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Deutschland stirbt aus! Es sterben mehr Menschen, als geboren werden. Bisher wenig beachtet, hat die Tatsache, dass gegenwärtig die Geburtenrate die niedrigste seit 1946 ist, in unserer Medienlandschaft eine kleine Erschütterung ausgelöst – um rasch wieder beiseitegerückt zu werden.
Im vergangenen Jahrhundert hat es zwei bedeutende Einbrüche der jährlichen Geburtenrate gegeben. Bezogen auf 1915 wurden im Kriegsjahr 1916 24 Prozent weniger Kinder geboren. Im Kriegsjahr 1942 erblickten 19 Prozent weniger Kinder als im Vorjahr 1941 das Licht der deutschen Welt. Dann kam eine dritte Zäsur hinzu: 1991 wurden in den neuen Bundesländern 40 Prozent weniger Kinder als 1990 geboren; 1992 auf 1991 nochmals 19 Prozent weniger. Der Rückgang der ostdeutschen Geburtenrate seit 1990 übertraf also den in den beiden Weltkriegen bei weitem.
Es war abzusehen, dass Jahr um Jahr im Osten weniger Kinder als im Westen geboren werden, zumal ab 1990 eine erhebliche Anzahl junger Frauen in den Westen ging und meist nicht zurückkehrte. Dort, wo 1990 fünf 35-jährige Frauen standen, stehen heute nur noch zwei, und nicht alle im Osten. Warum das bisher so wenig in Politik und Öffentlichkeit reflektiert wurde, bleibt rätselhaft.
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Worin liegen die Gründe für den anhaltenden Geburtenrückgang in Deutschland? Ich sehe zwei.
Zum einen: Der Normalismus des Kinderkriegens ist aufgeweicht und verflüchtigt sich. Normalismus ist ein gesellschaftliches Phänomen. Er betrifft das Normengeflecht des Gemeinwesens, die herrschenden, die gültigen Normen, und zwar in diesem Falle die unhinterfragten. Er hatte aber nicht nur eine soziale, sondern im Zeugungsverhalten zugleich eine vitale, urwüchsige biologische Seite. Er betrifft das Leben und das Dasein schlechthin: Leben gebiert Leben. Das ist dessen Hauptfunktion. Auf die Tierwelt bezogen, kommen Begriffe wie Instinkt und Fortpflanzungstrieb – der stärkste aller Triebe – ins Spiel. Auf den Menschen bezogen, wird davon eher nicht geredet, so als wäre das für den Menschen, dieses rationale, reflektierte Wesen, peinlich oder seiner unwürdig.
Das Sozialnormative und das Biologische sind das Allgemeine. Aber es gibt zugleich das Einzelne. Kinderzeugen und Kinderkriegen ist eine zutiefst persönliche, individuelle, intime Angelegenheit. Beim Kinderzeugen geht es um das eigene, selbstbestimmte, intuitive Leben, um Mutter- und Vaterschaft und meist um viel Gefühl zwischen Frau und Mann. Es geht um viel Gefühltes – und zugleich um ein bewusstes Wollen.
Dieses Wollen hat einen gesellschaftlichen Kontext. Es wächst oder wächst nicht in einer bestimmten Lebenssituation und hat eine oder keine bestimmte Lebensperspektive, einschließlich des möglichen und gesellschaftlich akzeptierten Verzichts, Mutter/Vater und folglich auch Großmutter/Großvater, Uroma/Uropa zu werden.
Zum anderen: die gesellschaftlichen Bedingungen. Das individuelle und gesellschaftliche Umfeld. Hier findet sich auch der Schlüssel, warum so wenige Kinder geboren werden, aber auch dafür, was das Kinderkriegen fördern kann oder könnte. Mit vielem anderen gehört Folgendes dazu:
Erstens: Vereinbarkeit von Elternschaft mit Ausbildung plus Selbstständigkeit der Frau
Das ist wahrscheinlich das letztlich Entscheidende. Die künftigen Entwicklungen ahnend, schrieb Konrad Weller bereits 1991: „Erklärtes Ziel emanzipatorischen Handelns muss sein, die Chancen zur Berufstätigkeit für Frau und Mann gleichermaßen zu sichern und damit die Grundbedingungen für symmetrische Partnerbeziehungen.“ Speziell für Mütter und Väter: Gegenwärtig (Stand 2025) sind 89 Prozent der Väter mit einem Kind unter drei Jahren erwerbstätig, aber nur 40 Prozent der Mütter.
Doch es ist nicht allein der feste Arbeitsplatz und das Einkommen. Es bedarf eines Riesenensembles von einzelnen Elementen im Zusammenspiel. Als da wären …
- Die Kindergärten müssen nahe der Wohnung oder nahe der Arbeitsstelle liegen.
- Schulhorte bis zur 4. Klasse.
- Schüler müssen fähig sein, allein zur Schule und von der Schule nach Hause zu gehen, auch wenn die Eltern noch auf Arbeit sind („Schlüsselkinder“). Das heißt auch, dass sie früh selbständig werden und lernen, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen und zugleich einen Teil der gesamtfamiliären Verantwortung zu tragen.
- Schnelle und gute Lösungen bei Erkrankung der Kinder.
- Kostengeringe Angebote für Kinder (Sport und Spiel, Musik, Tanz, Malerei, Natur etc.).
- Verlässliche Freunde und Unterstützer der Familie, einschließlich der Nachbarn aller Art. Eine Mutter als Einzelgängerin – das funktioniert nicht. Sie und das Kind brauchen die Umwelt in Gestalt von Menschen.
- Ganz wichtig: die Großeltern.
Eltern, Großeltern, Enkel – Familien entstehen aus individuellem Wunsch und gesellschaftlichen Möglichkeiten.
© Petra Schneider/imago
Zweitens: Kinderwunsch
Für die DDR war der Zweikinderwunsch charakteristisch. Zwei Drittel der von uns in den Siebziger- und Achtzigerjahren Befragten wünschten sich zwei Kinder, nur wenige drei und mehr. Überhaupt Kinder aber wünschten sich so gut wie alle.
Damit ist es seit 1990 vorbei. Nach jüngsten Untersuchungen wünschen sich mindestens 15 Prozent keine Kinder, und weitere 15 Prozent sind sich nicht klar oder machen sich keine Gedanken drum; jedenfalls sähen sie ihr Lebensglück nicht gefährdet, wenn sie keine Kinder hätten. In Sachsen sagten (in den Untersuchungen „frauen leben 3“ und „frauen leben 4“) im Jahr 2012 noch 63 Prozent der kinderlosen Frauen, sie wollten schon immer Kinder. 2024 waren es nur noch 33 Prozent. 2012 meinten 41 Prozent, man könne auch ohne Kinder glücklich sein, 2024 schon 71 Prozent – und weitere 23 Prozent teilweise; nur sechs Prozent meinten das nicht. Dabei gelte: Je höher die Bildung, desto schwächer der Kinderwunsch.
Wie wir in Intervallstudien herausgefunden haben, bildet sich der Kinderwunsch früh heraus, und er bleibt meist fürs ganze Leben stabil, selbst dann, wenn es ganz anders kommt. Das „Ganz anders“ ist vor allem die aktuelle Beziehungssituation: Wenn der Partner geliebt wird und sich Kinder wünscht, werden gemeinsame Kinder denkbar.
Der eigene Kinderwunsch gehört zu den stabilsten Lebenseinstellungen, die wir in unseren Untersuchungen je gefunden haben. Offenbar sind es schon die ersten Lebensjahre und die Qualität des familiären Zusammenlebens sowie auch des frühen Zusammenseins mit Geschwistern und anderen Kindern, die Kinder zu einer unhinterfragten Selbstverständlichkeit für das eigene Leben machen.
Drittens: Leitbilder
Welchen Klang hatten gestern und haben heute Begriffe wie Fortpflanzung, Partnerbeziehung, Ehe, Baby, Familie, Geschlecht, Mann, Frau, Heterosexualität? Einen bedingungslos positiven, einen differenzierten, einen negativen und abstoßenden?
Viertens: Sexualität
Fortpflanzung bedeutet unweigerlich Sexualität, jedenfalls im Normalfall. Nachdenken über Reproduktion heißt auch Nachdenken über den heutigen Umgang mit Sexualität, über die Bilder, die von Sexualität angeboten werden.
Zu allen Zeiten ist Sexualität argwöhnisch beobachtet und auch angefeindet worden. Die dunklen Seiten der Sexualität: anormativ, unmoralisch, widernatürlich, unsittlich, aggressiv, gemeingefährlich, gewalttätig, männlich …
Die „dunklen Seiten“ der Sexualität jedoch sind ein Konstrukt. Ein Konstrukt, das sexuelles Begehren (Verlangen, Begierde, Trieb) verdächtigt, Böses hervorzubringen, vor allem jenes Begehren, dessen Steuerungsfähigkeit infrage steht. Es gibt aber keine dunklen Seiten der Sexualität. Es gibt nur – im gesellschaftlichen Umfeld – dunkle Seiten im Umgang mit Sexualität. Es gibt nur – in der Persönlichkeit – dunkle Seiten, die sich auch im sexuellen Gewande entäußern können.
Sexualität hat viele Funktionen. Die ursprüngliche Funktion ist die Fortpflanzung. Auch wenn es beim sexuellen Agieren nur in den wenigsten Fällen ums Kinderkriegen geht, spielt die Tatsache, dass die Frau fruchtbar und der Mann zeugungsfähig ist, bewusst oder unbewusst eine tragende Rolle. Das vitale Vermögen der Fortpflanzungsfähigkeit ist in seiner Bedeutung für die Sexualität und für das männliche und weibliche Selbstbewusstsein lange unterschätzt worden.
Vor der deutschen Einheit 1990 hatten 40 Prozent der Studentinnen am Ende des Studiums eigene Kinder – heute sind es ein bis zwei Prozent.
© Christoph Hardt/Imago
Fünftens: Das Alter der Gebärenden
In der DDR lag das Durchschnittsalter bei der Geburt des ersten Kindes bei 21 Jahren, heute liegt es bei 32 Jahren. Die Wahrscheinlichkeit, dass weitere Kinder folgen, nimmt daher logischerweise ab. Zudem verringert sich die Chance, dass das Kind rüstige Großeltern oder gar Urgroßeltern hat. Dazu kommt: Während noch vor einigen Jahren die Elternpaare gleichaltrig oder fast gleichaltrig waren, sind heute die Väter im Schnitt vier Jahre älter als die Mütter. Da Frauen im Durchschnitt über vier Jahre länger leben als Männer, sind sie im Alter acht Jahre allein. Ein Glück – und für viele das mit Abstand größte nach meinen Untersuchungen –, wenn sie Kinder und Enkel haben!
Das günstigste Alter für die Geburt des ersten Kindes liegt zwischen 17 und 22 Jahren. Je älter die werdende Mutter ist, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich gesundheitliche und andere Imponderabilitäten negativ auf den Fötus auswirken. Zudem fällt es einer Frau, die lange Jahre allein, ohne Kind, gelebt hat, schwerer und schwerer, sich auf das Leben mit Kindern einzustellen.
Das Alter bei der Geburt des ersten Kindes ist nicht bei allen Schichten der Bevölkerung gleich. Frauen, die eine lange Ausbildung vor sich haben, denken eher nicht an Kinder. In besonderem Maße trifft das auf Studenten und damit auf die Reproduktion der Intelligenz zu.
War es in der DDR zunächst verpönt, während des Studiums eine Familie zu gründen, so änderte sich das 1972 gravierend. Vor der deutschen Einheit 1990 hatten 40 Prozent der Studentinnen am Ende des Studiums eigene Kinder – also im Alter von 18 bis 23 Jahren, dem Alter der allermeisten Studentinnen in der DDR. Heute sind es ein bis zwei Prozent, und das Durchschnittsalter der Studentenschaft liegt höher.
Wir haben am Zentralinstitut für Jugendforschung Leipzig das Schicksal der studierenden Mutter erforscht. Die jungen Mütter sind im Studium und dann im Beruf keineswegs erfolgloser oder untüchtiger, sondern sie sind insgesamt in ihrem Leben glücklicher. Dass die Studentenfamilie einer Umkremplung des Studienbetriebes bedarf und die Universitäten regelrecht erschüttern würde, ist völlig klar. Ob unsere Gesellschaft dazu willens und fähig ist, bleibt fraglich.
Michel Houellebecq schreibt in seinem Roman „Elementarteilchen“: „Das Kind ist die Falle, die zugeschnappt ist, der Feind, für dessen Unterhalt du weiterhin aufkommen musst und der dich überlebt.“
© Philippe Matsas/imago
Sechstens: Individualisierung
Ich erhielt von einer jungen Frau folgende Mail: „Meine Mutti will unbedingt, dass ich Kinder kriege. Aber ich kann doch nicht nur meiner Mutter zuliebe schwanger werden. Ich will ich sein und selbstbestimmt. Ich will frei sein und nicht ein ganzes Leben an ein Kind gekettet sein. Ich will machen, was ich will, und nicht bei allem, was ich denk und tu, an das Kind denken müssen. Ich will keine Mutter sein, sondern ein ganzer Mensch.“
Da in den reichen westlichen Gesellschaften die Zeiten längst vorbei sind, da eigene Kinder eine Lebensversicherung fürs Alter waren, werden auch für Männer eigene Kinder eine Utopie oder eine vermeidbare Belastung oder einfach eine Überflüssigkeit. „Ein Kind zu haben, hat für einen Mann heutzutage überhaupt keinen Sinn mehr“, heißt es im Roman „Elementarteilchen“ von Michel Houellebecq. Und weiter: „Das Kind ist die Falle, die zugeschnappt ist, der Feind, für dessen Unterhalt du weiterhin aufkommen musst und der dich überlebt.“
Nach Alexander Ulfig könne „der heutige Individualismus als eigentliche Ursache für die Geburtenarmut und Kinderlosigkeit angesehen werden“: „Der Einzelne ist mit sich selbst, hauptsächlich mit seiner Selbstverwirklichung, so beschäftigt, dass für ihn Haben und Erziehen von Kindern nicht infrage kommt.“ Das „egozentrierte, innenorientierte Streben nach Selbstverwirklichung“ stehe der Familiengründung entgegen.
Die individuelle Freude am Jetzt ist zweifellos eines der wichtigsten Elemente des Lebens. Aber sie wird schal und fahl, wenn keine Zukunft blüht. Individualisierung – ein in den modernen Gesellschaften sich vollziehender Prozess von der Fremd- zur Selbstbestimmtheit – wird destruktiv, vernichtend und letztlich sinnlos, wenn sie die Fortsetzung des Daseins verhindert.
Selbstbestimmtheit und Selbstverwirklichung müssen nicht zwangsläufig mit Egozentrismus und Ausklammern eigener Kinder einhergehen. Vielmehr können Kinder ein Ausdruck von Selbstbestimmtheit (Wunschkinder) und Selbstverwirklichung (Kinder als Teil meines Lebens und meiner Identität) sein. Reproduktionsprognostisch liegt der Schlüssel folglich in der selbstbestimmten Mutterschaft und Vaterschaft.
Siebtens: Angst
Der vielleicht bedeutendste Kind-oder-nicht-Faktor sind die Angst und die Ängste. Die Angst vor der Zukunft, vor dem Abstieg, vor der Arbeitslosigkeit, vor dem Alter, vor Krankheit, vor Krieg, Gewalt und Übergriffen; die Angst vor den Anderen und dem Anderen, vor der Bindung, vorm Ausgenutztwerden, vor Spott und Hohn, vor dem Mann oder der Frau. Und die diffusen, numinosen, im Plural vorhandenen „Ängste“, Berührungs-, Versagens-, Misserfolgsängste, die mit therapeutischer Hilfe angenommen oder rausgelassen werden, damit man mit ihnen umgehen kann. Auf der anderen Seite gerade Lust und Liebe, Nähe zu den Nächsten und vielleicht auch das Träumen von einem Kind als ein oder das einzige Mittel, um – wenigstens kurzzeitig – die Angst zu überwinden oder zu verdrängen.
Wieviel Angst geht heute um und welche Angst wird geschürt? Und in welchem Maße sind diejenigen betroffen, die fähig sind, Kinder zu zeugen oder gebären zu können?
Sie nannten ihn „Dr. Flosse“: Der Mann, der in der DDR das Meer ins Aquarium holte
Zwischen Kultur und Moral: Wem gehört die Heimat?
Schluss
Man kann die gravierenden familialen Veränderungen in unserer Gesellschaft gut oder schlecht finden. Man kann besorgt sein oder gelassen bleiben. Klar ist nur, dass sie die gesamte Gesellschaft wie das individuelle Zusammenleben erheblich verändern. Wenn immer weniger Kinder geboren werden, dann gibt es irgendwann einen Punkt, an dem Zukunft unheimlich wird.
Deutschland wird reproduktiv erst gesunden, wenn es selbstverständlich ist, dass eine 22-jährige Studentin im zweiten Studienjahr ein Kind bekommt, wenn Ausbildung, Beruf und Elternschaft in jungen Jahren vereinbar sind, egal in welcher Lebensform (ob ledig oder verheiratet, homo- und heterosexuell, divers oder nichtdivers).
So wichtig auch das persönliche Tun und Lassen ist, so wichtig ist und bleibt, dass in unserer Gesellschaft jedes neue Leben willkommen ist, dass es alle Zuwendung erfährt, die der Gesellschaft und dem Einzelnen nur möglich ist. Das ist keine unerträgliche Pflicht, sondern ein tätiger Wille, der das eigene Leben glücklicher macht.
Kurt Starke war Forschungsdirektor am Zentralinstitut für Jugendforschung Leipzig und 1990 Gründungsvorsitzender der Gesellschaft für Sexualwissenschaft Leipzig. Bekannt geworden ist er durch seine Studien zum Partner- und Sexualverhalten und seine Aktivitäten in Presse, Funk und Fernsehen. Sein Buch „Liebe und Sexualität bis 30“ (1984) gehört mit über 400.000 zu den auflagenstärksten Büchern der DDR. Die neueren seiner 20 Bücher tragen den Titel „Nichts als die reine Liebe“ und „Varianten der Sexualität“. Seine jüngste Publikation ist „Mein lieber Mann“ in Die MEDIATION III-2026.
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