Kolumne

Herkunft ist kein Glaube – und Muslime sind keine politische Gefolgschaft

Der frühere Chef des Zentralrats der Muslime macht aus Herkunft ein religiöses Bekenntnis und aus Gläubigen einen politischen Wählerblock. Die Religionsfreiheit wird dabei missachtet.

Marcel Luthe
Marcel Luthe
10 Min
Freitagsgebet in einer Moschee (Symbolbild).

Freitagsgebet in einer Moschee (Symbolbild).

© Benjamin Pritzkuleit

Ich sage es immer wieder, und ich sage es gern noch einmal: Wer ein Gespräch sinnvoll führen will, also halbwegs wissenschaftlich fundiert, der muss zuerst seine Begriffe definieren. Alles andere ist Taubenschach. Die Taube wirft die Figuren um, stolziert über das Brett und hält sich für den Sieger.

An dieser Regel scheitert, wer für die Muslime sprechen will, und wer über die sogenannte Muslimbruderschaft urteilt, solange niemand sagt, wer und was damit gemeint ist. Holen wir das nach. Eigene Definitionen brauche ich dafür kaum. Ich leihe sie mir bei einem Mann, der vierzehn Jahre lang Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland war und es wissen muss: bei Aiman Mazyek. Ich zähle nur seine eigenen Münzen.

Siebzig Prozent

Der erste Begriff steht schon im Namen. Lesen Sie ihn einmal langsam: Zentralrat der Muslime in Deutschland. Das klingt nach einer Mitte, nach einem Rat und nach einem Auftrag. Woher der Name kommt, lässt sich auf den Tag genau sagen.

An einem Sonntag im November 1994 beschloss ein Islamischer Arbeitskreis, sich umzubenennen, und schickte aus Köln eine Pressemitteilung in die Welt. Die alte Bezeichnung, hieß es darin, werde der Bedeutung des Gremiums nicht mehr gerecht; als Zentralrat der Muslime könne man sich vor einer breiteren Öffentlichkeit eindeutiger als verbindliche Institution darstellen. Man vertrete etwa siebzig Prozent der Muslime im Land. Als Vorsitzenden nennt das Blatt Nadeem Elyas. Jeder kann es nachlesen auf der Seite des Verbandes.

Eine Kleinigkeit verschwieg die Mitteilung. Milli Görüş war ein Jahr zuvor ausgetreten, und die Ditib, der größte Moscheeverband des Landes, machte die Umwandlung nicht mit; sie legte Wert auf die Feststellung, dem neuen Zentralrat nicht anzugehören. Der Name wuchs also, als die Sache schrumpfte.

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Und er hatte zufällig denselben Klang wie die Vertretung, die sich die Überlebenden der Shoah gegeben hatten. Einen Zentralrat der Juden in Deutschland gab es seit 1950, gegründet von den jüdischen Gemeinden selbst. Wer den neuen Namen hörte, hörte den alten mit. Dass das gewollt war, steht in keiner Akte. An den Zufall glaube ich trotzdem nicht: Wer so heißt, borgt sich einen Rang, den der Zentralrat der Juden von seinen Gemeinden bekommen hat.

Was aus den siebzig Prozent wurde, lässt sich dagegen beziffern. Vor vier Jahren gab die Deutsche Presse-Agentur dem Zentralrat höchstens 20.000 Mitglieder. Herr Mazyek hat den Vorsitz inzwischen abgegeben. Die Berliner Zeitung stellt ihn unter seinen Gastbeiträgen als Seniorberater für politisch-kulturelle Diplomatie vor, was bescheiden ist: Im Lobbyregister des Bundestages steht er weiter als Ehrenvorsitzender des Zentralrats, mit der Interessenvertretung betraut. Für wen er spricht, hat er im September selbst aufgeschrieben, zweimal.

Die Springprozession

Kurz vor der Berliner Wahl fragte Herr Mazyek in der Berliner Zeitung, was die deutsche Linke aus den Wahlerfolgen sozial gerechter und zunehmend israelkritischer Kandidaten in den USA lernen könne. Eine Ursache-Wirkungs-Kette wies er zurück. Einen Absatz weiter schrieb er, zugespitzt formuliert, ließen sich Wahlen womöglich bald auch in Deutschland gerade wegen einer klar progressiven Haltung zum Nahostkrieg gewinnen. Am Ende nahm er auch das zurück; die Überschrift behielt nur die Zuspitzung. Im Deutschen gibt es für diese Gangart ein altes Wort: die Echternacher Springprozession. Zwei Schritte vor, einer zurück, und der Zug kommt doch dort an, wo er hinwill.

Eine Zahl aus diesem Text lohnt den zweiten Blick. Was Herr Mazyek israelnahe Lobbyorganisationen nennt, soll, wie er schreibt, rund 62 Millionen Dollar aufgewendet haben, um einen Kandidaten in Michigan zu verhindern. Das Wort ist seines; ich mache es mir nicht zu eigen. Belegt sind für das größte proisraelische Wahlkomitee gut 30 Millionen, ein Rekord. Die 62 Millionen sind nach amerikanischen Berichten die Summe aller fremden Gelder gegen diesen Kandidaten, Konzerngelder eingeschlossen. Herr Mazyek rechnet sie alle einer Seite zu. Geld, das Wahlen kaufen will, und dahinter Israel: Das ist ein antisemitisches Narrativ, und zwar ein typisches. Das vorangestellte Sollen macht es nicht besser.

Die deutsche und die türkische Flagge am Fahnenmasten vor einer Moschee.

Die deutsche und die türkische Flagge am Fahnenmasten vor einer Moschee.

© Christian Charisius/dpa

Drei Wochen später, nach der Wahl, kam er mit einer Wahltagsbefragung nach Religion wieder: Unter Muslimen habe die Linke die absolute Mehrheit geholt, und ihr Plus verdanke sie zu einem beachtlichen Teil den Muslimen. Vor der Wahl hatte er von migrantisch geprägten Wählerschichten geschrieben. Selbst die Partei DAVA nannte er migrantisch geprägt, obwohl sie sich als Vertretung von Menschen mit Migrationshintergrund sieht, insbesondere von Muslimen, und ihre Spitzenkandidaten zur Europawahl aus dem Umfeld von Ditib und Milli Görüş kamen. Nach der Wahl waren aus Migranten Muslime geworden. Ob jemand auf ihn gehört hat, weiß niemand. Dass er ein Wahlergebnis einer Religion zuschreibt, steht in seinem Text.

Nach der Wahl nennt Herr Mazyek auch eine Zahl. Knapp sieben Millionen Muslime lebten in Deutschland, deutsch, selbstbewusst und zunehmend fremd im eigenen Land. Gefragt hat diese sieben Millionen niemand. Ein Bundesamt hat zusammengerechnet, wie viele Einwohner aus islamisch geprägten Ländern stammen, sie selbst oder ihre Eltern, und geschätzt, wie viele von ihnen wohl Muslime sind, nach den Quoten einer Jahre alten Umfrage. In der sagte jeder vierte befragte Muslim, er bete nie. Bei den Kirchen ist die Sache einfach: Wer austritt, zählt nicht mehr mit. Für Muslime gibt es keine Liste und keinen Austritt. Also schließt man von der Herkunft auf den Glauben.

Sieben Millionen Muslime, das ist deshalb eine Zuschreibung, und zwar eine schlicht unverschämte. Sie macht aus dem Geburtsland der Eltern ein Bekenntnis und aus dem Bekenntnis eine politische Haltung. Im Grundgesetz steht es umgekehrt. Artikel 4 Absatz 1 überlässt den Glauben dem Einzelnen, auch die Entscheidung, keinen zu haben. Herkunft ist kein Bekenntnis.

Und selbst unter denen, die glauben, hat ihn kaum jemand beauftragt. Die 20.000 Mitglieder seines Zentralrats sind von seinen sieben Millionen keine drei von tausend.

Er kennt den Einwand. Er hat ihn selbst erhoben. Im Herbst 2010, er war gerade Vorsitzender geworden, beklagte er in der Zeit, heute würden „schichtspezifische Probleme einfach islamisiert“. Zwölf Jahre später kritisierte er, man reduziere deutsche Schüler mit muslimischem Namen allein auf ihre Religion. In diesem September islamisiert er ein Wahlergebnis.

Was er 2010 zu Protokoll gab

In jenem Gespräch hat Herr Mazyek noch einen Begriff definiert, und zwar gut. Islamismus, sagte er, sei eine Ideologie, die den Islam politisch instrumentalisiere und eine Religion „zum Parteiprogramm umfunktioniert“. Ich übernehme die Definition, wie sie ist; auch sie ist seine Münze.

Legen wir sie neben seine beiden Texte. Im ersten geht es darum, womit die Linke Wahlen gewinnt. Im zweiten schreibt er ein Wahlergebnis einer Religion zu und stellt fest, die Muslime Europas schüfen sich ihre eigenen politischen Stimmen. Der Vollständigkeit halber: Auch dort steht der Vorbehalt daneben. Wer Muslime als monolithische Wählergruppe einer Partei begreife, begehe einen grundlegenden Denkfehler; was sie eine, sei nicht die Religion allein. Es ist dieselbe Springprozession wie im ersten Text: Er beschreibt den Fehler und begeht ihn. Bei ihm sind die Muslime viele, solange nach ihren Extremisten gefragt wird, und ein Block, sobald gewählt worden ist.

Nach seinem eigenen Maßstab hat Herr Mazyek im September getan, was er damals Islamismus nannte. Das ist ein Urteil über zwei Zeitungstexte. Was er glaubt, weiß ich nicht, und es geht mich nichts an; dafür gibt es die Glaubensfreiheit.

Warum das mehr ist als ein Streit um Worte, hat Edmund Burke seinen Wählern in Bristol schon 1774 gesagt. Ein Parlament sei die beratende Versammlung einer Nation mit einem einzigen Interesse, dem des Ganzen, und gerade kein Kongress von Gesandten, in dem jeder seine Gruppe gegen die anderen vertritt. Wer eine Religion als Wählerblock führt, schickt Gesandte.

Wer unter seinem Dach saß

Bleibt der zweite Begriff, die Muslimbruderschaft. Was sie in Deutschland ist, hat die Bundesregierung dem Bundestag im Februar 2019 aufgeschrieben: Die wichtigste Organisation ihrer Anhänger heiße Deutsche Muslimische Gemeinschaft. Öffentlich stelle sie sich auf den Boden des Grundgesetzes; die Ziele der Bruderschaft seien damit nicht vereinbar. Die Gemeinschaft bestreitet jede Verbindung. Was sich nicht bekennt, lässt sich schwer definieren und noch schwerer verbieten.

Diese Gemeinschaft saß von Anfang an unter dem Dach des Zentralrats, 28 Jahre lang, gut elf davon unter dem Vorsitzenden Mazyek. Im Frühjahr 2011 schickte er ihrem Jahrestreffen ein Grußwort. Die Zeiten der Ideologisierung der Religion, stand darin, seien endgültig vorbei. Es steht bis heute auf der Seite des Verbandes. Ausgeschlossen wurde die Gemeinschaft erst im Januar 2022. Das habe eben Jahre gedauert, sagte Herr Mazyek danach; der Zentralrat lasse sich nicht von externen Stellen treiben.

Ähnlich ging es mit der Atib, einem türkischen Moscheeverband, den die Bundesregierung den Grauen Wölfen zugerechnet hat. Zwei Jahre nach dieser Auskunft wählte der Zentralrat eine führende Funktionärin des Verbandes zu Herrn Mazyeks Stellvertreterin. Suspendiert haben die Atib erst seine Nachfolger, in diesem März. Getrieben hat ihn tatsächlich niemand.

Imam Scharjil Khalid (l.) führt in der Khadija Moschee in Berlin durch das Freitagsgebet.

Imam Scharjil Khalid (l.) führt in der Khadija Moschee in Berlin durch das Freitagsgebet.

© Sebastian Christoph Gollnow/dpa

Der Staat sah dabei nicht nur zu. Was die Bundesregierung 2019 dem Bundestag schrieb, stand schon im Verfassungsschutzbericht für 2013. Legalistischen Islamismus nennt das Amt diese Spielart: ohne offene Gewalt, im Rahmen der Gesetze, mit Zielen, die mit dem Grundgesetz nicht vereinbar sind. Zwei Jahre später begann der Bund zu zahlen. Bis 2020 bewilligte er dem Zentralrat knapp sechs Millionen Euro, das meiste für ein Patenschaftsprogramm des Familienministeriums; umgesetzt hat es eine Gesellschaft, die sich als Tochter des Zentralrats bezeichnet und die Herr Mazyek nach eigener Angabe jahrelang selbst führte. Und der Bund fragte um Rat: Herr Mazyek saß in der Islamkonferenz.

Gewusst, gefördert, gefragt. Unregelmäßigkeiten behaupte ich nicht; das Geld floss für benannte Projekte. Man muss Herrn Mazyek in Schutz nehmen: Er hat genommen, was der Staat ihm gab.

Zurück zum ersten Begriff. Den besten Rat hat der Berater 2010 gegeben, in jenem Gespräch mit der Zeit: Man könne, weltlich gesprochen, „straffrei den Glauben wechseln oder auch keinen haben“. Als Beleg dafür, dass sein Verband für die Religionsfreiheit eintrete, nannte er einen Afghanen, der bedroht wurde, weil er Christ werden wollte. In der Hochrechnung, auf die er sich heute beruft, zählt ein solcher Mann zu den Muslimen, nach der Quote seiner Herkunft. Und Herr Mazyek spricht in seinem Namen.

Alles andere ist Taubenschach

Ich habe als Vizepräsident der Deutsch-Afghanischen Gesellschaft genug Afghanen kennengelernt, die fliehen mussten: Journalisten und Bürgerrechtler, aus einem Land, in dem auf den Abfall vom Glauben der Tod steht. Dass die Geburt über den Glauben entscheidet und der Austritt ein Verbrechen sei, lehren ihre Verfolger. Wer sieben Millionen Menschen nach ihrer Herkunft zu Muslimen macht, rechnet nach dieser Lehre, ob er das merkt oder nicht.

Den Satz von damals unterschreibe ich. Es ist seine beste Münze. Muslim ist, wer sich selbst dazu bekennt, und solange er es will. Damit wäre der Begriff definiert. Alles andere ist Taubenschach. Denn wer Gläubige nach ihrer Herkunft zählt, nimmt ihnen das Recht zu entscheiden, keine zu sein.

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