Theaterfestival

Zwischen Bitch und Klammeraffe: Die Münchner „Nora“ beim Theatertreffen

Das Theatertreffen zeigt einen multiperspektivisch überarbeiteten Ibsen aus den Münchner Kammerspielen mit einer Hausfassade als Protagonist.

Doris Meierhenrich
Doris Meierhenrich
3 Min
Katharina Bach in der Titelrolle in Felicitas Bruckers „Nora“-Inszenierung aus den Münchner Kammerspielen

Katharina Bach in der Titelrolle in Felicitas Bruckers „Nora“-Inszenierung aus den Münchner Kammerspielen

© Armin Smailovic

Es ist im Grunde nicht neu, einen Klassiker zu aktualisieren, indem man seine Figuren zeitweise aussteigen lässt aus dem Gang ihrer alten Geschichte und sie laut nachdenken über die sich verändernde Relevanz ihrer Rollen.

Bei Felicitas Bruckers Münchner Inszenierung von Henrik Ibsens „Nora“, die derzeit beim Berliner Theatertreffen zu sehen ist, geschieht das gleich im Vorspiel vor dem Vorhang. Auf ihm eine gespenstische Hausprojektion, die dem in Hitchcocks „Psycho“ ähnelt, hier ist es das Heim der Helmers. Und trotz aller Bekanntheit dieses Blicks von außen auf sich selbst bringt es an diesem Abend etwas ungemein Neues in das Stück.

Denn in dem Prolog, den die am Sonnabend beim Theatertreffen mit dem Theaterpreis Berlin geehrte Dramatikerin Sivan Ben Yishai eigens geschrieben hat, geht es nicht einfach um die Aufsetzung eines lockeren Jetzt-Ambiente auf den 145 Jahre alten Ibsen-Text, vielmehr meldet sich das gesamte Personal – neben den Helmers und ihren Salonfreunden auch der Postbote sowie das Haus- und Kindermädchen – aufmüpfig zu Wort und würfelt die Figurenhierarchie munter durcheinander. Wichtiger noch: Durch ihre je eigenen Perspektiven auf das Stück schieben sie die verschiedenen sozialen Fesseln und Motivationen in den Vordergrund, die sonst verborgen blieben.

Vom ersten Moment an also weitet sich das Handlungsgerüst um den kleinen Spielraum der netten Puppenfrau Nora gewaltig aus auf die Handlungsräume jeder Figur, und sei sie noch so unbedeutend. Sogar die drei Kinder bekommen noch interessant reflektierende Dialoge eingeschrieben, diesmal von Ivna Zic (Gerhild Steinbuch ist eine dritte Autorin). Gut nachvollziehbar daher, dass Felicitas Brucker das so erweiterte Stück als Architekturmetapher begreift und Vivia Schudt dazu eine auf dem Kopf stehende Hausfassade als vertikales Spielfeld gebaut hat. Der Protagonist des Abends also, annonciert Svetlana Belesova, Noras Freundin Christine, ist ein Haus. Und dann klettern, rutschen, springen, ja arbeiten sich die Helmers & Co. an diesem flackernden Eigenheim ab wie an ihrem grandios verplanten Lebenskonstrukt.

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Mit einem so plastischen Bild als Grundlage ist das Wirken der Schauspieler darauf natürlich in erster Linie gymnastische Körperbeherrschung, was speziell Katharina Bach grandios nutzt und ihre Nora in malerisch morbide Posituren schiebt. Es birgt aber auch die Gefahr, statisch zu werden, was an diesem Abend leider auch deshalb geschah, weil die Hubtechnik streikte, das Ganze erst eine Stunde verspätet begann und schließlich auch nicht alle Bilder gezeigt werden konnten.

Auch Thomas Schmauser musste krankheitshalber seinen Erpresser Krogstad durch den heldenhaft einspringenden Bernardo Arias Porras ersetzen lassen. Umso schonungsloser schmiss sich Katharina Bach in die Seile als eine ungewöhnlich zähe, preziös bitchige, gefährliche Nora. Nora als Klammeraffe, Nora als Rocklady auf der Suche nach radikal echtem Leben. Fast ein atemloses Solo am Ende, in dem die große Hausmetapher doch wieder zerschmilzt.

Nora läuft noch einmal am heutigen Sonnabend, 19.30 Uhr im Haus der Berliner Festspiele. Das Theatertreffen geht noch bis 29. Mai. Karten und Programm unter www.berlinerfestspiele.de

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