Der Kabarettist Uwe Steimle steht im Zentrum eines Sturms: Nach einem Auftritt bei einer AfD-Podiumsdiskussion in Dessau-Roßlau am 14. Juli ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen ihn – weil er den öffentlichen Frieden gestört haben soll. Konkret geht es um seine Aussagen über Friedrich Merz und Angela Merkel – darunter eine Anspielung auf das Stauffenberg-Attentat, die als Aufruf zur Gewalt gewertet wird.
Auf dem Podium saßen neben Steimle der AfD-Bundesvorsitzende Tino Chrupalla und der sachsen-anhaltische AfD-Spitzenkandidat für das Amt des Ministerpräsidenten, Ulrich Siegmund. Steimle sieht sich als Satiriker und Friedensbotschafter, der missverstanden und bewusst falsch dargestellt wurde. Der Kabarettist versteht sich als „alten Linken“ im Sinne von Friedensbewegung, Antifaschismus, sozialem Mitgefühl und DDR-geprägtem Heimatbezug – lehnt aber die heutige Links-Rechts-Zuordnung ab und sagt, er lasse sich nicht zum „neuen Rechten“ machen.
Im Gespräch mit der OAZ erklärt er, wie es zu seinem Auftritt kam, was er mit seinen Worten gemeint hat – und warum ihn nicht die Feinde, sondern die Freunde am meisten schmerzen. Achtung: Das Gesagte könnte Spuren von Satire enthalten!
Herr Steimle, wie kam es überhaupt dazu, dass Sie auf jener AfD-Veranstaltung in Dessau-Roßlau aufgetreten sind? Das war ja kein reguläres Bühnenprogramm von Ihnen.
Ich bin von meinem Freund Tino Chrupalla gefragt worden. Er sagte mir, dass es sich um eine Podiumsdiskussion handelt, bei der es um das Thema Frieden geht. Das ist auch mein wichtigstes Thema, also war ich dabei. Für mich steht der Frieden über der Partei! Ich wäre auch zu jeder anderen Veranstaltung gegangen, die sich damit beschäftigt. Es geht nicht um die AfD – es geht um den Frieden.
War Ihnen nicht bewusst, dass eine AfD-Veranstaltung als Bühne für Ihre Friedensbotschaft als problematisch wahrgenommen werden könnte – unabhängig von Ihren Absichten?
Mir war bewusst, dass es so sein würde. Aber: Im Osten steht die AfD bei 40 Prozent. Du kannst doch nicht fast die Hälfte der Deutschen wegschließen – wo soll das hinführen? Eine Gesellschaft, die sagt, mit denen reden wir nicht, die hat von Demokratie nichts verstanden. Mit allen ist zu reden! Ich bin da bei Heinrich von Kleist: Der Gedanke entwickelt sich beim Sprechen. Und sprich, damit ich dich erkenne. Es muss doch möglich sein, im Gespräch festzustellen, was richtig und was falsch ist. Vielleicht kommt man sogar gemeinsam zu einer Lösung.
zur Person
Sie haben auf dieser Veranstaltung als Satiriker gesprochen – nicht als Privatperson. Wie haben Sie das dem Publikum und den Veranstaltern vorab klargemacht?
Ich habe explizit gefragt: Als was sitze ich hier? Als Gesprächsteilnehmer über den Frieden? Oder bin ich Satiriker, der hier Einlagen machen soll? Die Antwort war: Du sprichst als Satiriker. Und ich erwarte natürlich auch von meinem Publikum, dass es Satire erkennt. Die Leute im Saal haben alles verstanden. Nur, wer es nicht verstehen wollte, war entsetzt.
Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen einem Kabarettsaal, in den das Publikum mit einer Satire-Erwartung kommt, und einer politischen Podiumsdiskussion. Glauben Sie, dass dieser Kontextunterschied Ihre Verantwortung als Satiriker verändert?
Man kann alles so in den Zusammenhang stellen, dass das Gegenteil von dem rauskommt, was gesagt wurde – das nennt man Framing. Man kann Dinge weglassen, die gesagt wurden. Ich habe auf der Veranstaltung den Kabarettisten Werner Finck erwähnt, der in den 30er-Jahren mit einem Bild von Adolf Hitler auf die Bühne kam und fragte: „Was mach ich jetzt mit ihm? An die Wand stellen oder aufhängen?“ Finck hat dafür das Konzentrationslager gesehen.
Ich habe die Satire in Bezug auf das Merkel-Bild also eingeführt, ich habe sie erklärt. Und ich habe während des Auftritts noch gesagt: Bei Satire gilt: Wer sich betroffen fühlt, ist gemeint. Das ist das Grundprinzip der Satire. Aber ja – ich räume ein: Vielleicht habe ich mich unglücklich ausgedrückt. Für das, was ich sage, bin ich verantwortlich. Für das, was andere daraus machen, tragen sie die Verantwortung.
Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Ihrer Stauffenberg-Aussage in Bezug auf Bundeskanzler Friedrich Merz. Sie fragten, wo Stauffenberg sei, wenn man ihn mal brauche. Was war Ihr Hintergedanke dabei – was wollten Sie damit tatsächlich ausdrücken?
Ich habe auch das explizit eingeführt. Ich habe ins Publikum gefragt, wer noch öffentlich-restliches Fernsehen schaut – zwei haben sich gemeldet. Dann habe ich Sätze von Friedrich Merz vorgelesen: Für ihn sei Freiheit wichtiger als Frieden, weil es Frieden auf jedem Friedhof gebe. Und: Er habe keine Angst vor einem Nuklearkrieg. Da kriege ich Todesangst. Und daraus resultierte mein Herzensschrei: Müssen denn erst wieder Millionen Tote am Firmament sichtbar werden, bis einer in der CDU ruft: Friedrich, halte ein, bedenke das Ende? Das war gemeint: Wehret den Anfängern. (er betont auf Nachfrage, dass er sich nicht versprochen hat)
Sie haben einen ähnlichen Satz schon 2009 in einer ZDF-Sendung verwendet – damals gab es einen Anruf aus dem Kanzleramt. Was sagt das über die Wirkung dieses Satzes aus – und warum haben Sie ihn trotzdem erneut verwendet?
Das sagt, dass dieser Satz wirkt. Und es sagt noch etwas anderes: Wie gelangt ein Drehbuch, noch vor der Ausstrahlung der Sendung, ins Kanzleramt, wenn wir doch Staatsferne propagieren? Das ist die eigentlich interessante Frage. Damals hat der verantwortliche Redakteur das Drehbuch weitergegeben – mir war da nicht mehr zum Lachen zumute. Natürlich haben wir Staatsfernsehen. Und wenn ein Satz schon 2009 zu einem Anruf aus dem Kanzleramt geführt hat, dann zeigt das doch nur, dass die Nervosität dort oben groß ist. Wer den Dreck aufzeigt, gilt als gefährlicher als der, der ihn verursacht – das hat Tucholsky schon gewusst.
Die Aussagen über Angela Merkel und ihr Porträtbild – auch die werden Ihnen jetzt vorgeworfen. Wie erklären Sie diese?
Zunächst wies ich erst einmal darauf hin, dass sie sich im blauen Kaftan hat malen lassen. Warum? Sie ist die Mutter der AfD. Und sie habe sich für eine stehende Darstellung entschieden, weil sie ahnt, sie wird bald sitzen. Im Moment hängt sie erst mal. Und wenn der Nagel bricht, dann stellen wir sie an die Wand. Das ist Kabarett. Was ist daran Gewaltfantasie? Was ich denk und tu … Ich habe nicht eine Sekunde an Gewalt gedacht. Ich bin ein Seismograf, denn Fakt ist: Sowohl Merkel als auch Merz tragen Blut an den Händen. Dafür ist Satire da – als Ventil. Wenn jetzt aus Satire Tatsachenbehauptungen verdreht werden, bin ich entsetzt!
„Zunächst einmal: Ich habe die Ostalgie erfunden.“ Das dürfe man ruhig wissen, sagt Uwe Steimle.
© Rene Plaul für Ostdeutsche Allgemeine
Sie beschreiben sich selbst als Seismografen – also als jemanden, der aufnimmt, was die Leute denken und fühlen, und das zurückspielt. Aber ein Seismograf zeigt nur an – er verstärkt nicht. Ist das bei Ihnen wirklich so?
Ich sammle die Dinge auf und gebe das wieder. Meine Vorbilder – Werner Finck, Gerhard Polt – die waren in Kneipen unterwegs und haben gehört, was die Leute sagen. Den Satz „Die Wiedervereinigung ist vollendet, wenn der letzte Ostdeutsche aus dem Grundbuch gelöscht wurde“ – den habe ich nicht erfunden. Den haben mir Leute auf der Straße gesagt. Ich habe ihn aufgenommen und wiedergegeben. Dafür wurde ich vom MDR einbestellt, der Satz sollte gestrichen werden. Ich habe mich geweigert – und wurde entlassen.
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Es gibt aber auch Ostdeutsche – und das ist vielleicht die unbequemste Kritik –, die sagen: Steimle ist rückwärtsgewandt, er verklärt die DDR, er bedient eine ostdeutsche Opfererzählung, die mehr schadet als nützt. Menschen, die selbst im Osten groß geworden sind und Ihre Nostalgie nicht teilen. Was sagen Sie denen?
Zunächst einmal: Ich habe die Ostalgie erfunden. (Er lacht.) Das darf man ruhig wissen. Aber ich mache keine Ostalgie – ich ziehe die Vergangenheit ins Heute. Das ist etwas völlig anderes. Ich kann nur von meinem Erfahrungsschatz sprechen. Von was denn sonst? Und das Vergangene ist nicht vergangen – das merken wir doch gerade. Wer sagt, lass das mal ruhen, das ist vorbei, der schaut weg. Ich schaue hin. Und ja, ich weiß, dass es Ostdeutsche gibt, die sagen: Uwe, hör auf mit der DDR.
Meine eigenen Eltern hatten wenig Zeit für mich – die waren mit dem Aufbau des Sozialismus beschäftigt. Mir ging dieses ewige Bekenntnis zur Heimat, zum Kollektiv, auf den Zeiger. Und trotzdem sage ich heute: Das Ziel, der Wunsch war nicht verkehrt. Man könnte doch mal versuchen, aus der Geschichte zu lernen, was schiefgelaufen ist. Ich will die DDR nicht wiederhaben – aber ich lasse sie mir auch nicht nehmen. Das ist kein Widerspruch. Das ist menschlich.
Bei der Veranstaltung in Dessau-Roßlau haben Sie die DDR-Hymne gesungen – warum?
Der Text ist hochaktuell. Jedes einzelne Wort. Vor allem die zweite Strophe – da zerreißt es mich immer: „Lasst das Licht des Friedens scheinen, dass nie eine Mutter mehr ihren Sohn beweint.“ Ich bin mit dieser Hymne groß geworden. Der Wunsch, der darin steckt – der war doch nie verkehrt. Und wenn jetzt Zeitungen schreiben, Chrupalla und Siegmund singen die DDR-Hymne – was heißt das? Heißt das als Nächstes, Nazis wollen die DDR zurück?
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Die AfD ist das Sammelbecken der von der Einheit Enttäuschten. Ich habe es sogar noch mal bei der Veranstaltung selbst erklärt, warum wir sie singen: weil der Text so aktuell ist. Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus – das steht darin. Heimat, Volk, Familie, und an oberster Stelle: Frieden – das war in der DDR Staatsdoktrin. Links. Heute ist dasselbe rechts – wieso? Das Volk hat 1989 der Obrigkeit das Vertrauen entzogen – und genau das erleben wir jetzt wieder. Deswegen singe ich diese Hymne. Nicht aus Nostalgie – sondern weil die Worte noch gelten. Warum singen wir die zweite Strophe nicht gemeinsam? Ohne Frieden ist alles nichts.
Er stehe für den Osten, sagt Uwe Steimle. „Ich bin kein Wutbürger – ich bin ein liebender Mensch.“
© Rene Plaul für Ostdeutsche Allgemeine
Wann haben Sie zuletzt etwas bewusst nicht auf die Bühne gebracht, weil Sie es für zu gefährlich oder zu missverständlich hielten?
Ich bin ständig im Zweifel. Ich bin kein Roboter. Ich beschäftige mich mit der deutschen Sprache, bin sozusagen ein Wortdrechsler. Und da geht auch schon mal ein Span flöten.
Sie sagen, Sie wurden von Medien falsch dargestellt – aus Satire wurden Tatsachenbehauptungen, Ihre Aussagen aus dem Kontext gerissen. Warum haben Sie es trotzdem wieder so formuliert?
Weil ich das nicht für mich mache, sondern weil ich für den Frieden schreie. Wenn die dunkle Seite nur noch nach Krieg ruft, muss der schwarze Humor Frieden schreien. Aber ich wäre kein verantwortungsvoller Satiriker, wenn ich irgendwann sagte: Ich habe es geschafft, ich höre auf. Wer lange genug altmodisch ist, ist irgendwann wieder ganz modern. Der Frieden ist modern.
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Haben die aktuellen Ereignisse und auch jene, die zurückliegen, wie etwa der Rausschmiss beim MDR, Auswirkungen auf Ihr Leben?
Ja, es werden jetzt gerade reihenweise Auftritte abgesagt, in Lüneburg, Zwickau, Görlitz, Schwedt, noch in 23 anderen Städten. Im Westen finde ich ohnehin kaum Termine, die Veranstalter sind verunsichert. Es ist ein modernes Berufsverbot. Meine Bücher wurden nicht mehr gedruckt. Und die Begründung lautet immer: Wir haben Bedenken. Ich sage nicht, es ist schlimmer als in der DDR. Aber ich sage: Wir kennen das. Deswegen sind wir im Osten so sensibel. Nie wieder ist jetzt. Das gilt für alles.
Freunde und Kollegen haben sich von Ihnen distanziert – darunter, wie Sie sagen, ein bekannter Kabarettist, der Ihnen nach einem Tagesschau-Beitrag sagte, er habe es gesehen und Sie hätten es genauso gemeint, wie Sie es gesagt haben. Wie gehen Sie damit um?
Das schmerzt mehr als alles andere. Ich sage es mit Hannah Arendt in ihren Äußerungen über das Jahr 1933: Unsere Feinde haben uns nicht gemocht – damit wussten wir umzugehen. Aber dass unsere Freunde uns verraten haben, das hat uns im Herzen getroffen. Die Intellektuellen waren die ersten, die sich verabschiedet haben. Das ist schon bitter.
Wie stehen Sie zu den laufenden Ermittlungen – und was erwarten Sie von der Justiz?
Wir leben in einem Rechtsstaat und eben nicht in der DDR, wo es politisch motivierte Rechtsprechung gab. Ich glaube an die Unabhängigkeit unserer Justiz in unserer Demokratie. Vater Unser!
Was ist Ihre Botschaft an die Menschen, die Ihnen zuhören – und an die, die Sie gerade für einen gefährlichen Mann halten?
Ich stehe nicht bloß für mich. Ich stehe für den Osten. Ich bin kein Wutbürger – ich bin ein liebender Mensch. Ich schreie nach Liebe, und die sagen: Halt das Maul, du bist ein Nazi. Ich habe kein Geschäftsmodell außer dem Frieden. Und ich werde nicht aufhören, daran zu glauben, dass die allermeisten Menschen gut sind. Wir leben noch nicht in einer Diktatur – es wird noch angehört, es wird noch gesprochen. Auch das sollte man als Vorteil nehmen. Immer in der Liebe bleiben.
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„Immer in der Liebe bleiben“ – das ist ein schöner Satz. Aber Liebe allein schützt nicht vor den Konsequenzen des eigenen Handelns. Was würden Sie anders machen, wenn Sie könnten?
Von der Kraft her würde ich heute eher nicht mehr auf diese Veranstaltung gehen. Das sage ich ehrlich. Aber von der Haltung her – weil es für den Frieden war – sicher. Ich habe sie genutzt für meine Friedensbotschaft. Ja, es ist nach hinten losgegangen – weil es das Redaktionshetzwerk so wollte. Nochmal: Satire ist kein Bekennerschreiben. Ich werde nicht einknicken.
So wie ein Sammler bis zum letzten Tag Bilder sammeln sollte, sollte auch ein verantwortungsvoller Satiriker nie sagen: Ich habe es geschafft. Und ich werde nicht aufhören, daran zu glauben, dass Reden besser ist als Schweigen. Dass Dialog besser ist als Mauern. Wer Wind sät, erntet Sturm – und wer Kriege sät, erntet Flüchtlingsströme. Das ist meine Botschaft. Die war es immer und sie bleibt es. Ich wünsche mir an dieser Stelle, dass die OAZ Kästners Gedicht „Große Zeiten“ abdruckt – es ist erschreckend aktuell.
Sehr gern.
„Die Zeit ist viel zu groß, so groß ist sie.
Sie wächst zu rasch. Es wird ihr schlecht bekommen.
Man nimmt ihr täglich Maß und denkt beklommen:
So groß wie heute war die Zeit noch nie.
Sie wuchs. Sie wächst. Schon geht sie aus den Fugen.
Was tut der Mensch dagegen? Er ist gut.
Rings in den Wasserköpfen steigt die Flut.
Und Ebbe wird es im Gehirn der Klugen.
Der Optimistfink schlägt im Blätterwald.
Die guten Leute, die ihm Futter gaben,
sind glücklich, daß sie einen Vogel haben.
Der Zukunft werden sacht die Füße kalt.
Wer warnen will, den straft man mit Verachtung.
Die Dummheit wurde zur Epidemie.
So groß wie heute war die Zeit noch nie.
Ein Volk versinkt in geistiger Umnachtung.“
(Erich Kästner: Große Zeiten, 1931)
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