friedrich Merz selbst den Zahnarzt einst zu einer politischen Chiffre gemacht hatte.
23 Tage ohne Kamera
Die Frage fiel nicht vom Himmel. Merz hatte sich Ende Juli mit einem saloppen „Schöne Ferien. Tschüss“ aus der Öffentlichkeit verabschiedet. Danach folgten 23 Tage ohne einen einzigen Auftritt vor laufender Kamera; insgesamt vergingen knapp vier Wochen, bis er wieder sichtbar ins politische Geschehen eingriff. Das ist nicht verboten – auch ein Bundeskanzler darf sich erholen. Auffällig war eher die kommunikative Choreografie: Das Kanzleramt wollte die Auszeit zunächst nicht Urlaub nennen, sondern beharrte darauf, der Kanzler sei stets im Dienst.
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Führung misst sich auch an Sichtbarkeit
Währenddessen lief das Land weiter: Hitzewelle, Waldbrände, ein mutmaßlicher Drohnenvorfall am Flughafen Leipzig/Halle, Streit über Rente und weitere Reformprojekte. Politisch entstand so das Bild eines Kanzlers, der nicht abwesend sein durfte, aber auch nicht sichtbar war. Das ist ein Unterschied, der in der politischen Wahrnehmung beträchtlich sein kann. Denn Führung wird nicht nur in Kabinettsvorlagen gemessen, sondern auch daran, ob jemand in unübersichtlichen Lagen erkennbar Verantwortung übernimmt.
Rückkehr ohne Aufbruch
Als Merz zurückkehrte, war die Lage denkbar unerquicklich. Sein erster öffentlicher Termin führte ihn in das Waldbrandgebiet bei Hürtgenwald. Danach begann der sogenannte Reformherbst, begleitet von Streit in der Koalition, Unruhe in der Union und historisch schlechten persönlichen Zustimmungswerten – mit 13 Prozent die niedrigsten Werten, die je für einen Bundeskanzler gemessen worden waren. Die politische Erschöpfung war sichtbar genug, um medizinische Spekulationen überflüssig zu machen: Ein Kanzler kann angeschlagen sein, ohne krank zu sein – angeschlagen von Konflikten, von eigenen Personalentscheidungen, von Erwartungen, von einer Öffentlichkeit, die nach mehreren Wochen Funkstille Erklärungen erwartet.
Privatsache mit Grenze
Darin liegt auch die entscheidende journalistische Grenzziehung. Der Gesundheitszustand eines Regierungschefs ist erstmal Privatsache – solange er die Amtsführung nicht berührt. Über Diagnosen, mögliche Operationen oder die Deutung von Mimik und Gang zu spekulieren, wäre weder seriös noch fair. Gesundheit lässt sich nicht aus Fernsehbildern lesen; aus einem müden Gesicht wird keine medizinische Nachricht. Anders läge der Fall, wenn es konkrete, überprüfbare Hinweise auf eine längerfristige Einschränkung der Amtsfähigkeit gäbe. Dann beträfe die Frage nicht Neugier, sondern die Funktionsfähigkeit des Staates.
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Diagnose genug
Genau solche Hinweise liegen öffentlich bisher nicht vor. Kornelius’ kategorische Versicherung, der Kanzler sei gesund, beendet zwar nicht jede politische Diskussion über dessen Verfassung, sie setzt aber eine klare Grenze. Die spannendere Frage lautet ohnehin nicht, ob Merz krank war, sondern warum seine Rückkehr nach der langen Pause so wenig nach Aufbruch aussah. Politisch angeschlagen war er allemal. Und das ist für einen Kanzler, der einen „Reformherbst“ ausrufen will, schon Diagnose genug.
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