„Bei uns gibt es eigentlich gar keine Ausländer“, sagt Annika Saefkow. Die 43-Jährige steht gemeinsam mit ihrer 17-jährigen Tochter Any auf dem Neuen Markt in Rostock. Um sie herum füllt sich der Platz, Menschen suchen Bekannte, Kinder laufen zwischen den Erwachsenen hindurch, Schilder werden hochgehalten.
Noch acht Tage sind es bis zum 20. September, dann wird Mecklenburg-Vorpommern seinen neuen Landtag wählen. Die jüngste Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen sieht die AfD bei 37 Prozent, vor der SPD mit 34 Prozent. Bei der Landtagswahl 2021 hatte die AfD noch 16,7 Prozent geholt. Sollte sich das aktuelle Umfrageergebnis bestätigen, würde sie ihren damaligen Stimmenanteil mehr als verdoppeln. Annika Saefkow findet das „gruselig“. Nicht nur wegen der Zahlen, sondern auch wegen der Gespräche, die sie zu Hause in einem Dorf im Umland von Rostock erlebt.
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Was die Menschen auf dem Land beschäftigt
Dort werde über Migration und Zuwanderung geschimpft, obwohl das im eigenen Alltag kaum eine Rolle spiele. „Bei uns gibt es keine Ausländer“, sagt sie noch einmal. Niemand nehme jemandem den Arbeitsplatz weg, niemand bedrohe den Alltag im Dorf. „Gleichzeitig werden die Dinge, die tatsächlich besser laufen, kaum noch wahrgenommen“, sagt sie.
Die Feuerwehr sei beispielsweise gerade neu ausgestattet worden. „Wir haben neue Geräte, eine neue Feuerwehr. Das ist super.“ Trotzdem höre sie immer wieder, alles sei schlecht. „Dann guckt einer raus und sieht nicht, wie schön das alles ist und was er sich erarbeitet hat und dass er ein Haus hat“, sagt sie. Stattdessen rege man sich über Probleme auf, die im eigenen Dorf überhaupt nicht existierten.
Annika Saefkow und ihre 17-jährige Tochter Any bei der Demonstration in Rostock. Ihr Plakat trägt die Botschaft: „Die Welt sieht bunt viel schöner aus“.
© Ronja Ackermann
„Es ist schade, dass man nicht mehr spricht“, sagt Annika. Gerade auf dem Land fehle es an Orten dafür. Ein Stammtisch, ein Treffpunkt, irgendein Raum, in dem man sich streiten könne, ohne sich gleich ganz voneinander abzuwenden. Stattdessen sei jeder für sich, „in seinem Haus, in seinem Garten“. In ihren Händen hält sie lange Holzstäbe, an denen ein großes Banner befestigt ist. Auf dem Banner steht: „Die Welt sieht bunt viel schöner aus.“
Dann setzt sich der Zug in Bewegung. Über die Lange Straße geht es Richtung Kanonsberg und später weiter zur Haedgehalbinsel. Die Veranstalter des Bündnisses „Zusammen bewegen“ schätzen die Zahl der Teilnehmer am Nachmittag auf 4000 bis 5000. Vom Wagen wird immer wieder nach hinten gerufen, die Menschen sollen zusammenbleiben. Es seien „richtig, richtig viele“, sagt eine Sprecherin ins Mikrofon.
Vor der Landtagswahl: Sorge über den Aufstieg der AfD wächst
Karin und Horst Bardtmöller stehen ebenfalls in der Menge. Das Anfang-70‑jährige Ehepaar ist vor zwei Jahren aus dem niedersächsischen Stadthagen nach Rostock gezogen. Ihre Tochter lebt schon seit rund 15 Jahren hier. Der Umzug war für sie eine bewusste Entscheidung. Gerade deshalb schauen sie jetzt mit Sorge auf die politische Entwicklung in ihrem neuen Zuhause.
Dass die AfD inzwischen deutlich stärker ist als noch vor wenigen Jahren, könne sie nur schwer nachvollziehen, sagt Karin. „Man muss sich nicht über Menschen erheben, das soll das auch nicht sein“, sagt sie. „Aber ich denke einfach, dass viele gar nicht verstehen, was sie da eigentlich wählen.“ Sie könne nicht begreifen, warum Menschen eine Partei wählten, die ihnen am Ende möglicherweise selbst schade.
Karin und Horst Bardtmöller: Das Ehepaar ist vor zwei Jahren aus Niedersachsen in die Hansestadt gezogen.
© Ronja Ackermann
Ehepaar aus Rostock versucht, taktisch zu wählen
Lange hätten sie die Grünen gewählt, diesmal denken sie stärker darüber nach, welche Partei überhaupt in den Landtag einziehen könnte. „Man muss hier ein bisschen strategisch denken“, sagt Karin. Es gehe nicht mehr nur die Frage, welche Partei einem am nächsten steht, sondern auch darum, welche Stimme am Ende die Mehrheiten verändert.
„Man stellt schon manchmal fest, auch bei Menschen, die man eigentlich mag, dass mal so eine Spitze kommt“, sagt Karin. „Die Menschen bekennen sich offener zu extremistischen Positionen“, fügt Host hinzu. „Der Hass betrifft ja nicht nur Migranten, sondern auch Behinderte oder queere Menschen, wie auch immer.
Und das macht mir unheimlich Angst“, so Karin. Umso wichtiger sei es für sie, an diesem Sonnabend zu sehen, dass Tausende ebenfalls auf die Straße gehen. Sie blickt auf die Menge und sagt: „Man denkt: Guck, es gibt auch noch die anderen.“ Das mache ihr Mut.
Nicht nur gegen AfD: gegen das Gefühl des Abgehängtseins
Unterdessen wechselt vorn auf dem kleinen weißen Lastwagen, der als Bühne der Demonstration fungiert, das Mikrofon die Hand. Trine Lübbert ist 15 Jahre alt und kommt aus Greifswald. Sie steht barfuß vor dem Lastwagen und spricht ins Mikrofon.
Ob es wirklich überraschend sei, wenn Menschen sich einer Partei zuwendeten, die verspreche, alles grundsätzlich anders zu machen, wenn sie sich von der übrigen Politik nicht gesehen fühlten? „Nein, das ist vielleicht kein Wunder“, sagt sie. „Aber hilfreich ist es ja auch nicht.“ Ihre Antwort darauf sind bessere Busverbindungen, mehr Begegnungsorte, mehr Teilhabe auf dem Land. „Die Hoffnung ist, dass Menschen weniger die AfD wählen, wenn sie sich gesehen und als Teil der Gemeinschaft fühlen.“
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Aus der Demonstration wird ein Konzert
Sprecherin Inaa Gross vom Bündnis „Zusammen bewegen“ sagt später, sie sei selbst überrascht, wie viele Menschen gekommen seien. Seit Februar sei das Netzwerk im Land unterwegs. Evangelische Kirche, Gewerkschaften, Jugendverbände, Initiativen und Einzelpersonen hätten sich angeschlossen.
Nach eigenen Angaben seien inzwischen weit mehr als 1000 Aktive an den Aktionen beteiligt. „Ich glaube, das ist wirklich so die Mitte der Bevölkerung“, sagt Gross. Das Signal Richtung Wahlsonntag formuliert sie klar: „Wir sind die Mehrheit.“ Die hohen AfD-Werte in den Umfragen sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein großer Teil des Landes anders denke.
Auf der Haedgehalbinsel wartet später noch Musik. Mit Sarah Lesch steht dort eine Liedermacherin auf der Bühne, die für politische und gesellschaftskritische Songs bekannt ist; dazu kommen der Berliner Rapper Savvy und die seit den 1990er-Jahren aktive Folk-Punk-Band Mutabor.
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