Ukraine-Krieg

90 Minuten mit Putin: Statt über Frieden zu reden, hält er Europas Politikern eine Geschichtsstunde

Finnlands Präsident und Norwegens Regierungschef suchten das Gespräch mit Putin. Doch statt einer Waffenruhe stand offenbar vor allem Russlands Vergangenheit im Mittelpunkt.

5 Min
Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Gipfeltreffen in Moskau am 27. Oktober 2026.

Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Gipfeltreffen in Moskau am 27. Oktober 2026.

© Sergei Bulkin/imago

Eigentlich sollte es um die Zukunft der Ukraine gehen. Doch Russlands Präsident Wladimir Putin hat ein Telefonat mit zwei europäischen Regierungschefs offenbar vor allem dazu genutzt, seine Sicht auf die russische Geschichte darzulegen. Statt ausführlich über einen möglichen Waffenstillstand zu sprechen, hielt er Finnlands Präsident Alexander Stubb und Norwegens Ministerpräsidenten Jonas Gahr Støre einen langen Vortrag über die mittelalterliche Geschichte der slawischen Völker.

Das berichtet die Financial Times unter Berufung auf drei mit dem Gespräch vertraute Personen. Das Telefonat vom Dienstag sollte ursprünglich weniger als eine halbe Stunde dauern, zog sich jedoch über 90 Minuten hin.

Nach Darstellung der Informanten verwendete Putin einen Großteil der Zeit darauf, über die angeblichen historischen Ursachen des Krieges zu sprechen. Die Möglichkeit eines sofortigen Waffenstillstands, eine zentrale Forderung der Ukraine, sei dagegen kaum behandelt worden.

Stubb und Støre hätten Putins historische Ausführungen bewusst nicht unterbrochen. Sie wollten herausfinden, wie ernst es dem russischen Präsidenten mit einem politischen Dialog mit Europa tatsächlich sei, berichtete die Financial Times unter Berufung auf einen der Gesprächsvertrauten.

Putin spricht über Geschichte statt über eine Waffenruhe

Die Darstellung passt in Teilen zu den offiziellen Angaben des Kremls. Nach einer Erklärung der russischen Präsidialverwaltung erinnerte Putin während des Gesprächs an die angeblichen „Ursachen“ des Ukraine-Krieges.

Zudem habe er betont, dass ein dauerhafter Frieden nur möglich sei, wenn die legitimen Interessen Russlands „vollständig und bedingungslos“ berücksichtigt würden. Die Politik der EU und der Nato trage aus russischer Sicht zur Verlängerung des Krieges bei.

Wie ausführlich Putin tatsächlich über historische Ereignisse sprach, geht aus der Kreml-Mitteilung nicht hervor. Auch der genaue Inhalt seiner Ausführungen über die mittelalterlichen slawischen Völker ist nicht öffentlich dokumentiert.

Dass Putin den russischen Angriffskrieg regelmäßig mit historischen Argumenten rechtfertigt, ist allerdings seit Jahren bekannt. Bereits in seinem Interview mit dem amerikanischen Journalisten Tucker Carlson im Februar 2024 hielt er einen langen Vortrag über die Geschichte Russlands und der Ukraine.

Erst vergangene Woche behauptete Putin erneut, Russen und Ukrainer seien ein Volk. Dabei berief er sich auf angebliche neue genetische Untersuchungen, ohne konkrete wissenschaftliche Belege vorzulegen, wie Meduza berichtete.

Mit solchen Darstellungen stellt der russische Präsident die Eigenständigkeit der ukrainischen Nation infrage. Die Ukraine weist diese Argumentation zurück und betrachtet sie als Rechtfertigung für Russlands Gebietsansprüche.

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Finnlands Präsident nennt Gespräch mit Putin „direkt und gehaltvoll“

Stubb und Støre hatten das Telefonat selbst initiiert, um vor den geplanten Friedensverhandlungen im November direkt mit Putin zu sprechen. Wie das finnische Präsidentenbüro mitteilte, erfolgte der Anruf in Absprache mit der Ukraine.

Beide Politiker wollten den russischen Präsidenten zu einer Wiederaufnahme ernsthafter Verhandlungen und zur Deeskalation bewegen.

Öffentlich beschrieb Stubb das Gespräch anschließend als „direkt und gehaltvoll“. Støre erklärte gegenüber Journalisten in Helsinki, Putin habe vor allem seine bereits bekannten Ansichten über die Entwicklung des Konflikts seit 2014 wiederholt.

Allerdings seien auch konkrete Fragen angesprochen worden, darunter die Angriffe auf Energieanlagen und die Lage im Schwarzen Meer, wie der Guardian berichtete. Støre räumte zugleich ein, dass erhebliche Meinungsverschiedenheiten bestehen blieben.

Nach dem Telefonat informierten die beiden Regierungschefs den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj über den Gesprächsverlauf.

Dieser erklärte laut einer Mitteilung seines Präsidentenbüros, Stubb und Støre hätten Putin deutlich gemacht, dass konkrete Schritte zur Deeskalation erforderlich seien, insbesondere zum Schutz der ukrainischen Energieversorgung und Infrastruktur.

Lawrow weist europäische Vermittlungsversuche zurück

Auch Russlands Außenminister Sergej Lawrow ließ wenig Bereitschaft erkennen, sich auf neue europäische Vorschläge einzulassen.

Bei einem Treffen mit afrikanischen Medienvertretern erklärte er am Dienstag, Stubb und Støre hätten offenbar nichts Neues vorgebracht. Das Gespräch zeige lediglich den Wunsch der Europäer, sich in den Verhandlungsprozess einzuschalten, sagte Lawrow laut der russischen Nachrichtenagentur Interfax.

Innerhalb Europas gibt es unterdessen Streit darüber, wer überhaupt mit Putin sprechen sollte.

Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen kritisierte die Initiative Finnlands und Norwegens. Sie sei nicht mit den anderen europäischen Staaten abgestimmt worden. Europa müsse geschlossen auftreten, statt einzelne diplomatische Vorstöße zu unternehmen, erklärte Frederiksen dem dänischen Rundfunk DR.

Auch die italienische Regierung verwies laut Financial Times darauf, dass Europa bislang keinen gemeinsamen Vertreter für mögliche direkte Gespräche mit Russland bestimmt habe.

Stubb und Støre betonten hingegen ausdrücklich, dass sie nicht im Namen Europas gesprochen hätten.

Ukraine-Verhandlungen in Abu Dhabi für November geplant

Die neuen Informationen über das Telefonat kommen kurz vor der geplanten Wiederaufnahme direkter Verhandlungen zwischen Russland, der Ukraine und den USA.

In der ersten Novemberhälfte sollen Unterhändler der drei Staaten in Abu Dhabi zusammenkommen. Dabei soll es insbesondere um Sicherheitsgarantien nach einem möglichen Ende des Krieges gehen.

Die Ukraine drängt auf eine Feuerpause als Voraussetzung für weitere Verhandlungen. Russland verlangt dagegen zunächst eine grundsätzliche Verständigung über seine Sicherheitsinteressen.

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