Deindustrialisierung

Deutschlands Detroit-Moment? Warum die Autokrise Werke wie Zwickau und Emden bedroht

Zahlreiche Werke vor der Schließung. VW-Chef sieht kaum Zukunft. Der Druck aus Fernost ist groß, die eigenen Fehler verheerend. Eine Analyse.

7 Min
VW-Werk Zwickau: Trotz Elektro-Produktion droht dem effizientesten deutschen Volkswagen-Standort die Schließung – Chinas Autoindustrie setzt deutsche Hersteller unter enormen Druck.

VW-Werk Zwickau: Trotz Elektro-Produktion droht dem effizientesten deutschen Volkswagen-Standort die Schließung – Chinas Autoindustrie setzt deutsche Hersteller unter enormen Druck.

© Hendrik Schmidt/dpa

Wer an Detroit denkt, denkt an den Niedergang. Der Name der US-amerikanischen Stadt steht längst nicht mehr nur für die Metropole am Detroit River, sondern dafür, wie ein globaler industrieller Hotspot zerfällt, während er sich noch für das Herz einer Branche hält. Und wenn heute in Sachsen, in Niedersachsen, in Wolfsburg über Werkschließungen gestritten wird, drängt sich die Frage auf, ob Deutschland gerade seinen eigenen Detroit-Moment erlebt.

Die Zahlen aus den USA sind eindringlich. Nach einer Analyse des Branchenanalysten Juan Felipe Munoz für das Portal Motor1 lag der Marktanteil der „Big Three“ – General Motors, Ford und Chrysler – Ende der 1990er-Jahre bei 64 bis 67 Prozent; 2007, ein Jahr vor der Finanzkrise, waren es 51 Prozent, in den ersten neun Monaten 2025 nur noch 38 Prozent.

Toyota lag demnach vor Ford, Hyundai-Kia und Honda verkauften mehr als Chrysler. Die WELT hatte den Anteil der US-Hersteller bereits 2008 mit 71 Prozent für das Jahr 1999 beziffert – die Abgrenzungen der Erhebungen unterscheiden sich, die Richtung ist in beiden Fällen dieselbe.

Auch die Detroit Auto Show 2026 lieferte laut Munoz ein ernüchterndes Bild: eine einzige Halle, zwölf Marken aus sechs Konzernen, mehrere Hersteller nur über ihre Händler vertreten – und keine einzige Neuvorstellung, nicht einmal Pressekonferenzen. Ein Autosalon ohne Premieren: die Ikonografie eines Niedergangs.

Was Detroit wirklich lehrt

Detroit wurde nicht plötzlich durch billige Auslandskonkurrenz zerstört. Der Niedergang war ein langer Strukturbruch, der bereits in den späten 1940er-Jahren begann. Erst verlagerten die Konzerne neue Werke in Vororte und andere Bundesstaaten – wegen größerer Flächen, besserer Autobahnanbindung, niedrigerer Grundstücks-, Steuer- und Lohnkosten und geringeren gewerkschaftlichen Einflusses.

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Dann kamen die Ölkrisen 1973 und 1979, die sparsamen japanischen Modelle, während die US-Konzerne zu lange auf große, verbrauchsstarke Fahrzeuge setzten und bei Qualität, Produktionsorganisation und Effizienz zu langsam reagierten.

Beschäftigte des Volkswagenwerkes Zwickau haben sich vor dem Werkstor versammelt.

Beschäftigte des Volkswagenwerkes Zwickau haben sich vor dem Werkstor versammelt.

© Hendrik Schmidt/dpa

Diesen Befund beschreibt auch der langjährige Detroiter Autojournalist John McCormick in der Welt: Schon nach dem Zweiten Weltkrieg habe der Abstieg begonnen, die Großen Drei hätten die japanischen und europäischen Wettbewerber unterschätzt.

Hinzu kamen rassistisch segregierte Suburbanisierung, Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt, der Aufstand von 1967 und die „white flight“ in die Vororte. Industrieabwanderung und soziale Spaltung verstärkten einander, die Steuerbasis der Stadt erodierte. 2008/09 rettete der Staat GM und Chrysler nur um den Preis harter Restrukturierung; 2013 meldete die Stadt selbst Insolvenz an.

Die erste Bruchstelle des Vergleichs

Detroits Tragödie war eine Verkettung aus verspäteter technologischer Anpassung, Deindustrialisierung und sozialräumlicher Spaltung. Anders als die trägen „Big Three“ hat Ostdeutschland früh auf Elektromobilität gesetzt. Jens Katzek, Geschäftsführer des Automotive Cluster Ostdeutschland, sagte der Deutschen Presse-Agentur, die Region sei dafür „extrem gut positioniert“ – er verweist auf die E-Auto-Fabriken von Tesla in Grünheide und VW in Zwickau sowie die Batteriewerke von CATL in Arnstadt und Dräxlmaier in Leipzig.

Nach Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes haben zwei von drei Neuzulassungen in Deutschland inzwischen einen alternativen Antrieb, etwa jedes vierte Fahrzeug fährt rein elektrisch. Wo Detroit den technologischen Wandel verschlief, hat Ostdeutschland früh auf die neue Antriebstechnologie gesetzt. Das ist ein fundamentaler Unterschied – und wirft zugleich eine beunruhigende Frage auf: Was, wenn selbst die richtige Technologiewahl nicht mehr genügt?

Zwickau, Emden, Hannover, Neckarsulm

Zwickau sei „das produktivste und effizienteste VW-Fahrzeugwerk in ganz Deutschland“, erklärte der sächsische CDU-Fraktionschef Christian Hartmann nach einem Treffen der Unionsfraktionen aus Sachsen, Thüringen und Bayern – und steht dennoch auf der Kippe.

VW-Chef Oliver Blume sieht für Emden, Hannover, Zwickau und das Audi-Werk Neckarsulm noch „keine wettbewerbsfähige Belegung für die 2030er-Jahre“. Über den bereits vereinbarten Abbau von 50.000 Stellen bis 2030 hinaus stehen weitere Zehntausende im Raum. Binnen eines Jahres hat die deutsche Branche bereits mehr als 42.000 Arbeitsplätze abgebaut.

IG-Metall-Chefin Christiane Benner hält dagegen: „Mit der IG Metall werden die Werke in Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm nicht geschlossen.“ Sie verweist auf eine Ende 2024 geschlossene, vom Vorstand unterschriebene Vereinbarung – und auf die soziale Sprengkraft: In Ostdeutschland sei jeder vierte Arbeitsplatz von der Autoindustrie abhängig, an Emden hingen in der Region etwa 30.000 Arbeitsplätze.

Die zweite Lehre: Abhängigkeit

Eine einzelne Region kann die Folgen globaler Produktionsverlagerung kaum allein auffangen: Wegbrechende Industriearbeit reißt Steuereinnahmen, lokale Nachfrage, Mittel für Schulen und Verkehr und soziale Stabilität mit sich.

Und wer sehr stark an einer Branche und wenigen Großunternehmen hängt, ist im Boom reich und in der Krise extrem verwundbar. Das gilt besonders für Standorte wie Emden: Das Werk ist mit rund 7.700 Beschäftigten der wichtigste industrielle Arbeitgeber der Region.

Die neue Konstellation

Die eigentliche Gefahr liegt jedoch nicht im Nachvollzug des US-amerikanischen Fehlers, sondern in einer Konstellation, die Detroit so nie kannte. Die Automotive-Studie 2025 der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft RSM Ebner Stolz beschreibt sie als „Geo-Economics“: eine Weltwirtschaft, in der die Politik der Wirtschaft den Rahmen setzt, nicht umgekehrt. Der Automarkt entflechte sich demnach in drei Machtzentren – China, USA, Europa.

Laut dieser Studie verkaufte China 2024 rund 23 Millionen Fahrzeuge, verfolgt eine staatlich gelenkte Elektrostrategie mit einem Anteil von 52 Prozent bei batterieelektrischen und Plug-in-Hybrid-Fahrzeugen und expandiert über Allianzen unter anderem mit Russland, Brasilien und Südafrika.

Die USA blieben, gestützt auf eine ölfreundliche Politik, beim Verbrenner; der Elektroanteil liege dort unter neun Prozent. Europa erscheine dagegen uneinheitlich – über 65 Prozent E-Neuzulassungen in Dänemark, unter zehn Prozent in Teilen Süd- und Osteuropas – und stecke zwischen der Elektro-Dominanz Chinas und der Verbrenner-Strategie der USA.

Das ist die dramatischere Parallele zu Detroit: Nicht die Big Three drückten damals die japanische Konkurrenz weg, sondern umgekehrt. Heute droht der deutschen Industrie ein Konkurrent, der technologisch nicht mehr hinterherfährt – nach Einschätzung von RSM Ebner Stolz hat China insbesondere in der Elektromobilität Vorteile aufgebaut.

Nicht umsonst fordert Benner eine „Zollpolitik, die unsere Automärkte vor diesem chinesischen Billigimport schützt“. Ob Schutzzölle mehr sind als eine Atempause, ist offen. Munoz schreibt bei Motor1 mit Blick auf das von der Trump-Regierung verhängte Einfuhrverbot für chinesische Autos, dieses verschaffe den US-Herstellern Zeit zum Aufholen – und fragt: „Werden sie diese Chance nutzen – oder am Ende verspielen?“

Streit über Ursachen und Lösungen

Blume verwies bei einer Betriebsversammlung in Zwickau darauf, die Arbeitskosten lägen „heute bei mehr als dem Doppelten vergleichbarer europäischer Standorte“; Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) bringt längere Arbeitszeiten ins Spiel.

VW-Betriebsratschefin Daniela Cavallo weist das zurück: Eine 40-Stunden-Woche würde bei gleichem Programm den Personalabbau nur vergrößern.

Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) wiederum sieht in Emden freie Kapazitäten und im Wachstumsmarkt E-Mobilität die Perspektive – VW sei dort Marktführer in Europa. Katzek mahnt zugleich Arbeit an der Kostenstruktur und niedrigere Energiepreise an.

Zur Vorsicht mahnen Verbraucherdaten: Nach der Global Automotive Consumer Study 2026 von Deloitte, für die weltweit mehr als 28.500 Verbraucher in 27 Märkten befragt wurden, will in Deutschland gut ein Viertel der Befragten beim nächsten Kauf die Marke wechseln.

Steigende Fahrzeugpreise und höhere Finanzierungskosten hätten die Frage der Erschwinglichkeit in den Vordergrund gerückt, und softwaredefinierte Fahrzeuge stoßen der Studie zufolge in etablierten Märkten auf deutlich geringeres Interesse als in Schwellenländern wie China und Indien.

Detroit und Deutschland

Erlebt Deutschland also seinen Detroit-Moment? Die ehrliche Antwort lautet: teils ja, teils in verschärfter Form – und teils gerade nicht. Nicht, weil man wie Detroit die Zukunftstechnologie verschlafen hätte; im Osten ist das Gegenteil der Fall. Sondern weil regionale Abhängigkeiten, soziale Sprengkraft und ein technologisch starker Konkurrent zusammentreffen.

Detroits Lehre war, dass es nicht reicht, einen alten Industriekern kurzfristig zu retten. Industriepolitik muss Transformation, Diversifizierung und die soziale Dimension mitdenken. Ob Deutschland diese Lehre beherzigt, wird sich in den kommenden Jahren entscheiden. Ein Teil der Werke, die heute zur Disposition stehen, produziert bereits Elektroautos oder ist auf die Transformation ausgerichtet. Die eigentliche Frage ist, ob es noch genug Käufer für sie geben wird.

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