Der neue Parteivorsitzende Cem Özdemir erklärt, wie er die Grünen in die Regierung führen will.Herr Özdemir, sehnen Sie sich wirklich nach Joschka Fischer zurück?Nein, das nicht, aber ich freue mich, wenn ich ihn treffe. Insbesondere im Ausland werde ich oft nach ihm gefragt. Er hat die deutsche Politik stark geprägt. Darauf können wir Grüne durchaus stolz sein.Zuletzt hatten Sie gesagt, Sie könnten sich ein wichtiges Amt für ihn vorstellen. An welches dachten Sie?Joschka Fischer kommt sicherlich für viele europäische und internationale Ämter in Frage. Die Bundesregierung sollte über ihren parteipolitischen Schatten springen und ihn bei bevorstehenden Nominierungen berücksichtigen.An der Basis sind viele Grüne eigentlich froh, dass sie Fischer los sind.Ach je. Viele, die immer behauptet haben, dass sie Fischer keine Träne nachweinen, waren auch diejenigen, die ihn immer gerne als Redner hatten. Das gehört dazu.Immerhin haben Sie ein Amt inne, das Fischer nie hatte: Sie sind seit gut 100 Tagen Parteichef. Was hat Sie am neuen Job am meisten überrascht?Die Erwartungen an mich sind natürlich sehr hoch. In der Öffentlichkeit und in der Partei. Ich habe da gleich mehrere Rollen zu erfüllen: Ich bin der Neue, der Repräsentant der Migranten, der Parteiarbeiter, der Erneuerer, der Staffelläufer für den Realoflügel und der Schwabe. Das macht einerseits den Reiz der Aufgabe aus, andererseits muss klar sein, dass ich für den Laden insgesamt Verantwortung trage und nicht für Partikularinteressen.Wie sehr schadet es, dass sie anders als Ihre Co-Vorsitzende Claudia Roth nicht im Bundestag sitzen?Ich bin weiter der Meinung, dass es richtig wäre, wenn der grüne Parteichef ein Mandat hätte. Das hat leider nicht geklappt. Es nützt aber nichts, zurückzuschauen. Für mich gilt: Mund abputzen und weitermachen. Es geht auch ohne.Bei der Verabschiedung des Konjunkturpakets kam es trotz heftiger Flirtversuche nicht auf die Grünen an. Was lief da falsch?Wieso falsch? Der schwarz-grüne Hamburger Senat hat versucht, ökologische Korrekturen im Kfz-Bereich durchzusetzen. Das war anders als mit der SPD, die in unserer Regierungszeit oft umgefallen ist, wenn es um Autos ging. Ich bedauere, dass das nicht geklappt hat.Die Koalition hat bei der Suche nach einer Mehrheit die Nähe zur FDP gesucht. Nicht zu Ihnen. Welche Konsequenz ziehen Sie daraus?Das zeigt, dass die FDP billiger zu haben ist. Die ist umgefallen, ohne etwas erreicht zu haben. Hamburg dagegen ist standhaft geblieben. Daran kann ich als grüner Parteichef nur Gutes finden.Wie wollen Sie Ihr Verhältnis zur FDP weiterentwickeln?Wir stehen in gesunder Konkurrenz zueinander. Man muss einmal übersetzen, was die FDP-Forderung nach Steuersenkungen in der jetzigen Lage bedeutet. Wir verprassen damit das Mittagessen der Kinder von Arbeiterfamilien oder Hartz-IV-Empfängern, während die Kinder wohlhabender Familien sich das Essen in der Schule leisten können. Mit uns geht das nicht.Ob Ampel oder Jamaika: Ohne die FDP werden die Grünen aber kaum an die Regierung kommen.Uns geht es vor allem darum, eine schwarz-gelbe Koalition zu verhindern. Das ist uns die letzten drei Mal gelungen und es wird auch ein viertes Mal klappen. Mehr Neoliberalismus brauchen wir gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise nicht. Außerdem wollen wir die große Koalition beenden. Dann liegt es an der SPD, genügend Wähler zu mobilisieren, damit Rot-Grün möglich wird. Wenn es ohne die FDP nicht geht, werden wir mit denen reden.Muss es eine Annäherung zwischen beiden Parteien geben?Wer die FDP kennt weiß, dass bei denen einiges möglich ist. Wir beobachten mit Interesse, dass die Liberalen sich wieder stärker auf ihre bürgerrechtlichen Wurzeln besinnen wollen. Westerwelle spricht neuerdings auch wieder über Frieden und Abrüstung. Da kann ich nur sagen: Willkommen im Club.Renate Künast hält eine Ampel für die wahrscheinlichste Regierungsoption der Grünen. Sie auch?Ich habe da keine ideologischen Blockaden. Wir machen einen eigenständigen Wahlkampf für ein starkes grünes Ergebnis. Klar ist auch, wir wollen regieren. Aber noch sind es sieben Monate und danach schauen wir ganz entspannt, was sich aus dem hoffentlich starken Ergebnis machen lässt.Ist ein Bündnis mit der Union völlig ausgeschlossen?Bislang hat die Union die Türen dafür zugeschlagen. Sie rüttelt am Atomausstieg. Sie fährt in der Wirtschaftspolitik einen unklaren Kurs. Sie spielt Umwelt gegen Arbeitsplätze aus und sieht Klimaschutz als Standortnachteil. Die Kanzlerin läuft gegenwärtig durch die Republik, als ob die Bilder von ihr vor schmelzenden Gletschern eine Fata Morgana gewesen wären. Dafür stehen wir nicht zur Verfügung.Welche Bedeutung hat die Bundespräsidentenwahl im Wahljahr?Man darf das nicht überschätzen. Es geht um zwei respektable Kandidaten. Die Grünen schätzen Gesine Schwan sehr und unterstützen sie. Wir glauben, dass sie eine gute Präsidentin wäre. Aber die Mehrheitsverhältnisse sind eben so wie sie sind.Wen werden Sie wählen?Noch gilt das Wahlgeheimnis. Ich glaube, ich habe deutlich gemacht, wohin meine Präferenz geht.Das Gespräch führte Jörg Michel.------------------------------Der anatolische SchwabeCem Özdemir (43) ist seit November 2008 Parteichef der Grünen. Er führt das Amt zusammen mit Claudia Roth, die den Vorsitz schon länger inne hat.Der gebürtige Bad Uracher ist der erste deutsche Parteichef mit Migrationshintergrund. Seine Eltern kamen als Gastarbeiter aus Anatolien nach Deutschland.Der Sozialpädagoge ist in der Partei nicht unumstritten. Im Herbst verweigerten ihm die baden-württembergischen Grünen einen Listenplatz für den Bundestag.------------------------------Foto : "Die Erwartungen an mich sind sehr hoch", sagt Özdemir.
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