Rüstungsskandal

Millionen für Ukraine-Granaten versandet: Softwarefirma ohne Waffenlizenz erhält Auftrag

Millionen für ukrainische Artilleriegranaten flossen an eine italienische Softwarefirma ohne Lizenz zum Waffenbau. Die Munition kam nicht an, der Lieferant warb mit Computerspielbildern.

5 Min
155-Millimeter-Artilleriegeschosse (Symbolbild). Millionen Euro aus dänischer Militärhilfe für die Ukraine flossen an eine italienische Softwarefirma ohne Waffenlizenz.

155-Millimeter-Artilleriegeschosse (Symbolbild). Millionen Euro aus dänischer Militärhilfe für die Ukraine flossen an eine italienische Softwarefirma ohne Waffenlizenz.

© Wolf von Dewitz/dpa

Rund 9,5 Millionen Euro für Artilleriegranaten, aber keine einzige Lieferung an die Ukraine: Eine Recherche des dänischen Investigativmediums Danwatch enthüllt einen außergewöhnlichen Fall bei der europäischen Militärhilfe. Geld aus einer dänischen Unterstützung für die ukrainische Armee floss über Estland an ein italienisches Unternehmen, das ursprünglich Software entwickelte und nach den Recherchen keine Genehmigung zur Herstellung oder zum Verkauf von Waffen in Italien besitzt.

Besonders bemerkenswert ist der Internetauftritt des angeblichen Munitionslieferanten. Das Unternehmen warb zeitweise mit Bildern aus Computerspielen und mit Künstlicher Intelligenz erzeugter Militärtechnik. Trotzdem erhielt es Millionenaufträge zur Beschaffung von Artilleriegranaten. Inzwischen beschäftigen sich Gerichte und die Europäische Staatsanwaltschaft mit dem größeren estnischen Beschaffungskomplex. Der Lieferant bestreitet die Vorwürfe.

Wie Danwatch berichtet, sind die mit dänischem Geld bestellten Granaten bis heute nicht bei der ukrainischen Armee angekommen.

Ukraine-Granaten: Millionen für Firma mit Audi-Händler-Adresse

Ausgangspunkt war eine Vereinbarung vom 23. April 2025. Dänemark sagte Estland damals 317 Millionen dänische Kronen, umgerechnet rund 42,5 Millionen Euro, für die Beschaffung von Artilleriemunition für die Ukraine zu.

Der damalige Verteidigungsminister Troels Lund Poulsen erklärte in einer offiziellen Mitteilung, Estland könne die benötigten Munitionstypen liefern. Das baltische Land hatte zuvor angeboten, für westliche Partner Granaten auf dem internationalen Markt einzukaufen.

Doch 71 Millionen Kronen, etwa 9,5 Millionen Euro, flossen nach den Recherchen von Danwatch an die italienische Firma Datasel. Das Unternehmen hat seinen Sitz in der Hafenstadt La Spezia und teilt seine Geschäftsadresse demnach mit einem Audi-Händler.

Datasel entwickelte zwischen 2005 und 2024 vor allem Softwarelösungen für zivile Unternehmen und die Verteidigungsindustrie. Im Jahr 2024 wurde die Firma von der indischen Unternehmensgruppe Neco Defence Munitions übernommen.

Nach Angaben von Danwatch war Datasel weiterhin als Softwareunternehmen registriert und verfügte in Italien weder über eine Genehmigung zur Waffenproduktion noch zum Waffenhandel. Eine frühere Herstellung von Artilleriegranaten ließ sich auch für die indische Muttergesellschaft nicht nachweisen.

Angeblicher Waffenlieferant wirbt mit Bildern vom Videospiel „Ace Combat 6“

Nach der Übernahme durch die indischen Eigentümer veränderte Datasel seinen Internetauftritt grundlegend. Plötzlich präsentierte sich das Unternehmen als Anbieter militärischer Ausrüstung.

Auf der inzwischen gelöschten Website waren nach Recherchen von Danwatch unter anderem eine offenbar KI-generierte Artilleriekanone und weitere künstlich erstellte Militärmotive zu sehen.

Besonders auffällig war ein Bild mit Kampfflugzeugen. Es stammte laut Danwatch vom Cover des Videospiels „Ace Combat 6“, das bereits 2007 für die Xbox erschien. Die Aufnahme wurde auf der Website unter einer Werbeaussage über die angeblichen Qualifikationen des Unternehmens verwendet.

Auch ein Bild zweier Panzer, mit dem die Firma für ihre Angebote warb, soll mithilfe Künstlicher Intelligenz entstanden sein.

Die Verwendung solcher Bilder beweist keinen Betrug. Sie wirft aber Fragen auf, wie gründlich Estlands Beschaffungsbehörde die Leistungsfähigkeit des Unternehmens vor Vertragsabschluss überprüfte.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Estland zahlte trotz früherer Lieferprobleme weiter

Der dänische Millionenbetrag ist Teil eines erheblich größeren Beschaffungsskandals. Bereits 2024 hatte die estnische staatliche Beschaffungsbehörde RKIK mehrere Verträge mit Datasel geschlossen.

Der Gesamtumfang der fraglichen Geschäfte lag nach Berichten des estnischen Rundfunks ERR bei rund 70 Millionen Euro. Nach neueren Angaben erhielt Datasel davon etwa 59 Millionen Euro als Vorauszahlung.

Die ersten Granaten sollten schon im November 2024 eintreffen. Doch es kam zu Verzögerungen. Später gelangten zwar einzelne Komponenten in ein europäisches Zwischenlager, die estnischen Behörden beanstandeten allerdings unvollständige Lieferungen und Qualitätsmängel. Bei einer Inspektion wurde die Munition als nicht einsatzfähig bewertet.

Trotz der Probleme flossen nach den Recherchen von Danwatch weitere Mittel, darunter Geld aus der dänischen Unterstützung, an das Unternehmen.

Besonders schwer wiegt ein weiterer Befund: Die estnische Beschaffungsbehörde konnte bei einer späteren Überprüfung nicht ausreichend dokumentieren, wie Datasel ursprünglich als Lieferant ausgewählt wurde, berichtete ERR.

Datasel weist die Vorwürfe zurück. Das Unternehmen erklärte, Waren im Wert von rund 58 Millionen Euro bereitgestellt oder geliefert zu haben. Die estnischen Behörden hätten diese zu Unrecht zurückgewiesen. Auch Qualitätsmängel und die Kündigung der Verträge seien nicht gerechtfertigt. Die Auseinandersetzung ist Gegenstand juristischer Verfahren.

Estlands Verteidigungsminister zurückgetreten – EU-Ermittler eingeschaltet

Der Beschaffungsskandal hatte in Estland bereits Anfang September politische Folgen. Verteidigungsminister Hanno Pevkur kündigte am 2. September seinen Rücktritt an.

Er übernahm die politische Verantwortung für gravierende Probleme im Verteidigungsbereich. Dazu gehörten neben den gescheiterten Munitionsgeschäften auch Mängel bei der staatlichen Beschaffung und Bestandskontrolle. Eine persönliche Beteiligung an möglichen Unregelmäßigkeiten bestritt er.

Inzwischen untersucht auch die Europäische Staatsanwaltschaft mögliche Straftaten im Zusammenhang mit den estnischen Beschaffungsgeschäften. Ein strafrechtlicher Betrug ist bislang nicht gerichtlich festgestellt.

Der neue estnische Verteidigungsminister Martin Herem erklärte Anfang Oktober, seine Regierung prüfe einen weiteren Einigungsvorschlag von Datasel. Ob dadurch noch Munition an die Ukraine geliefert werden könnte, blieb zunächst offen.

Dänemark verlangt Aufklärung über verschwundene Millionen

In Dänemark fordern mittlerweile zwei Mitglieder des staatlichen Rechnungsprüfungsgremiums eine umfassende Untersuchung.

„Dieser Fall ist völlig grotesk“, sagte Anders Vistisen von der Dänischen Volkspartei gegenüber Danwatch. Es sei offensichtlich nicht ausreichend geprüft worden, ob die militärischen Darstellungen auf der Website tatsächliche Produkte zeigten.

Auch Steffen Larsen von der Liberalen Allianz verlangt eine Untersuchung durch den dänischen Rechnungshof. Vistisen will zudem Mitglieder der Regierung im Parlament zu den Geldflüssen befragen lassen.

Das dänische Verteidigungsministerium erklärte, bei der Überweisung nach Estland seien die üblichen Regeln eingehalten worden. Die Auswahl der Lieferanten und die Vertragsabwicklung hätten in der Verantwortung des Partnerlandes gelegen.

Estlands Beschaffungsbehörde versucht inzwischen, die Vorauszahlungen zurückzuerhalten. Sie bestätigte gegenüber Danwatch, dass 9,5 Millionen Euro aus Mitteln von Geberstaaten mit den Datasel-Verträgen verbunden seien.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner