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Ein Mensch kann an verschiedenen Umständen merken, dass er älter ist, als das Gemüt sich einzugestehen vermag. Zu meiner Zeit gab es in jedem Eisenbahnwaggon, in jedem Abteil und in jedem Gang Fenster zum Runterschieben – dort lag, saß oder stand ich mit meinem Matrosen-Rucksack. Während der Fahrt hielt ich den Hitzkopf aus dem Fenster und ließ vom Sommerwind die unglücklich verliebten Tränen trocknen.
Vor der Abfahrt konnten sich glückselig Verliebte an den Händen fassen, sich zum Abschied küssen, sie durften barrierefrei lachen, sich noch schnell Zärtlichkeiten und Treueschwüre zuflüstern. Augenwasser schmeckt salzig, nicht nach Glas. Für die lange kurze Heimreise von Prora nach Flöha wuchteten schlaftrunkene Soldaten der Nationalen Volksarmee ihr Gepäck durchs Fenster in die überfüllten Waggons, Kippe im Mundwinkel – die sie später ungestraft ins Gleis schnipsten oder einfach auf dem Bahnsteig zertraten.
In einem anderen Früher schickte von hier die Wehrmacht ihre Soldaten in den Krieg, aus dem die meisten nie oder nur schwer an Leib und Seele verletzt zurückkehrten. Gewiss wären die auch lieber später geboren und von Gleis 9 ¾ nach Hogwarts gefahren.
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Kleine Weltreisen – von Gera nach Erfurt
Für meine Generation waren Bahnsteige schlicht die Orte für Willkommen und Abschied. Ostdeutsche Kosmopoliten starteten hier ihre kleinen Weltreisen – von Gera nach Erfurt. Im Sommer auch so richtig weit, von Karl-Marx-Stadt bis auf die Insel Rügen mit fünfmal Umsteigen über Leipzig, Berlin, Stralsund und Altefähr bis nach Garftitz, einer Haltestation irgendwo im Nirgendwo. Bei Sonnenaufgang nach einer durchlachten Nacht mit dem Geschmack von Pfefferminzlikör auf der Zunge auszusteigen, hieß ein Paradies zu betreten – wilder Mohn und Kornblumen standen leuchtend zwischen dem reifen Getreide.
Bringst du mich noch zum Zug? Holst du mich am Freitag ab? Das waren keine Fragen, das war Alltagspoesie. Tagelang warten auf einen Brief, in der Schlange vor der Telefonzelle geduldig ausharren oder sich wochenlang sehnen müssen nach einem Geliebten: Das waren die Lektionen der Liebe, die es in den Achtzigerjahren als Jugendlicher zu lernen galt.
Heute schickt mir meine Tochter ihren Live-Standort, damit ich pünktlich am Bahnhof von Bad Freienwalde bin, um sie mit ihrer überdimensionierten Bagage abzuholen. In ihrem Rollkoffer und dem Frühstück-bei-Tiffany-Handtäschchen hätte ich selbst samt Kleidung und Essen für ein Jahr Platz. Sie kommt mit dem Zug aus Berlin – Ankunft um 12:18 Uhr, später 14:37 Uhr, schließlich um 17:21 Uhr.
Stehe an Gleis 1 und warte abwechselnd auf den per WhatsApp angekündigten Zug der Transdev, der ODEG und schließlich der NEB, der Niederbarnimer Eisenbahn. Ich komme mir ein bisschen wie beim Hütchenspiel vor. Allerdings: Warten, das kann ich.
Blick ins Blauweiße
© Claudia Charlotte Burchard
Blick ins Braungraue
© Claudia Charlotte Burchard
Verlust des Verstandes oder nur eine Berufskrankheit?
Nur ein paar Schritte von mir entfernt hockt eine junge Frau auf dem Fußboden, raucht. Die flauschige Promenadenmischung neben ihr liegt in einem Sonnenfleck und schläft. Der voreingenommene Großstädter in mir sieht prekäre Lebensverhältnisse, der Vater erwachsener Kinder vermutet Gesprächsbedarf, der Regisseur mustert sie kurz unbemerkt, bevor ich genauer hinschaue – sie lächelt, und zwar gleichzeitig vor sich hin und in sich selbst hinein. Habe ich den Verstand verloren oder ist das nur eine Berufskrankheit, hier in der tiefsten Provinz, im Gesicht einer Unbekannten die Bewegung ihrer Seele entdecken zu wollen?
Die märkische Sommerhitze malt mit feinem Pinsel ein flirrendes Nachmittagslicht in die ganze Szene und die Gesichter. Mich würde es nicht wundern, wenn sich hier gleich alle die Kleider vom Leibe rissen, um tanzend, für immer, alle gesellschaftlichen Schranken zu zerbrechen. Standesunterschiede, Alter, Geschlecht, selbst Moral und religiöse Gebote lösen sich vor meinem Auge auf: Adlige, Bürgersfrauen, Handwerker, Waschweiber, Soldaten, Gesindel, Räuber, Huren, Bettler und Entwurzelte werden ein einzig Volk von Brüdern.
Mein Kopf kippt hart nach vorn, muss kurz eingeschlafen sein. Leicht benommen und orientierungslos scanne ich den Bahnsteig, da ist sie wieder. Ihre Mund- und Augenwinkel sind leicht schattiert, wodurch sich erstaunlicherweise ihr Gesichtsausdruck verändert, je nachdem, welchen Punkt man fixiert: Blickt man direkt auf den Mund, wirkt das Lächeln verhalten; wandert der Blick zu den Augen, scheint sich das Lächeln zu verstärken. Schicht für Schicht hauchdünn abzutragen – welches Sein käme darunter zum Vorschein? Wir sind hier noch nicht fertig.
Junge Typen auf dem E-Roller zerschneiden die Szene
Die Landschaft hier ist herrlich asymmetrisch. Aus meinen Zeigefingern und Daumen baue ich mir einen Sucherrahmen. Die linke Horizontlinie liegt deutlich niedriger als die rechte. Wenn das Auge von einer Seite zur anderen wandert, entsteht im Gehirn eine unbewusste optische Dynamik, die meine Mona Lisa lebendig und leicht bewegt erscheinen lässt.
Der Hund dreht sich im Schlaf vom Rücken auf den Bauch. Hat er bemerkt, dass sie mich bemerkt hat, oder hat sie bemerkt, dass er bemerkt hat, dass sie mich bemerkt hat und sich deshalb reflexartig schützend zu ihr auf die Seite gedreht?
Ein paar junge Typen fahren mit einem getunten E-Roller auf den Bahnsteig und zerschneiden die Szene. Jetzt muss ich wieder von vorn anfangen – suche mehr Details, merke an ihren Gesichtszügen, wie sie auf der Grenze zwischen Belustigung, Melancholie, Spott und tiefer Gelassenheit balanciert.
Sie raucht was Illegales. Der Zug fährt gleich pünktlich ein. Sie drückt ihre Fluppe am Boden aus und steht auf wie jemand, der gleich einsteigen wird, nicht wie jemand, der darauf gewartet hat, dass jemand aussteigt. Wie vertraut mir das ist: Hauptsache weg von hier, egal wohin. Leben im toten Winkel. Noch mal verwandelt sich das hier nicht in ein Set mit Happy End, jemand hat den Ton abgestellt. Vorsicht bei der Einfahrt des Zuges – verstehe. Alleine weiter, weiter reisen.
Auf dem Geländer, an dem ich betont lässig lehne, wurde ein rostfreier Metallbeschlag mit Blindenschrift angebracht – Ausgang A. Keine Ahnung, wofür das A steht, vielleicht für „Alle Achtung“, denn es gibt hier nur einen Weg hinaus zur ältesten Schlammpackung der Märkischen Schweiz. Versuche mir zuerst auszumalen, dann statistisch zu berechnen, wie viele Menschen mit starker Sehbeeinträchtigung hier täglich ankommen müssen oder von hier abreisen wollen. Finden in der Berechnung alle Ein-, Aus- und Umsteiger die notwendige Beachtung, dann sind es weniger als fünf pro Woche, also weniger als einer, wenn jeden Tag einer kommt. Möglicherweise stammt der Hang zum Ungefähren noch aus der Zeit, als man hier einfache Lanzer gesunden ließ, nachdem die herrschenden Landesfürsten ihre Skepsis gegenüber den Naturheilkräften aufgegeben hatten.
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Auf dem schicken Bahnhofsvorplatz haben die Erbauer einen riesenhaften Kompass ins Pflaster gestaltet. Die Größe der Orientierungshilfe aus Stein erscheint mir diametral zu den Möglichkeiten, eine sinnvolle Richtung zu wählen, in die ich selbst weitergehen kann. Unvermittelt fällt mir eine Kastanie auf den Kopf, obwohl da weit und breit kein Baum steht. Jemand klopft mir auf die Schulter, und beim Umdrehen sehe ich plötzlich ein Lächeln wieder, was dem gleicht, das vor einer halben Stunde wort- und grußlos in den Zug gestiegen und davongefahren war. Hat mich jetzt der Sekundenschlaf erwischt?
„Wir sind mit dem Taxi von Frankfurt hergefahren, die Bahn ist mir zu …“, sagt meine Tochter, die ich fast ersticke in meiner wilden Umarmung. „Das ist Opa. Sag mal: Hallo Opa!“
Volker Metzler, Jahrgang 1965, geboren in Karl-Marx-Stadt. Schauspielstudium an der Theaterhochschule Hans Otto in Leipzig, 35 Jahre Theater u.a. Staatsschauspiel Dresden, Volkstheater Rostock, Junges Staatstheater Berlin als Regisseur, Schauspieldirektor und Theaterleiter. Gründer und Autor der Kolumnenserie Polemika – unsachlich & persönlich.
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