Brandmauer

Gabriele Gysi im Interview: „Eine Brandmauer ist immer eine intellektuelle Bankrotterklärung“

In Magdeburg ruft Gabriele Gysi das BSW zur Wahl von Ulrich Siegmund auf. Was bewegt die ältere Schwester von Gregor dazu? Ein Gespräch.

9 Min
Gabriele Gysi sagt, mit der Wahl von Ulrich Siegmund (AfD) zum Ministerpräsidenten falle die Brandmauer.

Gabriele Gysi sagt, mit der Wahl von Ulrich Siegmund (AfD) zum Ministerpräsidenten falle die Brandmauer.

© Holger John/imago

Die fünf Abgeordneten des BSW könnten bei der Wahl des nächsten Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt eine entscheidende Rolle spielen. Die Partei will im Dezember allerdings weder den Kandidaten der CDU noch Ulrich Siegmund von der AfD unterstützen. Die Schauspielerin Gabriele Gysi hält diesen Kurs für falsch. Bei einer Podiumsdiskussion in Magdeburg forderte sie das BSW am Sonntag auf, Siegmund zu wählen.

Die 80-Jährige gehört selbst keiner Partei an. Jahrzehntelang stand sie auf Theaterbühnen und führte Regie. Heute mischt sie sich zunehmend in politische Debatten ein. Im Gespräch mit dieser Zeitung begründet sie, weshalb sie die Brandmauer zur AfD ablehnt, wie sie sich eine Zusammenarbeit zwischen AfD und BSW vorstellt und was Kinder ihrer Meinung nach in deutschen Schulen lernen sollten.

Gabriele Gysi, Sie haben am Sonntag in Magdeburg gesagt, das BSW sei durch den Wählerwillen gezwungen, Ulrich Siegmund zum Ministerpräsidenten zu wählen, damit die Brandmauer fällt. Was meinen Sie damit?

Ich halte die Brandmauer für so unglaublich dumm, dass ich es kaum ausdrücken kann. Eine Brandmauer ist immer eine intellektuelle Bankrotterklärung. Egal, was der andere sagt, man muss immer ein Argument finden. Eine Brandmauer, auf die sich die Parteien gemeinsam verständigen, verhindert im Grunde jede Opposition. Man könnte all diese Parteien, also CDU, SPD, Grüne und Linke, in einem für die Wähler offensichtlich wesentlichen Punkt als eine Partei betrachten, selbst wenn noch weitere Parteien gegründet werden. Und das ist indirekt die Aufhebung der Demokratie, jedenfalls der repräsentativen Demokratie.

Man könnte Ihnen entgegenhalten: Die Menschen wissen, dass es diese Brandmauer gibt. Wenn sie Parteien wählen, die an der Brandmauer festhalten wollen, kann man ihnen schlecht vorwerfen, das anschließend auch zu tun.

Das stimmt, macht die Sache aber nicht besser. Das mediale Framing der AfD, das als Begründung für die Brandmauer herangezogen wird, ist falsch. Wenn dieses Framing in so massiver Form durchgesetzt wird, mit Benachteiligung, Ausgrenzung und der Verweigerung gesellschaftlicher Teilhabe, dann haben die Leute natürlich Angst. Sie wollen zu denen gehören, die gut sind, und fürchten sich, dem entgegenzutreten.

Zur Person

Gabriele Gysi wurde am 13. Juli 1946 in Berlin geboren. Sie studierte Schauspiel und Philosophie, spielte an der Berliner Volksbühne und nach ihrer Ausreise aus der DDR 1985 am Schauspielhaus Bochum.

Später führte sie an zahlreichen Theatern Regie und war von 2007 bis 2008 Chefdramaturgin der Berliner Volksbühne.

Sie ist die Tochter des früheren DDR-Kulturministers Klaus Gysi und die ältere Schwester des Linke-Abgeordneten Gregor Gysi. Sie gehört keiner politischen Partei an.
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Das BSW hat in Sachsen-Anhalt einen Landtagspräsidenten der AfD mitgewählt. Wenn man die Partei dann darauf anspricht, dass sie wohl auch Ulrich Siegmund zum Ministerpräsidenten wählen werde, wird das schroff zurückgewiesen. Wie erklären Sie sich diese Differenz?

Mit diesem unglaublichen Druck und diesem jahrzehntelangen Framing. Ich würde auch nicht sagen, dass sich das BSW querstellt. Das BSW steht unter einem ungemeinen Druck und vor einer großen Zerreißprobe. Es ist heute sehr schwer, sich gegen diesen Mainstream zu stellen. Ich finde es toll, dass die Partei den Mut hat, andere Denkmodelle aufzugreifen und die Brandmauer infrage zu stellen. Der Wählerwille muss respektiert werden.

Das heißt, das BSW hat selbst eine Brandmauer?

Es gibt die Brandmauer für alle. Die gibt es für Sie, für mich, für jeden. Und das finde ich unglaublich unverschämt.

Und wenn Ulrich Siegmund im Dezember nicht gewählt wird?

Er wird gewählt. Wenn die Wahl wirklich geheim ist und nicht alle rausgehen, wird er auf jeden Fall gewählt.

Die AfD, wenn man ihr etwas vorwerfen kann, will, dass die Welt nicht illegal hierherkommt.

Gabriele Gysi

Wer eine wie auch immer geartete Zusammenarbeit mit der AfD fordert, dem wird vorgeworfen, Steigbügelhalter des Faschismus zu sein. Was erwidern Sie darauf?

Dann müssen Sie sich erst einmal damit beschäftigen, was Faschismus ist. Faschismus war eine imperiale Bewegung zur Beherrschung der Welt. Die AfD will keinen Krieg mit Russland. Die Faschisten wollten Krieg mit Russland. Die AfD will, dass die Nationalstaatlichkeit und die Souveränität geschützt werden. Das ist kein Imperialismus, sondern das Gegenteil. Die Nationalsozialisten in Deutschland wollten, dass ihnen die Welt gehört. Die AfD, wenn man ihr etwas vorwerfen kann, will, dass die Welt nicht illegal hierherkommt. Das ist sozusagen das Gegenteil eines Nationalsozialisten.

Darf man trotzdem ablehnen, was die AfD möchte?

Natürlich kann man das ablehnen. Nur muss man dann ein Argument finden und sagen, was man wirklich möchte. Man muss aber ebenso akzeptieren, dass es Menschen gibt, die nicht wollen, dass so viele Ausländer nach Deutschland kommen.

Wenn Sie von Ausgrenzung sprechen: Beziehen Sie das auch auf die deutsche Geschichte?

Wenn es etwas in unserer deutschen Geschichte gibt, bei dem ich sage: Nie wieder, dann ist es die Ausgrenzung. Es gab in Deutschland die Reichspogromnacht. Solche Formen der Ausgrenzung dürfen sich nicht wiederholen. Leute, die sagen, man müsse mit dem Finger auf andere zeigen, stehen für mich am Beginn nationalsozialistischer Kultur. Das ist genau das „Nie wieder“.

Zwischen AfD und Linken gibt es über den Umgang mit Faschismus und Antisemitismus immer wieder Streit.

Neulich hat Frau von Storch im Bundestag die Linken angeschnauzt und ihnen vorgeworfen, Antisemiten zu sein, weil sie finden, dass man die Palästinenser nicht abschlachten soll. Und die Linken antworteten, dass die AfD Nazis seien. Da saß ich und dachte: Das ist eine US-amerikanische PsyOp.

Sie meinen beide Seiten?

Beide Seiten. Das ist keine Diskussion. Das ist einfach blöd. Natürlich ist die AfD keine Nazipartei. Die wollen nur, dass keiner illegal herkommt.

Und Linke, die darauf hinweisen, dass Israel mit seinem Vorgehen im Gazastreifen womöglich Kriegsverbrechen begeht, würden Sie auch nicht als Antisemiten bezeichnen?

Natürlich nicht.

Wie stellen Sie sich eine Zusammenarbeit zwischen AfD und BSW in Sachsen-Anhalt konkret vor?

Das muss ich mir gar nicht vorstellen. Das müssen die Abgeordneten machen. Wenn zum Beispiel das BSW für Bildung verantwortlich ist, wäre das doch toll. Die Schulen verfallen nicht nur materiell. Die Bildungskonzepte sind ganz offensichtlich nicht tragbar. Das beweist jede PISA-Studie. Das Problem ist heute, dass durch die Entwicklung der antiautoritären Erziehung niemand mehr Verantwortung für die Kinder übernehmen will. Dahinter steht die dümmste Behauptung, dass alles im Kind sei. Im Kind ist gar nichts. Jedes Kind wird geprägt. Sonst gäbe es nicht unterschiedliche Sprachen, Gebräuche und Kulturen. Was sich in meinen Augen tatsächlich abspielt, ist die Vernichtung jeder kulturellen Differenz. Und das nennen sie multikulturell.

„Ein enormer Kulturverlust findet statt“

Was wünschen Sie sich für junge Menschen in Deutschland?

Dass sie gut Deutsch sprechen, weil es eine so kluge Sprache ist. Dass sie sich nicht dazu verführen lassen, diese Grammatik, diese Sprache herzugeben, in der Kant, Hegel und Marx gedacht haben. Ich habe zum Beispiel einmal darüber nachgedacht, ob Freud das Über-Ich ausgehend von der deutschen Grammatik entdeckt hat. Da staunen Sie, was?

Wie kommen Sie darauf?

Im Deutschen gibt es den Satz: „Ich bewege mich.“ Im Französischen heißt das „Je bouge“. Im Englischen „I move“. Das ist nicht reflexiv gedacht. Aber mit dem „Ich bewege mich“ wird angenommen, dass es ein Ich gibt, das mich bewegen kann, obwohl ich selbst dieses Ich bin. Diese grammatikalische Konstruktion ist meiner Ansicht nach die Grundlage der Theorie. Diese Sprache gestattet so viel, und dann wird sie auf einen Krieg zwischen Männern und Frauen reduziert, der zum Beispiel in den USA ganz andere Ursachen hat und keineswegs übertragbar ist.

Sie meinen den Streit um das generische Maskulinum?

Genau. Die Schüler müssen „Faust“ in der Schule lesen, und zwar alle. Egal, woher sie kommen. Sie sind dann mit der Geschichte konfrontiert. Es ist traurig, was für ein enormer Kulturverlust stattfindet. Ich beobachte auch schon lange einen Kampf gegen das deutsche Theater. Es wird beim Staatstheater und Nationaltheater seit 30 Jahren noch über Geld gesprochen, aber nicht von Kultur, die sich in diesem Land entwickelt hat und einmalig ist. Die russische Besatzungsmacht hatte eine andere Politik als die amerikanische. Die Russen haben ihre Verehrung für die deutsche Kultur zum Ausdruck gebracht, als das Deutsche Theater 1945 mit „Nathan der Weise“ wiedereröffnet wurde. Und heute wird die Migrationsfrage zu einer rassischen Frage stilisiert und die deutsche Kultur in Bezug auf den Faschismus stigmatisiert. Das ist ein Unding.

Wie stellen Sie sich die politische Zukunft Deutschlands vor?

Wenn alles gut laufen würde, würden die europäischen Nationalstaaten ihre eigene Kultur und Souveränität anders stützen und schützen. Europa hat immer durch die Differenzen gestrahlt. Und die brauchen Grenzen. Grenzen sind wichtig. Kriege wurden nie von Nationalstaaten ausgelöst, sondern immer durch imperiale Absichten der Eliten. Imperial ist das Gegenteil von national. Internationalität heißt, dass es Nationen gibt. Sonst gibt es keine Internationalität.

Weshalb die AfD keine transatlantische Partei werden darf

Sie sind Jahrgang 1946 und haben als erfolgreiche Schauspielerin an renommierten Theatern gearbeitet. Sie könnten sich zurücklehnen und Ihren Lebensabend genießen. Was treibt Sie an, sich weiterhin in politischen Debatten einzumischen?

Weil es wirklich Kriegsgefahr gibt. Das ist kein Witz. Wir haben in der EU eine Regierungselite, die Europa in den Krieg treibt. Russland hatte nach 1989 die Hoffnung auf eine gemeinsame Sicherheitsarchitektur, auf ein friedliches Miteinander durch Handel, Verständnis und Kulturaustausch, vor allem mit Deutschland, weil die Russen eine so enge Beziehung zu Deutschland haben. Und jetzt stehen wir unter einem wahnsinnigen Druck. Die Linken müssten eigentlich dagegen sein, aber da sie heute alle jung, süß und unerfahren sind, sind sie es eben nicht.

Und wer kann diesen Krieg verhindern?

Die AfD ist die einzige Partei, die einen Krieg stoppen könnte. Daher ist sie in Ostdeutschland eine so starke Kraft. Weil sie diesen Friedenswillen repräsentiert und das tut die AfD gemeinsam mit dem klitzekleinen BSW. Deshalb darf die AfD keine transatlantische Partei werden.

Was würden Sie jungen Menschen neben der Lektüre des „Faust“ noch mit auf den Weg geben?

„Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!“ Das ist ein berühmter Satz aus „Don Carlos“ von Schiller. Das ist im Grunde auch meine Überschrift. Die Gedankenfreiheit wird verboten, wenn die Europäische Union Journalisten dafür sanktioniert, dass sie die Wirklichkeit anders interpretieren. Das Denken verbieten! Und an der Stelle sage ich das, weil ich 1946 geboren bin, wie Sie festgestellt haben: Wer soll sich denn dagegen wehren, wenn nicht wir Älteren? Wie sollt ihr Jungen das denn sonst schaffen?

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