Hurra, Sachsen ist wieder Bildungsmeister! Jedenfalls hat das das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln bei einem Leistungsvergleich der Bildungssysteme aller 16 Bundesländer ermittelt. Sachsen ist mit 62,9 Punkten erneut Spitze. Der Durchschnitt der deutschen Länder liegt bei 46,2 Punkten.
Doch wie passt das zusammen? In der kürzlich veröffentlichten Pisa-Studie schnitten Deutschlands Schüler so schlecht ab wie noch nie. Ist Sachsen also eine Insel der gebildeten Glücksseeligen? Wohl kaum.
Als Mutter zweier Kinder, die in den letzten 15 Jahren beide den sächsischen Bildungsweg gegangen sind, haben wir Episoden im Schulalltag erlebt, die so gar nicht preisverdächtig waren. Vor allem während der Pandemie. Unterrichtsausfall, keine zeitlichen Möglichkeiten, den Stoff nachzuholen, Polylux-Projektor statt Laptop, Lernen mit der sächsischen Schulplattform Lernsax, sage ich da nur.
Sachsens Schulen: Statt Meisterfeier eher Dauerbaustelle
Sachsens Lehrpläne sind über 20 Jahre alt, verriet Kultusminister Conrad Clemens (CDU) letztens am Rande eines Pressetermins. Deswegen wolle man dieses Jahr noch eine Schulgesetzänderung vorstellen, die „eine moderne, datengestützte Schulentwicklung, kompetenzorientiertes Lernen, vernetzten Unterricht und mehr Medienbildung“ zum Ziel habe, so Clemens. Elf Milliarden Euro will der Freistaat in den kommenden zwei Jahren für Bildung ausgeben. Viel Geld, aber es reicht nicht.
Sachsens Lehrpläne müssen aktualisiert werden. Dringend! Weg vom Auswendiglernen und reinen Fakten-Abfragen, hin zum fächerübergreifenden Unterricht, in dem Wissen im gesellschaftlichen Kontext vermittelt wird. Von digitalen Lernmitteln – die in anderen Ländern die Norm und nicht die Ausnahme sind – bis zum anhaltenden Unterrichtsausfall, hat Sachsen in meinen Augen noch viel „nachzusitzen“.
Denn während sich der Minister über Platz eins freut, sieht die Realität in den Schulen weniger nach „Meisterfeier“ als nach Dauerbaustelle aus. Neben erwähntem Unterrichtsausfall fahren vom Kultusministerium abgeordnete Lehrer quer durch den Freistaat und unterrichten teilweise Fächer, für die sie gar nicht ausgebildet sind. An manchen Schulen, vor allem im ländlichen Bereich, ist der Unterrichtsausfall im Vergleich zur Jahresstundenzahl längst im zweistelligen Prozent-Bereich angekommen.
Aber egal. Sachsen ist Erster.
Arbeitgeber: „Maßstab bleibt der internationale Vergleich“
Hier lohnt sich vertiefendes Lernen, um mal im Bild zu bleiben: Der Bildungsmonitor wird vom Institut der deutschen Wirtschaft im Auftrag der von Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektroindustrie finanzierten INSM erstellt. Er bewertet die Bildungssysteme der Länder unter anderem danach, welchen Beitrag sie zur Fachkräftesicherung und zum wirtschaftlichen Wachstum leisten.
„Wer Bildung vor allem danach bewertet, hat einen zu engen Bildungsbegriff. Gute Bildung bedeutet mehr als wirtschaftliche Verwertbarkeit. Sie braucht Zeit für individuelle Förderung, multiprofessionelle Zusammenarbeit und stabile Beziehungen zwischen Lehrkräften und Lernenden“, so Sachsens GEW-Chef Burkhard Naumann.
Auch der Bildungsmonitor selbst zeigt Widersprüche: Sachsen belegte bereits im vergangenen Jahr Platz eins, gleichzeitig stellte die Studie Verschlechterungen bei Schulqualität, Bildungsarmut sowie Bildungsgerechtigkeit und Integration fest. Bei der Betreuungsrelation in Kitas lag Sachsen bundesweit auf dem vorletzten Platz.
„Die Bildungsprobleme in Deutschland sind längst sichtbar. Sachsen ist da nur der Einäugige unter den Blinden. Jetzt braucht es keine weiteren Rankings, sondern politische Konsequenzen“, so Naumann und fordert höhere Investitionen.
Sachsen bleibt Spitzenreiter im Bildungsvergleich der Länder
Pisa beweist, wovor die Wirtschaft seit Jahren warnt: Schulabgänger werden immer dümmer
Und selbst die Wirtschaft mahnt zurecht vor zu viel Selbstgefälligkeit: „Unser eigentlicher Maßstab bleibt der internationale Vergleich. Und hier geben die aktuellen PISA-Ergebnisse erheblichen Anlass zur Sorge. Deutschland erreicht in zentralen Kompetenzbereichen nur noch internationales Mittelmaß. Zugleich sinkt der Anteil besonders leistungsstarker Schüler. Gerade auf diese sind unsere Unternehmen angewiesen, um Innovationen voranzutreiben und im internationalen Wettbewerb zu bestehen“, sagt Arbeitgeberpräsident Jörg Brückner von der Vereinigung der sächsischen Wirtschaft e.V.
Auch beim Bildungsmonitor: Schlechter als früher
Auch das geht im Jubel um Platz eins schnell mal unter: Sachsen ist heute beim Bildungsmonitor nicht besser als vor zehn Jahren. Im Gegenteil: Der aktuelle Wert liegt 4,3 Punkte unter dem Vergleichswert von 2013. Und neun Prozent der Jugendlichen verlassen in Sachsen die Schule ohne Abschluss – im Bundesdurchschnitt sind es 7,8 Prozent.
Natürlich hat Sachsen starke Seiten: Die Neuntklässler erreichen bundesweit die höchsten Kompetenzen in Mathematik und Naturwissenschaften. Und natürlich sollte man das anerkennen – vor allem die Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer, die das trotz schwieriger Bedingungen ermöglichen.
Nur sollte sich die Politik davor hüten, die Leistung der Pädagogen mit der Leistung des Systems zu verwechseln. Vielleicht ist es gutes Krisenmanagement mit viel persönlichem Engagement, um ein System am Laufen zu halten?
Als ich einen Direktor einer sächsischen Schule auf die Erfolgsmeldung des Bildungsmonitors ansprach und seine Innensicht der Dinge hören wollte, fragte er: „Ehrlich? Ich weiß nicht, wo die Qualität herkommt, mit der man sich brüstet. Und ich möchte mir nicht vorstellen, wie es dann in den anderen Bundesländern aussieht.“ Er kämpfe um Schulassistentenstellen, fühlt sich als Nachhilfesystem für migrantische Schüler, die jetzt nicht mehr in zwei, sondern schon in einem Jahr die deutsche Sprache so gut beherrschen sollen, dass sie dem deutschen Lehrstoff folgen können. Das bedeute für Lehrer und Schüler erheblichen Druck und Belastung und mache den Unterricht für die ganze Klasse nicht besser.
Für ihn habe Platz eins im Bildungssystem zu sein einen hohen Preis: „Es ist ein elitäres System, was auch seine Lobby hat. Kinder und Jugendliche sind für Politik und Verwaltung nur Nummern“, so seine harte Einschätzung.
Lehrer sollen keine Beamten mehr sein: CDU-Minister verlangt radikalen Kurswechsel
Pisa-Schock: Deutschlands Schüler können immer weniger – was heißt das für Berlin?
Bildung ist eine Frage des Geldbeutels und des Einkommens der Eltern – mehr denn je. Das hebt auch der Studienleiter der aktuellen Pisa-Studie hervor: Lernerfolg hängt in Deutschland stark vom sozialen Hintergrund ab.
Lars Wurzler: „Vom Wiegen wird die Sau nicht fetter“
Zweisprachigkeit und Top-Lehrkräfte wie an Internationalen Schulen, kleinere Klassen, wenig Unterrichtsausfall, spezielle Förderung von musikalischen oder auch tänzerischen Begabungen – das kostet alles Geld. Das können normale Oberschulen oder Gymnasien gar nicht leisten. Hier kann nur der private Geldbeutel aushelfen, um seinem Kind die besten Chancen zu geben.
In den Reaktionen vieler Parteien auf Sachsens Spitzenplatz wurden gleiche Aufstiegschancen für alle Kinder angemahnt. Lars Wurzler, bildungspolitischer Sprecher der BSW-Fraktion im sächsischen Landtag, bringt es auf den Punkt: „Wir sollten uns davor hüten, Bildung nur danach zu beurteilen, welchen Platz ein Bundesland in einer Tabelle erreicht. Entscheidend ist, was im Alltag an den Schulen passiert. Ein gutes Ranking ist schön, aber wir alle wissen: Vom Wiegen wird die Sau nicht fetter.“
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]