Seit Monaten konkurriert Europa mit asiatischen Käufern um Flüssigerdgas (LNG). Durch den Iran-Krieg lockten höhere Preise zahlreiche frei verfügbare Ladungen von Europa weg nach Asien. Und das in einer Phase, in der die EU wegen ihrer historisch schlecht gefüllten Gasspeicher dringend zusätzliche Mengen braucht. Nun zeichnet sich auf dem Weltmarkt eine überraschende Wende ab.
Asien dürfte im September so wenig LNG importieren wie seit acht Jahren nicht mehr in diesem Monat. Nach Daten des Analyseunternehmens Kpler, über die Reuters berichtet, werden dort voraussichtlich 20,09 Millionen Tonnen ankommen – nach 22,27 Millionen Tonnen im September 2025. Der Grund: Das Gas ist inzwischen so teuer, dass sich Käufer in Teilen Asiens zurückhalten. Für Europa werden dadurch wieder mehr Ladungen verfügbar.
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Asiens LNG-Importe fallen – Europas steigen
Kpler erwartet für Europa im September LNG-Einfuhren von 7,98 Millionen Tonnen. Das wären 430.000 Tonnen mehr als im August und die größte Monatsmenge seit Mai. Für Oktober rechnet das Unternehmen mit 10,53 Millionen Tonnen, für November mit 10,62 Millionen Tonnen. Die Werte für die kommenden Monate sind Prognosen, keine bereits erfolgten Lieferungen.
Den Rückgang in Asien treibt unter anderem China: Dort sollen im September 4,32 Millionen Tonnen LNG eintreffen, verglichen mit 5,32 Millionen Tonnen ein Jahr zuvor. Indien dürfte mit 1,86 Millionen Tonnen ebenfalls weniger beziehen als im Vorjahresmonat. Für Pakistan erwartet Kpler nur noch 120.000 Tonnen – ein Viertel der Menge vom September 2025. China nimmt weiterhin Gas aus langfristigen Verträgen ab. Zusätzliche Käufe am kurzfristigen Spotmarkt rechnen sich bei den derzeitigen Preisen jedoch kaum.
Noch im Sommer zeigte sich das umgekehrte Bild. Wie die Berliner Zeitung berichtete, verdreifachten sich die US-LNG-Lieferungen nach China, Japan, Südkorea, Taiwan und Indien zwischen März und Juli. Im Juli ging erstmals mehr amerikanisches LNG an diese fünf Märkte als nach Europa. Bereits im Frühjahr hatten zahlreiche Tanker ihren Kurs geändert und waren statt nach Europa nach Asien gefahren. Grund war der Ausbruch des Iran-Kriegs: Da Asien stärker von LNG aus dem Nahen Osten abhängig ist als Europa, waren die LNG-Preise dort noch höher und Lieferungen für Händler entsprechend lukrativer.
Die Schiffe „Clean Mistral“ und „Simsimah“ änderten Anfang März ihren Kurs – und lieferten ihr LNG wegen höherer Preise lieber nach Asien statt nach Europa.
© Grafik: BLZ. Quelle: Financial Times, Datalastic, MarineTraffic
Auch die Tanker „Plan Americas“ und „BW Brussels“ änderten ihre Route kurzfristig von Europa nach Asien.
© Grafik: BLZ. Quelle: Financial Times, Datalastic, MarineTraffic
Ende Juli lag der asiatische LNG-Referenzpreis laut einer Analyse des Energiewirtschaftlichen Instituts (EWI) an der Universität zu Köln rund 5,10 Euro je Megawattstunde über dem europäischen Gaspreis. Im April waren es zeitweise sogar bis zu 14 €/MWh. Montel-Experte Joachim Endress warnte später, Europa müsse möglicherweise Preise von mehr als 60 Euro je Megawattstunde bieten, um genügend Ladungen für die Speicherbefüllung anzuziehen.
Mehr LNG für Europa – aber keine Entwarnung
Dass Asien nun weniger kauft, liegt ausgerechnet an der anhaltenden Knappheit. Vor dem Krieg stammte knapp ein Fünftel des weltweit gehandelten LNG aus Katar. Im August konnte laut Kpler nur eine Ladung mit rund 70.000 Tonnen die Straße von Hormus verlassen. In den drei Monaten bis Ende Februar waren es im Durchschnitt noch 6,51 Millionen Tonnen pro Monat.
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Die fehlenden Lieferungen haben den Preis für kurzfristig nach Nordasien geliefertes LNG stark steigen lassen. In der Woche bis zum 11. September lag er bei 26 Dollar je Million britischer Wärmeeinheiten. Unmittelbar vor Kriegsbeginn waren es 10,40 Dollar gewesen. Der Anstieg um 150 Prozent trifft Käufer, die zusätzliche Mengen am Spotmarkt beschaffen müssten, besonders hart. Europa profitiert von ihrer Zurückhaltung, muss für die verfügbaren Ladungen aber ebenfalls hohe Preise zahlen. Der europäische Gasreferenzpreis TTF liegt inzwischen bei rund 80 Euro je Megawattstunde – vor Beginn des Iran-Kriegs waren es rund 30 Euro.
Dabei bleibt der Bedarf groß: Die Gasspeicher der EU sind laut Daten von Gas Infrastructure Europe (GIE) derzeit zu 68,6 Prozent gefüllt – etwa 15 Prozentpunkte weniger als im Durchschnitt der letzten fünf Jahre. Laut EWI müssen sich die LNG-Einfuhren mehr als verdoppeln, um die Speicher in der EU und Großbritannien bis Anfang November zu 80 Prozent zu füllen. In diesem Szenario müsste die Auslastung der Importterminals von damals 29 auf rund 70 Prozent steigen, so das EWI. Die nun erwarteten zusätzlichen Lieferungen helfen zwar bei der Befüllung. Ob sie für einen ausreichenden Winterpuffer reichen, lässt sich aus den Kpler-Prognosen jedoch nicht ablesen.
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