Realitätssinn

Stefan Kornelius zweifelt Umfragen an: Warum die CDU die Realität einholt

Der Regierungssprecher warnt vor Umfragen. Doch Wahlergebnisse und sinkende Zustimmung zeigen: Nicht die Demoskopie ist das Problem. Eine Glosse.

6 Min
Umfragenzweifler Kornelius (re.) und Dienstherr Merz (li.)

Umfragenzweifler Kornelius (re.) und Dienstherr Merz (li.)

© dts Nachrichtenagentur / imago

Ich möchte fair bleiben: Natürlich gibt es Sätze, die ein Regierungssprecher einfach sagen muss.

Umfragen seien „Momentaufnahmen“, die den Kanzler nicht irritierten – das ist ein solcher Satz. Wahrscheinlich kennt ihn jeder Sprecher seit Adenauer auswendig.

Stefan Kornelius sagte ihn am Mittwoch. Und legte wenig später nach.

Zweifel an den Umfrageinstituten

Keines der Institute, die in dieser Frequenz Zahlen lieferten, habe genügend Finanzressourcen für seriöse Erhebungen, erklärte Kornelius sinngemäß.

Mit diesem Instrument müsse man vorsichtig umgehen.

Das ist bemerkenswert. Bisher galt im politischen Berlin eher eine einfache Regel: Man bestreitet die Interpretation einer Umfrage, nicht ihre grundsätzliche Messfunktion.

Kornelius aber spricht über das politische Klima – und stellt zugleich das Thermometer infrage.

Vom SZ-Journalisten zum Regierungssprecher

Die Pointe liegt nahe: Stefan Kornelius kommt von der Süddeutschen Zeitung.

Dort hat er über Jahrzehnte hinweg politische Entwicklungen eingeordnet. Auch solche, die sich auf Umfragen stützten.

Heute steht er als Chef des Bundespresseamts auf der anderen Seite des Rednerpults. Seine Aufgabe ist es, schlechte Nachrichten für die Bundesregierung möglichst klein aussehen zu lassen.

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Das ist kein moralischer Vorwurf. Es ist die Stellenbeschreibung eines Regierungssprechers.

Das Problem ist nicht die Botschaft, sondern die Strategie

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Kornelius die Regierung verteidigen darf.

Natürlich darf er das.

Die Frage ist, wie überzeugend diese Verteidigung wirkt. Und ob sie noch trägt, wenn die politischen Zahlen längst eine andere Geschichte erzählen.

Genau daran scheint es derzeit zu hapern.

Medien bezahlen die Umfragen – nicht die Institute

Ein Journalist wies Kornelius darauf hin, dass viele Umfragen von Medienhäusern beauftragt und bezahlt werden.

Daraufhin wechselte der Regierungssprecher die Argumentationslinie.

Die „demoskopischen Grundlagen“ vieler – ausdrücklich nicht aller – Erhebungen könnten eine nähere Betrachtung vertragen, sagte er. Welche Institute oder Methoden genau gemeint waren, blieb offen.

Das macht die Kritik nicht stärker.

Manfred Güllner kontert

Forsa-Gründer Manfred Güllner reagierte trocken: Die Regierung solle die Unzufriedenheit im Land lieber ernst nehmen.

Der Hinweis trifft einen empfindlichen Punkt.

Denn auch das Bundespresseamt, das Kornelius heute führt, hat in den Jahren 2024 und 2025 selbst zahlreiche Umfragen in Auftrag gegeben. Mindestens 60 sollen es gewesen sein.

Wer so oft bei Demoskopen einkauft, kennt nicht nur die Preise. Er kennt auch die Grenzen und Möglichkeiten der Methode.

Wenn Demoskopie zur Demagogie wird

Natürlich können Umfragen falsch liegen.

Sie sind keine Wahlergebnisse. Sie sind Momentaufnahmen, abhängig von Stichprobe, Methode, Fragestellung und Zeitpunkt.

Aber wer Umfragen nur dann für unzuverlässig hält, wenn sie schlechte Nachrichten bringen, betreibt keine sachliche Methodenkritik.

Dann wird aus Skepsis schnell Demagogie.

Die Zustimmung für Friedrich Merz sinkt

Es gibt Zahlen, die man unterschiedlich interpretieren kann.

Im Politbarometer stand Friedrich Merz nach seinem Amtsantritt bei 47 Prozent Zustimmung. Im August waren es noch 20 Prozent. Bei Forsa lag der Wert zuletzt bei zehn Prozent.

Auch die CDU verlor in den Umfragen deutlich an Zustimmung. Von 28,5 Prozent am Wahlabend 2025 ging es auf Werte um 20 Prozent zurück.

Man kann einzelne Erhebungen anzweifeln. Man kann Trends diskutieren.

Aber irgendwann wird aus einer Reihe von Momentaufnahmen ein Muster.

Wahlergebnisse sind keine Momentaufnahmen

Und dann gibt es Zahlen, die keine Meinungsforschungsinstitute geliefert haben.

Das amtliche Endergebnis in Sachsen-Anhalt etwa: 17,2 Prozent für die CDU. Ein Minus von 19,9 Prozentpunkten. Deutlich hinter der AfD.

Eine Woche später folgte Niedersachsen mit einer Kommunalwahl und einem Minus von 4,5 Punkten.

Das sind keine Stimmungsbilder. Das sind Endabrechnungen mit Stempel.

Die CDU zwischen Hoffnung und Realität

Natürlich kann die CDU auf andere Entwicklungen verweisen.

In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz legte sie im März zu. Das kann man als Gegenargument lesen.

Nur: Im März stand das politische Wasser offenbar noch nicht so hoch.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob es regionale Ausnahmen gibt. Die Frage lautet, ob die CDU bundesweit noch eine glaubwürdige Antwort auf ihre sinkende Zustimmung findet.

Die Geschichte kennt solche Sätze

Politiker haben Umfragen schon oft angezweifelt.

Hannelore Kraft sagte kurz vor der NRW-Wahl 2017: „Ich glaube keinen Umfragen mehr.“ Am Wahlabend musste sie dem Ergebnis glauben – und trat noch in derselben Nacht zurück.

Gerhard Schröder erklärte 2005 in der Elefantenrunde, Angela Merkel werde keine Koalition unter ihrer Führung bilden können. Wenige Wochen später war Merkel Kanzlerin einer Großen Koalition.

Truman und Major bleiben Ausnahmen

Natürlich gibt es auch die legendären Fälle, in denen Umfragen falsch lagen.

Harry S. Truman gewann 1948 gegen die Erwartungen vieler Demoskopen. John Major überraschte 1992 in Großbritannien ebenfalls.

Diese Fälle sind real. Deshalb sollte niemand Umfragen für Orakel halten.

Aber sie bleiben Ausnahmen. Und auffällig ist: Regierungen zweifeln Umfragen selten an, wenn die Werte für sie besonders gut aussehen.

Die Bordkapelle der Titanic als politisches Bild

Damit wären wir bei einem Bild, das sich fast zu gut anbietet.

Die Bordkapelle der Titanic soll bis zum Ende gespielt haben. Wallace Hartley hielt als Bandleader den Takt, während das Schiff sank.

Das war weder Lüge noch Feigheit. Es war Berufsehre.

Und genau deshalb wirkt die Szene bis heute so bitter.

Kornelius spielt die erste Geige

Stefan Kornelius spielt derzeit die erste Geige in einem politischen Ensemble, das die Bedeutung von Momentaufnahmen herunterspielt.

Währenddessen zeigen Wahlergebnisse, sinkende Zustimmungswerte und wachsender Druck aus den Ländern, dass die Lage für Friedrich Merz und die CDU ernster ist als ein einzelner schlechter Umfragetag.

Die Kritik kommt inzwischen nicht nur aus der Opposition oder aus Redaktionen.

Auch acht CDU-Ministerpräsidenten haben dem Kanzler einen Brief geschrieben.

Rettungswesten bestellt man nicht

Kornelius versicherte, der Kanzler habe diesen Brief nicht bestellt.

Natürlich nicht.

Rettungswesten bestellt man nicht. Die werden einem umgehängt, wenn das Wasser steigt.

Wahlen liefern die härtesten Zahlen

Am Sonntag wird in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern gewählt.

Danach wird es wieder Zahlen geben, die kein Institut erhoben hat. Zahlen, für die keine Finanzressourcen diskutiert werden müssen.

Es braucht nur Stimmzettel, Wahlurnen und eine Auszählung.

Sollten die Ergebnisse so ausfallen, wie es die von Kornelius kritisierten Demoskopen erwarten, wird das Kanzleramt sie vermutlich als regionale Besonderheiten einordnen.

Auch das gehört zum politischen Repertoire.

Musik hält kein Schiff über Wasser

Man darf Stefan Kornelius zugestehen: Er spielt seine Rolle sauber.

Er formuliert kultivierter als mancher Vorgänger. Er verteidigt die Bundesregierung mit professioneller Haltung.

Doch Musik hält kein Schiff über Wasser.

Sie kann das Sinken nur würdevoller begleiten.

Herr Kornelius, nicht die Umfragen sind das Problem

Die zentrale Frage ist längst nicht mehr, ob einzelne Umfragen präzise genug sind.

Die entscheidende Frage lautet, ob die Bundesregierung und die CDU bereit sind, die politische Realität hinter diesen Zahlen ernst zu nehmen.

Im Kanzleramt klingt derzeit offenbar eine andere Melodie als in der Wählerschaft: Näher, mein Wähler, zu mir.

Nur singt sie bislang kaum jemand mit.

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