Karl-Theodor zu Guttenberg wird neuer Bundeswirtschaftsminister. Als Experte für Ökonomie gilt der CSU-Mann nicht - aber er kommt aus Franken

Nicht ganz vom Fach

Daniela Vates
8 Min

MÜNCHEN. Das Lächeln ist weg und das ist etwas Besonders. Horst Seehofer lächelt eigentlich fast immer, für ein ironisches Schmunzeln reicht es in jedem Fall, für das Signal also, das alles nicht so schlimm ist, dass Seehofer auch die größte Krise entspannt angeht.An diesem Montagmorgen aber bleibt Seehofer ernst. Schließlich ist ihm am Wochenende der Wirtschaftsminister abhanden gekommen, ohne Vorankündigung und ohne Absprache hat Michael Glos seinen Rückzug eingeleitet. Da lächelt selbst Horst Seehofer nicht mehr. Er hat den Sonntag über telefoniert und konferiert. Er hat Glos' Rückzug nach einigem Zögern angenommen. Er hat einen neuen Minister gefunden und den präsentiert er an diesem Tag in München.Er wird den Neuen, den bisherigen CSU-Generalsekretär Karl- Theodor zu Guttenberg, gleich in den höchsten Tönen loben. Doch zuerst ist da die Anspannung, die Müdigkeit nach einem langen Wochenende, bestimmt auch Ärger darüber, dass die Dramen bei der CSU nicht abreißen - auch nicht unter ihm, dem CSU-Vorsitzenden und Ministerpräsidenten, unter dem doch alles anders werden sollte.Für 100 erfolgreiche Tage im Amt hat Seehofer sich kürzlich von seiner Partei feiern lassen. Die CSU hat der Kanzlerin die Steuersenkungen aufgedrückt, bei der Erbschaftssteuer einen Kompromiss erzwungen und bei der Pendlerpauschale vom Verfassungsgericht Recht bekommen. Seehofer war stolz auf sich. Jetzt hat Glos eine kleine Nadel in den gerade wieder aufgepumpten CSU-Luftballon gestochen.Seehofer beginnt dann auch die Pressekonferenz mit der Geschichte seiner Schmach, später schildert er das Wochenende noch einmal ausführlich und es ergibt sich ein Bild, das nicht gerade schmeichelhaft ist, nicht für Seehofer, nicht für Glos, nicht für die CSU.Er sei auf der Sicherheitskonferenz am Samstagabend von Journalisten auf Glos Rücktrittsangebot angesprochen worden, erzählt Seehofer. Da habe er gerade mit dem russischen Außenminister konferiert, danach mit dem schwedischen. Von Glos schriftlicher Bitte sei ihm nichts bekannt gewesen. Ein Festessen mit 500 internationalen Gästen war anberaumt, mit dem Ministerpräsidenten als Gastgeber. Seehofer fuhr in die Staatskanzlei und ließ Glos'Fax suchen.Es hatte wohl etwas von einer Komödie: nervöse Beamte, die in der riesigen Staatskanzlei von Faxgerät zu Faxgerät eilen und alles mögliche finden, nur kein Schreiben von Glos. Ein Ministerpräsident, dem die Kanzlerin erklärt, dass Glos sie angerufen hat, um sie zu informieren. Die Kanzlerin weiß Bescheid, die Presse hat das Fax, die Beamten werden immer hektischer, Seehofer immer ungeduldiger. Die Gäste machen sich fertig für den großen Empfang in der Residenz. Glos geht nichts ans Telefon. Dann endlich: Das Fax ist gefunden. Glos hat es zu Seehofer nach Hause geschickt, nach Ingolstadt - an einem Tag, an dem Seehofer mit Sicherheit nicht zu Hause sein würde. Es ist keine sehr freundliche Geste, das ist klar. Seehofers Frau faxt das Schreiben nach München, endlich ist auch Seehofer offiziell informiert. Und dann endlich nimmt auch Glos das Telefon ab.Was genau nun den Rückzug ausgelöst hat, kann man weiterhin nur mutmaßen. Er gehe aus Altersgründen, hat Glos in seinem Schreiben behauptet. Es ist aber auch so, dass die Union von Anfang an unzufrieden war mit ihrem Wirtschaftsminister, der öffentlich nur wenig in Erscheinung trat. In der Wirtschaftskrise wurde die Kritik immer deutlicher.Die Gründe für den Rücktritt seien komplex, sagt Seehofer. Er habe sich mit Glos ausgesprochen, und man verstehe sich noch ganz hervorragend. Er vertraue Glos auch weiter. "Bei mir ist da nichts an Groll." Und er selber habe sich im Übrigen auch nichts vorzuwerfen. Er versucht, dem Drama etwas Positives abzugewinnen: Er habe versprochen, die CSU zu erneuern und zu verjüngen. Dafür gebe es jetzt die Chance.Den 37-jährigen Karl-Theodor zu Guttenberg, den er nach der bayerischen Landtagswahl zum CSU-Generalsekretär gemacht hat, schickt er nun als Wirtschaftsminister nach Berlin. Seehofer schwärmt von dem neuen Minister auf eine Art, dass man sich wundern muss, warum Guttenberg jetzt erst so einen Posten erhält.Guttenberg spricht von Kärrnerarbeit und davon, dass er die Aufgabe mit Kraft und Zuversicht angehen werde. Er hat eine steile Karriere hinter sich. Vor ein paar Jahren erst ist er in den Bundestag gekommen, ohne vorher die üblichen Runden in der Jungen Union und durch andere Parteigremien zu drehen. Er war ein eher untypischer CSU-Politiker, wenig ideologisch, sehr nüchtern in der Analyse, im ruhigen, selbstbewusst gelassenen Auftreten mehr Diplomat als Politiker. Es passte, dass er sich in der Außenpolitik tummelte, wie schon sein Großvater, der auch erst außenpolitischer Sprecher im Bundestag war und dann Staatssekretär im Kanzleramt. Kurz vor seinem Tod hat der Großvater des neuen Ministers noch von sich reden gemacht, als er sich krank in den Bundestag bringen ließ, um gegen die Ostverträge zu stimmen.Guttenberg hat sich dann doch in die Untiefen der Parteipolitik begeben. Er knöpfte einem Bundestagskollegen überraschend den Bezirksvorsitz Unterfranken ab - die Bezirksvorsitze sind eine wichtige Machtbasis in der CSU. Nach der bayerischen Landtagswahl wurde er CSU-Generalsekretär, statt Diplomatie war jetzt Zuspitzen gefragt und in der CSU fragte man sich, ob der Adlige mit den vielen Vornamen (Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester, zumindest laut Internet-Lexikon Wikipedia) diese Aufgabe gut ausfüllen würde. Der Freiherr verschärfte seinen Ton, er wurde ein immer typischerer CSU-Politiker.Als Wirtschaftsexperte ist Guttenberg bisher in der Politik nicht aufgefallen, als Bundestagsabgeordneter in Berlin hat er sich vor allem um Außenpolitik gekümmert. Doch gegen die ausgewiesenen Finanzfachleute der CSU sprach in Seehofers Augen anderes: Finanzminister Georg Fahrenschon muss sich um die Landesbank-Krise in Bayern kümmern, dem früheren Wirtschaftsminister Erwin Huber hat Seehofer die Parteiführung entrissen, er gehört für den neuen Chef zum alten Eisen. Den weitgehend unbekannten Unternehmer und CSU-Schatzmeister Thomas Bauer wollte die Kanzlerin nicht akzeptieren. CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer hatte keine Lust auf einen Job, der nach einem halben Jahr wieder beendet sein kann.Deswegen also Guttenberg, zwar nicht ganz vom Fach, dafür aber eloquent und sicher im Auftreten, und damit auf jeden Fall eine Verbesserung im Vergleich zu Glos. Ehrgeizig genug zudem, um sich kein Versagen nachsagen lassen zu wollen. Und zufällig ist Guttenberg ja auch Franke, so wie Glos. Bei den Postenverteilungen ist in Bayern die Herkunft mindestens genauso, wenn nicht wichtiger als die sonstigen Eignungen. Die Franken fühlen sich zur Zeit bereits benachteiligt, weil ihnen die Strauß-Tochter Monika Hohlmeier - eine Oberbayerin - als Europawahl-Kandidatin aufgenötigt wurde. Ein oberbayerischer Bundeswirtschaftsminister hätte nicht zum Frieden in der Partei beigetragen. Und dass es bei der Besetzung eines der wichtigsten Posten der Union für Seehofer zunächst einmal um Parteipolitik geht, ist daran zu erkennen, dass der neue Minister nicht in Berlin vorgestellt wird, sondern in München.Vom "breiten Horizont" des neuen Ministers spricht Seehofer dort also, von dessen "beneidenswerten Auftreten" und von seinen Fremdsprachenkenntnissen. Guttenberg sei jemand, der eine eigene Meinung habe. Und auch wirtschaftspolitische Kenntnisse, schließlich habe er im Unternehmen seiner Familie gearbeitet. "Den besten Namen kann man sich nicht in der Politik machen, sondern in der Praxis", sagt Seehofer. Was das Familienunternehmen so macht, bleibt unklar an diesem Tag. Die CSU-Zentrale weiß nur zu berichten, dass es sich nicht um den Dämmstofflieferanten "Guttenberg" handelt, der im Internet zu finden ist.Guttenberg weist in der Pressekonferenz darauf hin, dass er im Aufsichtsrat der Rhön-Kliniken gesessen sei und deren Börsengang begleitet habe. Dabei habe er gutes Rüstzeug erhalten. Auch als Außenpolitiker habe er sich viel um wirtschaftspolitische Themen gekümmert. Genau, sagt Seehofer. Auf der Sicherheitskonferenz habe sich Guttenberg mit dem britischen Außenminister Miliband vor allem über Wirtschaftspolitik unterhalten, "in fließendem Englisch, ganz auf Augenhöhe". "Wenn man ins kalte Wasser geworfen wird, muss man schwimmen können. Der Rest ergibt sich", sagt Guttenberg. Er lobt die soziale Marktwirtschaft und sagt, dass der Staat nicht zu viel Einfluss auf Unternehmen erhalten dürfe. Dass er sich aber im Detail noch nicht äußern könne, er müsse sich erst ein wenig einarbeiten. Er sagt das ruhig und gelassen.In Berlin erwartet den neuen Mann eine skeptische Union. Das Wort vom Karrierehüpfer macht bereits die Runde und es wird gemäkelt, dass ein Novize kein Aufbruchsignal sei für die Union, die so dringend nach Wirtschaftsprofil sucht.Gut möglich, dass Guttenberg nach der Bundestagswahl nicht mehr Wirtschaftsminister ist. Er könnte dann Platz machen für Roland Koch in einer großen Koalition oder für einen FDP-Politiker in einer anderen Konstellation. In der Union wird erwartet, dass er in diesem Fall Peter Ramsauer den Vorsitz der CSU-Landesgruppe streitig macht. Es gebe keine Absprachen, versichert Seehofer. Guttenberg sagt, er habe noch nie etwas an Bedingungen geknüpft. "Wenn die Partei einem eine Aufgabe stellt, nimmt man diese auch wahr", erklärt er. Man befinde sich derzeit in "einer der größten Krisen der letzten Jahrzehnte". "Finanz- und Wirtschaftskrise", fällt im Seehofer ins Wort. Soll niemand glauben, hier ginge es um die CSU.------------------------------"Ich glaube nicht, dass wir in unserer Gesellschaft ein Übergewicht des Staates brauchen." Karl-Theodor zu Guttenberg------------------------------Foto: Mit "Kraft, Mut und Bodenhaftung" will er die Wirtschaftskrise durchstehen: Karl-Theodor zu Guttenberg.

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