Im Fall des islamischen Predigers Yakup Tasci gerät Innensenator Ehrhart Körting (SPD) jetzt unter politischen Druck. Nach Bekanntwerden neuer Übersetzungen der umstrittenen Predigten Tascis fordern FDP und Grüne den Senator auf, die Gründe für die Ausweisung des 60-jährigen Türken erneut darzulegen. Tasci, der seit mehr als 30 Jahren in Deutschland lebt und lange Zeit Imam der Kreuzberger Mevlana-Moschee war, hatte sich bisher erfolgreich gegen seine sofortige Abschiebung in die Türkei gewehrt. Vor dem Bundesverfassungsgericht setzte er durch, dass die Ausweisung, verfügt von der Körting unterstellten Ausländerbehörde im April 2005, nicht sofort vollzogen, sondern erst vor Gericht verhandelt wird. Dem ZDF ließ er untersagen, ihn "Hassprediger" zu nennen.Auf Grund einer Predigt-Übersetzung des Berliner Verfassungsschutzes hatte die Körting-Behörde dem Imam vorgeworfen, islamistische Selbstmordattentäter zu verherrlichen und zur Nachahmung ihrer Taten in Deutschland aufzurufen. Neuere Übersetzungen der Texte, etwa die des Islam-Experten Werner Schiffauer, ziehen diesen Vorwurf jedoch in Zweifel. Auch das Bundesverfassungsgericht spricht in seiner Rechtsschutz-Entscheidung von "allenfalls assoziativen Bezügen" in der Predigt: Dass die Ausweisung gerechtfertigt sei, erschließe sich nach "gegenwärtigem Erkenntnisstand nicht ohne weiteres". Der Fall wurde zurück ans Berliner Verwaltungsgericht verwiesen, wo er möglicherweise noch im Frühjahr verhandelt wird.Das Berliner Amt verweist auch auf eine zweite Predigt Tascis, die das ZDF heimlich in der Mevlana-Moschee aufnahm. In der Sendung "Frontal 21" vom November 2004 wurde eine Passage so übersetzt: "Diese Deutschen, diese Atheisten, rasieren sich nicht unter den Armen. Ihr Schweiß verbreitet einen üblen Geruch und sie stinken." Dieselbe Stelle lautet in der Neu-Übersetzung des beeidigten Gerichtsdolmetschers Ali Yildirim so: "Wenn sich die meisten dieser Deutschen, dieser Europäer, dieser Atheisten, nicht unter den Achseln rasieren und die Achselhaare länger wachsen und sich der Schweiß an den Haarwurzeln sammelt, dann verursacht das Schweißgeruch." Aus einer Diffamierung wird eine - reichlich geschmacklose - Feststellung.Körting will sich zu dem laufenden Verfahren nicht äußern. Der Innenexperte der FDP-Fraktion, Alexander Ritzmann, nennt das "befremdlich". Der Senator habe immer den Eindruck erweckt, dass der Imam eindeutig den Terrorismus unterstütze. "Die Sache muss jetzt neu aufgerollt werden", verlangt Ritzmann. Der grüne Migrationsexperte Özcan Mutlu sagte, es sei fragwürdig und gefährlich, wenn eine Ausweisung "auf derart falschen Übersetzungen" beruhe. "Die Behörden sind von Mutmaßungen ausgegangen statt Experten zu fraen." Mutlu betonte, keinerlei Sympathie für Tasci, den Mitbegründer der umstrittenen Islamischen Glaubensgemeinschaft Milli Görüs in Berlin, zu hegen. "Aber wir leben in einem Rechtsstaat." Auch innerhalb der Regierungskoalition gibt es Kritik. "Mit einer Ausweisung löst man das Problem nicht", sagt die Migrationsexpertin der Linkspartei, Evrim Baba. Die Predigten seien nicht völlig eindeutig zu übersetzen, erklärt die ausgebildete Dolmetscherin. "Darüber muss das Gericht jetzt entscheiden."
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]