Die Kritik am Verkauf der Deutschen Agrar Holding (DAH) an den australischen Investor Igneo reißt nicht ab. Trotz der Gegenargumente, mit denen sich der Agrarkonzern zuletzt im Interview mit der Berliner Zeitung gewehrt hat, halten ostdeutsche Bauern am Vorwurf eines „Ausverkaufs“ der Landwirtschaft fest. „Wir wollen diese Investoren nicht bei uns“, sagt Reinhard Jung, Geschäftsführer des Bauernbunds Brandenburg, auf Anfrage.
Mit dem Igneo-Deal wechselte 2023 die Kontrolle über rund 20.000 Hektar Agrarfläche in Ostdeutschland. Die DAH hatte im Interview zwar betont, weder auf steigende Bodenwerte zu spekulieren, noch den Pachtmarkt zu verzerren. Doch die Kritiker sehen den Kern des Problems ohnehin woanders. „Unsere Kritik richtet sich gar nicht gegen die DAH an sich, also gegen diesen konkreten Einzelfall“, sagt der brandenburgische Landwirt Reiko Wöllert. Der Fall mache vielmehr sichtbar, „dass wir ein krasses strukturelles Problem haben“.
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Warum der DAH-Deal zum Politikum wurde
Bereits im vergangenen Herbst hatte Wöllert den Verkauf der DAH an Igneo scharf kritisiert. „Konzerne kaufen unser Land – wir verlieren Demokratie“, warnte er damals in der Berliner Zeitung. Wenig später sprach auch der Bauernbund Brandenburg von einem „zweiten Strukturbruch in Ostdeutschland“.
Die Kritik entzündete sich vor allem an der Größe des Deals. Die DAH bewirtschaftet rund 20.000 Hektar in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt und betreibt zugleich zahlreiche Biogas- und Biomethan-Anlagen. Die Bauern sehen darin ein Beispiel für eine Entwicklung, vor der sie seit Jahren warnen: Immer größere Agrarbetriebe geraten aus ihrer Sicht in die Hände außerregionaler Investoren, während Politik und Behörden kaum Einfluss darauf haben, wer die Kontrolle über die Flächen übernimmt.
Als Beispiel verweist Wöllert auf den Verkauf der Thüringer Agrarholding Adib im Jahr 2020. Das Unternehmen mit rund 6000 Hektar Landwirtschaftsfläche und mehreren Hundert Beschäftigten wurde damals an die Boscor Land- und Forstwirtschaft GmbH verkauft, die zur Lukas-Stiftung der Familie des Aldi-Nord-Erben Theo Albrecht gehört.
Der Deal löste massive Kritik aus. Thüringens damaliger Agrarminister Benjamin-Immanuel Hoff (Linke) sprach von einer problematischen Konzentration von Marktmacht und bezeichnete den Verkauf als „unverantwortlich“. Bauernvertreter warnten, dass finanzstarke Investoren zunehmend in den Agrarsektor vordringen, während angekündigte Regelungen zum Schutz landwirtschaftlicher Strukturen weiter auf sich warten ließen.
Die Anzahl der Agrarholdings in Deutschland sowie die mit Sitz im Ausland nimmt Jahr für Jahr zu.
© Grafik: OAZ. Quelle: Statistisches Bundesamt (Destatis)
DAH weist Vorwurf der Bodenspekulation zurück
Doch genau diese Kritik hält die DAH für verfehlt. Das Unternehmen weist den Vergleich mit klassischen Investorenmodellen entschieden zurück und argumentiert, der Fall werde in der öffentlichen Debatte häufig falsch dargestellt.
Die Geschäftsführer Christian Heck und Stefan Jost betonten im Interview mit der Berliner Zeitung, dass rund 95 Prozent der bewirtschafteten Flächen lediglich gepachtet seien. „Wer einen Betrieb übernimmt, übernimmt also nicht automatisch große Eigentumsflächen“, sagte Jost. Der Investor habe daher kein Bodenspekulationsgeschäft übernommen, sondern ein Energieunternehmen mit angeschlossener Landwirtschaft. Die Flächen dienten vor allem dazu, die Versorgung der eigenen Biomethan-Anlagen mit Substraten abzusichern.
„Wir würden regionale Strukturen dann verändern, wenn wir deutlich höhere Pachten zahlen oder grundsätzlich anders wirtschaften würden als andere Betriebe“, ergänzte Heck. „Das tun wir aber nicht.“ Man verstehe zwar, dass 20.000 Hektar zunächst groß wirken und Fragen aufwerfen. Doch die Vorstellung, die DAH könne mit Marktmacht andere verdrängen, ergebe keinen Sinn. „Das würde nur funktionieren, wenn wir auf steigende Bodenwerte spekulieren würden – aber das ist mit Pachtflächen nicht möglich“, so Heck.
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Für Wöllert bestätigt der Fall dennoch eine Entwicklung, die aus seiner Sicht seit Jahren an Dynamik gewinnt. Entscheidend sei nicht, ob die DAH im konkreten Fall auf Bodenwerte spekuliere oder nicht. Problematisch sei bereits, dass Agrarunternehmen dieser Größenordnung überhaupt entstehen und den Eigentümer wechseln könnten.
Ein normaler landwirtschaftlicher Betrieb in Deutschland sei etwa 70 Hektar groß. „Das heißt: Da werden quasi 300 Betriebe auf einmal verkauft“, sagt der Landwirt. Mit einem einzigen Notartermin seien 20.000 Hektar unter neue Kontrolle geraten. „Vor zehn Jahren wäre das undenkbar gewesen. Heute wirkt es fast schon normal.“
Nach Ansicht Wöllerts gibt es nach oben praktisch keine Grenzen. Wenn solche Unternehmensstrukturen weiter wachsen, könne es irgendwann um 50.000 oder 100.000 Hektar gehen. „Dann haben wir Verhältnisse wie in der Ukraine oder Russland, wo riesige Konsortien gigantische Flächen dominieren“, warnt er. Gesellschaft und Politik verlören dadurch zunehmend den Einfluss auf die Agrarstruktur.
Hinzu komme, dass die Eigentümer solcher Unternehmen wechseln könnten. Im Gespräch mit der DAH habe er erfahren, dass Infrastruktur- und Finanzinvestoren Beteiligungen häufig nur über einen begrenzten Zeitraum hielten. „Nachhaltig heißt dort oft fünf bis zehn Jahre“, sagt Wöllert. Danach könne das Unternehmen erneut verkauft werden. „Und dann kommt der nächste Investor mit einer ganz anderen Philosophie.“
Der Thüringer Landwirt Reiko Wöllert warnt wegen der zunehmenden Konzentration von Agrarflächen in Investorenhänden vor „Verhältnissen wie in der Ukraine oder Russland“.
© Christoph Nußbaumeder
Bauernbund kritisiert DAH-Aussagen: „Das ist Quatsch“
Noch deutlicher wird Reinhard Jung, Geschäftsführer des Bauernbunds Brandenburg. Die Ausführungen der DAH hätten an seiner grundsätzlichen Einschätzung nichts geändert. „Unsere Kritik bezog sich immer auf den Ausverkauf der ostdeutschen Landwirtschaft – also auf Betriebe und Flächen gleichermaßen“, sagt er. Dass die DAH überwiegend Pachtflächen bewirtschafte, ändere aus seiner Sicht wenig am Kern der Debatte. „Das alles hat nichts mehr mit regionaler Wertschöpfung zu tun, sondern ist der Einstieg des internationalen Großkapitals in unsere heimische Landwirtschaft“, so Jung.
Die DAH argumentiert, der Boden sei nicht ihr eigentliches Geschäftsmodell und diene vor allem der Versorgung ihrer Biomethan-Anlagen mit Substraten. Jung weist das zurück. „Das ist – mit Verlaub – Quatsch.“ Ein Landwirtschaftsbetrieb produziere Agrarrohstoffe.
Ob diese später als Lebensmittel oder Energiequelle genutzt würden, sei zunächst zweitrangig. „Zweck des Betriebs ist immer, Gewinn zu erzielen. Der Boden ist dafür das entscheidende Produktionsmittel.“ Für Jung geht es dabei vor allem um die Frage, wem die Erträge der Landwirtschaft am Ende zugutekommen. „Wir wollen, dass sich der Boden in der Hand ortsansässiger selbständiger Landwirte befindet, damit die Gewinne in der Region bleiben.“
Reinhard Jung vom Bauernbund Brandenburg fordert, dass sich „der Boden in der Hand ortsansässiger selbständiger Landwirte befindet, damit die Gewinne in der Region bleiben.“
© Reinhard Jung
Agrarökonomen warnen vor fehlender Transparenz
Während Jung und Wöllert vor einer zunehmenden Konzentration von Flächen und Betrieben warnen, bewerten Agrarökonomen die Entwicklung deutlich differenzierter. Der Agrarökonom Andreas Tietz vom Thünen-Institut sprach von einem „absoluten Einzelfall“. Auch der Direktor des Leibniz-Instituts für Agrarentwicklung in Halle, Alfons Balmann, sieht bislang „keine Welle“ internationaler Investoren, die den deutschen Bodenmarkt aufkauften.
Gleichzeitig räumen die Wissenschaftler ein, dass es bei Anteilskäufen erhebliche Transparenzprobleme gibt. Während der direkte Kauf von Agrarflächen von Behörden kontrolliert werde, könnten Unternehmensanteile häufig übertragen werden, ohne dass staatliche Stellen überhaupt Kenntnis davon erhielten. Kritiker bemängeln, dass solche sogenannten „Share Deals“ unter bestimmten Voraussetzungen steuerliche Vorteile bieten können. „Der Staat schreibt sich den Schutz der Agrarstruktur auf die Fahnen – dann muss er auch wissen, was da passiert“, sagte Tietz. „Da findet eine Konzentration statt, die bislang kaum erhoben wird.“
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Bund und Länder ringen weiter um klare Regeln
Auch die Politik ringt seit Jahren mit dem Thema. Das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMLEH) verwies zuletzt darauf, dass die Länder seit der Föderalismusreform für den Bodenmarkt zuständig seien. Gleichzeitig kündigte die Bundesregierung an, prüfen zu wollen, wie Anteilskäufe künftig transparenter erfasst werden können.
Konkrete Regelungen gibt es bislang jedoch kaum. Mehrere Bundesländer diskutieren seit Jahren über Agrarstrukturgesetze, die große Anteilskäufe stärker kontrollieren sollen. In Sachsen und Brandenburg scheiterte ein entsprechender Vorstoß bereits am Widerstand von Interessenverbänden. Kritiker wie Wöllert sehen darin einen Beleg dafür, dass die Politik das Problem zwar erkenne, aber nicht löse.
Für Wöllert hat das Interview der DAH deshalb an seiner grundsätzlichen Kritik wenig geändert. Dass an den Vorwürfen eines Ausverkaufs am konkreten Beispiel der DAH nicht viel dran sei, könne durchaus stimmen. „Aber das macht die strukturellen Defizite in der Gesetzgebung nicht kleiner“, sagt er.
Noch deutlicher formuliert es Bauernbund-Chef Jung. Für ihn geht es längst nicht mehr um die DAH allein, sondern um die Frage, wem die Landwirtschaft in Ostdeutschland künftig gehören soll. „Die Geier kreisen über Ostdeutschland“, sagt er. „Aber uns kriegen sie nicht.“
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