„Wir haben in Deutschland immer so ein bisschen die Neigung zu glauben, wir wären die Größten“, sagt Karin Prien. Die Bundesbildungsministerin steht am Montagmittag in Berlin vor einem Publikum aus Bildungsexperten, Verbandsvertretern und Journalisten – und räumt gleich mit diesem Selbstbild auf. Im internationalen Vergleich sehe die Wirklichkeit anders aus: „Wir sind nicht mal mittelmäßig.“ Wie groß die Probleme sind, zeigt der Bildungsmonitor 2026, der an diesem Tag in Berlin vorgestellt wird.
Auf dem Podium (v. l. n. r.): Prof. Dr. Axel Plünnecke, Huberta von Voss-Wittig, Karin Prien und Moderator Maximilian Stascheit
© Jana Hermann/Berliner Zeitung
Berlin: Viel Geld für ein unbefriedigendes Ergebnis
Und ausgerechnet die Hauptstadt liefert ein gutes Beispiel für den Widerspruch, über den anschließend diskutiert wird: Berlin bietet vergleichsweise gute Betreuungsbedingungen und gibt viel Geld für seine Schulen aus. 2024 waren es nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 13.700 Euro je Schüler – mehr als in jedem anderen Bundesland. Der bundesweite Durchschnitt lag bei 10.500 Euro.
Doch bei den entscheidenden Bildungsergebnissen kommt davon offenbar zu wenig an. Bei der Schulqualität landet die Hauptstadt im Bildungsmonitor auf Rang 14, bei der Bildungsarmut auf Rang 15 und bei der beruflichen Bildung sogar auf dem letzten Platz. Insgesamt reicht es für Platz elf von 16 Bundesländern.
Dabei mangelt es zumindest auf dem Papier nicht überall an guten Voraussetzungen. Bei den Betreuungsbedingungen erreicht Berlin bundesweit Platz drei. Auch der Ganztag ist stark ausgebaut: 83,8 Prozent der Berliner Grundschüler besuchen eine offene oder gebundene Ganztagsschule, bundesweit sind es 51,2 Prozent. Die Frage, die über der Veranstaltung schwebt, lautet deshalb auch: Warum führen vergleichsweise gute Bedingungen nicht zu besseren Ergebnissen?
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Gilt noch „Bildung für alle“?
Hinter dem Bildungsmonitor steht die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), die die Studie beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Auftrag gibt. Für INSM-Geschäftsführer Thorsten Alsleben ist Bildung auch eine wirtschaftspolitische Frage. Gute Bildung sei „ein Standortvorteil“, sagte er bei der Vorstellung – mindestens so wichtig wie niedrige Steuern, Sozialabgaben oder Energiepreise.
Doch Alsleben stellte noch eine andere Frage in den Mittelpunkt: Funktioniert das Aufstiegsversprechen der sozialen Marktwirtschaft noch – also die Vorstellung, dass die Herkunft Einfluss auf den Lebensweg haben kann, ihn aber nicht bestimmen sollte? In Anlehnung an Ludwig Erhards „Wohlstand für alle“ fragte Alsleben, ob in Deutschland auch „Bildung für alle“ gelte.
Videospiele und soziale Netzwerke statt Bildung
Genau darum geht es im diesjährigen Schwerpunkt des Bildungsmonitors. Studienautor Prof. Dr. Axel Plünnecke vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) zeigte, dass die Unterschiede lange vor dem ersten Schulzeugnis beginnen. So werde Kindern in Akademikerhaushalten deutlich häufiger vorgelesen als in Familien ohne Berufsabschluss. Gleichzeitig nutzten Kinder aus bildungsferneren Haushalten häufiger besonders intensiv Videospiele, soziale Netzwerke und andere digitale Angebote. Beides könne bestehende Bildungsunterschiede schon früh verstärken.
Hinzu kommt die Zusammensetzung der Schulen. Kinder mit Migrationshintergrund lernen laut Plünnecke häufiger an Schulen, an denen ebenfalls besonders viele Kinder aus Einwandererfamilien unterrichtet werden. Das könne unter anderem den Spracherwerb erschweren.
Plünnecke fordert deshalb, früher anzusetzen: mit Sprachstandserhebungen und gezielter Förderung, einer stärkeren Verteilung von Ressourcen nach Sozialindex und einem Ganztag, der nicht nur Betreuung bietet, sondern auch zum Lernen genutzt wird.
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Prien: Nicht einfach mehr Geld ins System
Prien greift diesen Punkt auf. Die Ergebnisse bei Unterrichts- und Schulqualität seien „extrem besorgniserregend“. Trotzdem hält sie wenig davon, die Antwort allein in höheren Bildungsausgaben zu suchen. „Es geht nicht darum, einfach nur Geld ins Bildungssystem zu packen“, sagt sie. Natürlich brauche Bildung Ressourcen. Es gehe aber „um mehr als nur um mehr Geld“.
Anders als nach dem ersten Pisa-Schock Anfang der 2000er-Jahre fehle es inzwischen auch nicht mehr an Erkenntnissen. „Es ist nicht so, dass wir ratlos wären“, sagt Prien. In den zentralen Handlungsfeldern wisse man „ziemlich genau“, was zu tun sei.
Der CDU-Politikerin ist es deshalb ein Anliegen, früh anzusetzen. „Die Kita ist die Bildungsinstitution, die die Möglichkeit eröffnet, mit dem geringsten Einsatz die höchste Rendite zu erzielen“, sagt sie – und räumt selbst ein, dass sie mit einer solchen Ökonomisierung von Bildung eigentlich fremdele, aber manchmal muss man es so betrachten, sagt sie sinngemäß.
Konkret fordert Prien, bei allen Kindern im Alter von vier Jahren den Sprach- und Entwicklungsstand zu erheben. Dabei dürfe es nicht beim Test bleiben: „Nur erheben und testen, um zu sagen: Ihr könnt aber noch nicht – das bringt natürlich gar nichts.“ Anschließend müsse gezielt gefördert werden – sprachlich, motorisch und in der sozial-emotionalen Entwicklung.
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„Migration ist erst mal Potenzial“
Huberta von Voss-Wittig, Vorstandsmitglied des Bundesverbands Innovativer Bildungsprogramme, setzt in der anschließenden Diskussion einen anderen Akzent. „Es geht immer in Deutschland sehr stark um Schuld“, sagt sie. Migration sei „erst mal Potenzial, eine Chance“. Von Voss-Wittig spricht von Menschen mit „Migrationskapital“ – und davon, Fähigkeiten und Erfahrungen von Einwanderern nicht ausschließlich als Defizit zu betrachten.
Die Schwierigkeiten bei Integration blendet sie nicht aus. „Es war noch nie einfach, in Deutschland anzukommen“, sagt von Voss-Wittig und nennt Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Gebieten - dass selbst diese es damals schwer hatten, anzukommen und angenommen zu werden. Gerade deshalb komme Bildung eine Bedeutung zu, die weit über Schulnoten und spätere Einkommen hinausgehe: „Bildung ist ein Demokratieversprechen“, meint sie.
Für Berlin ist das mehr als eine abstrakte Debatte. Die Hauptstadt hat viele der Strukturen geschaffen, die bessere Bildung ermöglichen. Trotzdem bleiben die Leistungen schwach. Schon frühere Untersuchungen zeigten etwa erhebliche Defizite bei den Grundkompetenzen Berliner Schüler. Die Berliner Zeitung berichtete bereits über Vergleichsarbeiten, bei denen 43 Prozent der Drittklässler die Mindestanforderungen in Deutsch und 46 Prozent jene in Mathematik verfehlten.
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Was sich nach der Diagnose von Prien und Plünnecke ändern müsste?: Sprach- und Entwicklungsdefizite früher erkennen und anschließend gezielt fördern, Mittel stärker nach der sozialen Lage der Schulen verteilen, den Ganztag stärker zum Lernen nutzen und die Fortschritte der Schüler regelmäßig überprüfen. Berlin fehlt es demnach nicht nur an Ressourcen. Entscheidend ist, was Schulen und Politik aus den vorhandenen Möglichkeiten machen.
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