Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Ostdeutsche Allgemeine und die Berliner Zeitung geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.
„Edle Bauwerke sind Urkunden der Civilisation, und eine reiche Vergangenheit ist das Programm der Zukunft.“ Diese Worte, die die Festschrift zur Eröffnung des neuen Hauptgebäudes der Leipziger Universität einleiten, sind zeitlos und stehen programmatisch über den mehrfachen Umgestaltungen des innerstädtischen Universitätskomplexes. Nach der Beschlussfassung zum Neubau vergingen zwei Jahre bis zur Grundsteinlegung, und nach fünfjähriger Bauzeit wurde das neue Hauptgebäude am Augustusplatz der Öffentlichkeit übergeben. So geschehen am 3. August. Allerdings im Jahre 1836!
Einhundertneunzig Jahre später liegen die Zahlen anders. Den ersten Ideenwettbewerb 1994 mit eingerechnet, betrug die Planungsphase knapp über zehn Jahre, die reine Bauzeit für den gesamten Komplex immerhin knapp unter zehn Jahren. Nicht allein die Zahlen lassen auf eine besondere Brisanz der Bebauung schließen, auch der historisch unglücklich gewählte Name des zentralen stadtbildprägenden Kirche-Aula-Baus „Paulinum“ verrät durch sein Neutrum Schüchternheit, ein Weder-Noch, nimmt der Bau doch den Platz der im Jahre 1968 gesprengten spätgotischen Pauliner- bzw. Universitätskirche ein, die den Krieg intakt überstanden hatte. Mit ihr war zudem der übrige aus dem 19. Jahrhundert stammende kriegsbeschädigte, aber dem Lehrbetrieb längst wieder dienende Universitätskomplex beseitigt worden.
Trotz der sichtbaren Teilzerstörungen legten die Monumentalität und die Bauqualität der wuchtigen Natursteinfassaden ein Zeugnis der „reichen Vergangenheit“ der Universität ab. Wenngleich die Sechzigerjahre in Ost und West von Bausünden und Zerstörung wiederaufbaufähiger bzw. intakter Kulturgüter geprägt waren, barg diese Umgestaltung Brisanz: Sie war ein Politikum!
Das Antlitz der bürgerlichen Universität sollte einem sozialistischen weichen. Symbolhaft thronte das von einem Gestalterkollektiv um Frank Ruddigkeit geschaffene Marx-Relief weit sichtbar über dem Haupteingang – am Ort der weggesprengten Kirchenfassade. Es gleichsam bestrafend verbannte man das Bronzerelief vor zwei Jahrzehnten mit dem Beginn der jüngsten Umgestaltung aus der öffentlichen Sichtbarkeit in das rückwärtige Gelände der Sportwissenschaftlichen Fakultät weit außerhalb der Innenstadt.
Die Sprengung der Universitätskirche am 30. Mai 1968
© epd/Imago
Den Machtapparat in Unruhe versetzt
Weitgehend vergessen ist heute, dass die Proteste der Bevölkerung gegen die Sprengung im Jahre 1968 ein beachtenswertes Ausmaß erreichten, welches den Machtapparat in erhebliche Unruhe versetzte. Die dem Geschmack der damaligen Zeit huldigenden Nachfolgebauten stifteten bis auf das Universitätshochhaus, den „Uni-Riesen“, keine Identität, und somit wurden unmittelbar nach der „Wende“ Stimmen nach baulicher Veränderung laut.
Mitnichten passt das gängige Stigma „DDR-Architektur“ – die plastische Formensprache der Fassaden ist als organisch-fließendes Gewebe gegenwärtig wieder en vogue. Das Hochhaus dagegen ist Symbolarchitektur, erinnert trotz seines inzwischen veränderten Äußeren in seiner Kubatur immer noch an ein aufgeschlagenes Buch. Es übernahm gleichsam die Funktion einer Stadtkrone, ein im sozialistischen Städtebau fundamentales Konzept mit allerdings viel weiter reichenden Wurzeln.
Eine Bürgerinitiative forderte nun die originalgetreue Rekonstruktion nicht nur der Kirche, sondern auch des alten Universitätshauptgebäudes. Dies geschah fast zeitgleich mit dem Vorhaben der Dresdner, ihre Frauenkirche als weitgehende Kopie wiedererstehen zu lassen. Der Gegenwind wehte scharf. Einerseits hatte in beiden Teilen Deutschlands die Rekonstruktion verlorengegangener Bauwerke – anders als in Polen – bis auf wenige Ausnahmen als ein Tabubruch gegolten. Und im Gegensatz zu Dresden fand der Rekonstruktionswunsch bei den Leipzigern keinen Rückhalt. Sie waren aber auch nicht dagegen. Sie waren neutral, nein, vielmehr desinteressiert, eben ein Neutrum, ein Weder-Noch, und blieben es beharrlich ebenso bei anderen wichtigen Dingen, die ihre Stadt betrafen.
Der Augustusplatz in Leipzig im Jahr 1911
© Liszt Collection/Imago
Eine gezielte Indiskretion
So standen sich also ein kleiner Bürgerverein, der das Gedenken an die Kulturbarbarei von 1968 wacker aufrechterhielt, und die diesbezüglich zurückhaltende Universität als Verfechter unterschiedlicher Formen der Erinnerung gegenüber: Rekonstruktion gegen symbolhaften Gedenkort.
Unter finanzieller Beteiligung des Landes Sachsen, der Stadt Leipzig sowie des Paulinervereins wurde 1994 ein erster Ideenwettbewerb ausgeschrieben. In die Gesamtkosten von 330.000 D-Mark teilten sich paritätisch Stadt und Freistaat mit je 145.000 D-Mark, die Restsumme von 40.000 D-Mark brachte die Bürgerinitiative auf. Das in der Ausschreibung fixierte rigide Festhalten an den bestehenden Baukörpern führte zwar zu kostenoptimierten, preisgekrönten Entwürfen, die sich aber – so einhellig die Kritik – durch betongewordene Einfallslosigkeit auszeichneten.
Im Jahre 2002 dann ein erneuter Anlauf, der wiederum durch zu geringe Gestaltungsspielräume für die Architekten vor allem an der sensiblen Schauseite der Universität am Augustusplatz scheiterte. Zu den „Milchtöpfen“, den illuminierten Tiefgarageneingängen auf dem Augustusplatz, kam nun der „Gasherd“, der preisgekrönte kubusförmige Kirche-Aula-Bau, hinzu – ein Eintrag im Besucherbuch, der in jenen Tagen zum geflügelten Wort wurde und die Misere aller Wettbewerbe verdeutlichte: Ein großer Wurf konnte nicht gelingen, weil die Kreativität der Architekten an den zu engen Vorgaben erstickte. Das änderte sich zwei Jahre später. Der Verein hatte eine einflussreiche Persönlichkeit gewinnen können: den bislang vor allem in Dresden stadtbildengagierten Medizin-Nobelpreisträger Günter Blobel.
Zufall oder nicht – der Hauptfinanzier, der Freistaat Sachsen, stellte das gesamte Hauptgebäude aus den Siebzigerjahren endlich vollständig zur Disposition. Ein Danaergeschenk: Im gleichen Atemzug auferlegte die Staatsregierung der Universität empfindliche finanzielle Kürzungen für den Lehrbetrieb.
Vier Entwürfe aus dem Wettbewerb von 2002 blieben im folgenden Qualifizierungswettbewerb am Ende noch im Rennen und blühten förmlich auf: Aus langweiligen Schuhkartons waren plötzlich gewagte Konstruktionen geworden! Und eine davon ließ sogar den Innenraum der Universitätskirche wiederauferstehen.
Die Siegerehrung hätte beinahe hinter verschlossenen Türen stattgefunden, doch als Jury sollten nicht geladene Experten auf der Durchreise fungieren, sondern diejenigen Menschen, die mit den Bauten künftig zu leben hatten. Dank einer gezielten Indiskretion des Vereins gelangten alle neu bearbeiteten Entwürfe an die Lokalpresse, die die Leipziger abstimmen ließ. Und die Jury folgte entgegen ursprünglicher Intentionen schlussendlich dem Votum der Leipziger.
Mit modernen Materialien ist eine spätgotische Hallenkirche nachempfunden.
© Sylvio Dittrich/Imago
Ein Stachel Kirche im säkularen Fleisch der Aula-Halle
So entstand der futuristische Universitätskomplex nach dem Entwurf des Niederländers Erick van Egeraat, welcher die Silhouetten der alten Universitätsgebäude – Augusteum und Paulinerkirche – zitiert und im Innenraum des Kirche-Aula-Baus die spätgotische Hallenkirche in modernen Materialien nachempfinden lässt.
Die oft nach Siegerentwürfen im Nachhinein praktizierten Veränderungen brachten in der Folge erneut heftige Diskussionen mit sich. Während seitens der Universität der Charakter der Aula stärker betont werden sollte, stand für den Bürgerverein der Charakter der Kirche nicht zur Disposition. Zunächst verschwanden in der Überarbeitung die Säulen, und das gotische Gewölbe hing förmlich in der Luft, während sich aus den Säulenstümpfen der Decke sogenannte „Lichtsäulen“ fortsetzen sollten. Aber was, wenn das Licht aus ist? Auch eines der geflügelten Worte jener Tage.
Die Debatte ermöglichte die Rückkehr einiger handfester Säulen, dann ging der Streit um eine akustisch nicht oder doch problematische Glaswand, die die Hallenkirchenreplik in Kirchenraum und Aula trennt und gleichzeitig die aus der alten Universitätskirche geretteten Kunstschätze mittels Klimatechnik wohltemperiert der Nachwelt erhält. Aber da ist noch die alte barocke Kanzel! Ein Stachel Kirche im säkularen Fleisch der Aula-Halle oder bloß ein gefährdetes Kunstobjekt, welches nicht in die Aircondition des Altarraums gezwängt werden kann?
Wird nicht spätestens an dieser Stelle das Neutrum des Kirche-Aula-Baus verständlich, um dessen Deutungshoheit man lange stritt? Ein Weder-Noch! Oder vielmehr ein Sowohl-als-Auch? Der Volksmund wird einst die Aufgabe lösen, inwieweit neben dem „Neuen Augusteum“ für das Hauptgebäude die gegenwärtige, wortgewaltige Bezeichnung „Paulinum – Aula und Universitätskirche St. Pauli“ bestehen bleibt. In welcher anderen Stadt außer Leipzig können sich die Leute an drei Orten verabreden – der eine an der Universitätsaula, der andere an der Universitätskirche, ein dritter am Paulinum – und dennoch treffen?
Weimar 2047: Eine Parabel über Deutschland
Von Berlin aus in den Tod: Frau Müllers letzte Reise
Eine politische Komponente kommt hinzu
Die hier skizzierte Baugeschichte deckt mehrere Konflikte auf: Inwieweit sind sensible Bauprojekte allein dem abgehobenen Votum einer Jury zu überlassen? Oder verhindert gerade dieses Kitsch und Geschmacklosigkeit? Welche Rolle ist einer kleinen, aber kritisch-interessierten Bürgerschaft beizumessen? Bleibt ihr nur vorbehalten, Dampf abzulassen, während hinter den Kulissen auf Beziehungsebene entschieden wird?
Eine politische Komponente kommt hinzu: Abriss und Überformung machen Geschichte optisch ungeschehen, sind das Diktat der jeweiligen Sieger. Andererseits: Müssen wir Architektur, die nicht gefällt, duldend ertragen? Ist Rekonstruktion Fälschung oder ist sie selbst Geschichte – die schöpferische Auseinandersetzung des Zeitgeists mit dem Gewesenen?
Diese Problematik erscheint angesichts der zunehmenden bellizistischen und antidemokratischen Verwerfungen unserer Tage mit gleichzeitiger Verarmung der Bevölkerung deplatziert und anachronistisch zu sein. Eine Luxusdiskussion? Aber dennoch: Bürgerengagement hatte damals einen nicht zu vernachlässigenden Einfluss auf die architektonische Gestaltung eines „edlen Bauwerks“. Das sollte uns in trüben Zeiten ein Licht der Zuversicht sein.
Birk Engmann, Jahrgang 1973, Publizist und Mediziner, lebt in Leipzig und ist als Autor von Sach- und Fachbüchern bekannt. Er publiziert über medizinische, kulturhistorische und paläontologische Themen, des weiteren auch Belletristik.
Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]