Insolvenzen

Wenn der Duft vom Bäcker verschwindet: Warum immer mehr Traditionsbetriebe im Osten aufgeben

Die Insolvenzwelle im Bäckerhandwerk trifft auch den Osten hart. Wie immer mehr Betriebe verschwinden und was die Gründe dafür sind.

4 Min
Immer mehr Bäckereien müssen schließen - auch im Osten.

Immer mehr Bäckereien müssen schließen - auch im Osten.

© Rolf Poss/Imago

Ob Bäcker Lampe in Thüringen, die Halberstädter Bäcker und Konditoren in Sachsen-Anhalt, Mehlwurm in Neukölln oder Zessin in Prenzlauer Berg – die Liste der Traditionsbetriebe, die in den vergangenen Monaten aufgeben mussten, ist lang.

Die Zahlen sind deutlich: Im ersten Halbjahr 2026 meldeten nach Angaben der Auskunftei Creditreform bundesweit 63 Betriebe Insolvenz an – 40 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Erfasst sind dabei Unternehmen aus dem Wirtschaftszweig „Herstellung von Backwaren“, also Bäckereien und Konditoreien, die selbst backen und verkaufen.

Immer mehr Traditionshäuser melden Insolvenz an

Besonders schmerzhaft für Kunden zwischen Ostsee und Erzgebirge: Es erwischte gerade jene Betriebe, die seit Generationen zum Alltag gehörten.

Da ist die Familienbäckerei Lampe aus dem thüringischen Roßleben-Wiehe, in sechster Generation geführt. Der Geschäftsbetrieb der 44 Filialen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen wird nach der vorläufigen Insolvenzanmeldung im Juni zumindest noch uneingeschränkt fortgeführt, die Löhne der rund 280 Beschäftigten sind noch bis Ende Juli über die Bundesagentur für Arbeit abgesichert. Als Gründe für die wirtschaftliche Schieflage nennt das Unternehmen stark gestiegene Kosten für Personal und Energie, die anhaltende Inflation sowie eine Kaufzurückhaltung der Kundschaft.

Auch die Halberstädter Bäcker und Konditoren aus Sachsen-Anhalt, 1963 als DDR-Betrieb gegründet und bekannt für ihren Domstollen, mussten im Februar Insolvenz anmelden. Die Kette kämpft mit hohen Energiekosten, zunehmender Bürokratie und fehlendem Personal – 120 Mitarbeiter bangen um ihre Arbeitsplätze.

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Klosterbäckerei in Döbeln gerettet, weniger Glück in Berlin

Bei der sächsischen Klosterbäckerei aus Döbeln zeigte sich, dass selbst Wachstum keinen Schutz bietet: Trotz stabiler Nachfrage und gestiegener Umsätze konnte das Unternehmen seine laufenden Kosten Ende letzten Jahres nicht mehr decken. „Die Kosten haben uns überrollt – besonders bei Verpackung und Energie“, sagte Bäckermeister Patrick Schülke. Die Ausgaben für bedruckte Brötchentüten hätten sich fast vervierfacht. Immerhin gab es hier ein Happy End, denn der Betrieb wurde im Februar von einem neuen Inhaber übernommen und gerettet.

In Berlin schloss zum Jahreswechsel die 87 Jahre alte Bäckerei Zessin in Prenzlauer Berg alle drei Filialen – bekannt für ihre „Ostschrippen“. An Kundschaft mangelte es nicht – vor den Läden bildeten sich besonders am Wochenende lange Warteschlangen. Der Grund hier: Fachkräftemangel und fehlende Nachfolge. Auch die Neuköllner Bäckerei Mehlwurm musste Ende 2025 nach über 40 Jahren schließen.

Bei den Mecklenburger Backstuben aus Waren mit 52 Filialen und rund 400 Mitarbeitern kommt der Sanierungsprozess immerhin voran. Als Gründe wurden hoher Kostendruck und gestiegene Rohstoff- und Energiepreise genannt.

Backstationen: Der stille Konkurrent im Supermarkt

Ein zentraler Grund für die Krise steht direkt neben der Kasse von Rewe, Lidl und Aldi. Die Menschen in Deutschland kaufen Brot, Brötchen und andere Backwaren immer häufiger im Supermarkt oder beim Discounter statt in klassischen Bäckereien. Bäckereien haben in den vergangenen Jahren Marktanteile eingebüßt.

Paradox: Fast jeder Zweite kauft Brot und Brötchen einer YouGov-Erhebung zufolge lieber beim klassischen Bäcker (46 Prozent). Als häufigste Gründe geben die Kunden höhere Qualität und handwerkliche Herstellung an. Doch die Sympathie allein rettet keinen Betrieb: 43 Prozent kaufen weniger häufig beim Bäcker als vor zwei oder drei Jahren.

Creditreform-Experte Patrik-Ludwig Hantzsch spricht von einem tiefgreifenden Strukturwandel. „Viele Verbraucher, auch aus höheren sozialen Schichten, kaufen Backwaren heute an Backstationen im Supermarkt oder beim Discounter, häufig verbunden mit dem Wocheneinkauf.“

Bürokratie trifft die Kleinen doppelt

Neben Energie- und Personalkosten belastet die Betriebe auch der wachsende Regulierungsaufwand. Insolvenzverwalter Henry Girbig von der Klosterbäckerei sagte: „Neue Verpackungsvorschriften treffen kleinere Betriebe überdurchschnittlich hart.“ Seine bittere Rechnung: Mindestens zehn Standorte seien nötig, um kostendeckend zu arbeiten.

Für Kunden im Osten heißt das: Wer den Bäcker um die Ecke erhalten will, muss dort auch einkaufen – nicht nur davon schwärmen. Sonst duftet es bald nur noch im Supermarkt nach frischen Brötchen.

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