Haushalte von Menschen im Ruhestand verfügen in West- und Ostdeutschland inzwischen über fast gleich hohe Einkommen. Im Westen liegt das mittlere Haushaltsnettoeinkommen bei 2350 Euro im Monat, im Osten bei 2270 Euro. Das geht aus neuen Daten des Statistischen Bundesamtes (Destatis) hervor.
Beim Wohneigentum klafft jedoch weiterhin eine große Lücke: Während 61 Prozent der westdeutschen Ruheständler in den eigenen vier Wänden leben, sind es im Osten nur 44 Prozent. Dort wohnt mit 56 Prozent die Mehrheit der Ruheständler zur Miete. Die geringe Einkommensdifferenz bildet die tatsächlichen Lebensverhältnisse daher nur unvollständig ab, warnen mehrere Ökonomen und Altersforscher gegenüber der Berliner Zeitung.
Selbst genutzte Immobilien werden von der Behörde nicht als Einkommen erfasst, obwohl Eigentümer keine Miete zahlen müssen und im Alter häufig über einen erheblichen Vermögenswert verfügen. Eine Berechnung nach Abzug der Wohnkosten könnte deshalb auch den Ost-West-Vergleich beim Armutsrisiko deutlich verändern.
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Eigentumsvorteil wird in der Armutsquote nicht erfasst
Markus Grabka, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Experte für Einkommens- und Vermögensverteilung am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), bewertet die Entwicklung der Einkommen dennoch zunächst als Erfolg. Es sei „ausgesprochen positiv zu werten, dass sich der Einkommensabstand im Median inzwischen auf nur noch 80 Euro reduziert hat“. Für ihn sei das Ergebnis sogar etwas überraschend gewesen.
Das Einkommen sei allerdings nur eine Seite der wirtschaftlichen Lage. Hinzu komme das private Vermögen, dessen wichtigste Komponente in Ost und West weiterhin der Immobilienbesitz sei. Die erheblich niedrigere Eigentumsquote älterer Ostdeutscher führt Grabka vor allem auf die DDR-Zeit zurück. Nach der Wiedervereinigung hätten hohe Arbeitslosigkeit und niedrigere Löhne den Vermögensaufbau zusätzlich erschwert. Viele der heute erfassten Ruheständler seien bereits 80 oder 90 Jahre alt und damit noch stark durch die Bedingungen in der DDR geprägt.
Auch bei der Armutsgefährdungsquote sieht Grabka eine statistische Leerstelle. International sei es üblich, den Einkommensvorteil selbst genutzter Immobilien – die sogenannten „imputed rents“ – zu berücksichtigen. Das DIW beziehe diese fiktiv ersparte Miete seit Jahren in seine Einkommensanalysen ein. „Denn natürlich kann ich mir als Eigentümer die Miete sparen – abzüglich der Finanzierungskosten und auch der Kosten für Instandhaltung und so weiter“, erklärt Grabka. Es bleibe trotzdem ein nennenswerter Einkommensvorteil.
Würde die Armutsgefährdungsquote alternativ nach Abzug der Wohnkosten berechnet, stünde der Westen laut Grabka zumindest am unteren Rand der Einkommensverteilung etwas besser da. Die Vermögensunterschiede verschwänden zudem wesentlich langsamer. „Die gehen nicht so schnell vorüber, wie sich das bei den Einkommen immer mehr andeutet“, so der DIW-Experte.
Aus Sicht des DIW-Experten Markus Grabka zeigt sich die Vermögenslücke zwischen Ost und West vor allem beim Wohneigentum.
© Hauke-Christian Dittrich/dpa
Mietern bleibt im Ruhestand weniger Geld
Welche Folgen das im Alltag hat, untersucht Laura Romeu Gordo, kommissarische Leiterin des Bereichs Forschung und stellvertretende Institutsleiterin beim Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA). Die ähnlichen Einkommen gäben zunächst nur begrenzt Auskunft über Unterschiede beim Lebensstandard, sagt sie der Berliner Zeitung. Entscheidend sei auch, welcher Anteil davon für das Wohnen aufgewendet werden müsse.
Studien des DZA zeigen demnach, dass die Wohnkostenbelastung von Eigentümern im Rentenalter durchschnittlich niedriger ist als die von Mietern. Von diesem Vorteil profitiere im Westen wegen der höheren Eigentumsquote ein größerer Teil der Ruheständler. „Bei gleichem Einkommen bleibt Eigentümern damit im Durchschnitt mehr Geld für andere Ausgaben des täglichen Lebens“, sagt Romeu Gordo.
Die herkömmliche Armutsgefährdungsquote berücksichtigt nach ihren Angaben weder die ersparte Miete von Eigentümern noch die tatsächlichen Wohnkosten. Berechne man das Armutsrisiko anhand des Einkommens, das nach diesen Kosten verbleibt, steige die Quote insgesamt – bei Mietern aber deutlich stärker als bei Eigentümern. „Da der Anteil der Mieter in Ostdeutschland höher ist als in Westdeutschland, würde eine solche wohnkostenbereinigte Betrachtung die Armutsgefährdungsquote im Osten stärker erhöhen.“
Steigende Mieten und Nebenkosten können zudem den Spielraum für soziale und kulturelle Teilhabe einschränken. Langjährige Mietverträge schützen ältere Menschen zwar teilweise vor starken Erhöhungen. Sie können aber auch zum Hindernis werden, wenn im Alter eine barriereärmere Wohnung benötigt wird: Ein Umzug geht häufig mit einer deutlich höheren Miete einher – und ist deshalb oft finanziell kaum zu bewältigen. Wohnkosten beeinflussten somit auch, „ob ältere Menschen ihre Wohnsituation an veränderte Bedürfnisse anpassen können“, betont Romeu Gordo.
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ifo-Ökonom hält Ost-West-Vergleich für irreführend
Joachim Ragnitz hält allerdings schon die Ausgangsdaten des Statistischen Bundesamts nur eingeschränkt für belastbar. Die Pressemitteilung sei aus seiner Sicht in mehreren Punkten irreführend, erklärt der stellvertretende Leiter der ifo-Niederlassung Dresden auf Anfrage. Weitergehende Interpretationen ließen sich daraus deshalb kaum ableiten.
So unterscheide die Behörde beim Einkommen nicht zwischen den Haushaltstypen. Ostdeutsche Paarhaushalte dürften laut Ragnitz besser dastehen als westdeutsche, weil die Erwerbsbeteiligung der heutigen Rentnerinnen während ihres Berufslebens höher gewesen sei. Ähnliches gelte für alleinstehende Frauen, bei denen es sich häufig um Witwen handele.
Zudem blieben regionale Unterschiede bei Mieten und anderen Lebenshaltungskosten unberücksichtigt. „Besonders teuer ist Berlin – somit sind die Rentner hier nominal vielleicht besonders reich, real aber besonders arm; für ländlich geprägte Regionen gilt das Umgekehrte“, sagt Ragnitz. Das Statistische Bundesamt messe die Armutsgefährdung außerdem am bundesweiten Medianeinkommen, obwohl ein Vergleich mit dem jeweiligen Landesmedian aus seiner Sicht aussagekräftiger wäre.
Auch die Einbeziehung Berlins drückt die für Ostdeutschland ausgewiesene Eigentumsquote. Knapp ein Viertel der ostdeutschen Bevölkerung lebt laut Ragnitz in der Hauptstadt, wo jedoch lediglich 16 Prozent aller Haushalte Wohneigentum besitzen. In den ostdeutschen Flächenländern liege der Anteil dagegen bei 40 Prozent. Über sämtliche Altersgruppen hinweg betrage die Eigentumsquote im Osten 34 und im Westen 44 Prozent. Bei den Ruheständlern falle der Ost-West-Abstand mit 17 Prozentpunkten noch deutlich größer aus.
Berlin erschwert aus Sicht des ifo-Ökonomen Joachim Ragnitz den Ost-West-Vergleich: Die Wohnkosten sind hoch, die Eigentumsquote liegt bei nur 16 Prozent.
© Monika Skolimowska/dpa
Ost-West-Vermögenslücke dürfte noch lange bleiben
Oliver Holtemöller warnt dennoch davor, Einkommen und Vermögen miteinander zu vermischen. „Das ist keine Täuschung“, sagt der Vizepräsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) über die geringe Einkommensdifferenz. Es handele sich um zwei verschiedene ökonomische Größen, die allerdings nicht völlig unabhängig voneinander seien.
Entscheidend sei zudem, dass das Statistische Bundesamt den Median und nicht den Mittelwert ausweise. Beim durchschnittlichen Einkommen dürfte die Differenz zwischen Ost und West größer ausfallen. Auch die nahezu identischen Armutsgefährdungsquoten von 18,5 Prozent im Osten und 19 Prozent im Westen hält Holtemöller nur für begrenzt belastbar: „Die Armutsgefährdungsquote ist ohnehin ein problematisches Maß. Daraus lassen sich grundsätzlich keine weitreichenden politischen Schlüsse ziehen.“
Dass die Unterschiede bald verschwinden, erwartet der IWH-Ökonom nicht. „Ein schnelles Schließen der Lücke ist nicht zu erwarten.“ Bei den Markteinkommen sei keine räumliche Angleichung zu beobachten. Das betreffe nicht nur Ost und West, sondern ebenso Unterschiede zwischen Stadt und Land sowie zwischen Nord- und Süddeutschland.
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Über die politischen Konsequenzen gehen die Einschätzungen auseinander. Grabka verweist darauf, dass Ostdeutsche von früheren bundesweiten Programmen wie der Eigenheimzulage überproportional profitiert hätten. Absolute Förderbeträge hätten wegen der niedrigeren Immobilienpreise im Osten einen größeren Teil der Kosten abgedeckt. Eine Neuauflage könne die Eigentumsquoten einander wieder annähern.
Romeu Gordo empfiehlt dagegen, weniger auf einen pauschalen Ausgleich zwischen Ost und West und stärker auf die Ungleichheit zwischen Haushalten mit und ohne Wohneigentum zu zielen. Ragnitz lehnt einen staatlichen Ausgleich der historisch entstandenen Vermögenslücke grundsätzlich ab: „Die Politik sollte gar nicht erst auf die Idee kommen, das ändern zu wollen – denn das würde ja im Ergebnis bedeuten, dass man ‚den Westdeutschen‘ Geld wegnehmen müsste, um es ‚den Ostdeutschen‘ zu schenken.“
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