Schweigt und schweigt

Erich Böhme
4 Min

Erinnern Sie sich noch an den großen schwarzen Konzertflügel in Ihrer Schulaula oder Turnhalle: Stumm, aber dominant? An dieses Bild muß ich immer denken, wenn mir gestandene Christdemokraten von ihrem Eindruck erzählen, den ihr ehemaliger Bundeskanzler heute auf sie macht. Er ist immer präsent, immer vorndran. Bei der Regierungserklärung seines Nachfolgers drängte sich Helmut Kohl ungebeten in die erste Bankreihe der Union im Bundestag, obwohl die CDU/CSU nach ihrer verheerenden Wahlniederlage am 27. September 1998 dort nur noch über vier Sitze verfügt, die für den Fraktionsvorsitzenden, den Chef der CSU-Landesgruppe und zwei Stellvertreter reserviert sind. Erst dem hinzueilenden Duzfreund Theo Waigel gelang es, den störrischen Riesen ins zweite Glied zu zerren, wo übrigens auch kein Platz für ihn reserviert ist. Und in der Christenfraktion nimmt der meist dunkel gewandete Ex in der ersten Reihe Platz in unübersehbarer Sichtweite seines einstigen Zöglings Wolfgang Schäuble so als sei der untergegangene Regierungschef und Christenführer als Komtur wiedererstanden.Aber der schwarze Komtur sagt kein einziges Wort. Was auch immer die Christenfraktion zu verhackstücken hat, Helmut Kohl bleibt in eisiges Schweigen gehüllt, meist mit umdüsterter Miene, manchmal entringt sich ihm ein mokantes Lächeln. Doch jedes Mal durchzuckt es den Nachfolger. So als ob er im Examen schwitze und an der Miene des Examinators ablesen müsse, ob er seine Schulaufgaben zufriedenstellend gelöst habe oder auch nicht.Strauß-Enkel gegen Kohl-ErbenMeistens nicht, denn die Union hat ihre ersten hundert Tage nicht mit Befriedigend bestanden. Sie verharrt im Tal der Tränen und weiß sich nicht zu helfen. Geht s um die Beseitigung der vererbten Arbeitslosigkeit, so verharren Schäuble und die Seinen geduckt unter den Blicken Kohls und dem Diktum der unheiligen drei Wirtschaftskönige Henkel, Hundt und Stihl, obwohl der Fraktionsvorsitzende in der Zwischenzeit längst kapiert hat, daß der Befehl der drei und seine strikte Befolgung der Union bei der Wahl das Genick gebrochen hatte.Bei der doppelten Staatsbürgerschaft indessen hat Schäuble derart überkompensiert, daß jeder halbwegs vorgebildete Psychologe sofort auf die Suche nach den Ursachen geht. Er braucht nicht lange zu schürfen: das Epizentrum des Bebens liegt in der bayerischen Metropole. Dort hat sich einer aufgemacht, den armen Schäuble das Fürchten zu lehren. Edmund Stoiber, der souveräne Sieger der bayerischen Landtagswahl vierzehn Tage vor dem bundesweiten CDU/CSU-Debakel, marschiert. Gestützt auf eine offensichtlich erfolgreiche Landespolitik, seinen Siegeszug in der eigenen Partei und den Abgang des bonnhörigen Waigel, treibt der Strauß-Enkel den unglücklichen Kohl-Erben mit konservativen bis reaktionären Knüppelhieben vor sich her. Wenn Schäuble sich nicht rege, so ließ er verlauten, werde Bayern allein gegen die auf der Rechten verschrieene doppelte Staatsbürgerschaft vorgehen. Von Kohl verlassen und von Stoiber getrieben, floh der so Gescholtene in die unglückselige Unterschriftenaktion der Union, mit der in Deutschlands politischer Mitte kein Blumentopf zu gewinnen ist, auf der Linken schon gar nicht. Zwischen Scylla und Charybdis rollt der Oppositionsführer auf seine erste schwere Niederlage los, von der er sich so schnell nicht erholen wird schon gar nicht vor der Hessenwahl am 7. Februar, von der eigentlich Signale für einen Wiederaufstieg der Union ausgehen sollten.Der vorerst kaltgestellte Rivale Volker Rühe flüchtet Hals über Kopf nach Schleswig-Holstein, und Stoiber ist auf dem Marsch nach Bonn. Unbehelligt hat er seinen Meisterplan durchgepaukt, Schäuble in die Unterschriftenaktion gepreßt, ohne selber ins Obligo gehen zu müssen. So hat er sich zum künftigen Kanzlerkandidaten promoviert. Ähnlich caesarengleich wie einst Franz Josef Strauß am Kanzlerkandidaten Albrecht vorbeigezogen war, den Kohl vergeblich vorzuschieben versucht hatte, weil er sich 1980 selber noch nicht stark genug fühlte. In der Bundestagswahl war Strauß dann allerdings an seiner eigenen Kraft gescheitert und an dem Umstand, daß es die Bayern im Bund besonders schwer haben. Heute haben sie es noch schwerer, seitdem der deutsche Osten ein Wörtlein mitzureden hat.Und Kohl schweigt.

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