Ukraine

Julija Mendel im Interview: „Selenskyj will nicht, dass der Krieg endet“

Mendel war Sprecherin des ukrainischen Präsidenten, jetzt droht ihr lebenslange Haft. Sie rechnet mit ihrem Ex-Chef und der EU ab. Ein Gespräch in Berlin.

16 Min
Sprach mit uns in Berlin-Mitte: Selenskyjs Ex-Sprecherin Julija Mendel, der in der Ukraine nun lebenslange Haft droht.

Sprach mit uns in Berlin-Mitte: Selenskyjs Ex-Sprecherin Julija Mendel, der in der Ukraine nun lebenslange Haft droht.

© Jordis Antonia Schlösser/Ostkreuz

Der Krieg in der Ukraine geht ungemindert weiter, doch zuletzt gab es zumindest einen kleinen Lichtblick. In der Frontstadt Oleschky hält die vereinbarte Waffenruhe, Hilfslieferungen kommen an, und Menschen nutzen die Gelegenheit, sich in Sicherheit zu bringen. Verkündet hatte den Waffenstillstand das Weiße Haus, beschränkt auf den Ort Oleschky. Ob daraus mehr wird, ist offen.

Vor neuen Gesprächen zwischen Russland und der Ukraine über ein Ende des Krieges kam Präsident Wolodymyr Selenskyj am Dienstag nach Berlin. Bundeskanzler Merz forderte dort, dass der ukrainische Präsident mit am Tisch sitzen müsse, wenn über die Ukraine gesprochen werde.

Seltene Atempause: Evakuierung aus Oleschky während einer lokal begrenzten Waffenruhe

Seltene Atempause: Evakuierung aus Oleschky während einer lokal begrenzten Waffenruhe

© Evgeniy Maloletka/dpa

Für Selenskyjs ehemalige Sprecherin Julia Mendel war es ebenso ein folgenreicher Tag. Mendel sprach von 2019 bis 2021 für den Präsidenten, heute gehört sie zu seinen schärfsten Kritikerinnen. Im September setzte Selenskyj per Dekret Sanktionen gegen sie in Kraft. Am Mittwoch teilten die ukrainischen Strafverfolgungsbehörden mit, dass sie nun offiziell des Hochverrats verdächtigt wird. Unter Kriegsrecht droht dafür in der Ukraine bis zu lebenslange Haft. Wir trafen Mendel in Berlin-Mitte und sprachen mit ihr über Korruption im Umfeld des Präsidenten, die Mobilisierung, die Rolle Europas und die Frage, wie dieser Krieg enden kann.

Frau Mendel, wenn Sie jemand im Ausland fragt, wie es zu Hause läuft – was antworten Sie da eigentlich?

Dass es in meinem Land heute nicht in Mode ist, die Wahrheit zu sagen. Die Menschen reden in ihren Küchen darüber, was sie wirklich denken und welche Realität sie ertragen. Und dann gibt es die Propaganda des Staates, sehr optimistisch und sehr unrealistisch. Ich weiß, dass Wolodymyr Selenskyj Negativität hasst. Wir haben eine Informationsvertikale, die stark kontrolliert wird.

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Am Dienstag war ihr ehemaliger Chef, Präsident Selenskyj, hier in Berlin und hat sich mit Bundeskanzler Friedrich Merz getroffen.

Genau, Selenskyj war bei Merz und hat erfahren, dass ich am nächsten Tag im Bundestag eine Rede halten sollte. Am selben Tag haben seine Strafverfolgungsbehörden verkündet, dass ich offiziell des Hochverrats verdächtigt werde. Der Grund sind meine Interviews und Beiträge in sozialen Medien – genau dafür, dass ich die Wahrheit über die demografische, soziale, wirtschaftliche und militärische Lage sage. Anderthalb Monate zuvor hatte er persönlich Sanktionen gegen mich verhängt, um meine Rede im Europäischen Parlament zu verhindern.

Wie schlecht ist die Lage in der Ukraine?

In jeder Hinsicht sehr schlecht. Ich hätte nie geglaubt, dass wir einmal in einem solchen Zustand sein würden. Dieser Krieg hat mein Land zerrissen. Wer Selenskyj kritisiert, sei für Putin. Das stimmt nicht. Die Ukraine wird von beiden zerstört: durch Putins gewaltigen Krieg und durch Selenskyjs autokratisches Regime. Nach den jüngsten Fällen habe ich keine Angst mehr, das Wort „Regime“ zu benutzen.

Zur Person
Jordis Antonia Schlösser

Zur Person

Julija Mendel stammt aus dem Gebiet Cherson im Süden der Ukraine und arbeitete zunächst als Journalistin, unter anderem für ukrainische Fernsehsender und internationale Medien. Von 2019 bis 2021 war sie Pressesprecherin von Präsident Wolodymyr Selenskyj; 2022 veröffentlichte sie mit „The Fight of Our Lives“ ein Buch über ihre Zeit im Präsidialamt. Inzwischen gehört sie zu Selenskyjs schärfsten Kritikerinnen

Fangen wir bei der Wirtschaft an.

Wir haben keine funktionierende Wirtschaft. Es ist keine Übertreibung zu sagen: Korruption ist zum Fundament der ukrainischen Wirtschaft geworden. Sogar das Leben eines Menschen hängt davon ab, ob er die Einberufungsoffiziere bezahlen kann, die Männer auf der Straße einfangen.

Stichwort Busifizierung.

Ja. Männer werden gezwungen, 15.000, 20.000, 30.000 Dollar zu zahlen, das haben sogar Parlamentsabgeordnete öffentlich gemacht. Für Ukrainer ist das keine Neuigkeit. Mein Mann, der mal Wirtschaftsminister war, hat ausgerechnet, dass diese Korruption rund fünf Milliarden Euro pro Jahr erreichen kann. Da fällt es schwer zu glauben, dass das nur auf den unteren Ebenen passiert.

Was bedeutet das für die Front?

Ein Abnutzungskrieg hängt vollständig von der Wirtschaft ab. Die Armutsquote ist laut Weltbank von 25 Prozent vor der Großinvasion auf über 41 Prozent gestiegen. Zehn bis zwölf Millionen Rentner leben von 80 bis 160 Dollar im Monat. Russland zerstört nicht nur die Energieversorgung, sondern auch Lagerhäuser und Pharmabetriebe. Kleine Unternehmen schließen, weil sie nicht durchhalten. Viele Soldaten waren auf Spenden einfacher Leute angewiesen, aber die Menschen können kaum noch spenden. Wir lesen von Hunderten Milliarden, die ins Land fließen, und sehen Soldaten ohne Uniform, ohne Wasser, ohne Waffen.

Unter Anti-Drohnen-Netzen: Eine ältere Frau in Oleschky während der Waffenruhe für die Evakuierung der Stadt

Unter Anti-Drohnen-Netzen: Eine ältere Frau in Oleschky während der Waffenruhe für die Evakuierung der Stadt

© Evgeniy Maloletka/dpa

Und die Bevölkerung?

Die Demografie hat enorm gelitten. Heute kommen auf eine Geburt vier Todesfälle, letztes Jahr waren es drei. Frauen wollen keine Kinder in einem Land bekommen, in dem es nicht einmal Strom gibt, Probleme mit dem Wasser und zu wenige Ärzte. Schätzungen zufolge leben noch 20 bis 28 Millionen Menschen im Land, gegenüber 52 Millionen im Jahr 1991, etwa die Hälfte davon Rentner oder Menschen mit Behinderung. Wenn es vier Millionen Männer im wehrpflichtigen Alter gibt, wäre das schon eine gute Zahl. In Russland sind es zehnmal so viele.

Sie sprechen von einem Staat im Verfall. Woran machen Sie das fest?

Zwei Fälle allein aus den vergangenen Tagen. Letzte Woche versuchte ein 49-jähriger Mann, das Land schwimmend über einen Fluss zu verlassen, und Grenzschützer versuchten, ihn zu töten – erst mit einem Ruder vom Boot aus, dann mit der Schiffsschraube. Gestern wurde im Kiewer Gebiet eine Folterkammer entdeckt, mit mehreren Dutzend Männern, der jüngste 14 Jahre alt. Selenskyjs Stabschef sagte vor Ort, es gebe viele solcher Folterkammern im Land. Ich weiß nicht, was er damit meinte. Die Ukraine ist zu einer Autokratie geworden, wenn nicht zu einer Diktatur. Viele Ukrainer fragen sich heute: Wofür kämpfen wir?

Was ist die Strategie des Selenskyj-Teams, seiner Berater oder des Stabschefs?

Die Ukraine ist heute ein Land, das von einem einzigen Mann regiert wird. Die Institutionen versuchen vor allem, das Regime zu erhalten, weil sie davon profitieren. Selenskyj, sein engster Kreis, Loyalisten und Propagandisten sitzen seit siebeneinhalb Jahren an der Macht, mit sehr großzügigen Budgets. Sie selbst leiden kaum. Viele haben mit diesem Krieg und dem Blut der Menschen viel Geld verdient. Die Strategie ist, so lange wie möglich an der Macht zu bleiben.

Wolodymyr Selenskyj empfängt Bundeskanzler Friedrich Merz im Präsidentenpalast.

Wolodymyr Selenskyj empfängt Bundeskanzler Friedrich Merz im Präsidentenpalast.

© Kay Nietfeld/dpa

Wie lange kann das so weitergehen?

Sie glauben, ewig. Als ich 2019 ins Präsidialamt kam, hieß es dort: Wir sind für immer gekommen. Selenskyj selbst hat das zwar nicht gesagt, aber es kam aus seinem engsten Umfeld, also dachte er es selbst, und ich habe den Eindruck, dass er es immer noch glaubt. Aber jeder Krieg endet. Dann ist auch seine Führung vorbei, denn es wird Wahlen geben, und die kann er nicht gewinnen.

Einerseits beschreiben Sie einen Mann, der immer mächtiger wird. Andererseits bekommt die Mauer Risse: Spätestens seit dem Fall Jermak laufen gegen viele aus seinem Umfeld Korruptionsverfahren – nur gegen ihn nicht. Wie passt das zusammen?

Der Krieg ist für diesen engen Kreis sehr profitabel, also wollen sie so lange bleiben wie nötig. Die Menschen, die ihr Leben, ihre Familien, ihre Häuser opfern, sind damit nicht einverstanden. Und schauen Sie mich an: Ich sitze hier, sanktioniert von Selenskyj, für zehn Jahre. Nun werde ich wegen eines Interviews und Beiträgen in den sozialen Medien des Hochverrats beschuldigt – was eine lebenslange Haftstrafe nach sich ziehen könnte. Gegen mich gibt es keinerlei Korruptionsverfahren, keine Anklage, keinen Verdacht.

Als eine von wenigen ukrainischen Staatsbürgerinnen, richtig?

Nein, mehr als 1000 Ukrainer sind von der eigenen Regierung sanktioniert worden, darunter seit diesem Jahr Selenskyjs erster Stabschef Andrij Bohdan. Dabei hat er ihm die Kandidatur überhaupt erst vorgeschlagen. Ohne Bohdan wäre Selenskyj nie Präsident geworden.

Und wie gehen die Behörden mit Selenskyjs eigenem Umfeld um?

Vergleichen Sie: Selenskyjs langjähriger Geschäftspartner Minditsch ist in einen Geldwäschefall von über 100 Millionen Dollar verwickelt. Er wurde unter dem Druck öffentlicher Empörung für drei Jahre sanktioniert. In zwei Jahren kehrt er also in seine Wohnung mit der goldenen Toilette zurück. Drei Jahre für über 100 Millionen – zehn Jahre und Verrat für jemanden ohne jeden Korruptionsvorwurf. Das sagt viel über die selektive Justiz unter Selenskyj.

Wie nah stehen diese Leute dem Präsidenten?

Auch dem Energieminister und Jermak wird Geldwäsche vorgeworfen, beide sind gegen hohe Summen aus der Haft. Das sind Selenskyjs engste Vertraute, sie verbringen die Feiertage gemeinsam mit den Familien. Gegen Selenskyj selbst gibt es keine Vorwürfe, weil er als Präsident Immunität genießt. Sobald er sein Amt verliert, könnte es Aufnahmen, Beweise, Enthüllungen über Konten geben. Auch deshalb will er nicht, dass der Krieg endet.

Damals noch Selenskyjs rechte Hand: Andrij Jermak (r.) mit dem Präsidenten und Nato-Generalsekretär Mark Rutte im August 2025 in Kiew

Damals noch Selenskyjs rechte Hand: Andrij Jermak (r.) mit dem Präsidenten und Nato-Generalsekretär Mark Rutte im August 2025 in Kiew

© Ukraine Presidency/imago

Welche Rolle spielt das Rüstungsunternehmen Fire Point?

Ich weiß sicher, dass es dieses Jahr Anklagen gegen eine weitere sehr wichtige Person aus Selenskyjs Umfeld geben wird. Sie wurde zusammen mit Minditsch abgehört, als es um die Weiterleitung von einer Milliarde Euro europäischer Steuergelder an Fire Point ging – ein Unternehmen, das Minditsch kontrolliert und für das Selenskyj überall wirbt. Ich glaube, dass Milliarden an Fire Point geflossen sind.

Was heißt das für die Unterstützer im Westen?

Jahrelang hat niemand Selenskyj hinterfragt. Europäer und Amerikaner haben seine Diplomatie der Drohungen und Demütigungen akzeptiert, und über Korruption zu reden galt als Angriff auf die Ukraine. Jetzt, im fünften Kriegsjahr, funktioniert diese Strategie absolut nicht. Es spielt keine Rolle, wie viel Geld man der Ukraine gibt: Wir haben zerrüttete Institutionen, Korruption als Fundament der Wirtschaft, eine schutzlose Bevölkerung, Menschenrechtsverletzungen in einem kaum vorstellbaren Ausmaß. Wir sind zu einem Käfig geworden, in dem wir von Putins Raketen und Selenskyjs Autokratie getötet werden.

Was müsste Europa stattdessen tun?

Wenn man will, dass Ukrainer für Demokratie kämpfen, muss es auch Demokratie geben. Ich bin Ukrainerin, ich will nicht der Schutzschild Europas sein. Die europäische Führung hat eine falsche Diagnose gestellt und verordnet die falsche Behandlung. Sie ignoriert Korruption, Menschenrechtsverletzungen und das Leid der Menschen – für Fotos von brennendem Russland. Ich glaube, viele wollen Russland mehr schaden, als sie die Ukraine retten wollen. Gleichzeitig treibt die EU weiter Handel mit Russland, direkt über Energiegeschäfte. 23 Sanktionspakete zeigen schon, dass Sanktionen nicht wirken. Die größten Oligarchen werden von den Listen genommen, und dann will die Chefdiplomatin russische soziale Medien sanktionieren. Das ist lächerlich. Das sind keine Schritte, die den Ukrainern helfen, zu überleben und ihr Land zu schützen.

Wäre Europa bereit, selbst mehr zu riskieren?

Seien wir ehrlich: Umfragen zeigen, dass in Europa niemand eigene Bodentruppen schicken will. Wer auf dem bequemen Sofa schreibt, wer prorussisch und wer proukrainisch ist, ist noch kein Kämpfer. Kriege werden am Boden geführt und gewonnen.

Ukrainische Soldaten der 65. mechanisierten Brigade nach einem langen Einsatz im Gebiet Saporischschja

Ukrainische Soldaten der 65. mechanisierten Brigade nach einem langen Einsatz im Gebiet Saporischschja

© Andriy Andriyenko/dpa

Bundesaußenminister Wadephul sagt inzwischen offen, wehrfähige Ukrainer in Deutschland sollten zurückkehren und kämpfen. Was sagen Sie dazu?

Das ist unmenschlich, absolut unmenschlich. Dort gibt es einen Fleischwolf, betrieben von Putin und von Selenskyj. Die Menschen sind zutiefst verängstigt. Es ist eine Sünde gegenüber den Familien, gegenüber zwei Generationen. Man kann Männer nicht in einen Fleischwolf schicken. Das Wichtigste, was Europas Politiker heute tun müssen, ist, zum Frieden aufzurufen. Stattdessen haben sie sich aus den Friedensverhandlungen zurückgezogen und wiederholen leere Slogans. Vier Millionen Ukrainer im wehrpflichtigen Alter gegen mindestens zehnmal so viele Russen: Es spielt keine Rolle, wie viele Männer man schickt.

Eine Tragödie.

Und Selenskyj verkauft absurde Zahlen von 30.000, 40.000, 50.000 getöteten Russen. Ich habe das mit meinen westlichen Freunden überprüft. Sich über Zehntausende Tote zu freuen, überschreitet eine menschliche Grenze – und es stimmt auch nicht, das wissen die Geheimdienste. Die Zählung von BBC und Mediazona kommt auf viel kleinere Zahlen. Leere Slogans und gefälschte Zahlen helfen in der Realität des Krieges nicht. Viele tun so, als wären solche Zahlen ein Zauberstab, und entziehen sich der brutalen Realität.

Warum gibt es dann keine großen Proteste gegen den Präsidenten, von Odessa bis Charkiw? Proteste gab es ja – wegen der Korruption, wegen Feodorow. Warum ruft niemand: Tritt zurück, wir wollen Budanow, Saluschnyj oder Klitschko?

Ich habe nicht das Ziel, hier über Personen zu diskutieren. Diese Proteste fanden unter dem Schutz der EU statt. Viele Ukrainer fragten: Wenn ihr Zugang zu den Medien habt, warum protestiert ihr nicht für Frieden, gegen die Zwangsmobilisierung? Und Feodorow ist kein Heiliger. Er ist seit über sieben Jahren an der Macht, war ein sehr enger Gefolgsmann Selenskyjs und hat ihm sehr geholfen, und ich denke, es wird auch über seine Finanzen Enthüllungen geben.

Protest in Kiew im August 2026: Demonstranten zeigen mit drei Fingern den Dreizack und fordern die Rückkehr des geschassten Verteidigungsministers Michailo Feodorow.

Protest in Kiew im August 2026: Demonstranten zeigen mit drei Fingern den Dreizack und fordern die Rückkehr des geschassten Verteidigungsministers Michailo Feodorow.

© Serhii Okunev/afp

Aber warum gibt es keine Proteste der Bevölkerung?

Andere Protestversuche sind immer gescheitert. Die Machtvertikale in autokratischen Systemen ist sehr hart. Erinnern Sie sich an Lwiw im Sommer: Männer wurden gezwungen, „Slawa TZK“ zu rufen, „Ruhm den Einberufungsbehörden“ – den Leuten, die in Kellern foltern und Bestechungsgeld nehmen. Entweder haben die Menschen Angst, oder die Sicherheitskräfte nehmen sie einfach mit.

Was passiert mit Kritikern, die sich öffentlich äußern?

Als im Juli 2024 eine russische Rakete das Kinderkrankenhaus Ochmatdyt traf, forderten Blogger mit Millionen Followern ein Ende des Krieges. Alle wurden zum Sicherheitsdienst bestellt, danach verstummten sie. Einer floh ins Ausland, nachdem er eine Wanze gefunden hatte und körperlich bedroht worden war. Der Abgeordnete Jewhen Schewtschenko schrieb nach Trumps Wahlsieg auf Telegram: „Wowa, jetzt musst du gehen, du wirst die nächste Wahl nie gewinnen, aber du musst den Krieg beenden.“ Er sitzt seit zwei Jahren im Gefängnis, ohne dass ein Gericht etwas beweisen konnte. Ich weiß aus Sicherheitskreisen, dass er nie mit Russen kollaboriert hat. Roman Dudin, früher Geheimdienstchef in Charkiw, schützte 2022 das Regierungsviertel, in dem sich Selenskyj versteckte. Er sitzt seit vier Jahren wegen Hochverrats in Haft. Als er seinen Prozess gewonnen hatte und freikam, griff ihn eine Gruppe Männer und brachte ihn zurück ins Gefängnis.

Was droht Ihnen persönlich?

Ich habe mich nur mit Worten gegen Selenskyj gestellt. Jetzt basteln sie an Hochverratsvorwürfen gegen mich, auf Grundlage linguistischer Gutachten zu meinen Interviews. Unter Kriegsrecht heißt das 15 Jahre bis lebenslänglich. Kann ich lebenslang ins Gefängnis kommen, weil ich Selenskyj kritisiere? Ja. Wer wird mich schützen, Sie? Menschen im Exil erhalten Drohungen gegen Leib und Leben.

Selenskyj und sein Kreis kennen keine Grenzen mehr, auch nicht beim Tod. Sie rechtfertigen alles mit dem Krieg, und weil sie die ganze Zeit Straflosigkeit genossen haben, fühlen sie sich übermächtig. Deshalb ist es so schwer, Proteste zu organisieren.

Stellen Sie sich vor: Selenskyjs Sicherheitskräfte schießen, die EU sagt, das seien prorussische Leute, die Medien sprechen von einem Putschversuch. Dann gibt es nur mehr Tote ohne Ergebnis. Dazu sind die Menschen erschöpft. Es ist schwer, ans Protestieren zu denken, wenn man von Tag zu Tag überleben muss.

Was Sie erzählen, erinnert sehr an Lukaschenkos Belarus.

Die Menschen in der Ukraine vergleichen ihr Land mit Nordkorea oder Russland.

Bei der UN verurteilen immer weniger Staaten den russischen Krieg, auch in Westeuropa liegen Parteien vorn, die etwas ändern wollen. Werden die Menschen außerhalb der Ukraine müde?

Natürlich, das ist logisch. Schon 2018, im damals eingefrorenen Konflikt, gab es überall Müdigkeit, auch bei den Medien – ich war selbst Teil davon. Es war sehr schwer, Aufmerksamkeit für die Ukraine zu bekommen. Menschen können nicht ihr Leben lang mit dem Krieg anderer leben. Es wächst die Einsicht, dass dieser Krieg enden muss. Er bringt nichts als Tod und Zerstörung. Der Kampf für Demokratie ist ein Märchen, der Krieg nützt Kriegslobbyisten. Er hat jedes edle Motiv verloren.

Welchen Anteil hat Selenskyj selbst daran?

Selenskyj hat mindestens fünf Friedensabkommen abgelehnt, und jedes nächste ist schlechter als das vorherige. Statt Kompromissen bietet er eine Diplomatie der Drohungen und Demütigungen. So funktioniert das in der Welt erfahrener Diplomaten nicht. Die ukrainische Führung wird nicht mehr ernst genommen, und jedes Land hat eigene Probleme.

Friedrich Merz, damals noch Oppositionsführer, spricht bei einer Mahnwache zum Ukraine-Krieg vor der russischen Botschaft in Berlin.

Friedrich Merz, damals noch Oppositionsführer, spricht bei einer Mahnwache zum Ukraine-Krieg vor der russischen Botschaft in Berlin.

© Annette Riedl/dpa

Für den Bundeskanzler scheint es nur die Ukraine zu geben.

Der deutsche Kanzler genießt seine zehn Prozent Zustimmung.

Der niedrigste Wert in der deutschen Geschichte.

Ja, und das sagt viel darüber, wie sehr er auf sein eigenes Volk hört. Selenskyj hat, glaube ich, noch weniger und ist völlig realitätsfern. Politiker haben vergessen, dass sie den Menschen dienen müssen.

Sie suchen inzwischen die Nähe der AfD, die Sie auch ins EU-Parlament eingeladen hat. Warum?

Weil ich mit jedem rede, der Frieden will. Über die AfD gibt es viele Mythen, und ich habe festgestellt, dass ich in vielem falsch lag. Man versucht, die Partei mit Etiketten zu isolieren – Cancel Culture eben. Aber wenn ich mit diesen Menschen spreche, sehe ich ein viel tieferes Verständnis der Realität als bei denen, die an der Macht sind. Es ist wichtig, nicht nur mit denen zu sprechen, die einem sagen, was man hören will. Herr Merz dagegen redet nur mit Selenskyj, nicht mit seinen Kritikern. Ein Club von Verantwortlichen, die sich gegenseitig sagen, was sie hören wollen. So macht man keine Diplomatie, schon gar nicht für ein Land am Rand der Auslöschung.

Zum Schluss der Ausblick: Abu Dhabi, ein mögliches Treffen in China, der G20-Gipfel in Florida im Dezember. Es wird viel los sein in den kommenden Wochen.

Viele im Westen glauben, die Ukraine werde den Krieg gewinnen oder Gebiete zurückerobern, wenn dieser nur weitergeht. Das ist eine grundfalsche Einschätzung. Der einzige Sieg für die Ukraine wäre, jetzt ein realistisches Friedensabkommen auszuhandeln, Wirtschaft und Demokratie wiederherzustellen und die Menschen zurückzuholen. Wenn der Krieg weitergeht, bleibt der Ukraine leider nur die Kapitulation. Wir verlieren die Menschen. Ein Land kann ohne Territorien existieren, aber nicht ohne Menschen. Diese Einschätzung teilen viele Politiker, Ökonomen und Experten.

Was erwarten Sie von den laufenden Verhandlungen?

An die technische Verhandlungsgruppe glaube ich nicht, sie hat keine echten Befugnisse, und Selenskyj ist gegen jede Entscheidung. Aber der Waffenstillstand in Oleschky hat gezeigt, dass Abkommen auch ohne ihn möglich sind. Und Putin hat das Treffen in China vorgeschlagen. Vielleicht schwebt ihm ein neues Jalta vor.

Putin, Trump und Xi Jinping.

Ja, eine Aufteilung der Einflusszonen. Selenskyj wird nicht dabei sein, aber selbst wenn – er denkt nur an seine eigenen Interessen. Wir stehen ohne Kopf da. Niemand steht wirklich für die Interessen der Ukraine ein. Ein neues Jalta liegt in der Luft – und wenn Oleschky gezeigt hat, dass Abkommen ohne Selenskyj möglich sind, bewegen sich die Staatschefs vielleicht genau in diese Richtung.

Wie legitim ist Selenskyj heute noch?

Seine Legitimität bezweifelt nicht nur Putin. 2022 hat er die Ukrainer vereint, heute spaltet er sie. Die Ukraine ist eine parlamentarisch-präsidiale Republik. Unter Kriegsrecht schließt die Verfassung Parlamentswahlen aus, Präsidentschaftswahlen nicht vollständig. Legitimiert ist damit eigentlich nur der Parlamentspräsident – und der könnte jedes Friedensabkommen unterzeichnen.

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