Magdeburg und Nashville, Tennessee – eine Städtepartnerschaft, die auf dem Papier glänzt, im Alltag der Elbestadt jedoch oft im Verborgenen blüht. Doch am 19. September geht die von der Band Clifford Brown & The Getaway ins Leben gerufene Nashville Night in die zweite Runde. Was 2025 als riskantes Experiment vor schließlich ausverkauftem Haus begann, etabliert sich als feste Größe in der lokalen Kulturszene. Sogar Nashvilles Bürgermeister ist begeistert.
Ein Gespräch mit der Sängerin Katharina Schwanz (zugleich Redakteurin der OAZ in Magdeburg/Sachsen-Anhalt) und dem Bandleader Philip Clifford Brown über die Magie des amerikanischen Showformats, die ostdeutsche Wertschätzung für Live-Musik und die Frage, warum echter Country im Kern tief emanzipatorisch und freiheitsliebend ist.
Katharina und Philip, die Magdeburger Nashville Night geht am 19. September in ihre zweite Auflage. Wenn man an Country-Veranstaltungen in Deutschland denkt, hat man oft das Bild eines klassischen Festivals oder eines schlichten Konzerts vor Augen. Was genau ist eure Nashville Night?
KATHARINA SCHWANZ: Wir begreifen das Format ganz bewusst als eine zusammenhängende Show. In den USA, speziell in Nashville, läuft das oft anders ab als hierzulande, wo eine Band aufbaut, spielt, abbaut und die nächste folgt. Bei unserer Nashville Night gibt es keinen harten Umbau, sondern einen roten Faden. Unsere Band Clifford Brown & The Getaway steht den gesamten Abend auf der Bühne und fungiert als ständige Begleitband für wechselnde Gastmusiker.
PHILIP CLIFFORD BROWN: Es ist eine Country-Show, mit allem, was dazugehört. Neben der Live-Musik sind das Moderation, Storytelling und ein kleines bisschen Theater. Wir fangen nicht mit lautem Schlagzeug an, sondern ganz intim als Duett. Das Publikum wird langsam hineingezogen, die Besetzung auf der Bühne wächst Stück für Stück, bis wir im großen Finale alle gemeinsam spielen.
Zur Band
Ihr bringt also die Dramaturgie eines Theaterabends auf die Musikbühne. Wer sind die Gäste, die euch in diesem Jahr auf dieser Reise begleiten?
PHILIP: Einer unserer Höhepunkte ist sicherlich Daryl Wayne Dasher. Wir haben ihn über offizielle Kanäle der Städtepartnerschaft Magdeburg – Nashville direkt aus Nashville hergeholt. Er ist ein klassischer Singer-Songwriter mit einer einzigartigen, aber traditionellen Stimme. Wenn er singt, hat man das Gefühl, er will jodeln, aber er zieht die Töne unendlich lang und getragen. Er bringt ein Stück einer völlig anderen Welt nach Magdeburg. In den USA tritt er meist solo oder mit wechselnden Studiokollegen auf, hier proben wir im Vorfeld einmal mit ihm. Diese Generalprobe muss reichen.
KATHARINA: Wir nehmen ihn natürlich auch privat unter unsere Fittiche, zeigen ihm Magdeburg und grillen gemeinsam. Dass Daryl die Reise auf sich nimmt, um mit uns Musik zu machen, ehrt uns sehr. Das allein ist eigentlich schon der Erfolg, insofern kann nichts schiefgehen.
Daryl Wayne Dasher kommt für die Nashville Night extra aus Nashville. Der Folk- und Western-Musiker ist bekannt für seine kraftvolle Stimme und seinen Mix aus traditionellen Country-Klängen und modernen Einflüssen.
© Connie Reeves
Und wer gesellt sich noch zu euch bei der Nashville Night?
PHILIP: Zum einen Will Kincaid. Er ist ein Texaner, der hier in der Region verwurzelt ist. Einmal pro Jahr ist er für drei Wochen hier. Er hat sich vor Jahren ein Haus gekauft und zwischen 2000 und 2003 hier sogar dauerhaft gelebt. Unser Gitarrist Frank Kroll – genannt Krolli – hat damals sehr intensiv mit ihm in der Westernstadt Pullman City Musik gemacht. Da er zufällig gerade wieder im Lande ist, haben wir ihn kurzerhand für drei Songs auf die Bühne eingeladen. Zum anderen haben wir das Duo 2gether dabei. Das sind Benedikt, ein phänomenaler, erst 21-jähriger Multi-Instrumentalist aus Farsleben, und die erst 15-jährige Melissa Mandy aus der Slowakei, die eine geniale Stimme besitzt und das Genre mit moderner, poppiger Frische füllt.
Das deutsch-slowakische Power-Duo Melissa Mandy & Noah-Benedikt
© 2Gether
Ihr erwähntet die offizielle Städtepartnerschaft zwischen Magdeburg und Nashville. Zelebrieren die Magdeburger diese transatlantische Musikfreundschaft im Alltag, oder ist Country hierzulande immer noch ein reines Nischendasein beschieden?
PHILIP: Um ehrlich zu sein, nein, im Alltag wird das kaum zelebriert. Viele Magdeburger wissen überhaupt nicht, dass diese Partnerschaft existiert. Country ist und bleibt hier eine Nische. Wenn wir diese Initiative nicht ergreifen würden, gäbe es die Nashville Night schlichtweg nicht. Das ist reine Graswurzelarbeit. Ich trage als Veranstalter das gesamte finanzielle Risiko. Von der Stadt Magdeburg kommt zwar eine kleine Unterstützung – sie finanziert das Hotel für Daryl Wayne Dasher –, aber den Rest stemmen wir komplett in Eigenregie.
KATHARINA: Aber die Szene existiert, man muss sie nur finden. Sie versteckt sich in den zahlreichen Line-Dance-Gruppen, die es überall in Magdeburg, aber auch im Umland, im Harz, in Potsdam oder Brandenburg gibt. Hinzu kommen Westernhöfe und Reitbegeisterte.
Letztes Jahr gab es sogar eine Videobotschaft des Bürgermeisters der großen Musikstadt Nashville, die ihr während der Show gezeigt habt. Wie hat das Publikum auf diesen Gruß reagiert?
KATHARINA: Das war einer der stolzesten Momente des Abends. Als wir die Botschaft des extrem sympathischen und nahbaren Bürgermeisters anmoderierten, wurde es im Saal schlagartig still. Die Menschen haben ihre Handys gezückt, um diesen Moment festzuhalten. Er bedankte sich aufrichtig dafür, dass wir die „Seele des Country“ nach Magdeburg bringen. In diesem Moment spürte jeder im Raum: Das, was wir hier tun, ist drüben in Nashville angekommen. Das hat dem Abend eine unglaubliche Relevanz und Tiefe verliehen.
Nashvilles Bürgermeister Freddie O’Connell grüßt die Gäste der Nashville Night 2025 per Videobotschaft.
© Matthias Piekacz
Im Osten Deutschlands hat Country-Musik eine besondere, durchaus paradoxe Geschichte. In der DDR war das Genre erstaunlich populär, wie auch die Defa-Indianerfilme; die Staatsführung duldete es bereitwillig als „Musik der amerikanischen Arbeiterklasse“. Glaubt ihr, dass diese sozialistische Country-Sozialisation bei eurem älteren Publikum heute noch nachwirkt?
PHILIP: Ich würde eher sagen: Nein. Ich glaube nicht, dass diese alten politischen oder filmischen Bezüge heute noch eine Rolle spielen. Was ich jedoch sehr wohl merke – und ich komme ursprünglich aus Baden-Württemberg –, ist eine ganz andere, tiefere Wertschätzung für Live-Musik im Osten. Das Publikum hier ist extrem loyal, plant Konzertbesuche sehr früh und kauft bereitwillig Karten. Es gibt eine ehrliche Dankbarkeit für das, was auf der Bühne passiert.
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KATHARINA: Das haben wir im letzten Jahr extrem gespürt. Die erste Show war für uns eine Testfahrt – wir hatten Angst, vor fünf Leuten zu spielen. Am Ende war es restlos ausverkauft. Nach dem Konzert kamen die Leute zu uns und sagten wie selbstverständlich: „Wir sehen uns nächstes Jahr wieder!“ Diese Herzlichkeit und Verbindlichkeit hat uns überhaupt erst den Mut gegeben, die zweite Runde anzugehen.
Wie sieht euer eigener Weg zu dieser Musik aus? Philip, bei dir liegt die Country-Musik ja quasi in der Familie.
PHILIP: Mein Vater hat in den 1980er- und 90er-Jahren sehr intensiv Country gespielt, er selbst war damit in den 1960ern aufgewachsen. Er trug auch im Alltag Cowboykleidung – für ihn war das keine Verkleidung, sondern seine normale Garderobe. Als Kind hat mich das erst einmal komplett abgestoßen. Ich fand das peinlich und die Musik viel zu schnulzig. Ich wollte mich abgrenzen und habe lieber Bands wie Korn oder Linkin Park gehört.
Und wie kam die Versöhnung?
PHILIP: Man wird älter, ich gehe bald auf die 40 zu. Nach meinem Umzug nach Magdeburg stand ich während der Corona-Zeit plötzlich nur mit meiner Gitarre im Homeoffice da und hatte viel Zeit zum Spielen. Ich fing an, als Singer-Songwriter aufzutreten, stieß auf die Magdeburger Musikszene und traf dort auf ein paar herrlich musikverrückte „Chaoten“, die vernarrt in Country waren. Unser Schlagzeuger André sprach mich nach einem Auftritt auf meinen Picking-Style an, lud mich zur Probe ein – und da war es um mich geschehen.
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Katharina, deine Geschichte klingt fast wie eine filmreife Musiklegende, die in einer Bar beginnt.
KATHARINA: Ja, irgendwie schon. Ich mache schon mein Leben lang Musik, komme ursprünglich aus Hessen und bin 2019 nach Magdeburg gezogen. Ich spiele auch noch in einem Duo – wir spielen mehr Reggae, Funk und Pop. Unser E-Gitarrist Marcel kam regelmäßig in die Bar, in der ich damals gearbeitet habe. Er war meistens schon etwas angetrunken und lag mir dann in den Ohren: „Komm doch mal bei unserer Country-Band vorbei!“ Ich dachte mir nur: Country? Nicht ganz so meins. Eine reine Männerband, in der alle deutlich älter sind als ich – das war mir damals noch etwas suspekt.
Wie hat er dich schließlich überzeugt?
KATHARINA: Er blieb hartnäckig. Irgendwann rückte er mit Clifford an – unser Drummer André war auch dabei. Da musste dann quasi erst der „autoritäre Bandleader“ auftauchen, um mich zu überzeugen. Ich ging mit einem mulmigen Gefühl zur Probe und dachte, das könnte furchtbar unangenehm werden. Aber es hat sofort gefunkt. Das Miteinander war sofort extrem wertschätzend und freundschaftlich. Ich ging mit so viel Lob nach Hause, dass ich fast ein bisschen abgehoben wäre, und sofort fragte, ob ich nächste Woche wiederkommen darf. Seit fast zwei Jahren bin ich nun fester Teil der Band.
Die Magdeburger Countryband Clifford Brown & The Getaway ist Gastgeberin der Nashville Night.
© Christopher Konrad
Klischeehaft unterstellt man dem Country oft eine sentimentale Sehnsucht nach dem „Wilden Westen“ – ein musikalischer Eskapismus in die Ferne. Ist Country für euch das Träumen von einer anderen Welt?
PHILIP: Nein, überhaupt nicht. Der Gedanke, dass man irgendwohin reisen oder sich in eine andere Epoche flüchten müsste, spricht eigentlich gegen den wahren Kern des Country. Es geht nicht um den Wilden Westen, sondern um ein Lebensgefühl, für das man sich im Hier und Jetzt entscheiden kann. Es geht darum, wie man durch das Leben spaziert: leicht, selbstbestimmt und unabhängig. Sich von niemandem vorschreiben zu lassen, wer man zu sein hat. Es ist ein bisschen wie bei Udo Lindenberg: „Ich mach mein Ding.“
Dennoch haftet dem Genre im politischen Diskurs oft ein konservativer, bisweilen reaktionärer Ruf an. Wie blickt ihr auf diese Seite des Country?
PHILIP: Genau das ist das Klischee, das mich an Country am wenigsten interessiert. Wenn es zu konservativ oder traditionsverhaftet wird, langweilt es mich. Country ist heute eine extrem moderne Musikrichtung. Und wenn wir auf die Historie blicken: Ikonen wie Dolly Parton oder Willie Nelson – im Grunde Hippies. Dolly Parton hat sich vehement für Frauenrechte ausgesprochen, als in der breiten Gesellschaft kaum darüber diskutiert wurde. Willie Nelson ist ein zutiefst freiheitsliebender Mensch, der sich immer für soziale Gerechtigkeit starkgemacht hat. Country entspringt einer inneren Freiheit. Country macht frei.
KATHARINA: Und diese friedliche, entspannte Atmosphäre spürt man auch auf unseren Konzerten. Die Menschen schalten ab, entfliehen den turbulenten Zeiten und genießen einfach den Moment. Es geht um die Freude am Einfachen und Schönen.
Jonathan Failla aus New York moderiert auch in diesem Jahr Nashville Night in Magdeburg.
© Matthias Piekacz
Ihr sprecht von Modernisierung. In den USA erlebt Country derzeit einen gigantischen Boom durch junge, frische Künstler. Auch Superstars wie Taylor Swift oder queere Künstler wie Orville Peck und Lil Nas X brechen die alten Grenzen auf. Schwappt diese Welle auch nach Magdeburg über?
PHILIP: Ja, die junge Country-Szene in den USA boomt wie nie zuvor – denkt an Künstler wie Ella Langley oder Zach Top. Das sind coole, junge Menschen mit enormem Talent. In Städten wie München oder Berlin gibt es bereits einen echten Line-Dance-Boom in hippen Locations. In Magdeburg ist das zwar noch nicht ganz so ausgeprägt, aber wir bringen das noch hierher.
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Ein Schritt in diese Richtung ist eure neue Single „Night Owl“, die am 11. September erscheint. Worum geht es in dem Song?
PHILIP: Ich war schon immer ein Nachtmensch. Andere gehen schlafen, und bei mir geht es erst richtig los. Es ist eine trotzige, verspielte, freiheitsliebende Haltung – Rebellion und Lebensfreude. Davon handelt der Song, er beschreibt dieses wunderbare Gefühl von Freiheit, wenn alle anderen schlafen gehen und man hinauszieht in die Stadt oder in die Natur, ans Lagerfeuer, ins Gras, um in die Sterne zu schauen.
Philip Clifford Brown wuchs mit der Countrymusik seines Vaters auf und steht heute selbst mit seiner Band auf der Bühne.
© Matthias Piekacz
Um dieses Lebensgefühl am 19. September hautnah mitzuerleben: Gibt es einen Dresscode für das Magdeburger Publikum? Sollten wir den Cowboyhut aus dem Schrank holen?
KATHARINA: Einen Zwang gibt es natürlich überhaupt nicht, jeder soll kommen, wie er sich wohlfühlt. Aber unsere Erfahrung zeigt, dass die meisten Besucher richtig Lust auf den Look haben. Viele kommen mit Hut, Stiefeln, Westen und Fransen. Und ganz ehrlich: Wir auf der Bühne tragen auch volles Country-Besteck. Es macht einfach Spaß und fühlt sich an diesem Abend goldrichtig an. Wer also Lust hat, seine Cowboy-Boots oder etwas Extravagantes auszuführen – die Nashville Night ist genau der richtige Ort dafür.
Nashville Night 2.0. Am 19. September um 19.30 Uhr, Altes Theater Magdeburg, Tessenowstraße 11, 39114 Magdeburg; mehr Infos hier.
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