Es ist ein kurzer Moment des Schluckens an diesem Sonntagabend in der Schweriner Orangerie. Nach den ersten ARD-Hochrechnungen kommt die SPD auf 35,5 Prozent – und die AfD auf 37,3 Prozent. Dann aber bricht tosender Applaus aus, der sich zum Sprechchor steigert, als Manuela Schwesig die Bühne betritt: „Manu, Manu“.
„Was für eine Aufholjagd“, ruft die Ministerpräsidentin in den Saal. Noch vor Kurzem habe das niemand für möglich gehalten. Ihre zentrale Botschaft an diesem Abend: „Die AfD hat ihr Ziel nicht erreicht, allein regieren zu können.“ Dank gilt den Genossinnen und Genossen, den Unterstützern, den Wahlkämpfern: „Ich bin nur die Frau für MV und die Frau gegen blau, weil es euch gibt. Ihr habt mir vertraut. Danke, dass ihr in diesen schweren Zeiten mit mir gekämpft habt. Weil es um unsere Werte geht. Dafür von Herzen Dankeschön!“
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Knapp gescheitert an Platz eins
Die Zahlen der beiden Institute liegen eng beieinander: Infratest dimap (ARD) sieht die AfD bei 37,0 Prozent und die SPD bei 35,5 Prozent. Die AfD von Ministerpräsidentenkandidat Leif-Erik Holm hat ihr Ergebnis damit mehr als verdoppelt (2021: 16,7 Prozent) – zum Regieren fehlt ihr jedoch ein Partner, weil keine Partei mit ihr koalieren will. Dass die SPD nur wenig unter ihrem Ergebnis von 2021 (39,6 Prozent) bleibt, gilt angesichts der bundesweiten Schwäche der Partei als großer Erfolg. Die Wahlbeteiligung liegt nach ARD-Prognose bei 79 Prozent.
Der Preis des Abends: die Kleinen
Der Jubel überdeckt das eigentliche Problem der Nacht. Die CDU stürzt auf 5 bis 5,5 Prozent ab, die Linke bleibt mit 7,5 Prozent unter den Erwartungen, die Grünen rutschen auf 5,5 Prozent, die FDP fliegt mit rund einem Prozent aus dem Landtag, das erstmals angetretene BSW muss mit Prognosen zwischen 4,8 und 5 Prozent bangen. Jeder Zehntelpunkt an der Sperrklausel verschiebt die Mehrheiten im Schweriner Schloss.
Die Koalitionsarithmetik
Für eine Zweiermehrheit dürfte es der bisherigen rot-roten Koalition nach beiden Prognosen nicht mehr reichen. Wahrscheinlichstes Szenario ist damit Rot-Rot-Grün – sofern die Grünen den Einzug schaffen. Scheitern sie, könnte Schwesig ausgerechnet die schwer angeschlagene CDU als Stütze brauchen. Eine rot-rote Minderheitsregierung hält Politikwissenschaftler Wolfgang Muno für sehr unwahrscheinlich, da die CDU eine Tolerierung nicht mittragen würde. Der Zeitdruck ist erheblich: Der neue Landtag muss binnen 30 Tagen zusammentreten, danach bleiben 28 Tage für die Regierungsbildung.
Nur knapp über fünf Prozent: Der Abend, an dem die CDU aus dem Osten zu fallen droht
In der Orangerie interessiert das um 18.30 Uhr niemanden. Gefeiert wird ein Wahlkampf, der ganz auf eine Person zugeschnitten war – und der die sogenannte Brandmauer im Nordosten wohl erstmal aufrecht gehalten hat.
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