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„Die Angst vor dem Fremden ist Gift jeder freiheitlichen Gesellschaft“, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz am 20. Oktober 2026 beim Festakt zum deutsch-türkischen Anwerbeabkommen. Er erinnerte an Mölln, Solingen, den NSU und Hanau. Seine Warnung ist berechtigt.
Aber betrachten wir fremde Kulturen ebenso kritisch wie unsere eigene? Und schenken wir allen Opfern von Gewalt die gleiche Aufmerksamkeit? Dabei dachte ich an mein früheres Lehrerzimmer.
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Auf der Suche nach dem Anderen
Oft schwärmten Kollegen nach den Sommerferien von Begegnungen in Patagonien oder vom Leben in einer Jurte in der asiatischen Steppe. Sie glaubten, das wirkliche Leben kennengelernt zu haben. Bei manchen schlug die Begeisterung in Gesellschafts- und Kapitalismuskritik um. Dabei schätzten sie als verbeamtete Lehrer die Sicherheit der sozialen Marktwirtschaft. Mancher sprach, als habe er Deutschlands kulturelle Enge überwunden. Ich fragte mich gelegentlich, wie lange seine Begeisterung für die Jurte angehalten hätte, wenn aus dem Ferienaufenthalt ein gewöhnlicher Winter geworden wäre.
Merkwürdig fand ich, dass dieselben Kollegen manches im Ausland bewunderten, was ihnen zu Hause als überholt galt: die Bindung an Bräuche, den Zusammenhalt der Familie oder die Treue zu einer vertrauten Lebensordnung. Was in der Steppe als ursprüngliches Leben erschien, wäre ihnen in Deutschland womöglich rückständig vorgekommen.
Nach wenigen Tagen kehrten sie in ihre gesicherten Verhältnisse zurück. Ihre Gastgeber konnten das nicht ohne Weiteres. So entstand mitunter ein Bild, das mehr über die Wünsche der Besucher verriet als über das Leben ihrer Gastgeber. Diesen Vorgang nenne ich moralische Fremdenprojektion. Der wirkliche Mensch verschwindet hinter der Vorstellung, die andere von ihm haben.
Auf Schulfesten erlebte ich die erfreuliche Seite kultureller Begegnungen. Türkische, syrische oder griechische Eltern brachten Spezialitäten mit; am Grill wurde geredet und gelacht, oft über die Kinder. Viele Familien waren längst hier zu Hause. Doch ein angenehmer Nachmittag verriet wenig darüber, welche Vorstellungen von Erziehung und persönlicher Freiheit die Einzelnen vertraten. Familien derselben Herkunft konnten darin verschieden sein. Wer aus einem gelungenen Fest schon auf ein konfliktfreies Zusammenleben schloss, machte es sich zu einfach. Die Freude an fremden Bräuchen ersetzt nicht die Kenntnis der Menschen.
Die Distanz zum Eigenen
An die unterschiedlichen Maßstäbe im Umgang mit eigenen und fremden Traditionen erinnerte mich die Wahlfeier der Berliner Linken im September 2026. Spitzenkandidatin Elif Eralp tanzte zu „Erik Dalı“ und gemeinsam mit anderen den kurdischen „Halay“. Warum auch nicht? Ich stellte mir nur vor, eine Gruppe junger Leute hätte dort ebenso begeistert einen bayerischen Schuhplattler aufgeführt. Wäre die Freude dieselbe gewesen? Ich weiß es nicht.
Was ihn Bayern gepflegt wird, irritiert gern mal den Nicht-Bayern: die Tradition des Schuhplattlens.
© Depositphotos/imago
Woher kommt diese Distanz zur eigenen Herkunft? Der Historiker Jeremy DeWaal beschreibt, wie Teile der westdeutschen Linken in den Sechzigerjahren den Heimatbegriff zurückwiesen, weil sie ihn vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Vergangenheit mit Nationalismus und Ausgrenzung verbanden. Doch die Distanz hat nicht nur politische Gründe.
Gabriele Baring untersucht, wie Kriegserfahrungen, Schuld und Scham in Familien über Generationen nachwirken können. Wer mit solchen Belastungen aufwächst und seine Geschichte vor allem als Geschichte von Verbrechen kennenlernt, mag den eigenen Traditionen misstrauen. In manchen Milieus weckt schon die Wertschätzung deutscher Kultur den Verdacht nationalistischer Gesinnung. Fremde Bräuche erscheinen dann selbstverständlich, eigene verdächtig. Dabei gehören römisches Recht, Christentum, Humanismus, Aufklärung, die Revolution von 1848 und Weimar ebenfalls zu unserer Überlieferung. Die nationalsozialistischen Verbrechen bleiben ein Zivilisationsbruch, aber sie sind nicht die ganze deutsche Geschichte.
Die Auseinandersetzung mit diesen Verbrechen verlangt keine Abkehr von der eigenen Geschichte. Wer seine Herkunft vor allem als Belastung empfindet, verliert dennoch nicht das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Beständigkeit und Orientierung. Was er am Eigenen zurückweist, kann er nun im Fremden bewundern. Dort sucht er etwas moralisch Unbelastetes und hofft, Abstand zur eigenen Geschichte zu gewinnen. Der fremde Mensch wird zum Gegenbild seiner Herkunft. Seine wirklichen Überzeugungen können dabei aus dem Blick geraten. Und wenn sie den Erwartungen widersprechen? Dann müsste sein Bewunderer das schöne Bild berichtigen.
Was bei einer Reise oder einem Schulfest kaum auffällt, kann im Zusammenleben Gewicht bekommen. Menschen bringen Sprachen, Erinnerungen, Familienbindungen und religiöse Vorstellungen mit. Offenheit verlangt nicht, jede überlieferte Regel zu billigen. Entscheidend ist vielmehr, ob der einzelne Mensch die Freiheit behält, über sein eigenes Leben zu bestimmen.
Bundeskanzler Friedrich Merz warnt vor der Angst vor dem Fremden.
© Michael Kappeler/dpa
Die Freiheit des Einzelnen
Wie ernst solche Konflikte werden können, zeigt sich dort, wo religiöse Gebote über die persönliche Freiheit gestellt werden. Die Ethnologin Susanne Schröter untersucht diesen Anspruch im politischen Islam. Sie beschreibt unter anderem, wie religiöse Vorschriften und traditionelle Ehrvorstellungen die Freiheit von Frauen und Mädchen einschränken können. Ein freiwillig getragenes Kopftuch ist etwas anderes als erzwungene Verschleierung.
Wolfgang Büscher vom Kinder- und Jugendhilfswerk Arche berichtete von Mädchen, die ab der Pubertät die Einrichtung nicht mehr besuchen dürften, und von Fällen beabsichtigter Zwangsverheiratung. Seine Erfahrungen betreffen bestimmte Familien. Wer solche Einschränkungen aus kultureller Rücksichtnahme hinnimmt, hilft den betroffenen Mädchen nicht.
Auch in politischen Konflikten kann ein Wunschbild die Wahrnehmung bestimmen. In Teilen der antiimperialistischen Linken erscheint Israel als westliches Kolonialprojekt, während die Hamas zur Befreiungsbewegung verklärt wird. Wer nur Unterdrücker und Unterdrückte sehen will, übersieht ihre islamistischen Herrschaftsvorstellungen und die Gewalt gegen Zivilisten. Die Anteilnahme am Leid der palästinensischen Bevölkerung rechtfertigt das nicht. So kann aus der Kritik am Westen die Bewunderung einer Organisation werden, deren Ziele den eigenen Freiheitsvorstellungen widersprechen.
Auch beim Zusammenleben in Deutschland können Wunschbilder den Blick verengen. Nordrhein-Westfalen registrierte 2024 rund 6700 Straftaten im Bereich der Clankriminalität. In Potsdam ermittelte die Polizei wegen Gewalt- und Raubtaten durch Jugendgruppen; die Stadt richtete eine Taskforce ein. Diese Fälle erklären nicht Migration insgesamt. Doch wer vor allem die Bestätigung seiner Hoffnungen sucht, läuft Gefahr, Erfahrungen zu übersehen, die nicht zu diesem Bild passen. Dazu gehören die Erfahrungen von Gewaltopfern.
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Die Wahrnehmung der Opfer
Wie persönlich diese Frage werden kann, zeigt Michael Kyrath. Seine siebzehnjährige Tochter Ann-Marie wurde 2023 bei der Messerattacke von Brokstedt getötet. Seither setzt er sich dafür ein, dass solche Opfer nicht vergessen werden. Zur Frankfurter Trauerwache vom 19. September 2026 hatte er Spitzenpolitiker eingeladen. Nach seinen Angaben reagierten alle, doch keiner sagte zu. Die Trauerwache erinnerte an Menschen, deren Erfahrungen ein Gesellschaftsbild infrage stellen, in dem Migration vor allem als Bereicherung erscheint.
Die Angehörigen wollten ihrer Toten gedenken und öffentlich Gehör finden. Ihre Trauer verlangte kein politisches Bekenntnis, sondern Anteilnahme. Welchen Platz solche Opfer im öffentlichen Bewusstsein erhalten, hängt auch davon ab, ob wir bereit sind, jene Wirklichkeit wahrzunehmen, die unseren eigenen Vorstellungen widerspricht.
Friedrich Merz warnte vor der Angst vor dem Fremden. Seine Warnung gilt. Wer im Fremden allerdings Erlösung von der eigenen Geschichte sucht, kann den wirklichen Menschen ebenso verkennen wie jemand, der ihn fürchtet. Nicht nur die Angst vor dem Fremden ist Gift einer freiheitlichen Gesellschaft, auch seine Verherrlichung kann das kritische Urteil trüben.
Klaus Knorr (Jahrgang 1954) war Lehrer für Latein, Geschichte und auch Philosophie. Er beschäftigt sich aus privatem Interesse seit vielen Jahren mit europäischer Geistes-, Kultur- und Bildungsgeschichte sowie deren Bedeutung für aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen. In seinen Essays verbindet er historische Erfahrungen, staatsphilosophische Fragestellungen und gegenwartsbezogene Analysen.
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