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Es ist zu schaffen. Ich fahre los. Der Weg ist schmal, der Asphalt ist uralt und bröckelig. Schlaglöcher nehmen zu. Ich habe die kleinste Übersetzung geschaltet und die maximale Akkuunterstützung. Das geht zunächst gut. Ich muss aufpassen, dass mein Vorderrad nicht hochgeht, mein Gepäck ist hinten angebracht. Bei zu starkem Tritt in die Pedale kann das bei der Übersetzung schnell passieren. Ich verlagere zusätzlich mein Gewicht Richtung Lenker. Pedelec, Gepäck und Fahrer wiegen mehr als 150 Kilogramm. Die Kondition muss für die vier Kilometer reichen.
Vier Kilometer bis zum Spindlerpass und 420 Höhenmeter sind noch zurückzulegen. Rechnerisch ist das eine durchschnittliche Steigung von 10,5 Prozent. Partiell sind Steigungen tatsächlich bis 17 Prozent zu erwarten. Ich atme die würzige Waldluft ein. Meter für Meter kämpfe ich mich hoch. Tritt für Tritt komme ich voran.
Vielleicht 100 Meter vor dem Kamm des Riesengebirges wird es sehr steil. Ist es dieser Anstieg? Ist es die nachlassende Kraft? Ich fahre nicht mehr geradeaus, sondern schlenkere nach links und rechts. Bevor mich ein Graben am Wegesrand aufnehmen kann, muss ich vom Rad.
Nach weiteren 30 Minuten bin ich oben auf 1200 Metern. Hier sind vier Grad Celsius und das am 12. Juni! In Jelenia Góra waren es noch zwölf Grad Celsius.
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Ein halbes Leben bei den Berliner Wasserbetrieben
Ich ahnte damals noch nicht, dass ich ein paar Wochen später am PC sitzen und „Die Reise meines Lebens“ schreiben würde. Ich ahnte auch nicht, dass diese Reise für mich mehr als eine Radtour über acht Wochen und 3257 Kilometer werden würde. Es wurde auch eine Reise durch Gegenwart und Vergangenheit meiner Heimat und eine Reise durch mein eigenes Leben.
Nach 44 Jahren bei den Berliner Wasserbetrieben darf ich seit Januar 2026 meinen Ruhestand genießen. Endlich auf Reisen, nicht mehr zeitlich eingeschränkt sein, so dachte ich vor Jahren. Aber das Leben hatte für mich etwas anderes vorgesehen. Stolz blicke ich auf die Zeit zurück, in der ich als alleinerziehender Vater zwei Söhne großgezogen habe. Das Familienleben war schön und harmonisch bis zu jenem 4. Juni 2023, einem Sonntag, der sich bei mir im Gedächtnis eingebrannt hat. Das Jammern und Stöhnen werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Mein Sohn Gregor, gerade mal 20 Jahre alt, hatte eine sehr unruhige Nacht. Schmerzen in der Schulter machten ihm zu schaffen. Ich fuhr mit ihm nach Rüdersdorf ins Krankenhaus.
Der Tumor im Thorax war neun mal elf Zentimeter groß. Nach einer Chemotherapie in Bad Saarow und einer Operation in Dresden wollte Gregor im August 2024 seine Ausbildung zum Erzieher fortführen. Dann kam die Leukämie und weitere Zyklen Chemotherapie. Die Leukämie war nicht besiegt. Nach meiner Rückkehr folgte eine Stammzelltransplantation Anfang September 2026. Gregors Leben hat sich in den drei Jahren drastisch verändert, mein Leben stand auf dem Kopf.
Durch die unendlichen Wälder der Schlesischen Heide
Im Frühsommer 2026 ging es Gregor ganz gut, er hatte eine Freundin, war frisch verliebt. Er wollte unbedingt, dass ich meine Radtour machte. Ich änderte aber meine Planung, die Donau vom Schwarzwald bis zum Schwarzen Meer abzuradeln, und entschied mich für die Elbe. So konnte ich praktisch täglich abbrechen und nach Hause kommen, sollte es notwendig sein. So ging es am 7. Juni los.
Von Woltersdorf durch die unendlichen Wälder der Schlesischen Heide zum Riesengebirge, von dort, wo die Elbe ihren Ursprung hat, ging es weiter durch Tschechien, immer entlang des Elberadwegs. Nach einem Abstecher nach Prag führte mich mein Weg entlang der Moldau zurück zur Elbe bis nach Cuxhaven. Von der Nordsee zur Ostsee – also fuhr ich weiter nach Flensburg und dann immer an der Ostseeküste entlang bis nach Ahlbeck und von dort zurück nach Woltersdorf, meinem Heimatort.
Alles alleine? Meistens die erste Frage. Ich war einen Großteil meines Lebens nicht allein. In meinem Berufsleben bei den Berliner Wasserbetrieben war ich schon zu DDR-Zeiten Bereichsleiter Rohrnetz – mit 27 Jahren im damaligen VEB WAB Berlin, die letzten 19 Jahre, bis 2025 Werkleiter der Wasserwerke Tegel, Spandau, Stolpe und Kladow. Verantwortlich für die Trinkwassergewinnung, -aufbereitung und -förderung für knapp 50 Proent der Einwohner Berlins, verantwortlich aber auch für 100 Mitarbeiter.
Der Autor lässt sich in Cuxhaven fotografieren.
© Carsten Utke
Ein Sommer mit Rad und Zelt
© Carsten Utke
Pretzsch ist beispielgebend für falsche Politik
Ich war immer umgeben von Familie und Freunden und genieße es, mit dem Fahrrad alleine unterwegs zu sein. Ich kann schnell fahren oder langsam, weite Etappen oder kurze, links rum oder rechts rum und muss es niemandem erklären. Ob ich im mitgeführten Zelt übernachte oder ins Hotel gehe, kann ich selbst entscheiden. Ich habe Zeit, über viele Dinge nachzudenken. So ist auch die Idee für mein erstes Buchprojekt entstanden.
Wenn man mit offenen Augen seine Umwelt wahrnimmt, ist es unfassbar faszinierend, die Schönheiten der Natur wahrzunehmen. Man sieht aber auch Dinge, die zur öffentlichen Wahrnehmung unserer Gesellschaft dazugehören und unakzeptabel sind. Ein gutes Beispiel ist Pretzsch, eine kleine Stadt in Sachsen-Anhalt. Noch gut 1000 Menschen wohnen dort. Es waren einmal dreimal so viele.
Eine schöne, einst wohl blühende Stadt. Pretzsch ist für mich beispielgebend für falsche Politik. Der Bahnhof war geschlossen. Im Dezember 2014 fuhr der letzte Zug. Die Elbe-Heide-Bahn wurde stillgelegt. Von Pretzsch konnte man nach Wittenberg und nach Bad Schmiedeberg fahren. Schon um die Jahrtausendwende wurde der Zugverkehr nach Torgau und nach Eilenburg/Leipzig eingestellt.
Deutschland im Stundentakt verbinden, fiel mir der Werbespruch der Deutschen Bahn ein. Vom Bahnhof fuhren wochentags im Juni 2026 nur wenige Busse. Welcher junge Mensch, der einer Arbeit nachgehen muss und auch ein Kulturbedürfnis hat, will dort leben? Wohnungen, ganze Häuser standen leer. Haben wir tatsächlich einen Wohnungsmangel in Deutschland oder vielleicht nur in den Metropolregionen?
Wenn ein Dorf zum Schlafdorf wird
Auch etliche Läden wie Bäckerei und Fleischerei waren geschlossen; Gaststätten und Fachgeschäfte ebenso. Es gab noch ein Hotel, natürlich mit geschlossener Gaststätte, und einen kleinen Lebensmittelmarkt. In Pretzsch konnte man ein großes Schloss bewundern, dort befanden sich ein Kinder- und Jugendheim, eine Förderschule und ein Schlosscafé.
Wie sieht die Zukunft auf dem Land aus? Dass das Schicksal von Pretzsch nicht gesetzmäßig ist oder etwas ist, was man durch Politik nicht beeinflussen kann, wird einem deutlich, wenn man kleine Orte in Polen oder Tschechien gesehen hat. Dort gab es kleine Läden für Sachen des täglichen Bedarfs, die hatten oft auch am Sonntag geöffnet und gaben mir die Möglichkeit, ein kleines Frühstück, einen kleinen Imbiss einzunehmen.
Dörfer, durch die ich zuvor in Sachsen und Sachsen-Anhalt gefahren war, waren reine Schlafdörfer. Kein Laden, keine Gaststätte, nichts Öffentliches, außer der Freiwilligen Feuerwehr oder mal eine Parkbank.
Ohne Anschluss kein Leben: Im Dezember 2014 fuhr der letzte Zug von Pretzsch ab.
© Carsten Utke
Wasserwerk auf der Elbinsel Kaltehofe: Einst wurde von hier aus Hamburg mit gefiltertem Wasser versorgt, heute findet sich hier ein Naherholungsgebiet mit Park, Naturpfad und Museum.
© Casten Utke
Einsatz in Sumatra
Zwei Wochen später fuhr ich in Hamburg am alten Wasserwerk Kaltehofe vorbei. Dieses Wasserwerk wurde 1893, ein Jahr nach der verheerenden Choleraepidemie, in Betrieb genommen. 9000 Tote gab es damals, 133 Jahre ist das erst her. Der hygienische Fortschritt in Deutschland und Europa ist grandios.
Sofort erinnerte ich mich aber auch daran, dass das nicht überall auf unserer Welt so ist. Am 26. Dezember 2004 ereignete sich westlich von Sumatra eine der größten Naturkatastrophen seit Menschengedenken. Ein Seebeben mit einer Magnitude von 9,1-9,3 löste einen verheerenden Tsunami aus. Die Stadt Banda Aceh, an der nördlichen Spitze von Sumatra, hatte laut BBC geschätzt 61.000 Todesopfer, etwa ein Viertel der Bevölkerung, zu beklagen. An der Küste war von dieser Stadt nichts mehr zu sehen. Alles weg. Dafür fand man kilometerweit im Landesinnern große Schiffe.
Es wurden dringend Menschen gesucht, die bereit waren, in Indonesien für das THW tätig zu werden. Einer der größten THW-Einsätze wurde vorbereitet. Aufgrund meiner beruflichen Erfahrung wurde ich gefragt, ob ich bereit wäre, ein halbes Jahr für das THW nach Indonesien zu gehen.
Meine Aufgabe war, die Wasserversorgung wieder aufzubauen. Ich war von Oktober 2005 bis März 2006 vorrangig in Simeulue, einer kleinen Insel vor der Westküste Sumatras, circa 500 km nördlich des Äquators, tätig. Viele Brunnen waren nicht mehr nutzbar. Wasserversorgung auf der Insel fand vor allem dadurch statt, dass die einheimischen Inselbewohner das Regenwasser mit großen Planen auffingen.
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Die einfachen Dinge genießen
Diese sechs Monate sind unvergessen. Mit diesen Gedanken im Kopf fuhr ich weiter. Einfache Dinge zu genießen, war Bestandteil der Reise. Ein Fischbrötchen an den Hamburger Landungsbrücken gehörte zweifellos dazu. Ein Foto am offiziellen Ende des Elberadwegs an der Kugelbake in Cuxhaven ebenso.
Die Fahrt entlang der Ostseeküste, dort, wo auch im Sommer 2026 viele Menschen Urlaub machten, unterschied sich noch einmal deutlich von den bisherigen Etappen. Ich traf unterwegs auf wesentlich mehr Menschen. In Ahlbeck war auch dieser Abschnitt beendet. Die letzten drei Etappen verliefen wieder einsamer.
Nach acht Wochen näherte ich mich, durch und durch nass, meinem Heimatort Woltersdorf. Ich hatte es in der ganzen Zeit geschafft, Regentagen auszuweichen, indem ich immer mal wieder einen Tag Pause einlegte. Meistens war es dann wieder trocken. Am letzten Tag war mir das egal. Der Kilometerzähler am Fahrrad zeigte 3257 Kilometer. Es war der 1. August 2026. Glücklich nahm ich meinen Sohn Gregor in den Arm.
Dieser Beitrag basiert auf dem Buchmanuskript „Die Reise meines Lebens“, in dem Carsten Utke seine achtwöchige Fahrradtour beschreibt. Neben den Erlebnissen unterwegs beschäftigt er sich darin mit der Geschichte der bereisten Orte, gesellschaftlichen Veränderungen und persönlichen Erinnerungen. Das Manuskript ist fertiggestellt und befindet sich derzeit bei mehreren Buchverlagen in der Prüfung.
Carsten Utke, 1960 geboren, wuchs in Woltersdorf bei Berlin auf, studierte in Dresden Wasserwirtschaft und arbeitete 44 Jahre beim VEB WAB Berlin bzw. den Berliner Wasserbetrieben. In den letzten 19 Jahren war er Leiter der Wasserwerke Tegel, Spandau, Stolpe und Kladow.
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