Kommentar

Kot am Hauptbahnhof bei Steinmeiers Amtssitz: Paradebeispiel für eine dysfunktionale Stadt

Kot am Hauptbahnhof, Kippen bis zur Standarte des Bundespräsidenten: Berlins Dreck ist der Beweis, dass diese Stadt zu wenig von sich erwartet. Ein Plädoyer für höhere Ansprüche.

8 Min
Kot am Hauptbahnhof, unweit des neuen Bundespräsidialamtes

Kot am Hauptbahnhof, unweit des neuen Bundespräsidialamtes

© BLZ

Der Zug hält. Die Türen öffnen sich. Und Berlin empfängt seine Gäste.

Man kennt dieses Gefühl kurz vor der Ankunft: die Freude auf das Eigene, auf die Stadt, die man verteidigt, sobald jemand von außen über sie herzieht. Dann steht man auf dem Bahnsteig des Berliner Hauptbahnhofs, und die Verteidigungsrede fällt in sich zusammen wie ein feuchter Pappbecher.

Die Rolltreppe steht. Also die Treppe. Auf einer Stufe liegt ein Haufen Kot.

Ein Mann mit Rollkoffer zieht einen Bogen. Eine Schulklasse folgt der Kurve wie einer eingeübten Choreografie. Zwei Beamte steigen darüber hinweg. Alle sehen den braunen Haufen. Keiner bleibt stehen, keiner fragt, wer zuständig ist. Nicht einmal ein angewiderter Blick wird gewechselt.

Willkommen in der Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland. Bitte treten Sie nicht hinein.

Überall Dreck in der Stadt, wie hier Müllberge am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg

Überall Dreck in der Stadt, wie hier Müllberge am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Berliner Stillleben: Nature morte mit Coffee-to-go-Deckel

Auch vor dem Hauptbahnhof liegt Kot. Und über der Stadt liegt die Ausrede.

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Also weitergehen, so wie hier alle weitergehen. Die Halle wie immer: unendlich viel Trubel, orientierungslose Touristen, defekte Technik. Draußen wenige Hundert Meter nach Westen, dann steht man vor dem Amtssitz des Bundespräsidenten. Seit nicht mal zwei Monaten weht die Standarte über der Elisabeth-Abegg-Straße, zwischen Kanzleramt und Hauptbahnhof, mitten auf der Repräsentationsmeile der Republik. Das temporäre Ausweichquartier des Bundespräsidialamtes am Spreebogen ist nach Plänen des Büros Sauerbruch Hutton (Berlin) in Zusammenarbeit mit Drees & Sommer (Stuttgart) in Holzmodulbauweise errichtet worden. Ein wunderbares Gebäude, mit bunten Farben, hoffnungsfroh. Ein Hingucker.

Der Weg dorthin ist gepflastert mit Kippen, Coffee-to-go-Deckeln und einer aufgeplatzten Tüte Hausmüll, deren Inhalt sich jemand selbst nicht länger zumuten wollte. Papierfetzen im feuchten Rinnstein. Plastikbecher auf dem Asphalt. Der süßliche Geruch alter Essensreste, vermischt mit Urin und Abgasen. Nature morte à la Berlin. Die Kulisse wirkt wie das Szenenbild eines dystopischen Films, nur ruft am Ende niemand „Schnitt“. Und dort an einem Zaun noch mehr Kot.

Hier empfängt das deutsche Staatsoberhaupt Gäste aus aller Welt. Präsidenten, Könige, Diplomaten. Die meisten kommen mit dem Zug. Das Erste, was die Bundesrepublik ihnen zeigt, ist ihr dreckiger Boden.

Dabei ist Berlin nicht arm an Pathos. Kaum eine Verwaltung beherrscht das Vokabular des Guten so virtuos: Weltoffenheit, Vielfalt, Teilhabe, Respekt. Nur wer Respekt plakatiert und den öffentlichen Raum verrotten lässt, produziert keine Glaubwürdigkeit. Er produziert Zynismus. Freiheit heißt eben nicht, dass jeder seinen Müll fallen lassen darf, wo er gerade steht. Freiheit setzt Selbstbegrenzung voraus. Sie lebt von der stillen Übereinkunft, dass diese Stadt nicht niemandem gehört, sondern allen.

Lange galt hier als Spießer, wer sich darüber aufregte. Dreck als Ausweis von Urbanität, Sauberkeit als etwas für Schwaben. Berlin verwechselt Rücksichtslosigkeit mit Nonkonformismus und Verwahrlosung mit Authentizität. Das ist keine Lappalie, das ist politische Un-Kultur.

Die Standarte des Bundespräsidenten ist auf dem Interimsquartier für den Bundespräsidenten und das Bundespräsidialamt gehisst. Der „Amtssitz am Spreebogen“ befindet sich an der Spree gegenüber vom Bundeskanzleramt. Drum herum liegt überall Dreck.

Die Standarte des Bundespräsidenten ist auf dem Interimsquartier für den Bundespräsidenten und das Bundespräsidialamt gehisst. Der „Amtssitz am Spreebogen“ befindet sich an der Spree gegenüber vom Bundeskanzleramt. Drum herum liegt überall Dreck.

© Bernd von Jutrczenka/dpa

London räumt weg, Wien bestraft, Berlin erstellt Listen

An dieser Stelle gehört eine Selbstkorrektur hin. Denn nein, die anderen Metropolen sind keine Wellnessanlagen. London zählte im vergangenen Berichtsjahr mehr als 481.000 Fälle illegaler Ablagerung, die schlechteste Rate Englands. Wer glaubt, so etwas gebe es nur hier, war zu lange nicht in Croydon.

Der Unterschied liegt woanders, und er ist für Berlin beschämend. Dort gilt Müll als Problem, das beseitigt werden muss. Im Bezirk Newham verschwinden 95 Prozent der Fälle binnen 24 Stunden, die Straßensauberkeit wird viermal im Jahr unabhängig überprüft. Als Southwark seine Reaktionszeit von 24 auf 48 Stunden verlängerte, musste sich der Bezirk öffentlich rechtfertigen.

Man stelle sich das für Berlin vor: eine Verwaltung, die sich erklären muss, weil der Müll zwei Tage liegen bleibt. Hier wäre das keine Verzögerung. Hier wäre das ein Wunder.

In Wien sind die Strafgelder zweckgebunden für Sauberkeit, und seit 2008 wird gemessen, was sie bringen: 60 Prozent weniger abgestellte Kühlgeräte, 123 Millionen Zigarettenstummel weniger im Jahr, täglich 100.000 gefüllte Hundekotbeutel im Mistkübel. Zürich gehört bei der Sauberkeit zu den drei bestbewerteten Städten Europas. Man muss dafür nicht nach Singapur reisen. Vier Stunden Bahnfahrt reichen.

Berlin hat keine verlässliche Reaktionszeit. Berlin hat eine Meldestatistik: knapp 200.000 Hinweise auf illegalen Müll im vergangenen Jahr, mehr als 500 am Tag, rund 60.000 Kubikmeter, über 13 Millionen Euro Kosten. Die Stadt weiß also ziemlich genau, wie dreckig sie ist. Sie zählt den Müll, erfasst ihn, kategorisiert ihn, kartografiert ihn, legt Tabellen an und verschickt Pressemitteilungen.

Berlin dokumentiert seinen eigenen Verfall mit deutscher Gründlichkeit. Beenden kann – oder will? – es ihn nicht.

Reges Treiben am Übergangssitz von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

Reges Treiben am Übergangssitz von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

© BLZ

Der Dreck bleibt nicht liegen, der Dreck arbeitet

Das ist die eigentliche Dystopie. Nicht der Verfall, sondern seine Normalisierung. Nicht die kaputte Ordnung, sondern eine Stadt, die sich nicht mehr erinnert, dass Ordnung möglich wäre.

Niederländische Forscher haben in Science gezeigt, was Schmutz mit Menschen macht: Vor einer besprühten Wand verdoppelte sich der Anteil derer, die einen Flyer wegwarfen, von 33 auf 69 Prozent. Aus einem beschmierten Briefkasten stahlen doppelt so viele Passanten einen sichtbaren Geldschein wie aus einem sauberen. Unordnung verschiebt nicht nur Regeln. Sie verschiebt die Erwartung, dass sich überhaupt noch jemand an sie hält.

Und genau dort beginnt die politische Dimension. Der Staat verliert seine Glaubwürdigkeit nicht erst an der gescheiterten Großreform. Er verliert sie jeden Tag ein kleines Stück, wenn Aufzüge stillstehen, Müll liegen bleibt, Regeln nicht kontrolliert und Zuständigkeiten wie heiße Kartoffeln weitergereicht werden. Staatliche Autorität beginnt nicht beim Wasserwerfer. Sie beginnt beim sauberen Bahnhof.

Diese Stadt betreibt, unfreiwillig und im Großversuch, ein Trainingslager der Gleichgültigkeit. Jede Ankunft ist eine Lektion. Wer über eine Treppe steigt, auf der Kot liegt, lernt: Hier schaut niemand hin, hier greift niemand ein, hier ist niemand zuständig. Und wenn es ohnehin allen egal ist – warum sollte sich ausgerechnet einer zusammenreißen?

So beginnt der Niedergang einer Stadt nicht mit einem Knall, sondern mit tausend kleinen Gesten. Der Kippe aus dem Autofenster. Der Matratze am Gehweg. Dem Hundehaufen vor der Kita. Oder eben den Fäkalien auf dem Weg zum Bundespräsidenten. Immer mit demselben Gedanken: Wird schon jemand wegmachen. Jemand. Irgendwann. Vielleicht.

Kinder lernen schneller als Erwachsene. Hier wächst eine Generation heran, für die eine intakte Stadt keine eigene Erinnerung mehr ist, sondern eine Behauptung aus dem Urlaub. Mama, warum liegt in Wien kein Sofa auf dem Gehweg? Was antwortet man darauf? Dass Berlin arm, aber sexy sei? Arm ist die Stadt längst nicht mehr. Und sexy ist eine Ausrede, die nach Urin riecht.

Mitarbeiter vom Lichtenberger Ordnungsamt sind in der Löwenburger Straße unterwegs, um Müllsünder zu identifizieren.

Mitarbeiter vom Lichtenberger Ordnungsamt sind in der Löwenburger Straße unterwegs, um Müllsünder zu identifizieren.

© Joerg Carstensen/imago

Berliner Logik: Es sind immer die anderen

Am ehrlichsten hat der Senat die kollektive Selbsttäuschung selbst dokumentiert. Rund 31.000 Berliner wurden befragt. Ergebnis: Vor der eigenen Haustür sei es eigentlich ganz okay, im Bezirk werde es schmutziger, und die ganze Stadt? Katastrophal. Je weiter weg, desto dreckiger. Je näher dran, desto unschuldiger.

Übersetzt: Es waren immer die anderen. Der Nachbar mit der Matratze, der Tourist mit dem Pappbecher, der Hundebesitzer mit der Tüte, die er gewissenhaft verknotet und dann dekorativ neben den Baum legt. Eine Stadt, in der sich niemand für den Verursacher hält, wird niemals sauber.

Und nun, vor der Wahl, entdecken alle die Sauberkeit. Die CDU verspricht Waste-Watcher und will erwerbsfähige Empfänger staatlicher Leistungen in Parks einsetzen. Die AfD möchte, wie sie es nennt, arbeitsfähige, nicht erwerbstätige Flüchtlinge zur Müllbeseitigung verpflichten. Die SPD plakatiert saubere Kieze und will den Berlinern die Ist-mir-egal-Haltung abgewöhnen. Die Grünen setzen auf Kiezreinigung und Verpackungssteuer, die Linke auf mehr Mülleimer und Nachbarschaftsinitiativen. Einer ruft nach Müll-Sheriffs, der Nächste nach Videoüberwachung, der Dritte nach 20.000 Euro Strafe für einen Autoreifen.

Der Müll wird zur Wahlkampfrequisite. Kurz den Besen fürs Pressefoto schwingen, entschlossen in die Kamera blicken, martialische Bußgelder ankündigen, zurück in die Limousine.

Die Bußgelder gibt es längst. 250 Euro für eine Kippe, bis zu 25.000 für Bauschutt. Seit Februar dürfen die Bezirke die Einnahmen behalten, damit sich das Kontrollieren für sie lohnt. Ein bemerkenswerter Gedanke: Die Durchsetzung geltender Regeln wird in dieser Stadt erst attraktiv, wenn sie sich rechnet.

Berlin hat ein Vollzugsproblem

Berlin hat kein Erkenntnisproblem. Berlin hat ein Vollzugsproblem. Und ein Mentalitätsproblem.

Die Deutsche Bahn hat ihren Frühjahrsputz verdoppelt und über 50 Millionen Euro zusätzlich ins System gepumpt. Am Bahnhof Gesundbrunnen lag der Müll drei Tage später wieder da.

Es fehlt dieser Stadt nicht an Katalogen, Kampagnen, Aktionswochen und freundlich illustrierten Hinweisschildern. Es fehlt ihr an Kontrolle, an Konsequenz, an gesellschaftlicher Ächtung. Und an Menschen, die es nicht mehr fertigbringen, ihren Dreck einfach fallen zu lassen. Denn jeder weggeworfene Becher ist auch eine Botschaft: Nach mir die Müllabfuhr.

Kai Wegner hat dazu einen Satz gesagt, der ihn politisch überleben dürfte: Der Müll falle nicht vom Himmel, sondern immer einem Menschen aus der Hand. Richtig. Er hat es als Appell gemeint. Es ist ein Verdikt – über eine Stadt, in der jeder nach dem Staat ruft, sobald der Müll vor der eigenen Haustür liegt, und auf den Staat pfeift, sobald die eigene Kippe fällt.

Ich liebe diese Stadt. Genau deshalb schreibe ich das. Wer sie liebt, muss ihr höhere Ansprüche zumuten als „dit is halt Berlin“.

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