Gallin hat rund 620 Einwohner. Es ist ein beschauliches Dorf im Landkreis Ludwigslust-Parchim, in dem die Welt normalerweise ziemlich überschaubar ist. Bis schließlich der gebürtige Hamburger Anton Schleiter kam und Gallin zu seiner neuen Heimat erklärte. Seitdem ist nichts mehr so, wie es war – zumindest einmal im Jahr.
Denn seit einigen Jahren, immer zu Halloween, verwandelt er den kleinen Ort in eine große Science-Fiction-Bühne, die man dort kaum erwarten würde. Mit Nebelmaschinen, Stroboskopen und dieses Mal sogar mit einem vier Meter hohen Portal, das leuchtet, als hätte jemand die Tür zu einer anderen Dimension aufgestoßen. „Gallinoween“ heißt das Spektakel inzwischen. Und wer einmal dabei war, kommt offenbar gerne wieder.
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Anton hat Film und Animation studiert, seine Schwester Franziska beschreibt ihn als leidenschaftlichen Tüftler mit dutzenden Ideen im Kopf, die anscheinend nie ausgehen. Schon als Kind habe er Karussells mit Elektromotoren gebaut. Heute entwirft er am Computer Figuren und Kulissen, lässt Teile im 3D-Drucker entstehen, lötet Platinen, näht Kostüme und kümmert sich auch um die komplette Geschichte. Er filmt, animiert und programmiert. Er sei ein Daniel Düsentrieb des ländlichen Grusels, sagt sie.
Und was besagter Düsentrieb das Jahr über daraus macht, zeigt sich in Gallin spätestens Ende Oktober. Dann wird aus einem gewöhnlichen Grundstück eine begehbare Fantasiewelt, aus Nachbarsgärten werden Filmkulissen und aus Dorfbewohnern plötzlich Schauspieler. Was einst als kleine Halloween-Dekoration vor der eigenen Haustür begann, ist mittlerweile eine aufwendige Show mit eigener Handlung geworden, die viele aus dem Dorf und darüber hinaus anlockt und in den Bann zieht.
Anton Schleiter ist einer der Men in Black. In seinen Händen hält er den Würfel des Lichts.
© Pascal Hoorn
Wenn aus Nachbarn Statisten werden
Monatelange Vorbereitung steckt in der Inszenierung. Die Planung für die nächste Ausgabe beginnt praktisch schon, wenn die vorherige gerade vorbei ist. Gut fünf Monate vor dem großen Science-Fiction-Abend wird es schließlich ernst. Dann wird gesägt, geschraubt, programmiert und geprobt. Allein der endgültige Aufbau dauert zwei Tage, heißt es auf Nachfrage des Reporters.
Doch Gallinoween ist längst kein Ein-Mann-Unternehmen mehr, sondern ein Gemeinschaftsprojekt mit vielen helfenden Händen. So hievt etwa ein Baumpfleger aus dem Dorf Scheinwerfer und Lautsprecher in die Kronen alter Bäume. Es werden Seile gespannt, an denen ein UFO durch die Nacht gleiten soll. Und Freunde filmen und bauen Kulissen, später schlüpfen sie dann in Kostüme und werden Teil der Show.
Natürlich lässt sich auch der eine oder andere Dorfbewohner einspannen. Der örtliche Bäcker hat bereits mitgespielt, der Paketbote ebenso, verrät seine Schwester. „Die Leute sind alle so aufgeschlossen“, erzählt sie, die als Reporterin „Franziska fragt nach“ mitmacht. Selbst der Bürgermeister habe schon für fiktive Interviews vor der Kamera gestanden, die Anton als kleinen Vorfilm produziert und den wartenden Zuschauern präsentiert – bevor das eigentliche Spektakel beginnt.
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Ein Alien gibt sein Versprechen
Die Geschichte von Gallinoween ist als Dreiteiler angelegt. Und wer glaubt, hier gehe es nur um ein bisschen Halloween-Grusel, unterschätzt den Aufwand dahinter. Im ersten Jahr, also vor 365 Tagen, stürzte ein UFO in Gallin ab. Das blieb selbstverständlich nicht unbemerkt. Die Men in Black rückten an, sperrten das Gebiet ab und fuhren mit schwarz beklebten Transportern vor. Aber ein Alien entkam.
Die Kinder halfen dem Wesen sodann mit einem selbstgebauten Heilungsgenerator. Schließlich konnte die Kreatur namens Kachumba durch ein leuchtendes Portal verschwinden, um ein Ersatzteil für sein Raumschiff zu besorgen. Sein Versprechen war damals: „In genau einem Jahr komme ich zurück.“
Nun war es so weit. Vor dem riesigen Portal versammelten sich die Zuschauer. Zusammengebaut hatten es Antons Freund Niels und weitere Helfer aus geschenkten Holzresten. Die anwesenden Kinder erhielten spezielle Münzen, die Anton eigens entworfen und professionell hatte prägen lassen. „Jedes Jahr gibt es ein neues Motiv“, sagt Antons Schwester. Es seien kleine Sammlerstücke, die zugleich eine wichtige Funktion erfüllen. Mit ihrer „reinen Herzensenergie“ sollen die Kinder das Portal aktivieren.
Plötzlich wird es dunkel, Nebel zieht auf und Lichter flackern. Und tatsächlich, Kachumba tritt aus dem Portal. In den Händen hält das Alien einen leuchtenden Würfel. Doch die Wiedersehensfreude hält nicht lange. Das Portal flackert erneut, ein zweites, feindliches Alien erscheint. Im Zelt kommt es zum Schattenkampf und das böse Wesen wird besiegt. Anschließend hebt das UFO ab, an einem Seil durch die Baumkronen gezogen. In der Dunkelheit und im Nebel verschwimmen allerdings diese kleinen technischen Details. Für einen Moment sieht es aus wie echte Magie.
Dann folgt der Cliffhanger: Das feindliche Alien entführt Reporter Jan Neugier durch das Portal. Kachumba nimmt die Verfolgung auf. Die Geschichte endet dort, wo die Spannung am größten ist. Fortsetzung folgt – im nächsten Jahr.
Großes Kino mit Besucherrekord im kleinen Gallin
Zwischen 200 und 250 Menschen kamen dieses Mal nach Gallin, verteilt auf vier Vorstellungen. Es seien so viele wie noch nie gewesen, hieß es vom Organisator. Manche nahmen eine halbe Stunde Anfahrt auf sich, weil sie vom Spektakel gehört hatten. Einer eilte sogar zur letzten Vorstellung und sagte nach der Ankunft erleichtert: „Gut, dass ich es noch geschafft habe.“
Verkleidet waren an diesem Abend übrigens nicht nur die Kinder, viele Erwachsene ließen sich ebenfalls auf die bunte Fantasiewelt ein. Wer nach Gallinoween kommt, soll nicht bloß zuschauen, sondern für ein paar Stunden Teil der Geschichte werden.
Aber auch die Galliner Produktion gibt es nicht zum Nulltarif. Einen Großteil bezahlt Anton, aus dessen Kopf die Idee dafür entsprungen ist, aus eigener Tasche. Material, Technik und die eigens angefertigten Münzen kosten Geld. Vieles wäre ohne die Unterstützung aus dem Dorf kaum möglich. Eine Holzspende floss in das Portal, Freunde stellten erneut ihre Zeit und ihr Können zur Verfügung, Kameraleute arbeiteten wieder ehrenamtlich.
Die „Gallinoween“-Hauptakteure: Niels, Jan, Anton und Julien (v.l.n.r.)
© Franziska Schleiter
Bleibt die Frage, wie es nach dem Finale des Dreiteilers im kommenden Jahr weitergeht und ob Anton danach eine Pause einlegt. „Hoffentlich gönnt er sich eine kleine Auszeit“, wünscht sich seine Schwester Franziska. Das würden ihm alle ans Herz legen. Es folgt ein kurzer Nachsatz: „Wenn man Sachen mit Leidenschaft macht, sieht man das natürlich nicht unbedingt als Arbeit.“
In Gallin jedenfalls dürfte die Vorfreude schon langsam wieder wachsen – auf Kachumba, auf Reporter Jan Neugier und auf das, was Anton Schleiter 2027 aus dem Hut zaubert. Denn eines ist sicher: In diesem Dorf ist ein gewöhnlicher Herbstabend nicht vor einer Alien-Invasion gefeit.
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