Struck, Fortsetzung von Seite 1---gebiet", wo die westliche Welt am östlichen Stacheldraht endete. In Bonn ging er bei den alten Kämpen im Haushaltsausschuß in die Lehre und emanzipierte sich als Finanzpolitiker. Struck interessierte sich für die Mechanismen der Macht. Ihn faszinierte der für Außenstehende überraschend hohe Anteil des Menschlichen bei der Entstehung eines Gesetzeswerkes.Es ist kein Zufall, daß Struck in den vergangenen Jahren als führender SPD-Unterhändler im Vermittlungsausschuß von Bundestag und Bundesrat fungierte; dort, wo die beschlagensten Strippenzieher von Bund und Ländern die Kunst des Kompromisses in verfahrenen Fällen praktizieren. Mit CSU-Chef Theo Waigel ist er per du; beide spielten lange in der Fußballmannschaft des Bundestages. Kanzler Helmut Kohl ernannte ihn einmal zu seinem "Lieblingssozi". Das erregte das Mißtrauen der Genossen. Struck kennt die verborgenen Drähte im Regierungsviertel und darüber hinaus wie kaum ein Zweiter. Er wäre vermutlich der beste Kanzleramtschef für Gerhard Schröder gewesen.Als Chef der 298 SPD-Abgeordneten steigt er nun in große Stiefel. Zu große, fürchten manche in der Fraktion, die bei Peter Struck fehlendes theoretisches Unterfutter bemängeln oder spitz bemerken, er habe noch nie eine große Rede im Bundestag gehalten. Einige erinnern wohlig an den Ausspruch von Gerhard Schröder 1995, am Tag, als Scharping ihn als wirtschaftspolitischen Sprecher entlassen hatte. Auf das Bonner "Kartell der Mittelmäßigkeit" hatte der gedemütigte Schröder damals geschimpft, und gemünzt war es speziell auf "diesen Abgeordneten aus Uelzen, der noch nicht einmal seinen Wahlkreis gewonnen hat".Schröder hatte offenbar vergessen, wie sehr Struck ihn erst zwei Jahre vorher bei der Urwahl um den Parteivorsitz unterstützt hatte. Als Bundesgeschäftsführer unter einem Parteichef Schröder war Struck damals sogar vorgesehen. Diese Wunde ist nicht verheilt. Bei all seiner Wendigkeit liegt Struck viel an persönlicher Zuverlässigkeit. Er hat seine Loyalität seither in Richtung des SPD-Vorsitzenden Oskar Lafontaine gelenkt.Als Fraktionschef muß Struck mit beiden Bossen gut zusammenarbeiten. Offen ist, ob der Schock der Personalquerelen sich dabei als hilfreich oder abträglich erweist. Die Fraktion ist guten Willens und will oppositionelle Eifersüchteleien und Flügelschläge zugunsten des Regierungserfolgs einstellen. Aber sie verlangt ihre Würde. Die SPD-Abgeordneten verstehen sich nicht als Schröders und Lafontaines parlamentarisches Stimmvieh. Sie erwarten, daß Struck diese Botschaft nach oben vermittelt hart, trickreich und kaltschnäuzig.
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