Nachts bequem im Bus durch Europa reisen – im Liegen, Toilette und Snackbar in der Nähe. Twiliner aus der Schweiz macht das möglich. Seit fast einem Jahr sind die Schlafbusse im Linienbetrieb. Jetzt zieht das Unternehmen Bilanz – und kündigt neue Strecken an. „Wir würden gern nach Berlin und in andere deutsche Städte fahren“, sagt Luca Bortolani, Mitgründer und Chef von Twiliner. Doch es gibt ein Problem.
In Südamerika und Asien sind sie unverzichtbar. Doch in unseren Breiten gab es bisher keine Premium-Fernbusse, in denen die Fahrgäste liegend reisen können. Als einziges europäisches Unternehmen dieser Art hat Twiliner jetzt damit begonnen, diese Lücke zu füllen – mit Bussen, die über Business-Class-Sitze wie im Flugzeug verfügen.
Anfang Dezember 2025 kam der Verkehr auf den ersten beiden Linien ins Rollen. Seitdem fahren Doppeldeckerbusse von Partnerfirmen nach festem Fahrplan über Nacht von Zürich über Luxemburg und Brüssel nach Amsterdam sowie von Zürich nach Girona und Barcelona.
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Busse lassen sich per Knopfdruck zu Betten ausklappen
In den Bussen wechseln sich zwei Fahrer ab. 21 Fahrgäste haben Platz. Mit einem englischen Hersteller hat Twiliner Sitze entwickelt, die sich zu flachen Betten ausklappen lassen. Weil Sicherheitsgurte gefährlich wären, wurde ein Rückhaltesystem für liegende Fahrgäste konzipiert. An Bord jedes Busses gibt es eine Snackbar, eine Toilette sowie einen Umkleidebereich. Kaffee und Wasser sind für die Fahrgäste gratis.
Kostenlos ist auch das High-Speed-WLAN, und jeder Fahrgast darf bis zu 23 Kilo Gepäck mitnehmen. „Fahrräder werden ebenfalls befördert“, erklärt Luca Bortolani. Wie Flixbus besitzt Twiliner keine Busse, dafür sind Partner aus Luxemburg und Belgien zuständig. Migros, Innosuisse und die Stadt Zürich gaben Geld. Zu den weiteren Investoren gehören der Busbetreiber Emile Weber sowie Stefan Weigele und der Verkehrsaktivist Heinrich Strößenreuther aus Berlin.
Wer lieber im Sitzen reist: Auch das ist möglich im Twiliner. Jeder Doppeldecker bietet drei Liegesitze im Unterdeck sowie 18 Liegesitze im Oberdeck.
© My Gosh
„Business-Class-Komfort aus der Luft auf die Straße zu bringen und so eine echte Alternative zum Kurzstreckenflug in Europa zu werden, das ist unser Ziel. Wir wollen als Türöffner für eine neue Ära des Reisens agieren“, so Twiliner. Es ist ein Konzept, das offenbar aufgeht.
„Bislang sind mehr als 5000 Menschen mit uns gefahren“, berichtet Bortolani während seiner Präsentation in Winterthur. Der Verein Bahnjournalisten Schweiz hatte ihn und andere Praktiker zu einem Fachtag zum internationalen Verkehr eingeladen. Sie waren bereit, für Komfort zu zahlen: Der Firmenchef bezifferte den durchschnittlichen Ticketpreis mit 160 Schweizer Franken, umgerechnet 174 Euro.
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Auslastung der Busse ist auf rund 65 Prozent gestiegen
Wer nutzt die Nachtfernbusse? „Keine typische Buskundschaft“, sagt er. 51 Prozent der Reisenden sind Frauen, 49 Prozent Männer, berichtete der Firmenchef. Alle Altersklassen seien vertreten, auch Senioren über 65 Jahre. Nachhaltigkeit sei das wichtigste Motiv. Der Twiliner produziert 85 Prozent weniger klimaschädliches Kohlendioxid als ein Flugzeug. Betrug die Auslastung im Januar 2026 nicht mal 30 Prozent, waren es im September und Oktober knapp zwei Drittel.
Profitabel ist das Unternehmen noch nicht, so der Unternehmenschef. „Doch ab etwa 75 bis 80 Prozent Auslastung würde sich das Geschäft rechnen.“
Noch seien Fahrgäste aus der Schweiz mit einem Anteil von 70 Prozent in der Mehrzahl. Das möchte Twiliner mittelfristig ändern – mit weiteren Strecken. „Großstädte ohne Nachtzugverbindung haben Potenzial für mehrere Twiliner-Busse“, sagt Bortolani.
Sanitärbereich im Twiliner: An Bord gibt es auch eine Toilette und Waschmöglichkeiten.
© Remo Vettori
Für 2027 seien zwei neue Angebote geplant, kündigte er an. So soll man dann mit Twilinern auch von Genf nach Barcelona fahren können. Genf und Bern sollen mit Luxemburg, Brüssel und Antwerpen verbunden werden. Weitere Verbindungen würden geprüft. Der Firmenchef nannte Zürich–Genf–Bordeaux–San Sebastian, Zürich–Luzern–Rom–Neapel sowie Amsterdam–Kopenhagen–Malmö.
Für die Malmö-Route würde allerdings eine Besonderheit gelten. Sie hat damit zu tun, dass die Strecke durch Deutschland führt. Hier gelten Beschränkungen, wie es sie in anderen Staaten nicht gibt.
„Unsere Busse sind grundsätzlich in Deutschland erlaubt“, betont Bortolani. Doch der Liegendtransport wäre verboten, so steht es in Paragraf 35i der Straßenverkehrszulassungsordnung. Solange der Bus in Deutschland unterwegs ist, müssten die Fahrgäste aufrecht im Sitzen reisen. So richtig bequem wäre das nicht. Auch würde Twiliner im Vergleich zur Konkurrenz das Alleinstellungsmerkmal einbüßen.
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Mit dem Premium-Nachtbus von Berlin nach Kopenhagen
Das Unternehmen würde Deutschland gern ins Liniennetz aufnehmen. Es sieht Potenzial nicht nur für Transitverkehre wie Paris–Prag, sondern auch für Verbindungen von Berlin nach Kopenhagen, von Hamburg nach Göteborg und Oslo sowie von München nach Paris. Bortolani kann sich auch Twiliner-Linien von Köln und dem Ruhrgebiet nach Prag sowie von Frankfurt am Main nach Venedig vorstellen.
„Überall dort, wo gute Nachtzugverbindungen fehlen“, erklärt er. Twiliner sieht sich nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zum Nachtverkehr auf Schienen. Viele Städte seien zu klein für einen Nachtzug, der rund 200 zahlende Fahrgäste braucht, um profitabel zu sein. „Genau dort liegt die Nische für Busse mit 20 Plätzen, etwa an die Côte d’Azur oder zur französischen Atlantikküste“, so der Firmenchef.
Im Schlaf durch Europa reisen: ein Bus des luxemburgischen Betreibers Emile Weber.
© Twiliner
Der Bundesverband deutsche Omnibusunternehmen, kurz bdo, unterstützt die Pläne. „Die Liegendbeförderung von Fahrgästen in Reise- und Fernbussen ist in Deutschland grundsätzlich verboten. Die Vorschriften eröffnen auch für eigens entwickelte und technisch geprüfte Liegeplätze keinen regulären Genehmigungsweg. Aus Sicht des bdo muss sich das ändern“, erklärt bdo-Sprecher Luca Roggenkamp.
Die Sicherheit der Fahrgäste stehe auch für den bdo an erster Stelle. „Wir fordern deshalb keine pauschale Freigabe, sondern klare technische Anforderungen und ein geregeltes Genehmigungsverfahren. Unternehmen müssen die Möglichkeit erhalten, nachzuweisen, dass ihre Liegeplätze mit geeigneten Rückhaltesystemen einen gleichwertigen Schutz wie ein Sicherheitsgurt bieten“ – auch wenn der Bus umkippt oder sich überschlägt. Andere Länder zeigen, dass das möglich sei.
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Deutsche Crashtest-Dummies testeten die Technik
Auch Deutschland sollte diesen Weg öffnen, fordert der Verband. „Komfortable Nachtbusse könnten das Nachtzugangebot insbesondere dort ergänzen, wo kein Nachtzug fährt. Eigenwirtschaftlich und ohne zusätzliche Steuermittel entstünde so eine weitere attraktive und klimafreundliche Alternative zum Flugzeug“, sagt Roggenkamp.
Bereit für die Nacht: ein Twiliner-Fahrgast auf einem aufgeklappten Bett.
© Linda Pollari
Wenn nun straßenverkehrsrechtliche Vorschriften neu geordnet werden, sollte der Bund die Chance nutzen und einen Genehmigungsweg schaffen. „Das bestehende Verbot unverändert zu übernehmen, wird den technischen Entwicklungen und den Chancen für klimafreundliches Reisen nicht gerecht“, so der Verbandssprecher.
Twiliner habe das Sicherheitsproblem gemeinsam mit Partnern gelöst, betonte Luca Bortolani – mit dem Kompetenzzentrum der Berner Fachhochschule, dem Schweizer Unternehmen Lantal und der Firma IWW in Trier. „Das System, das nun eingesetzt wird, wurde in Deutschland mit Crashtest-Dummies geprüft“, berichtet er.
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