Parlamentarismus

37 Männer und zwei Frauen: Das ist Siegmunds neue AfD-Fraktion

Die AfD zieht mit 39 Abgeordneten in das Parlament ein. Die Fraktion ist jünger, männlich dominiert und eng mit dem politischen Vorfeld vernetzt.

5 Min
Am 10. September konstituierte sich die neue Großfraktion der AfD in Magdeburg.

Am 10. September konstituierte sich die neue Großfraktion der AfD in Magdeburg.

© Peter Gercke

Mit 43,8 Prozent der Zweitstimmen hat die AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ihr bislang stärkstes Ergebnis auf Landesebene eingefahren und stellt künftig 39 der 83 Abgeordneten im Magdeburger Landtag. Bis auf ein Mandat stammen alle Sitze aus direkt gewonnenen Wahlkreisen. Für eine Alleinregierung fehlen drei Stimmen, doch die Fraktion hat sich längst sortiert.

An ihrer Spitze bleibt erstmal alles beim Alten: Ulrich Siegmund und Oliver Kirchner führen die Doppelspitze, die sie seit dem Sommer 2022 bilden, weiter. Tobias Rausch behält den Posten des Parlamentarischen Geschäftsführers, die Riege der Stellvertreter mit Hans-Thomas Tillschneider, Gordon Köhler und Matthias Büttner bleibt ebenfalls unverändert.

Eine Fraktion mit jungem Kern

Wer sich die neue Fraktion ansieht, erkennt eine auffällig starke junge Kohorte: Nahezu die Hälfte der Abgeordneten gehört dem Jahrgang 1980 oder jüngeren Geburtsjahren an. Der Altersdurchschnitt selbst liegt bei Anfang 50 – die Fraktion ist also weniger durchweg jung, als es die prominente Nachwuchsriege vermuten lässt. Die Spannbreite ist beträchtlich und reicht von Mittdreißigern bis zu einem Abgeordneten weit jenseits der 70.

Führen die Fraktion bis auf Weiteres gemeinsam: Die AfD-Landespolitiker Ulrich Siegmund (r.) und Oliver Kirchner.

Führen die Fraktion bis auf Weiteres gemeinsam: Die AfD-Landespolitiker Ulrich Siegmund (r.) und Oliver Kirchner.

© Chris Emil Janssen/Imago

Symbol der jungen Linie ist der Spitzenkandidat selbst. Ulrich Siegmund, in diesem Jahr 36 Jahre alt, wäre im Fall einer Wahl zum Regierungschef der mit Abstand jüngste Ministerpräsident des Landes – und würde damit sogar den aktuellen Amtsinhaber Sven Schulze unterbieten, der mit 47 Jahren bislang der jüngste Regierungschef bundesweit ist.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Am anderen Ende der Altersskala steht Frank-Ronald Bischoff aus dem Oberharz, mit 78 Jahren ältester Abgeordneter der Fraktion. Sein Direktmandat im Wahlkreis Wernigerode holte er mit klarem Vorsprung, obwohl seine Biografie seit Jahren bekannt ist: Zu DDR-Zeiten arbeitete er hauptamtlich für das Ministerium für Staatssicherheit und war dort unter anderem mit der Beobachtung ausreisewilliger Bürger befasst.

Die Staatsanwaltschaft Halle führt derzeit Ermittlungen gegen die Abgeordneten Simon Lansmann aus dem Wahlkreis Salzwedel und Sebastian Koch aus Gardelegen-Klötze. Im Raum stehen mögliche Verbindungen zu einer rechtsextremen Vereinigung. Gegen Koch wird darüber hinaus wegen eines möglichen Verstoßes gegen das Waffengesetz ermittelt. Beide weisen die Anschuldigungen über ihre Rechtsanwälte zurück.

Handwerker, Juristen, Stichwortgeber

Deutlich vielschichtiger als das Klischee der reinen Protestpartei ist die berufliche Herkunft der Abgeordneten. Da sitzt der gelernte Kfz-Mechaniker und Immobilienkaufmann Tobias Rausch neben dem promovierten Islamwissenschaftler Hans-Thomas Tillschneider und der neben dem Finanzfachwirt Jan Scharfenort. 

Grundsätzlich sind Handwerksberufe im Vergleich zu anderen Parteien überproportional häufig vertreten: Orthopädiemechaniker, Maurer, Tischler, Werkzeugmacher, Heizungs- und Sanitärinstallateur sind nur einige der Gewerke an den Plenartischen.

Steuert die Finanzen der Fraktion und steht wie Tillschneider einem Netzwerk um Björn Höcke nahe: Jan Moldenhauer, seit 2021 Landtagsabgeordneter.

Steuert die Finanzen der Fraktion und steht wie Tillschneider einem Netzwerk um Björn Höcke nahe: Jan Moldenhauer, seit 2021 Landtagsabgeordneter.

© Christian Schroedter/Imago

An Menschen mit Regierungs- und Verwaltungserfahrung mangelt es. Nach 13 Jahren - davon 10 Jahre im Parlament - durchgehender Oppositionsrolle fehlt der Partei schlicht das eingespielte Personal für eine Exekutive – ein Umstand, der die anstehende Kabinettsbildung erschweren kann.

Auffällig ist zugleich die enge Verzahnung mit der Bundespartei und innerparteilichen Netzwerken. Mehrere zentrale Figuren stammen aus dem Milieu um den früheren „Flügel“ und dessen Wortführer Björn Höcke. In Sachsen-Anhalt ist zudem das Institut für Staatspolitik beheimatet, das wiederum als inoffizielle Denkfabrik und Stichwortgeber für den Landesverband fungiert. 

Jan Moldenhauer, der als Landesschatzmeister die Finanzen des Landesverbandes organisiert, verkörpert diese Linie ebenso wie Tillschneider, der als maßgeblicher Autor des Wahlprogramms gilt. Dieses fordert unter anderem sogenannte Bürgerwehren, die Abschaffung von Schulpflicht und Inklusion sowie die bevorzugte Förderung deutscher Kunst.

Zwei Frauen und 37 Männer

Am deutlichsten aber bricht die neue Fraktion mit einem Anspruch, den viele westliche Parlamente für sich formulieren: der Repräsentation von Frauen. Ganze zwei weibliche Abgeordnete zählt die 39-köpfige Fraktion – ein Anteil von knapp 5 Prozent.

AfD-Landespolitiker Juliane Waehler ist die Tochter von Lothar Waehler, der seit 2021 ebenfalls im Landtag sitzt.

AfD-Landespolitiker Juliane Waehler ist die Tochter von Lothar Waehler, der seit 2021 ebenfalls im Landtag sitzt.

© Karina Hessland-Wissel/Imago

Weil die AfD so viele Mandate holt, sinkt der Frauenanteil im gesamten Landtag auf knapp 22 Prozent und damit auf den niedrigsten Stand seit Bestehen des Landes, zuvor lag er bei 27,8 Prozent. Kein anderes deutsches Landesparlament ist derart von Männern dominiert.

Die beiden Ausnahmen kommen aus bodenständigen Berufen. Und beide stehen exemplarisch für die Familiennetzwerke innerhalb der Landes-AfD. 

Nadine Koppehel, geboren 1977 in Wolfen, ist gelernte Bürokauffrau. Nach Stationen als Finanzbuchhalterin und zeitweise als Restaurantleiterin arbeitete sie von 2016 bis 2021 als Büroleiterin in einem Wahlkreisbüro, ehe sie selbst ins Parlament einzog. Ihre Mutter ist die Landtagsabgeordnete Margret Wendt. 

In der Fraktion betreut Koppehel das Feld der Petitionen. Auch Kommunalpolitisch ist sie aktiv: 2019 wurde sie in den Stadtrat Oranienbaum-Wörlitz und in den Kreistag der Lutherstadt Wittenberg gewählt.

Juliane Waehler, Jahrgang 1986, ist Verwaltungsfachangestellte mit einer Zusatzqualifikation als Betriebswirtin und lebt in Elsteraue. Sie gewann das Direktmandat im Wahlkreis Naumburg – und ist zugleich die Tochter des seit 2021 amtierenden Landtagsabgeordneten Lothar Waehler.

Zusammengefasst zeigt sich eine Fraktion mit gemischtem Profil: An der Spitze steht eine junge Führung, im Durchschnitt liegt das Alter der Abgeordneten jedoch bei Anfang 50 und damit im üblichen Rahmen. Die beruflichen Hintergründe reichen von Handwerks- und technischen Berufen über kaufmännische Laufbahnen bis zu einzelnen akademischen Profilen.

Auffällig sind die enge Verzahnung mit der Landespartei sowie personelle und familiäre Kontinuitäten, die bis in frühere Wahlperioden zurückreichen.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner