Energiemärkte

Spritpreise auf Rekordhoch: Warum Benzin, Diesel, Gas und Heizöl jetzt so teuer werden

Rekordpreise für Sprit, Heizöl und Gas belasten Haushalte. Warum der Krieg im Iran die Inflation antreibt – und was die Politik versäumt. Eine Analyse.

8 Min
Steigende Energiepreise belasten nicht nur Autofahrer, sondern alle Haushalte.

Steigende Energiepreise belasten nicht nur Autofahrer, sondern alle Haushalte.

© imago stock&people

Man muss den Zustand der Republik derzeit nicht in Statistiken suchen. Es reicht die Zapfsäule. Am Sonntag kostete ein Liter Super E10 im bundesweiten Tagesdurchschnitt 2,273 Euro – ein Allzeithoch, wie der ADAC anmerkte. Diesel lag bei 2,404 Euro und damit nur noch 4,3 Cent unter seinem Rekord vom April.

Im Wochenvergleich des ADAC verteuerte sich E10 um 7,6 Cent, Diesel um fast neun Cent. Am 30. August war E10 noch gut zwölf Cent, Diesel gut 20 Cent billiger. Das sind keine Marktschwankungen mehr, das ist ein Absturz der Kaufkraft im Zeitraffer.

Iran-Krieg und Straße von Hormus treiben den Ölpreis

Der Auslöser liegt 4000 Kilometer entfernt. Seit Beginn der völkerrechtswidrigen US-israelischen Angriffe auf den Iran Ende Februar 2026 ist die Straße von Hormus blockiert. Erdöl der Standardmarke Brent stieg von 70 auf über 100 US-Dollar je Barrel.

Ein für Montag in Salalah geplantes Treffen, bei dem Iran und Oman offenbar eine Vereinbarung zur Meerenge präsentieren wollten, wurde verschoben. Zusätzlich musste Saudi-Arabien nach Drohnenangriffen eine wichtige Pipeline abschalten. Der Ölpreis lief von rund 100 US-Dollar am 8. September auf rund 107 US-Dollar am 14. September.

Heizöl und Gas werden ebenfalls deutlich teurer

Und das Heizen? Heizöl lag am Montag bei rund 1,66 Euro je Liter – über 30 Cent mehr als Ende August. Der europäische Gaspreis sprang auf 83,75 Euro je Megawattstunde, den höchsten Stand seit Ende 2022; in diesem Jahr hat er sich fast verdreifacht.

Für Gaskunden wirkt das wegen längerer Lieferverträge verzögert – aber Experten erwarten steigende Preise für Neu- und womöglich auch Bestandskunden. Übersetzt: Die Rechnung kommt später, aber sie kommt.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Inflation steigt: Energiepreise belasten Haushalte

Die amtliche Statistik hat das längst eingefangen. Die Inflationsrate lag im August bei 2,9 Prozent, Energie insgesamt 10,5 Prozent über Vorjahr – der stärkste Anstieg seit über drei Jahren. Kraftstoffe: plus 27,7 Prozent. Leichtes Heizöl: plus 49,6 Prozent. Destatis-Präsidentin Ruth Brand benennt den Iran-Krieg ausdrücklich als Ursache.

Die gute Nachricht, die kaum jemand erzählt

Es gibt sie, und sie verdient mehr Aufmerksamkeit, als sie bekommt: Haushaltsenergie war im August insgesamt 0,7 Prozent günstiger als ein Jahr zuvor. Strom sank um 5,5 Prozent, Erdgas inklusive Betriebskosten um 2,9 Prozent, Fernwärme um 1,0 Prozent. Destatis führt das teilweise auf Maßnahmen der Bundesregierung zurück, die seit Jahresbeginn wirken – genannt werden reduzierte Übertragungsnetzentgelte für Strom und die Abschaffung der Gasspeicherumlage.

Das ist der stärkste Punkt der Regierungsbilanz: Dort, wo der Staat an eigenen Stellschrauben gedreht hat – Umlagen, Netzentgelte –, ist die Entlastung messbar und dauerhaft im Index sichtbar. Sie ist nur leider unsichtbar im Alltagsgefühl, weil sie von einem Ölschock überlagert wird, der 27,7 Prozent Aufschlag an der Säule bedeutet.

Wo der Staat eingriff – und danebengriff

Zwei Maßnahmen prägen das Jahr 2026. Beide sind, gelinde gesagt, erklärungsbedürftig.

Die 12-Uhr-Regel für Tankstellen

Die 12-Uhr-Regel. Seit 1. April dürfen Tankstellen ihre Preise nur noch einmal täglich, um 12 Uhr, erhöhen; Senkungen bleiben jederzeit möglich. Die Idee stammt aus Österreich und ist nachvollziehbar: Das Bundeskartellamt hatte in seiner Sektoruntersuchung dokumentiert, dass die Zahl der Preisänderungen von vier bis fünf pro Tag im Jahr 2014 auf durchschnittlich 18 Anfang 2024 gestiegen war – mit dem Ergebnis, dass Verbraucher „Preistäler“ kaum noch treffen.

Nur: Ökonomen und Verbraucherschützer erkennen bislang keine dämpfende Wirkung auf das Preisniveau. Schlimmer noch – eine Lesart bringt die Regel sogar mit der Beschleunigung des Anstiegs in Verbindung. Was messbar zugenommen hat, ist die Spanne zwischen billigster und teuerster Tageszeit: Nach dem Mittagssprung sind Kraftstoffe meist mehr als 20 Cent teurer als kurz davor, und die vom ADAC im Mai ermittelten Differenzen lagen deutlich über denen des Vorjahres. Der Staat hat also das Preisverhalten sichtbarer gemacht, nicht billiger.

Dazu ein Vollzugsproblem: Die Markttransparenzstelle registriert im Schnitt rund 200.000 Abweichungen pro Monat bei über 11 Millionen Preisänderungen. Niedersachsen sprach rund 1.900 Verwarnungen gegen etwa 250 Tankstellen aus und fordert, Kontrolle und Verfolgung zentral beim Bund anzusiedeln. Ein Gesetz, dessen Durchsetzung an Länder delegiert ist, die sich überfordert melden – das ist Gesetzgebung mit angezogener Handbremse.

Der Tankrabatt und die offene Frage nach den Milliarden

Der Tankrabatt. Von Mai bis Juni 2026 wurde die Energiesteuer gesenkt, brutto rund 17 Cent je Liter. Kosten für den Bund: rund 1,6 Milliarden Euro. Umstritten ist bis heute, in welchem Umfang das an der Säule ankam. Bemerkenswert: Obwohl der Rabatt am 30. Juni auslief, stiegen die Kraftstoffpreise im August gegenüber Juli nochmals um 3,1 Prozent.

Der Verdacht, dass hier 1,6 Milliarden Euro Steuergeld teilweise in Margen versickert sind, konnte nie ausgeräumt werden. Und das ist das eigentliche Armutszeugnis: Der Staat hat eine Milliardensubvention ausgereicht, ohne sicherstellen zu können, wo sie landet.

Die Preislücke, die niemand erklärt

Hier wird es für Verbraucher wirklich ärgerlich. Der ADAC legt den Finger in eine Wunde: Ende April kostete Brent etwa so viel wie heute – E10 lag damals bei rund 2,10 Euro.

Heute: 2,27 Euro. Ölpreis und Euro-Dollar-Kurs rechtfertigen das aktuelle Niveau laut ADAC nur teilweise; der Autoclub fordert mehr Transparenz auf Raffinerie- und Großhandelsebene.

Warum ein sinkender Ölpreis Sprit nicht automatisch billiger macht

Die Markttransparenzstelle liefert die Mechanik dazu: Kraftstoffe sind eigenständig gehandelte Weltmarktprodukte mit eigenen Notierungen. Fallen Raffineriekapazitäten aus, entsteht ein Krisenaufschlag, der sich vom Rohölpreis löst – und der ist seit Februar nicht vollständig abgebaut.

Anfang September erreichten die Abstände zwischen Großhandels- und Rohölpreisen Höchststände seit Krisenbeginn. Ein sinkender Ölpreis führt deshalb nicht zwingend zu billigerem Sprit.

Kartellamt warnt vor Wettbewerbsrisiken

Das Kartellamt hatte schon 2025 vor genau diesem System gewarnt: hohe Importabhängigkeit, vertikal integrierte Konzerne, hohe Markttransparenz auf allen Wertschöpfungsstufen – und Preisnotierungen, bei denen Behördenchef Andreas Mundt „erhebliche wettbewerbliche Risiken“ sieht, bis hin zur Gefahr stillschweigender Einigung auf überhöhte Preisniveaus und möglicher Manipulation durch selektive Meldungen. Das Amt empfahl eine stärkere gesetzliche Regulierung von Preisnotierungen.

Passiert ist: Das Kartellamt hat im Mai Verfahren gegen die zwölf deutschen Raffineriebetreiber eingeleitet. Ergebnis offen, Dauer lang. Die Empfehlung zur Regulierung der Preisnotierungen liegt seit Februar 2025 auf dem Tisch – umgesetzt ist sie nicht. Und das Kartellamt sagt selbst, was es nicht kann: Kartellrecht ist kein Instrument staatlicher Preisregulierung und senkt Preise nicht unmittelbar.

Steuern, CO₂-Aufschlag und die Argumente der Mineralölbranche

Die Branche wiederum zeigt auf den Staat. Der Verband en2x rechnet vor, dass Steuern, CO₂-Aufschlag, Bio-Quote und Mehrwertsteuer bei Diesel gut 50, bei Benzin rund 60 Prozent des Endpreises ausmachen; Hauptgeschäftsführer Christian Küchen erklärt, der deutsche Kraftstoffmarkt funktioniere auch ohne staatliche Eingriffe. Der Verband hat mit dem Steueranteil recht – erklärt damit aber ausgerechnet nicht die 17 Cent Differenz zum April bei gleichem Ölpreis. Denn die Steuern waren im April dieselben.

Eine Koalition, die sich selbst blockiert

Und die Regierung? Sie streitet.

Die SPD will einen Spritpreisdeckel nach belgischem Vorbild: ein staatlich festgelegter Höchstabgabepreis, ermittelt über eine transparente Formel aus Rohölpreis, Raffinerie-, Transport- und Vertriebskosten, Händlermarge sowie Energie- und Mehrwertsteuer.

Fraktionsvize Armand Zorn argumentiert, ein solches System erlaube Wettbewerb nach unten, deckle nach oben und koste den Staat nichts. Vizekanzler Lars Klingbeil spricht von „Abzocke“, Manuela Schwesig favorisiert das Luxemburger Modell. Dazu kommt die Forderung nach einer Übergewinnsteuer – für die der Finanzminister seit Monaten auf EU-Ebene wirbt, bislang erfolglos.

Union setzt auf Direktzahlungen statt Preisdeckel

Die Union bremst. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche lehnt Preisdeckel und Übergewinnsteuer ab und setzt auf gezielte Direktzahlungen an einkommensschwache Gruppen: „Ein entsprechendes Tool liegt vor.“ Nur liegen dem Finanzministerium laut einem Sprecher erst von rund 19 Prozent der Steuerpflichtigen die nötigen IBANs vor – und die Finanzierung ist offen. Der CDU-Abgeordnete Sepp Müller warnt vor „Schnellschüssen“, die „wirkungslos verpuffen“. CSU-Chef Markus Söder fordert Entlastungen, ohne zu sagen, welche: „Da gibt es zig Möglichkeiten.“

Das ist der Kern des Problems. Vier Wochen vor Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin präsentiert die Koalition dem Bürger drei Angebote, von denen keines lieferbar ist: einen Deckel, den der Koalitionspartner blockiert; eine Steuer, die in Brüssel scheitert; und eine Direktzahlung, für die vier von fünf Kontonummern fehlen. Man kann das Pluralismus nennen. Man kann es auch Handlungsunfähigkeit nennen.

Preisdeckel und Steuersenkungen: Was andere Länder machen

Dabei ist der Instrumentenkasten nachweislich gefüllt. Polen senkte Mitte August die Mehrwertsteuer auf Kraftstoffe von 23 auf 8 Prozent und führte tägliche Preisobergrenzen ein. Belgien deckelt seit den Siebzigern. Luxemburg senkt seit Juli die Verbrauchsteuern um fünf Cent, sobald definierte Schwellen überschritten werden. Deutschland hat sich, so formuliert es die Markttransparenzstelle nüchtern, für solche Instrumente bewusst entschieden – dagegen.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner