Pflegehelferin

900 Euro mehr im Monat: Schwedin pendelt jeden Morgen mit der Fähre nach Dänemark

Eine schwedische Pflegehelferin pendelt mit der Fähre über den Öresund nach Dänemark – wegen eines höheren Lohns und einer kürzeren Arbeitswoche in der Pflege.

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Über den Öresund zur Arbeit: Viele Schwedinnen und Schweden pendeln per Fähre ins Nachbarland Dänemark. (Symbolbild)

Über den Öresund zur Arbeit: Viele Schwedinnen und Schweden pendeln per Fähre ins Nachbarland Dänemark. (Symbolbild)

© ANNA GRIGORJEVA/Imago

Wie die schwedische Zeitung Arbetet berichtet, geht Veronica Ekberg jeden Morgen kurz nach halb sieben in Helsingborg an Bord der Fähre. 20 Minuten später steht die 41-Jährige in Dänemark, wo sie als Pflegehelferin arbeitet.

Denselben Job hätte sie auch daheim in Schweden haben können. Doch jenseits des Öresunds ist die Bezahlung höher und die Arbeitswoche kürzer. Also pendelt sie.

Als sie sich bewarb, bekam sie Angebote aus beiden Ländern. Die Wahl fiel ihr leicht.

Rund 900 Euro mehr im Monat

Ihr Grundgehalt in Dänemark liegt etwa 10.000 schwedische Kronen über dem, was ihr die schwedische Region Schonen geboten hatte. Umgerechnet sind das gut 900 Euro – jeden Monat.

Unterm Strich kommt sie in Helsingör auf rund 41.800 Kronen brutto, umgerechnet etwa 3800 Euro. Der schwedische Mindestlohn in ihrem Beruf liegt bei knapp 25.800 Kronen.

Ganz so groß ist der Abstand am Monatsende nicht. Die Steuern sind in Dänemark höher, in Schweden hätte sie mehr Schichtzulagen bekommen, und das Pendlerticket für die Fähre kostet. Nach ihrer eigenen Rechnung bleiben trotzdem jeden Monat mehrere tausend Kronen mehr übrig.

Ihr Fall ist kein Einzelfall. Nach OECD-Zahlen liegen die Durchschnittslöhne in Dänemark, kaufkraftbereinigt, etwa 20 Prozent höher als in Schweden.

37 statt 40 Stunden, dazu bezahlte Mittagspause

Fast wichtiger als das Geld war Ekberg die Arbeitszeit. Eine Vollzeitstelle bedeutet in Dänemark 37 Wochenstunden, in Schweden sind es 40.

Im öffentlichen Dienst zählt die Mittagspause dort zur bezahlten Arbeitszeit. In Schweden ist die Pause in der Regel unbezahlt.

Ekberg arbeitet von 7.30 bis 15 Uhr, ausschließlich im Tagdienst. In Schweden hätte sie auch Abendschichten übernehmen müssen. Dass sie um halb acht statt um sieben anfangen darf, hat sie sich selbst gewünscht, ihre Vorgesetzte kam ihr entgegen.

„Um ein attraktiver Arbeitgeber zu sein, müssen wir flexibel sein“, sagt Einrichtungsleiterin Nadja Hageskov. Man müsse eben tüfteln, um den Dienstplan hinzubekommen.

Volle Lohnfortzahlung ab dem ersten Krankheitstag

Auch im Krankheitsfall stehen Beschäftigte in Dänemark besser da. Einen Karenztag gibt es nicht, vom ersten Tag an wird der Lohn zu 100 Prozent weitergezahlt.

Beim Urlaub sind es 30 Tage statt der 25, die in Schweden üblich sind. Weniger großzügig sind die dänischen Regeln, wenn Eltern kranke Kinder betreuen.

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Fachkräftemangel macht Dänemark attraktiv

Dass die Bedingungen so gut sind, hat viel mit dem Personalmangel zu tun. Auf der dänischen Insel Seeland liegt die Arbeitslosigkeit bei etwa drei Prozent, im schwedischen Schonen dreimal so hoch.

In Ekbergs Pflegeheim Gronnehaven stammen vier von zehn Beschäftigten aus Schweden, dazu kommen viele Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern.

Wer will, darf hier sogar 40 statt 37 Stunden arbeiten, für mehr Lohn und eine höhere Rente. Eine Kollegin, die mit einer früheren Fähre pendelt, hat das Angebot angenommen.

Wie die Dänen ihre 37-Stunden-Woche erkämpften

Geschenkt wurde den Dänen nichts davon. Sie haben es erstreikt.

In den 1980er-Jahren, mitten in einer schweren Wirtschaftskrise, legten rund 300.000 dänische Beschäftigte die Arbeit nieder. Am Ende senkte die Regierung per Gesetz die Wochenarbeitszeit von 40 auf 39 Stunden.

Kurz darauf brachten Tarifverträge in der Industrie die 37-Stunden-Woche, bei vollem Lohnausgleich. Von dort breitete sie sich über den gesamten Arbeitsmarkt aus. Die sechste Urlaubswoche kam 1998, nachdem 400.000 Beschäftigte in der Privatwirtschaft gestreikt hatten.

Für Linda Nielsen, Gewerkschafterin und selbst Pflegekraft in Gronnehaven, ist der Grund klar. „Die Gewerkschaften sind hier härter und können gute Bedingungen durchsetzen“, sagt sie dem Blatt.

Was das für die deutsche Debatte heißt

In der deutschen Diskussion über die Vier-Tage-Woche klingt oft mit, kürzere Arbeitszeiten ließen sich im Konsens erreichen. Der dänische Weg spricht dagegen: Dort kamen sie durch harte Arbeitskämpfe.

Der Kopenhagener Arbeitsmarktforscher Sören Kaj Andersen nennt die Mobilisierung der Beschäftigten als entscheidenden Faktor. Sie müssten Druck auf Arbeitgeber und Politik ausüben, damit sich etwas ändere.

Auch in Dänemark ist nicht alles rosig. Das Renteneintrittsalter liegt bei 67 Jahren und soll für alle nach 1970 Geborenen auf 70 steigen. Der Streit darüber prägte die monatelangen Regierungsverhandlungen nach der Wahl im März. Am Ende einigte sich die neue Vierparteienregierung auf einen Kompromiss, der langjährig Beschäftigten einen früheren Ausstieg erleichtern soll.

Veronica Ekberg beschäftigt das an diesem Morgen wenig. Sie hilft dem 103-jährigen Harry an den Frühstückstisch. Um 15 Uhr endet ihr Dienst, dann nimmt sie die Fähre zurück nach Schweden, wo sie wohnt, aber nicht mehr arbeitet.

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