Eine VW-Werksschließung war bei Volkswagen jahrzehntelang undenkbar. Doch seit Wochen steht sie nun im Raum – und mit ihr die Existenz zehntausender Beschäftigter. Vier Standorte sind dafür immer wieder im Gespräch: Hannover, Emden, Neckarsulm und Zwickau in Sachsen - letztere mit über 8000 Beschäftigten. Weltweit sind bis zu 100.000 Arbeitsplätze in Gefahr.
Konzernchef Oliver Blume blieb auch bei der Vorstellung der neusten Quartalszahlen am Freitag bei seinem harten Sparkurs. Er wolle ihn noch in diesem Jahr durchsetzen und spricht vom „umfassendsten und tiefgreifendsten Transformationspaket“, das der Konzern je aufgesetzt habe. Auch in Zwickau hofft man weiter, schließlich sei das keine alleinige Entscheidung des Vorstandsvorsitzenden, sondern müsse auch vom Aufsichtsrat mitgetragen werden.
Zwickau erfüllt Zahlen
„Fakt ist, Wir erfüllen die uns 2024 gesteckten Ziele. Wir sind bei den Kosten und Sanierungszielen auf Kurs. Wir haben unsere Produktivität um über 20 Prozent gesteigert“, so ein Konzernsprecher von VW in Sachsen. Man sei auch zuversichtlich, diese Sparziele 2026 zu erreichen.
Ob das reicht, darf bezweifelt werden, da die Spekulationen zu Werksschließungen nicht abebben. Der VW-Sprecher wollte entsprechende Medienberichte dazu jedoch nicht kommentieren.
Die Notwendigkeit weiterer Einsparungen benannte VW-Chef Blume selbst: Im zweiten Quartal fielen die Auslieferungen konzernweit um fast 9 Prozent auf 2,08 Millionen Fahrzeuge. Insbesondere im wichtigen Markt China steht der Konzern erheblich unter Druck: In der Volksrepublik sackten die Verkäufe um mehr als ein Drittel auf 424.300 Fahrzeuge ab.
VW verdiene mit seinen Autos schlicht zu wenig Geld, die Gewinne sinken. Auch der Umsatz schrumpfte in den ersten drei Monaten des Jahres um 2,5 Prozent. Die operative Umsatzrendite lag damit noch bei 3,3 Prozent. Bis Jahresende sollen es eigentlich mindestens 4 Prozent sein, 2030 dann mindestens 8 Prozent. Das Ziel hatte VW erst Anfang des Jahres zurückgenommen, zuvor waren mindestens 9 Prozent angepeilt worden.
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Aufsichtsrat lehnt Sparpläne ab
Es muss also gehandelt werden. Doch das Wie und Wo stößt auf massiven Widerstand: Der Aufsichtsrat lehnte die Pläne einem Bericht zufolge klar ab, der Betriebsrat wirft Blume einen „enormen Vertrauensverlust“ vor.
Besonders brisant ist die Lage in Zwickau. Der sächsische Standort produziert seit Juni 2020 ausschließlich Elektrofahrzeuge. Damit hat das Werk eine besondere Bedeutung für die gesamte Elektrostrategie des Konzerns. Am Fortbestand seiner Produktion hängen zudem zehntausende Zulieferjobs in der Region.
Blume selbst bezeichnet Werksschließungen bislang nur als letzte Option. Für die betroffenen Werke gebe es derzeit keine „wettbewerbsfähige Belegung“ für die 2030er-Jahre. Doch: „Es gibt intelligentere Lösungen, als Werke zu schließen.“
Die Zahlen sind gewaltig – und umstritten. Laut Manager Magazin könnte VW in den kommenden Jahren bis zu 100.000 der derzeit rund 657.000 Arbeitsplätze streichen. Das wäre eine Verdopplung des bisherigen Abbauziels von 50.000 Stellen bis 2030.
Wie viele Stellen bei VW wegfallen könnten
Blume selbst relativiert. Die zusätzlich genannten 50.000 Stellen seien „zunächst erstmal theoretisch“ – eine rechnerische Größe, die sich aus den angestrebten Kostensenkungen ergebe. Konkrete Details gebe es noch nicht. Man ermittle derzeit über Marken, Gesellschaften und Regionen, welche Anpassungen nötig und möglich seien.
Bereits 2024 hatte VW den Abbau von 50.000 Stellen in Deutschland vereinbart – 35.000 davon bei der Kernmarke. Mehr als 37.000 Beschäftigte haben entsprechende Vereinbarungen bereits unterschrieben. Betriebsbedingte Kündigungen sind bis 2030 ausgeschlossen, der Abbau läuft über Altersteilzeit und Abfindungen.
Der Konzernbetriebsrat kritisiert die Kommunikation des Vorstandschefs scharf. Blume habe sich nicht direkt gegenüber der Belegschaft erklärt, seine Zitate in der Presse brächten „keinerlei Klarheit“ und machten „alles nur noch schlimmer“.
Besonders belastet seien die mehr als 40.000 Beschäftigten an fünf seit Wochen genannten Standorten – Emden, Hannover, Neckarsulm, Osnabrück und Zwickau. Deren „früher oder später drohendes Aus“ bestimme die Berichterstattung, ohne dass es offizielle Angaben des Unternehmens gebe.
Warum der Betriebsrat gegen Blume rebelliert
Betriebsratschefin Daniela Cavallo hatte bereits ein Ultimatum gestellt und nach der jüngsten Aufsichtsratssitzung erklärt: „Es reicht! Das Fass ist zum Überlaufen gekommen“. Der Umgang des Vorstands mit der Belegschaft sei „an Respektlosigkeit nicht mehr zu überbieten“.
Im Kontrollgremium ist Blume auf Widerstand gestoßen. Arbeitnehmervertreter und das an VW beteiligte Land Niedersachsen stemmen sich gegen die Pläne. Beide zusammen stellen derzeit 12 der 19 Mitglieder.
Im September solle es aber eine weitere Sitzung dazu geben, kündigte Blume an. „Und ich bin auch fest davon überzeugt, da dieses Paket so groß ist, wird es auch noch weitere Sitzungen in diesem Jahr dazu geben“, so Blume. „Jetzt geht es erst mal um den großen Rahmen, den wir dort vereinbaren.“ Er zeigte sich aber zuversichtlich, dass dies bis Jahresende gelingen werde. „Da gehe ich schon fest davon aus, dass wir das in diesem Jahr machen müssen.“
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