BERLIN. Es gab einmal Zeiten, da waren sich Renate Künast und Jürgen Trittin in herzlicher Abneigung verbunden. Zum Beispiel unlängst im Hamburger Vorwahlkampf. Da waren die beiden grünen Spitzenpolitiker auf einer Barkasse im Hamburger Hafen gemeinsam auf Stimmenfang. "Mensch Renate, pass bloß auf, dass Du nicht ausrutschst", witzelte Trittin, als seine Rivalin das schaukelnde Boot betrat. Künast aber runzelte nur mit der Stirn, schüttelte ihren Kopf und verzog sich ohne weiteren Kommentar ins hintere Teil des Bootes. Im Bundestag vor einigen Wochen war es nicht besser. Da rechnete die Fraktionsvorsitzende gerade in scharfen Tönen mit der Bundesregierung ab, die grünen Abgeordneten applaudierten, Jürgen Trittin aber saß nur regungslos da, verschränkte seine Arme vor der Brust und schaute durch das Rund der Reichstagskuppel in den Himmel.Urwahl ist vom TischRenate Künast und Jürgen Trittin: Beide sind ehrgeizig. Beide sind machtbewusst. Beide halten sich für den einzig legitimen Erben Joschka Fischers. In der Führungsriege der Öko-Partei gibt es kaum zwei andere Personen, die so wenig miteinander anfangen können wie Renate Künast und Jürgen Trittin. Doch nun haben sich die beiden zusammengerauft und ihre langjährige Rivalität hinten angestellt. In einem klärenden Gespräch kurz nach der Landtagswahl in Hessen haben sich die beiden die Macht bei den Grünen untereinander aufgeteilt: Als gleichberechtigte Spitzenkandidaten wollen sie Seite an Seite in den Bundestagswahlkampf 2009 ziehen. Am Montag soll die Lösung offiziell vorgestellt werden.In der Partei dürfte die Erleichterung über das neue Tandem groß sein. Denn der Machtanspruch der beiden hatte die Partei monatelang gelähmt. Weil keiner zurückstecken wollte, hatte der Vorstand sogar darüber nachgedacht, die Mitglieder der Grünen in einer Art Urwahl über den Spitzenkandidaten entscheiden zu lassen. Diese Pläne sind nunmehr vom Tisch. Der Vorstand hat sich vielmehr entschlossen, Künast und Trittin ein Wahlkampfteam mit weiteren grünen Spitzenpolitikern zur Seite zu stellen.Auf einem Länderrat im April und auf dem regulären Parteitag Ende des Jahres in Erfurt sollen die Pläne von der grünen Basis abgesegnet werden. Dort soll auch die Parteispitze neu gewählt werden. Die Entscheidung für das Tandem Künast-Trittin macht den Weg frei für eine erneute Kandidatur der bisherigen Vorsitzenden Claudia Roth und Reinhard Bütikofer. Roth hat sich bereits dafür entschieden. Bütikofer hält sich noch bedeckt. Es gilt aber als wahrscheinlich, dass auch er nochmal antritt, um zu verhindern, dass eine noch nicht eingearbeitete Führung den Wahlkampf organisieren muss.Mindestens das Duo Künast-Trittin dürfte dabei unumstritten sein. "Das ist eine sehr gute Lösung", meint etwa Bärbel Höhn, die stellvertretende Fraktionschefin im Bundestag. Den Grünen bleibe mit der Doppelspitze eine Machtprobe erspart, die beiden wichtigsten Parteiflügel seien so eingebunden. Künast gilt dabei als Realpolitikerin, die auch Bündnissen mit der CDU gegenüber aufgeschlossen ist. Trittin ist der prominenteste Vertreter der Parteilinken, die sich eine Annäherung der Grünen an die Linkspartei wünschen. "Künast und Trittin sind einer breiten Bevölkerung gut bekannt und können gut mobilisieren", lobt auch Arndt Klocke, der Vorsitzende des mächtigen nordrhein-westfälischen Landesverbandes. "Und beide ergänzen sich gut in ihren Stärken und Schwächen."Schwächen gleichen sich ausDabei gilt Künast als die kommunikativere Politikerin, die auch breite Bevölkerungsschichten anspricht und grüne Themen popularisieren kann. Allerdings ist sie eher eine schwache Wahlkämpferin. Trittin dagegen ist der Favorit der Parteibasis. Er füllt die Hallen und kann glänzende Reden halten. Auch hat er ein ausgeprägtes taktisches Gespür. Für viele bürgerliche Wählerschichten ist er wegen seiner linken Vergangenheit und seinem polarisierenden Wesen allerdings wie ein rotes Tuch. Gemeinsam, so hofft man in der Partei, kommen diese Schwächen weniger zum Tragen.Bleibt also nur noch die Frage, ob die beiden grünen Protagonisten ihren Ehrgeiz im Zaum und ihre Animositäten im Griff behalten. Nichts wäre schlimmer als eine Doppelspitze, die sich im Wahlkampf bei jeder Gelegenheit vom politischen Gegner auseinander dividieren lässt. "Ich sehe das ganz pragmatisch", sagt eine grüne Spitzenfrau. "Die beiden machen zusammen eine Pressekonferenz zum Auftakt und eine Kundgebung zum Schluss. Dazwischen geht jeder seine eigenen Wege und fühlt sich als der wahre Nachfolger Joschkas."------------------------------Grüne Minister im WartestandRenate Künast, 52, war von 2001 bis 2005 im rot-grünen Kabinett Verbraucherschutzministerin. Der Kampf gegen die Rinderseuche BSE und die Agrarlobby machte sie populär. Die gelernte Juristin kommt aus der Berliner Landespolitik. Seit dem Machtverlust der Grünen in Bund steht sie an der Spitze der Bundestagsfraktion.Jürgen Trittin, 53, hatte sieben Jahre lang das Amt des Bundesumweltministers inne. Der Sozialwissenschaftler gilt als Architekt des Atomausstiegs und als Wegbereiter der erneuerbaren Energien in Deutschland. Mittlerweile kümmert sich der Niedersachse als stellvertretender Fraktionschef im Bundestag um die Außenpolitik.------------------------------Foto: Renate Künast und Jürgen Trittin kochen jetzt wieder, wie hier im Jahr 2002, das grüne Süppchen gemeinsam - und sie müssen es dann auch auslöffeln.
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