Kulturhauptstadt

Chemnitzer OB Sven Schulze: Das bleibt übrig von der Kulturhauptstadt

Vor acht Monaten endete das Kapitel der europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz. Was konnte man aus dieser Zeit herüberretten und welche Kulturthemen stehen nun auf der Agenda?

7 Min
Mit einer Lasershow am Marx-Monument wurde das Jahr 2025 als Europäische Kulturhauptstadt in Chemnitz eröffnet. Doch was blieb vom großen Rummel?.

Mit einer Lasershow am Marx-Monument wurde das Jahr 2025 als Europäische Kulturhauptstadt in Chemnitz eröffnet. Doch was blieb vom großen Rummel?.

© Jan Woitas

1911 steht auf dem historischen Schild am Eingang des neuen Rathauses in Chemnitz. Daneben finden sich auf Simsen Bronzefiguren aus der Jugendstilzeit, die in diesem Hause verbunden sind mit Anlehnungen an die Spätgotik und die deutsche Renaissance. Als eines von nur vier Rathäusern in Deutschland (neben Berlin-Schöneberg, Duisburg und Stuttgart) kann man hier noch im Paternoster zum Bürgermeister auffahren.

Sven Schulze sitzt im weitgehend schmucklosen Besprechungsraum seines Dienstzimmers. Lediglich ein Bild hängt an der Wand – ein Foto der Eröffnung der Europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz von Anfang 2025, ganz in Blau und Gelb. Schulze trägt einen Spezialschuh, weil er sich beim jüngsten Firmenlauf in seiner Stadt den Mittelfuß gebrochen hat – seinen Dienstpflichten kommt der meist ein wenig blass wirkende SPD-Mann trotzdem nach.

Gefragt, woran er sich ganz besonders erinnert, wenn er an die Kulturhauptstadt Chemnitz denkt, muss Schulze nur kurz nachdenken. „Das sind die vielen Begegnungen mit den Leuten, die unsere Stadt besucht haben. Die mir sagten, dass sie ein ganz anderes Bild von Chemnitz im Kopf gehabt hätten. Chemnitz hat sich als richtig guter Gastgeber gezeigt“, sinniert Schulze.

Purple Path-Projekt wartet mit riesigem Programm auf

Die Vielzahl an Veranstaltungen sei sicher einzigartig gewesen, das könne man nicht mit in die Zeit nach der Kulturhauptstadt herüberretten. Aber ein paar tolle Events gebe es, die natürlich auch in dieses Jahr und die kommenden ausstrahlten – das Kosmos-Festival, das einen enormen Schub bekommen habe, oder die Idee der tanzenden Nachbarn, ein Projekt japanischen Ursprungs, das jüngst zu einem eigenen, regelmäßigen Treffpunkt für bewegungssuchende Senioren geworden sei.

Das Kosmos-Festival in Chemnitz, 2018 nach den Ereignissen rund um den gewaltsamen Tod eines jungen Mannes und den daraus resultierenden Protensten entstanden, hat im Kulturhauptstadtjahr noch einmal einen Schub erhalten.

Das Kosmos-Festival in Chemnitz, 2018 nach den Ereignissen rund um den gewaltsamen Tod eines jungen Mannes und den daraus resultierenden Protensten entstanden, hat im Kulturhauptstadtjahr noch einmal einen Schub erhalten.

© Hendrik Schmidt/dpa

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Und natürlich spricht Schulze auch vom „Purple Path“, der quasi die Umgebung der Stadt am Kulturhauptstadtgeschehen teilhaben ließ und bis heute die Stadt und den ländlichen Raum verbindet. An diesem Wochenende wird man auf eben jenem zur Kulturhauptstadt gestarteten Kunst- und Skulpturenweg einen Reigen an Veranstaltungen erleben können – von der Fahrrad- oder Bustour entlang des Pfades über Silbermannorgel-Konzerte, Postkartentauschbörse und Yoga-Sessions bis zum nächtlichen Rave im einstigen Thalheimer Erzgebirgsbad.

Wenn Schulze auf das Festjahr zurückschaut, auf das Jahresprogramm voller Termine und Besuche prominenter Gäste, dann muss er auch ein wenig lachen – über Szenen, in denen er als Stadtoberhaupt von Besuchergruppen zu Selfies oder Gruppenfotos gebeten wurde. „Aber beeindruckend war vor allem unser großes Freiwilligenprogramm, an dem sich viele Menschen beteiligt haben, die ich lange kenne“, schwärmt Schulze vom Geist der Kulturhauptstadt Chemnitz.

Festival widmet sich dem leerstehenden Kongress-Hotel

Neben den Softfacts, also einer veränderten Wahrnehmung von außen und Stolz auf die Heimatstadt von innen, seien auch konkrete Orte entstanden, wie die Hartmann-Fabrik, der Garagencampus oder die Stadtwirtschaft. Fast 30 öffentliche Plätze seien so nachhaltig in die Zukunft getragen worden. „Diese Orte bleiben in den nächsten Jahren und Jahrzehnten, genauso wie die eine oder andere Kunstinstallation; der Purple Path, der auch in der Region ist, wird ja nicht wieder abgebaut. Auch einige Formate sind geblieben, wie das Light-Our-Vision-Festival“, verweist Schulze auf eine bevorstehende Veranstaltung für den 17. bis 19. September.

Dabei erwartet der Stadtchef wieder viele Menschen in der Innenstadt, was ja für Chemnitz nicht die Regel sei. „Wir haben eine Mischung aus Entertainment, wo Gebäude angestrahlt, angeleuchtet werden, auch mit Performances, die etwas mit dem Thema Licht zu tun haben. Wir zeigen aber auch Dinge, die man bisher nicht so gesehen hat, auch Wunden im Stadtbild. In diesem Jahr geht es uns konkret um das Kongresshotel, das ja seit Januar geschlossen ist. Es dient quasi als Leinwand für Lichtkunst. So machen wir auf das Problem aufmerksam“, erklärt Sven Schulze.

Zum diesjährigen Lichterfest „Light our Vision“ (Wochenende 17. bis 19. September) will Oberbürgermeister Sven Schulze auch auf das leerstehende Kongress-Hotel hinweisen, um neuen Wind in die Debatte über die Zukunft des Hauses zu bringen.

Zum diesjährigen Lichterfest „Light our Vision“ (Wochenende 17. bis 19. September) will Oberbürgermeister Sven Schulze auch auf das leerstehende Kongress-Hotel hinweisen, um neuen Wind in die Debatte über die Zukunft des Hauses zu bringen.

© Ingo Eckardt

Es solle möglichst zu Ideen kommen, wie man das markante Hotel nachnutzen könnte. „In einer Zeit, in der nicht unbedingt alles danach schreit, neue Hotels aufzumachen, wollen wir das Objekt in den Fokus rücken“, so der Oberbürgermeister, der auf eine Lösung für das repräsentative Haus hofft, das einem privaten Fonds gehört. Klar gäbe es da wirtschaftliche und strategische Erwägungen – ganz unabhängig von nostalgischen Erinnerungen. Die Stadt sei im Gespräch, es gäbe ein paar bauliche Probleme im Hotel.

Gruppen- und Tagungstourismus als neuer Ansatz

„Es ist sicherlich auch so, dass man über eine Mischnutzung sprechen muss. Ein Hotel in dieser Größenordnung wird es wahrscheinlich in Chemnitz nicht mehr geben – aber es gibt noch nichts Konkretes“, tritt Schulze auf die Euphoriebremse. Dennoch sei er optimistisch, auch weil man es 2025 geschafft habe, einen Gruppentourismusmarkt zu schaffen.

Auch das Thema der Kongress-Stadt Chemnitz habe man versucht anzustoßen, und möchte dieses nun stärker etablieren. „Gerade schließen sich die verschiedenen Anbieter in Chemnitz zusammen, die gemeinsam darum werben, den Kongressstandort Chemnitz zu vermarkten – da ist erstmal zweitrangig, in welchem Haus die Tagung am Ende stattfindet“, glaubt Schulze an Nachhaltigkeit von Entwicklungen.

Chemnitzer Künstler hatten im Vorfeld der Kulturhauptstadt beklagt, dass sie in das Festjahr nicht so richtig eingebunden waren. Wie will man diese Enttäuschten denn jetzt wieder einfangen? „Es ist ja klar, dass es bei so einem großen Ereignis es immer Leute gibt, die angeblich oder tatsächlich zu kurz kommen. Was sich gezeigt hat, ist, dass die Künstler, die sagen, wir haben in den vergangenen Jahren das gemacht und ich biete das Gleiche wieder an, durchs Raster gefallen sind. Es ging darum, Dinge mal weiter oder anders zu denken und mit Leuten was gemeinsam zu machen, mit denen man sonst nicht kooperiert“, verdeutlicht Schulze seine Sicht der Dinge.

Es ging darum, Dinge mal weiter oder anders zu denken und mit Leuten was gemeinsam zu machen, mit denen man sonst nicht kooperiert.

Sven Schulze, Oberbürgermeister Chemnitz

Schulze sicher: Wahrnehmung hat sich enorm verändert

Schulze glaubt auch, dass man durch die regelmäßige Kulturförderung, die man trotz klammer Kassen unverändert ließ, die Künstler der Stadt auch künftig gut einbinden könne. „Aber meine Botschaft ist: Nur das zu machen, was ich immer schon gemacht habe, wird künftig nicht ausreichen. Diejenigen werden profitieren, die sich für neue Partnerschaften öffnen, die vielleicht auch mal über den Horizont hinausschauen. Das gilt für die städtischen Kultureinrichtungen ebenso wie für die freien Kulturträger“, regt der SPD-Oberbürgermeister zu künstlerischer Innovation an.

Und wie ist das nun eigentlich: Ist Chemnitz, das mit dem Kulturhauptstadt-Motto „C the unseen“ warb, nun eine Stadt, die gesehen wird, Herr Schulze? „Ich denke, die Wahrnehmung unserer Stadt hat sich enorm verändert. Drei Millionen Menschen waren zu den Kulturhauptstadttagen in Chemnitz. Das ist ein guter Ansatz. Viele Leute haben gesehen, was wir zu bieten haben, und andere, die es verpasst haben, kommen vielleicht trotzdem. Wir werden die Besucherzahlen des Kulturhauptstadtjahres nicht halten können, aber arbeiten dran, die Zahlen von vor 2025 deutlich zu toppen“, gibt sich der Chemnitzer OB kämpferisch.

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