Wladimir Putin hat der EU am Dienstag vorgeworfen, sich mit dem Ausstieg aus russischer Energie selbst zu schaden. „Grabe keinem anderen eine Grube, sonst fällst du selbst hinein“, sagte der Kremlchef beim Gipfel des Forums Gas exportierender Länder in Moskau. Dem Zusammenschluss gehören große Förderstaaten wie Russland, der Iran und Katar an. Er wird häufig als „Gas-Opec“ bezeichnet, legt im Unterschied zur Opec aber keine verbindlichen Förderquoten fest.
Der Verzicht auf russische Energieträger treffe Europas Industrie und erhöhe die Kosten für Unternehmen und Haushalte, sagte Putin weiter. Russland stellte er weiterhin als zuverlässigen und berechenbaren Lieferanten dar. Versuche, das Land vom weltweiten Gasmarkt zu verdrängen, führten nach seiner Darstellung zu immer höheren Kosten für ausländische Unternehmen und Haushalte.
Europa ersetzt russisches Pipelinegas zunehmend durch Flüssigerdgas, kurz LNG, muss neue Importanlagen finanzieren und konkurriert auf dem Weltmarkt um Lieferungen. Am Montag stieg der europäische Gaspreis zeitweise auf mehr als 95 Euro je Megawattstunde. Anfang 2027 will die EU vollständig aus russischem LNG aussteigen, spätestens zum 1. November 2027 auch aus russischem Pipelinegas.
Putins Rechnung beginnt jedoch chronologisch zu spät. Tatsächlich hatten die EU-Staats- und Regierungschefs bereits am 10. und 11. März 2022 beschlossen, ihre Abhängigkeit von russischem Gas, Öl und Kohle schrittweise zu beenden. Die Versailler Erklärung war eine Reaktion auf Russlands Angriff auf die Ukraine. Ein sofortiger Lieferstopp war damit noch nicht verbunden.
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MehrZunächst drosselte vielmehr Gazprom selbst die Lieferungen durch Nord Stream 1. Schon im Juni 2022 sank die Auslastung auf nur noch 40 Prozent, Ende Juli auf 20 Prozent. Gazprom begründete dies mit Problemen bei Siemens-Turbinen und stellte den Gasfluss Anfang September vollständig ein.
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Siemens Energy und die Bundesnetzagentur widersprachen jedoch: Die von Gazprom genannten technischen Mängel rechtfertigten den Stillstand nicht. Als die Nord-Stream-Leitungen am 26. September 2022 durch Explosionen beschädigt wurden, lieferte Gazprom bereits seit gut drei Wochen kein Gas mehr durch die Pipeline.
Deutschland ging später noch einen eigenen Schritt. Im November 2024 wies das Bundeswirtschaftsministerium die staatliche Deutsche Energy Terminal an, an den deutschen LNG-Terminals keine Lieferungen russischen Flüssigerdgases anzunehmen. Anlass war eine geplante Ladung für Brunsbüttel. Das war allerdings kein vollständiger Stopp deutscher Geschäfte mit russischem LNG: Gas konnte weiterhin über Terminals in anderen EU-Staaten und das europäische Leitungsnetz nach Deutschland gelangen.
Russland verlor mehr als 100 Milliarden Kubikmeter Absatz in der EU
Auch für Russland hatte der Bruch erhebliche Folgen. Nach Berechnungen der EU-Kommission sanken die Gasimporte der EU aus Russland von mehr als 150 Milliarden Kubikmetern im Jahr 2021 auf 36 Milliarden Kubikmeter 2025. Das entspricht einem Rückgang um mindestens 114 Milliarden Kubikmeter.
Ende 2024 lief zudem der Transitvertrag durch die Ukraine aus. Im zweiten Quartal 2025 kamen nach Angaben der EU-Kommission 92 Prozent der verbliebenen russischen Pipeline-Lieferungen nach Europa über die Schwarzmeerpipeline TurkStream. Über Nord Stream, die Ukraine und die Jamal-Pipeline floss zu diesem Zeitpunkt nichts mehr.
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Beim Pipelinegas sank Russlands Anteil an den europäischen Einfuhren von etwa 40 Prozent im Jahr 2021 auf sechs Prozent 2025. Einschließlich Flüssigerdgas lieferte das Land zuletzt noch rund 12,5 Prozent der EU-Gasimporte.
Europa ersetzte die weggefallenen Mengen vor allem durch andere Lieferanten. Die Einfuhren aus den USA stiegen zwischen 2021 und 2025 von 18,9 auf 75,6 Milliarden Kubikmeter. Norwegen erhöhte seine Lieferungen von 79,5 auf 89,3 Milliarden Kubikmeter.
Zugleich sank der Gasverbrauch in der EU zwischen 2021 und 2024 um mehr als 19 Prozent. Dahinter stehen Einsparungen und der Umstieg auf andere Energieträger, aber auch Produktionsrückgänge in energieintensiven Industrien.
China kann den verlorenen europäischen Markt noch nicht ersetzen
Russland liefert inzwischen deutlich mehr Gas nach China. Durch die mehr als 3000 Kilometer lange Pipeline Power of Siberia, auf Deutsch „Kraft Sibiriens“, flossen 2025 nach Angaben von Gazprom 38,8 Milliarden Kubikmeter.
Die Leitung verbindet Gasfelder in Ostsibirien mit China. Ihre bisherige vertragliche Ausfuhrkapazität liegt bei 38 Milliarden Kubikmetern jährlich und soll auf 44 Milliarden steigen. Das Gas stammt jedoch nicht aus denselben westsibirischen Feldern, die früher vor allem den europäischen Markt versorgten. Die weggefallenen europäischen Mengen lassen sich deshalb nicht einfach in die vorhandene China-Pipeline umleiten.
Eine zweite Exportroute aus dem russischen Fernen Osten soll im Januar 2027 starten. Ihre geplante Kapazität wurde von zehn auf zwölf Milliarden Kubikmeter jährlich erhöht, berichtete die private Nachrichtenagentur Interfax.
Deutlich größere Mengen könnte die geplante, inzwischen umbenannte Pipeline „Kraft des Baikal“ liefern, früher als Power of Siberia 2 bekannt. Sie soll jährlich bis zu 50 Milliarden Kubikmeter aus Westsibirien über die Mongolei nach China transportieren. Anders als die beiden östlichen Routen würde sie damit Gasfelder erschließen, aus denen Russland früher vor allem Europa versorgte.
Gebaut wird die Exportleitung allerdings noch nicht. Gazprom und der chinesische Konzern CNPC haben zwar bereits eine rechtlich bindende Absichtserklärung unterzeichnet, der eigentliche Liefervertrag steht aber weiterhin aus. Der russische Vizepremier Alexander Nowak erklärte am 21. Oktober, beide Unternehmen hofften noch bis Ende 2026 auf eine Einigung. Einen verbindlichen Termin für die Inbetriebnahme gibt es bislang nicht.
Russland richtet seine Gasexporte damit zwar stärker nach China aus. Die vorhandenen Leitungen reichen aber nicht aus, um den früheren europäischen Markt zu ersetzen. Die US-Energiebehörde EIA kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass Russland die Verluste in Europa bislang nur teilweise durch höhere Ausfuhren nach Asien ausgleichen konnte.
Eine Plenarsitzung des 8. Gipfeltreffens des Forums Gas exportierender Länder (GECF) am 27. Oktober im Moskauer World Trade Centre.
© IMAGO/Sergei Bulkin
Europa blieb versorgt – musste dafür aber mehr bezahlen
Trotz des weggefallenen Ukraine-Transits stellte die EU-Kommission zudem Anfang 2025 keine Gefährdung der Versorgung fest. Alternative Leitungen, Speicher und zusätzliche LNG-Importe konnten die fehlenden Mengen ersetzen.
Das heißt nicht, dass der Wechsel günstig war. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur stieg der Anteil von Flüssigerdgas am europäischen Gasverbrauch von weniger als 20 Prozent im Jahr 2021 auf fast 45 Prozent 2025. Damit hängt Europa stärker von den Preisen und der Konkurrenz auf dem weltweiten LNG-Markt ab.
Die neue Infrastruktur schafft mehr Bezugsquellen, schützt aber nicht vor Preissprüngen. Bei Kälte, niedriger Windstromproduktion oder einer wachsenden Nachfrage in Asien müssen europäische Käufer höhere Preise bieten, um zusätzliche LNG-Ladungen zu erhalten.
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