Im Kyffhäuserkreis in Nordthüringen ist die Landschaft nicht das Problem. Schönes Fachwerk, Burgen, Wälder, das weithin sichtbare Kyffhäuserdenkmal: An Gründen für einen Besuch mangelt es nicht. Die schwierigere Frage lautet: Wer arbeitet und lebt hier in zwanzig Jahren noch? 2015 zählte die amtliche Statistik über 20.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte am Arbeitsort, 2025 waren es noch rund 19.000 – ein Rückgang um mehr als sieben Prozent. Der Landkreis selbst nennt die „Abwanderung junger Menschen“ und die schrumpfende Erwerbsbevölkerung als zentrale Herausforderungen.
Die große Abwanderungswelle aus Ostdeutschland ist vorbei. Ihre Folgen sind es nicht. Zwar ziehen heute längst nicht mehr Hunderttausende Richtung Westen; zeitweise verzeichneten die ostdeutschen Länder sogar wieder leichte Wanderungsgewinne. Doch eine Rückbewegung in einer Größenordnung und vor allem in einer Altersstruktur, die die Verluste der vergangenen Jahrzehnte ausgleichen könnte, ist ausgeblieben. Gerade junge Erwachsene verlassen den Osten weiterhin überproportional. Seit 1991 summiert sich der Wanderungsverlust bei den 18- bis unter 30-Jährigen auf rund 727.000 Menschen.
Demografie arbeitet langsam
Hinzu kommt etwas, das sich durch Zuzug allein kaum schnell korrigieren lässt: Demografie arbeitet langsam – aber unerbittlich. Viele der jungen Menschen, die vor Jahrzehnten gingen, gründeten ihre Familien anderswo. Damit fehlten den Herkunftsregionen nicht nur sie selbst, sondern häufig auch ihre Kinder. Und dort, wo junge Erwachsene weiterhin zum Studium oder wegen beruflicher Perspektiven fortziehen, setzt sich dieser Effekt fort. Dass viele ländliche Räume inzwischen wieder Wanderungsgewinne verzeichnen, ändert daran nur begrenzt etwas: Entscheidend ist nicht allein, wie viele kommen, sondern wer kommt und wer bleibt.
Wer darin eine ostdeutsche Sondergeschichte sieht, sollte auf die europäische Demografiekarte schauen. Eurostat zählte 2024 in der EU 17 Regionen mit einem Medianalter von mindestens 50 Jahren. Auf derselben Liste stehen Ligurien – mit 52,3 Jahren die Region mit dem höchsten Medianalter der EU – sowie Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen, Brandenburg und die Region Chemnitz. Geografisch in Europa weit auseinander, demografisch auffallend nah.
Das macht Thüringen und Ligurien nicht gleich
Ostdeutschland erlebte nach 1990 einen abrupten wirtschaftlichen und sozialen Bruch; im ligurischen Hinterland vollzog sich der Wandel über Jahrzehnte. Doch beide Entwicklungen führen zu derselben Frage: Was bleibt von einem ländlichen Raum, wenn Arbeit und junge Menschen weniger werden, während Häuser, Landschaft und Geschichte bleiben?
In Perinaldo bekommt diese europäische Frage ein Gesicht. Das Dorf liegt in den Bergen hinter Sanremo und wirkt auf den ersten Blick wie das Gegenteil eines Problemfalls. Gerade deshalb lohnt der Blick dorthin.
Wenn Schönheit nicht genügt
Perinaldo klebt auf 572 Metern Höhe an einem Bergrücken. Naturstein, enge Gassen, pastellfarbene Fassaden, Oliven an den Hängen. Aus dem Ort stammt Giovanni Domenico Cassini, der 1625 geborene Astronom, der später das Pariser Observatorium leitete. Wer hier ankommt, versteht sofort, warum Menschen für einige Tage bleiben möchten.
Doch wer mit den Einwohnern redet, hört erstaunlich wenig über die Aussicht. Es geht um eine Apotheke, eine Schule, einen Kindergarten, kleine Geschäfte und eine Ärztin, die an mehreren Tagen in der Woche kommt. Bürgermeister Francesco Guglielmi spricht im Gespräch mit dieser Zeitung von rund 480 Menschen, die dauerhaft in Perinaldo leben. Sein Wunschzettel ist kurz: Die Grundversorgung soll bleiben. Junge Menschen, sagt er, seien über Jahre in die Städte an der Küste gezogen.
Das klingt zunächst nach einer kommunalpolitischen Kleinigkeit. Tatsächlich entscheidet sich daran, ob ein Dorf Lebensraum bleibt oder irgendwann vor allem schön anzusehen ist. Auch Perinaldo ist kein Freilichtmuseum – so wenig wie Ortschaften hierzulande eines sein wollen. Aber die Gefahr, zur Kulisse der eigenen Vergangenheit zu werden, lässt sich hier studieren.
Ein Spätsommertag in Perinaldo: ältere Einwohner auf einer Bank im Ortskern
© Ralf M. Ruthardt
Als die Kastanien krank wurden
In den Gesprächen fällt irgendwann das Wort Kastanien. Früher waren sie mehr als Herbstromantik und Dorffest. Die Edelkastanie ernährte Menschen, lieferte Holz, prägte Hänge und Arbeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg beschleunigte sich in vielen italienischen Bergregionen der Niedergang dieser Wirtschaftsform.
Im Dorf wird die Geschichte mit einem Wort erzählt: Schädlinge. Agrarhistorisch ist das zu grob. Der italienische Agrarforschungsrat CREA nennt vor allem zwei Pflanzenkrankheiten: den Kastanienrindenkrebs und die sogenannte Tintenkrankheit. Beide schädigten Bestände massiv. Die Universität Genua beschreibt den Niedergang nach dem Krieg zugleich als Zusammenspiel aus Krankheiten, veränderten Lebensbedingungen und der Aufgabe ländlicher Siedlungen. Es war also nicht ein einzelner Schädling, der einer alten Erwerbsform den Garaus machte. Die Krankheiten trafen auf eine Gesellschaft, die sich wirtschaftlich und sozial ohnehin zunehmend von den Bergen weg orientierte.
Der Berlin-Prignitz-Express: Warum der Zug noch immer um die Mauer herumfährt
Fontaines D.C. in der Berliner Max-Schmeling-Halle: Ob ihr Weltruhm der Wirklichkeit standhalten würde?
Das Muster ist wichtig: Zuerst wird eine Arbeit weniger rentabel oder riskanter. Dann fehlen Nachfolger. Flächen werden nicht mehr bewirtschaftet. Die Landschaft bleibt, aber ihre ökonomische Funktion verändert sich. Was einmal Lebensunterhalt war, wird Erinnerung, Brauchtum und vielleicht ein Fest.
Rosen unter Glas
Noch sichtbarer ist der Wandel bei den Blumen. Wer durch das westliche Ligurien fährt, sieht Gewächshäuser in großer Zahl. Manche werden intensiv genutzt, andere wirken gealtert, wieder andere stehen erkennbar leer. Verwitterte Gewächshausstrukturen erzählen von einer Wirtschaftsphase, die diese Region jahrzehntelang geprägt hat.
CREA beschreibt die Blumenzucht im Ponente Ligure als wichtigste wirtschaftliche Ressource der Gegend über viele Jahrzehnte. Zwischen den Weltkriegen boomten Nelken und Rosen, in den achtziger und neunziger Jahren wurden Rosen in großem Stil unter Glas produziert. Dann geriet genau diese Produktion unter Druck. Der Wettbewerb mit Anbietern aus Afrika und dem äquatorialen Amerika sei bei Rosen kaum zu halten gewesen. Hinzu kamen hohe Energie- und Arbeitskosten. CREA beschreibt zudem die Verlagerung von Massenproduktionen in Drittländer, fehlenden Generationenwechsel und technisch veraltete Gewächshausstrukturen als Ursachen der Krise.
Man sollte daraus trotzdem keine Untergangsgeschichte machen. Die ligurische Floristik existiert weiterhin und ist wirtschaftlich bedeutend. Nach CREA-Daten gab es in Ligurien zuletzt mehr als 2.300 Betriebe für Blumen und Zierpflanzen und etwa die Hälfte der Fläche wird unter Glas oder in vergleichbaren Schutzsystemen bewirtschaftet. Nur hat sich das Geschäft verändert: Klassische Rosen und Nelken verloren stark an Bedeutung, andere Produkte wie Ranunkeln und Schnittgrün gewannen.
Eine Branche kann statistisch weiterleben, aber vor Ort weniger Familien ernähren als früher. Wenn arbeitsintensive Kulturen verschwinden oder sich konzentrieren, verschwindet nicht nur ein Produkt. Es verschwindet Alltag.
Die Jungen gehen nicht gegen ihre Heimat
Ein Spätsommervormittag. Unter Kastanienbäumen fegt Mattia Milone das erste Laub zusammen. Eigentlich arbeitet er als Landschaftsgärtner in Sanremo. An diesem Tag springt er für einen erkrankten Kollegen ein. Seine Freundin Giorgia Olivero ist bei ihm. Aus einem kurzen Gruß wird ein langes Gespräch über Arbeit, Preise und Zukunft.
Weihnachtsbaum trifft am 7. November auf dem Chemnitzer Marktplatz ein
US-Midterms: Trump droht Verlust der Mehrheit in beiden Parlamentskammern
„In Deutschland kann man mehr Geld verdienen und die Arbeitsplätze sind sicher“, erklärt Mattia dieser Zeitung. Sein eigener Lohn sei kaum gestiegen, das Leben dagegen teurer geworden. Er selbst wolle Italien nicht verlassen. Viele junge Menschen in seinem Umfeld dächten aber darüber nach. Für die Bergdörfer formuliert er es nüchtern: Dort lebten vor allem ältere Menschen; Touristen kämen für ein paar Tage wegen Ruhe und Landschaft.
Die Jungen gehen nicht, weil sie ihre Heimat verachten. Sie gehen, weil sie anderswo mehr Zukunft vermuten. Damit schließt sich der Kreis zurück nach Ostdeutschland.
Der ostdeutsche Spiegel
Im Kyffhäuserkreis sank die Zahl der Erwerbstätigen zwischen 2015 und 2024 von rund 29.400 auf 26.900. Besonders deutlich ist der Rückgang in Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei: von etwa 1.200 auf 800 Erwerbstätige. Diese umfassendere Erwerbstätigenrechnung bestätigt damit die Richtung, die schon die Beschäftigtenzahlen am Anfang zeigen. Das sind Größenordnungen, die nicht nur in Statistiken vorkommen. Jeder fehlende Betrieb, jeder nicht besetzte Hof, jede aufgegebene Werkstatt verändert die Wahrscheinlichkeit, dass die nächste Generation bleibt.
Wie fragil diese Bindung ist, zeigt auch eine Sozialbefragung im Altenburger Land. Unter den befragten 18- bis 24-Jährigen äußerten 43,3 Prozent eine konkrete oder mögliche Abwanderungsabsicht. Die Teilstichprobe ist klein und keine repräsentative Prognose. Als Warnsignal taugt sie dennoch. Perinaldo ist deshalb kein exotischer Sonderfall und Ostdeutschland keine abgeschlossene Nachwende-Erzählung. Es sind unterschiedliche Geschichten, die an einem ähnlichen Punkt ankommen können: Dort, wo Erwerbschancen dünner werden, wird Demografie zur Zukunftsfrage.
Kein Museum. Noch nicht
Zurück auf eine hölzerne Sitzbank in Perinaldo. Drei ältere Menschen sitzen dort und reden. Ein Kleinwagen biegt um eine Hausecke, so knapp, dass eine der Frauen „Vorsicht“ ruft. Dann ist der Fiat vorbei, und das Gespräch geht weiter. Die Menschen sind draußen. Sie kennen einander. Die Cafés und Restaurants sind außerhalb der Saison nicht nur Kulisse für Besucher, sondern Treffpunkte der Einwohner.
„Das Jüdische aus dem Gesicht nehmen“: Dustin Hoffman rechnet mit Regisseur Nichols ab
Weniger Netto für Berliner Arbeitnehmer: Studie warnt vor drastisch steigenden Sozialabgaben
Genau deshalb wäre es falsch, Perinaldo ein sterbendes Dorf zu nennen. Es lebt. Es hat Schule, Apotheke, Gastronomie, Vereine und Menschen, die Verantwortung übernehmen. Auch die Landwirtschaft ist nicht verschwunden. Die violette Artischocke von Perinaldo wird weiter angebaut, Oliven gehören zum Landschaftsbild, und die Floristik der Region sucht neue Produkte und Märkte.
Heimat oder Herkunft
Doch die Frage bleibt: Wie viel wirtschaftliches Leben kann ein ländlicher Raum verlieren, bevor aus Heimat vor allem Herkunft wird? Sie stellt sich in Ligurien ebenso wie in Teilen Thüringens oder Sachsen-Anhalts. Die Ursachen sind verschieden, die Mechanik vertraut: Arbeit verändert sich, die Jungen orientieren sich neu, Grundversorgung wird zur Standortfrage. Tourismus kann Häuser, Landschaft und Geschichte aufwerten – Betriebe, Familien und Alltagsleben ersetzt er nicht. Darin liegt die europäische Dimension dieser Geschichte.
Perinaldo ist weit davon entfernt, nur Kulisse zu sein. Gerade deshalb lohnt der Blick von Ostdeutschland nach Ligurien: verschiedene Geschichten, dieselbe Zukunftsfrage. Ein Dorf wird nicht zur Kulisse, weil seine Häuser alt sind. Es wird zur Kulisse, wenn seine Vergangenheit mehr Besucher anzieht, als seine Zukunft Bewohner hält.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]