Berlin-Wahl

Pistorius auf SPD-Rettungsmission: Doch Steffen Krach steht mit dem Rücken zur Wand

Im Berliner Marienpark inszeniert der Verteidigungsminister die Sicherheit der Zukunft. Doch Laser und Drohnenabwehr können dem angeschlagenen SPD-Spitzenkandidaten nur bedingt helfen.

5 Min
Der Minister erklärt, der Kandidat hört zu: Boris Pistorius (r.) und Berlins SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach im Marienpark.

Der Minister erklärt, der Kandidat hört zu: Boris Pistorius (r.) und Berlins SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach im Marienpark.

© Maurizio Gambarini via imago-ima

Es ist die Woche der Entscheidung, und die SPD greift nach ihrem letzten Ass im Ärmel. Boris Pistorius, der seit Monaten das Beliebtheitsranking der deutschen Politiker anführt, ist im Dauereinsatz, um drohende Niederlagen bei den kommenden Wahlen abzuwenden. Sein Tag begann in Mecklenburg-Vorpommern, wo er gemeinsam mit SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig und Rheinmetall-Chef Armin Papperger auf der Peene-Werft die Kiellegung eines neuen Flottendienstbootes feierte.

Von dort ging es direkt weiter nach Berlin zu einem Termin mit Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey in Rudow, bevor er am späten Nachmittag schließlich auf den gebeutelten SPD-Spitzenkandidaten Steffen Krach traf. Es ist eine logische Konsequenz der verzweifelten Lage einer Partei, die in aktuellen Umfragen in der Hauptstadt mit nur noch 10 bis 12 Prozent abgeschlagen auf dem fünften Platz rangiert.

Drohnenabwehr als Ablenkungsmanöver

Der Ort für den gemeinsamen Auftritt ist mit Bedacht gewählt. Auf dem 300.000 Quadratmeter großen Resilience Technology Campus im Marienpark Berlin soll es um die Sicherheit der Zukunft gehen. Zwischen Start-ups und etablierten Unternehmen wie Evonik oder Anbietern missionskritischer Systeme (MKS) rücken Drohnenabwehr und der Schutz kritischer Infrastruktur in den Fokus.

Pistorius wirkt hier sichtlich in seinem Element, während er sich Modelle des Campus ansieht. „Es fängt beim Bewusstsein an“, erklärt der Verteidigungsminister mit Blick auf die Sicherheitsarchitektur. Er referiert fachmännisch über die Lehren aus dem Ukraine-Krieg, in dem Gefechtsstände längst durch Laptops ersetzt wurden, von denen aus Drohnen gesteuert werden.

Der Kontrast zwischen den beiden Sozialdemokraten könnte jedoch kaum größer sein. Während Pistorius Souveränität ausstrahlt, wirkt Steffen Krach, der heute ungewohnt leger in weißen Sneakers und dunkler Reißverschlussjacke erscheint, fast wie ein Statist in seinem eigenen Wahlkampf. Er läuft neben dem Minister her und hört sich die Schilderungen der Experten an, wirkt dabei jedoch eher wie ein Freizeitsportler, der den Profis beim Training zuschaut.

Dennoch bemüht sich Krach um Relevanz und betont, dass es hier um die „Sicherheit Berlins“ gehe. Für Pistorius ist der Campus schlicht „ein Juwel, über das sich jede Stadt freuen kann“.

Boris Pistorius (l.) erläutert im Marienpark die Fähigkeiten einer Kampfdrohne, Berlins SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach hört zu.

Boris Pistorius (l.) erläutert im Marienpark die Fähigkeiten einer Kampfdrohne, Berlins SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach hört zu.

© Maurizio Gambarini via imago-ima

Der Schatten der Staatsanwaltschaft

Doch die technologische Begeisterung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Steffen Krach politisch mit dem Rücken zur Wand steht. Wie die Berliner Zeitung bereits berichtete, ermittelt die Staatsanwaltschaft Hannover mittlerweile in drei Fällen gegen den SPD-Politiker. Es geht um den Anfangsverdacht der Vorteilsannahme sowie um den Vorwurf, Geschäftsgeheimnisse im Rahmen einer Ausschreibung verraten zu haben.

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Die Ermittlungen, die bereits seit Anfang September laufen und zu Durchsuchungen in Krachs Wohnung sowie in der SPD-Parteizentrale führten, belasten den Wahlkampf schwer. Krach selbst weist alle Vorwürfe zurück und gibt sich zuversichtlich, dass sich die Vorwürfe am Ende nicht bestätigen werden. Dennoch ist der Schaden irreparabel, da eine finale Klärung erst lange nach dem Wahlsonntag zu erwarten ist.

Auf die unvermeidliche Journalistenfrage zu den Vorwürfen reagiert Pistorius nüchtern und loyal. „Ich bewerte keine Maßnahmen der Justizbehörden in Niedersachsen“, stellt er klar. Doch er lässt seinen Weggefährten nicht fallen: „Ich kenne Steffen Krach seit 15 Jahren und gehe davon aus, dass es am Ende nur Entlastendes geben wird.“

Es ist der Versuch, den Fokus wieder auf die Sachthemen zu lenken. Krach nutzt die Gelegenheit zu einem langen Plädoyer für den Wirtschaftsstandort Berlin. „Ich möchte der Wirtschaft den roten Teppich auslegen“, erklärt er und betont, dass Berlin nicht von „Luft und Liebe“ leben könne, wie es sich andere Parteien vielleicht vorstellten. Angesichts von 40.000 zusätzlichen Arbeitslosen in den vergangenen fünf Jahren sei eine positive wirtschaftliche Entwicklung essenziell, um Investitionen in Kultur und Wissenschaft zu ermöglichen.

Beliebtheit ohne Abstrahleffekt

Ob dieser Kraftakt im Endspurt noch Früchte trägt, bleibt fraglich. Pistorius selbst versucht, die Erwartungen zu dämpfen und den Termin zu entpolitisieren. „Das hier ist kein Wahlkampftermin im klassischen Sinne“, behauptet er. Es gehe vielmehr darum, den Wahlkampf zu nutzen, um technologische Potenziale aufzuzeigen. „Wir sind in der Bundeswehr längst weiter, als der eine oder andere da draußen denkt“, betont der Minister und fügt hinzu: „Wir geben längst mehr für Technologie aus als für sogenanntes Altmetall.“

Dennoch bleibt die paradoxe Situation bestehen, dass seine persönliche Beliebtheit kaum auf die Partei abfärbt. Von der Berliner Zeitung auf diesen Umstand angesprochen, gibt sich der Minister bescheiden: „Ich weiß ja selbst nicht, warum ich so beliebt bin.“

Am kommenden Sonntag wird sich zeigen, ob das „Ass“ Pistorius gestochen hat oder ob die SPD in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern trotz prominenter Schützenhilfe Federn lassen muss. Für Steffen Krach geht es vermutlich nur noch darum, eine halbwegs passable Ausgangslage für kommende Koalitionsverhandlungen zu retten, während Boris Pistorius bereits seinen nächsten Einsatz plant: eine Reise in die USA, um dort den ersten F-35-Kampfjet für die Bundeswehr in Empfang zu nehmen. Der Minister zieht weiter, während Berlin am Sonntag sein eigenes Urteil fällen wird.

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