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Alle reden von den Gefahren Künstlicher Intelligenz und erstaunlich viele Insider sind davon überzeugt, dass sie schon in nächster Zeit das Internet zerstören könnte, wenn sie nicht gleich die gesamte Menschheit auslöscht. Dario Amodei, der Chef des US-amerikanischen KI-Forschungsunternehmen Anthropic, hat aus diesem Grund die Verlangsamung der Frontier-KI-Entwicklung gefordert. Unterstützt wurde er dabei von Sam Altman, dem CEO von OpenAI und dem Tech-Unternehmer Elon Musk.
Auch wenn es wohl in Wahrheit darum geht, durch diesen geschickten Schachzug kleinere Konkurrenzunternehmen auszuschalten, ist die Bedrohung, die von autonomen KI-Agenten in Zukunft ausgehen könnte, nicht von der Hand zu weisen. Doch im Schatten dieser Gefahr lauert noch eine weitere, die zurzeit noch wesentlich realer ist, aber dennoch kaum mehr thematisiert wird: die Gefahr der Vernichtung der Menschheit durch Atomwaffen.
Kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges, am 10. Dezember 1945, erschien die erste Ausgabe des Informationsblattes Bulletin of the Atomic Scientists. Die Gründer waren drei ehemalige Mitarbeiter des Manhattan Projects, ein US-amerikanisches militärisches Forschungsprogramm, das schließlich zur Entwicklung und zum Bau der ersten Atombombe führte. Zwei Jahre später wurde aus dem bloßen Informationsblatt ein Magazin, das auf dem Cover der ersten Ausgabe die sogenannte Doomsday Clock zeigte.
Diese Weltuntergangsuhr stellt bis heute symbolisch dar, wie nah die Menschheit ihrer eigenen Ausrottung ist. Zweimal jährlich kommt ein Expertengremium zusammen, um das Weltgeschehen zu erörtern und die Uhr bei Bedarf neu zu stellen. Dachte man anfangs in erster Linie an die nukleare Vernichtung der Menschheit, sind inzwischen der Klimawandel und seit Neuestem auch die Künstliche Intelligenz als mögliche Ausrottungsursachen hinzugekommen.
Seitdem rückt der Zeiger, je nach Weltlage, näher an Mitternacht heran oder entfernt sich wieder. Die sicherste Zeit begann mit dem Ende des Kalten Krieges und dem damit verbundenen Abkommen zur nuklearen Abrüstung zwischen den USA und der Sowjetunion beziehungsweise der Russischen Föderation. Diese sogenannten „Start-Verträge“ (Strategic Arms Reduction Treaty) sahen eine drastische Verringerung der Anzahl der strategischen Atomwaffen und deren Trägersysteme vor. Zu dieser Zeit stand der Zeiger auf siebzehn Minuten vor zwölf und bewegt sich seitdem kontinuierlich auf Mitternacht zu.
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Was das Ganze so gefährlich macht
Am 24. Februar 2022 überfiel Russland die Ukraine und seither befinden sich beide Länder in einem brutalen Krieg, der immer weiter eskaliert und im schlimmsten Fall auf Nato-Staaten übergreifen könnte. Am 5. Februar 2026 ist der New-Start-Vertrag, der im Jahr 2011 zwischen den Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation in Kraft trat, endgültig ausgelaufen. Im Klartext heißt das: Zwischen diesen beiden Ländern existieren keine Rüstungskontrollabkommen mehr.
Was das Ganze noch gefährlicher macht, ist die Tatsache, dass immer mehr Entscheidungsprozesse an elektronische Systeme delegiert werden und der Mensch zunehmend die Kontrolle aus der Hand gibt. So muss ein Atomkrieg nicht zwangsläufig die Folge einer bewussten Entscheidung sein, sondern könnte auch durch Fehleinschätzungen einer KI ausgelöst werden. Aus diesen Gründen ist zurzeit die Gefahr eines Atomkrieges so hoch wie seit der Kubakrise 1962 nicht mehr. Die Doomsday Clock steht aktuell auf 85 Sekunden vor Mitternacht – „so nah an der Katastrophe wie noch nie zuvor“, wie es auf der betreffenden Webseite heißt.
Mit der Erfindung der Atombombe, so der Philosoph Günther Anders, „leben wir in einem Zeitalter, das nicht mehr eine vorübergehende Epoche vor anderen ist, sondern eine Frist.“ Das Erstaunlichste dabei: Es scheint niemanden zu interessieren.
Zurzeit befinden sich im Besitz der neun Atomwaffenstaaten rund 12.300 Atomwaffen. 3912 sind sofort einsatzfähig und geschätzte 2100 in ständiger Höchstalarmbereitschaft. Das heißt, sie können ihr Ziel binnen weniger Minuten erreichen. Alle anderen befinden sich in Reserve, sind eingelagert oder für die Abrüstung vorgesehen. Ihre gemeinsame Sprengkraft liegt bei rund 2200 bis 2500 Megatonnen (2,5 Milliarden Tonnen TNT). Dies entspricht etwa der 150.000-fachen Zerstörungskraft der Hiroshima-Bombe oder rund dem 2500-fachen aller im Zweiten Weltkrieg eingesetzten Waffen. Schon ein kleiner Teil dieser Gesamtmenge würde ausreichen, alle großen Städte der Welt vollständig zu vernichten.
So eine Art Insektizid für Menschen
Die japanische Stadt Hiroshima wurde am 6. August 1945 durch eine Atombombe zerstört. 70.000 bis 80.000 Menschen waren sofort tot. An den Folgen der radioaktiven Strahlung starben noch einmal so viele. Drei Tage später erfolgte die Zerstörung Nagasakis. Die genauen Opferzahlen sind schwer zu ermitteln und schwanken zwischen 40.000 und 80.000 Toten. Seitdem wissen wir spätestens, welch ungeheures Zerstörungs- und Vernichtungspotenzial in diesen Waffen liegt.
Doch bereits der Ausdruck Waffe kommt einem Euphemismus gleich. Eine Atombombe ist keine Waffe im herkömmlichen Sinn, sondern ein Instrument der Massenvernichtung. Eine Art Insektizid für Menschen. Die Sprengkraft der Hiroshimabombe betrug 12.500 Tonnen TNT. Im Vergleich zu heutigen Atombomben war diese Bombe beinahe ein Winzling. Die strategischen Atombomben haben eine Sprengkraft von bis zu drei Megatonnen. Das Vernichtungspotenzial dieser Waffen sprengt buchstäblich unser Vorstellungsvermögen.
Hiroshima wurde am 6. August 1945 durch eine Atombombe zerstört. 70.000 bis 80.000 Menschen waren sofort tot. An den Folgen der radioaktiven Strahlung starben noch einmal so viele.
© United Archives/Imago
Ausbildung der moralischen Fantasie
1956 veröffentlichte der bereits zitierte Anders sein Buch „Die Antiquiertheit des Menschen“. Er beschäftigt sich dort vor allem mit der Frage, welches Verhältnis wir zu der von uns geschaffenen Technik haben. Das Fazit seiner Untersuchung war die Erkenntnis, dass wir unsere eigenen technischen Errungenschaften nicht mehr begreifen. Anders nannte das „prometheisches Gefälle“ und meinte damit, „dass wir mehr herstellen als vorstellen und verantworten können.“
Eine herkömmliche Bombe – wie sie zum Beispiel im Ukrainekrieg eingesetzt wird – die in ein Wohnhaus einschlägt und zehn Menschen tötet, liegt noch im Bereich unserer Vorstellungskraft. Eine Bombe, die innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde eine ganze Stadt auslöscht und dabei Millionen Menschen tötet, tut das nicht mehr. Um zehn Menschen kann man noch trauern. Millionen Tote lassen uns in gewisser Weise kalt. Das hat nichts mit mangelnder Empathie, aber viel mit mangelnder Fantasie zu tun.
So plädiert Anders dafür, unsere moralische Fantasie auszubilden, um das prometheische Gefälle zu überwinden. Das heißt, „die Kapazität und Elastizität unseres Vorstellens und Fühlens den Größenmaßen unserer eigenen Produkte und dem unabsehbaren Ausmaß dessen, was wir anrichten können, anzumessen.“ Außerdem bescheinigt er uns zu Recht „apokalypse-blind“ und „Analphabeten der Angst“ zu sein.
Zum einen, weil wir die tödliche Gefahr der nuklearen Auslöschung schlicht ignorieren und zum anderen, weil unsere Angst davor in keinem Verhältnis zur Größe der Bedrohung steht. Angst ist zweifellos wichtig, um uns vor Gefahren zu warnen, aber dennoch kann die Lösung nicht darin bestehen, lediglich Angst zu schüren. Das hatte auch Greta Thunberg im Jahr 2019 mit ihrer Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos und dem berühmten Satz „I want you to panic!“ versucht. Am Ende mit bescheidenem Erfolg. Denn Angst blockiert in der Regel den Verstand, den wir so dringend benötigen. Außerdem wirkt sie lähmend auf unser Handeln.
Das Verdrängen der tödlichen Gefahr hat auch und vielleicht vor allem mit der Leugnung unserer eigenen Sterblichkeit und Verletzlichkeit zu tun. Gerade heute, in Zeiten von Longevity und transhumanistischem Unsterblichkeitswahn, sind wir noch weniger bereit als in früheren Gesellschaften, uns mit der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen. Doch erst wenn man bereit ist, die eigene Verletzlichkeit, das eigene Leiden und schließlich auch den Tod zu akzeptieren, entwickelt man ein Gefühl für die Verletzlichkeit des anderen. Hinter der Klimakatastrophe, der KI, den Tierversuchslaboren, der Massentierhaltung und der Atombombe steht somit die gleiche Ursache: unsere Unfähigkeit zu trauern.
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Was die Pandemie uns gezeigt hat
So müssten wir damit aufhören, Gott zu spielen und uns endgültig von der Illusion verabschieden, uns mithilfe der Technik zu den Herrschern der Welt machen zu können. Das Coronavirus hat uns in aller Deutlichkeit gezeigt, wie wenig Herrscher und wie verletzlich wir in Wahrheit sind. Wir haben, so Anders, „die Fortschrittsideologie derart verinnerlicht, dass wir uns ein Abbrechen der Geschichte gar nicht mehr vorstellen können.“ Genau diese Fortschrittsideologie gilt es zu überwinden, das Abbrechen der Geschichte denkbar zu machen, um so ins Handeln zu kommen. Das käme zweifellos einer Kulturrevolution gleich. Diese aber ist dringend nötig, da sonst unsere Frist, von der keiner weiß, wie lang sie noch währt, schon bald ablaufen könnte.
Was wir am Ende vor allem benötigen, ist Hoffnung – und die gibt es. Denn so beängstigend die Vorstellung der Möglichkeit unserer Selbstauslöschung auch sein mag, beinhaltet sie doch auch eine große Chance. Denn spätestens jetzt, vor der schlichten Tatsache der möglichen globalen Zerstörung, sind wir zu einer Menschheit geworden: „Was alle treffen kann, das betrifft uns alle.“ So wie Atomwaffen das gesamte Leben auf diesem Planeten bedrohen, so kennen auch der Klimawandel und die möglichen destruktiven Folgen der Künstlichen Intelligenz keine Grenzen. In Anbetracht dieser Gefahren bleibt uns nur die Möglichkeit, zu kooperieren oder gemeinsam unterzugehen.
Nationalismus, Chauvinismus, Machtstreben und neuerliche weltweite Aufrüstung sind erbärmliche und letztlich absurde Veranstaltungen einer Menschheit, die moralisch noch immer in den Kinderschuhen steckt. Wir müssen endlich erwachsen werden, Verantwortung für unser Handeln übernehmen und alles dafür tun, die Bombe für immer von diesem Planeten zu verbannen.
Eckart Löhr lebt im Ruhrgebiet und arbeitet u. a. als freier Publizist mit den Schwerpunkten Umweltethik, Philosophie und Gesellschaft. Zuletzt erschien im oekom Verlag sein Buch „Die Würde der Natur. Plädoyer für einen radikalen Perspektivenwechsel“.
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