Kleingartenkultur

Garten statt Supermarkt: Warum ich mein eigenes Gemüse und Obst anbaue

Kleingärten begleiten mich seit der Kindheit. Heute habe ich selbst einen und weiß, wie gut es ist, Obst und Gemüse direkt zu ernten – mit Fleiß und viel Arbeit.

8 Min
Lange galten Kleingärten als eher spießig, doch mittlerweile entdecken auch immer mehr junge Menschen diese für sich.

Lange galten Kleingärten als eher spießig, doch mittlerweile entdecken auch immer mehr junge Menschen diese für sich.

© Daniel Bockwoldt/dpa

Es war das Jahr 2020, mitten in der Corona-Pandemie. Der Garten, den ich gerade im Mai für 50 Euro übernommen hatte, war noch eine halbe Baustelle, die eher nach Wildnis als nach Parzelle aussah. Jahrelanger Leerstand hatte seine Spuren hinterlassen: zugewachsene Beete, eine Laube, die dringend Zuwendung brauchte, und überall das stille Zeugnis, dass hier jemand lange nicht mehr nach dem Rechten gesehen hatte.

Doch zwischen diesem ganzen Wildwuchs standen drei Obstbäume und alte Beerensträucher – vor allem Johannisbeeren, Himbeeren, Stachelbeeren –, die sich von der Vernachlässigung offenbar nicht hatten beeindrucken lassen. An ihnen hingen so viele Früchte, dass ich dem Nachbarn über den Zaun noch reichlich abgeben konnte.

Und die Kartoffeln, die ich Wochen zuvor in den frisch umgegrabenen Boden gesetzt hatte, trugen tatsächlich. Es war meine erste eigene Ernte in meinem neuen Garten. In einer Zeit, in der das alltägliche Leben brachlag, hatte ich etwas gefunden, das mich beschäftigte, erdete und am Ende sogar satt machte.

Für viele Gartenfreunde ist ihr Kleingarten ein Refugium der Erholung und Entspannung. Das war damals so und hat sich bis heute nicht geändert.

Für viele Gartenfreunde ist ihr Kleingarten ein Refugium der Erholung und Entspannung. Das war damals so und hat sich bis heute nicht geändert.

© imago

Dass ich ausgerechnet in einem Schrebergarten landete, war kein Zufall. Gartenarbeit gehört zu meinem Leben, seit ich denken kann. In den 1980er- und 1990er-Jahren verbrachte ich als Kind viel Zeit im Kleingarten meiner Oma in Broda, unweit des Tollensesees. Johannisbeeren, Äpfel, Birnen, Pflaumen im Spätsommer, Rhabarber, dazu Gemüse, wohin man schaute – das alles wuchs dort prächtig, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Für mich lag es buchstäblich auf dem Silbertablett. Ich musste nur zugreifen.

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Ein Garten braucht viel Zeit, Geduld und Spucke

Was ich damals nicht verstand: Hinter dieser Fülle steckte harte Arbeit. Umgraben, Bodenpflege, die Laube regelmäßig auf Vordermann bringen, ausbauen mit dem, was eben da war. Und zu DDR-Zeiten florierte das Tauschgeschäft unter Gartenfreunden: „Ich gebe dir etwas, du gibst mir etwas.“ So war das damals.

Baulich war der Garten dementsprechend ein Flickenteppich. Gehwegplatten, die nicht immer so recht zusammenpassen wollten, der Komposthaufen aus einzelnen Brettern gezimmert, aus alten Fenstern ein Gewächshaus zusammengeschustert. Was fehlte, wurde improvisiert. Und wenn man nicht mehr weiterwusste, war die nächste helfende Hand meist nur eine Parzelle entfernt.

Draußen essen gehörte wiederum zu den schönsten Momenten. Mittags dampften frische Pellkartoffeln auf dem Tisch, daneben grüne Bohnen direkt aus dem Beet und ein Spiegelei, mehr brauchte es nicht. Abends wurde meist gegrillt. Schon am Vortag legte mein Vater dafür Fleisch und Bratwürste in Bier, Ketchup, Senf und Zwiebeln ein, damit das Bier über Nacht ordentlich einziehen konnte.

Fertig mariniert aus der Kühltheke? Das gab es nicht, jeder machte seine Marinade selbst. Wenn das Fleisch dann auf den heißen Rost kam – dieses Zischen und der Biergeruch, der über die Parzellen zog, das sind Bilder und Gerüche, an die ich mich bis heute erinnere. Jedes Mal, wenn ich selbst den Grill anwerfe, bin ich für einen Moment wieder dort.

In Deutschland gibt es rund 867.000 Kleingärten. In <a href="https://www.mv-tut-gut.de/startseite">Mecklenburg-Vorpommern</a> sind mehr als 61.000 Mitglieder in den Landesverbänden organisiert.

In Deutschland gibt es rund 867.000 Kleingärten. In Mecklenburg-Vorpommern sind mehr als 61.000 Mitglieder in den Landesverbänden organisiert.

© unsplash

30 Jahre später im eigenen Garten

Und jetzt, mehr als 30 Jahre später, stehe ich selbst in meiner Parzelle mit der Nummer 6 in der Kleingartenanlage Verlängerte Jahnstraße West am Rande von Neubrandenburg. Die Romantik der Kindheitserinnerungen ist geblieben, sie ist allerdings nur die eine Seite der Medaille. Denn die Realität des eigenen Anbaus ist schon etwas völlig anderes.

Ein Garten verlangt Aufmerksamkeit. In der Hauptsaison von April bis Oktober schaue ich mindestens alle zwei Tage nach den Beeten. Auf dem Programm stehen zumeist gießen, den Rasen mähen, Unkraut zupfen, kontrollieren, ob alles in Ordnung ist. Da gehen schnell mehrere Stunden pro Woche drauf.

Und eigentlich gibt es immer etwas zu tun. Saatflächen wollen vorbereitet, Kompost umgesetzt, Rankhilfen repariert, die Laube hier und da ausgebessert werden. Der Garten ist, ehrlich gesagt, ein Projekt, das nie so richtig fertig wird. Wer glaubt, man stecke im Frühjahr ein paar Samen in die Erde und hole im Spätsommer die Ernte ab, lernt schnell dazu.

Aber dann kommen die Augenblicke, für die sich alles lohnt. Auch in diesem Jahr gab es diese Momente: Die Boskoop-Äpfel trugen so reich wie selten, der alte Baum bog sich unter der Last. Kiloweise Kartoffeln wanderten in den Keller. Zucchini schossen schneller aus dem Boden, als ich sie verarbeiten konnte.

Es ist ein Luxusproblem, das jeder Gartenbesitzer kennt und das regelmäßig dazu führt, dass Nachbarn und Kollegen nicht nur mit Zucchini beglückt werden. Ob sie wollen oder nicht. Und die Tomaten, die in der Nachmittagssonne gereift waren, hatten einen Geschmack, der mit Supermarktware nicht einmal entfernt zu vergleichen ist. Wer einmal eine sonnenwarme Tomate direkt vom Strauch gegessen hat, greift nur noch widerwillig zu den blassen Exemplaren im Gemüseregal.

Was kostet ein Schrebergarten wirklich?

Die Fixkosten halten sich durchaus in Grenzen. Rund 500 Euro im Jahr zahle ich für Pacht und laufende Kosten, also Strom und Wasser. Wobei der überwiegende Teil meines Wasserbedarfs aus dem eigenen Brunnen gespeist wird. Die Nebenkosten sind somit überschaubar.

Wenn etwas kaputtgeht, wird es allerdings schnell teuer. Unter Gartenfreunden gilt aber eine Devise, die ich schon aus DDR-Zeiten kenne: Erst versuchen, mit dem auszukommen, was da ist. Das heißt reparieren, umfunktionieren und improvisieren. Und erst wenn wirklich nichts mehr geht, führt der Weg in den Baumarkt als letzte Instanz. Das ist allerdings die Ausnahme, nicht die Regel.

Lohnt sich das finanziell? Ehrliche Antwort: Es kommt darauf an, wie man rechnet. Pacht, Saatgut, Jungpflanzen und gelegentliche Reparaturen gegen den Wert der Ernte – in einer guten Saison kommt man ungefähr auf null. In einer schlechten zahlt man drauf. Und den Stundenlohn für die eigene Arbeit sollte man besser gar nicht erst in den Blick nehmen.

Nur greift diese Rechnung zu kurz. Sie erfasst nicht den Geschmack eines Apfels, der keine Kühlkette hinter sich hat. Nicht das Wissen, dass auf dem Teller nur das liegt, das man selbst gepflanzt hat. Und nicht, was es bedeutet, nach einem langen Arbeitstag zwischen den Beeten zu stehen und den Kopf frei zu bekommen. Das lässt sich nicht in Euro beziffern. Das ist der eigentliche, unbezahlbare Gewinn.

Für die einen ist der eigene Kleingarten schlicht Alltag und Freizeitbeschäftigung, für andere auch eine bewusste Entscheidung gegen Obst und Gemüse aus dem Supermarkt.

Für die einen ist der eigene Kleingarten schlicht Alltag und Freizeitbeschäftigung, für andere auch eine bewusste Entscheidung gegen Obst und Gemüse aus dem Supermarkt.

© Danilo Vitense/Ostdeutsche Allgemeine

Hilfsbereite Nachbarschaft hinter dem Gartenzaun

Was den Garten neben der Ernte besonders macht, ist die Gemeinschaft. In meiner Sparte, der Verlängerten Jahnstraße West, wird Nachbarschaft nicht behauptet, sondern gelebt. Und ich bin fest davon überzeugt, dass es in anderen Kleingartenvereinen dieses Landes nicht anders aussieht. Das Gespräch am Gartenzaun gehört zum Alltag. Neben Fachthemen aus dem Gartenbereich ist alles von Interesse, was einem auf der Zunge brennt.

Braucht jemand Werkzeug oder eine helfende Hand, stehen die Gartentüren offen. Zweimal im Jahr rückt der ganze Verein zu gemeinsamen Arbeitseinsätzen an, und danach wird zusammen gegessen und getrunken. Das erinnert mich an die Hilfsbereitschaft, die ich schon als Kind bei meiner Oma erlebt habe. Damals wie heute gilt: Ein Schrebergarten ist kein Einzelprojekt. Er funktioniert am besten in einer Gemeinschaft, in der man gibt und nimmt.

Und damit bin ich nicht allein. In Deutschland gibt es nach Angaben des Bundesverbands der Kleingartenvereine rund 867.000 Kleingärten, etwa fünf Millionen Menschen nutzen die Parzellen. In Mecklenburg-Vorpommern sind mehr als 61.000 Mitglieder in den Landesverbänden organisiert. Neubrandenburg hat sogar ein besonders ausgeprägtes Kleingartenerbe, viele Anlagen gehen auf die DDR-Gartenkultur zurück. Gleichzeitig ist die Nachfrage in Teilen der Stadt in den vergangenen Jahren zurückgegangen, mit Ausnahme der Corona-Zeit, da ging die Nachfrage kurzzeitig wieder etwas nach oben. Ein Kleingartenentwicklungskonzept, das derzeit fortgeschrieben wird, soll nun Abhilfe schaffen.

Nach der Saison ist vor der Saison

Ein Oktobernachmittag, ich räume die letzten Tomatenstauden ab, harke das runtergefallene Laub zusammen. Die Saison geht zu Ende. Im Keller liegen Kartoffeln, im Gefrierfach geschnittene Zucchini, im Regal eingekochte Boskoop-Äpfel. Es war ein gutes Jahr. Nicht jedes ist so. Manchmal macht das Wetter einen Strich durch die Rechnung, manchmal sind die Schnecken schneller als ich. Aber selbst in einem schlechten Jahr nehme ich mehr mit nach Hause als Gemüse, Obst und Kräuter. Es sind auch die Bewegung an der frischen Luft, die Stille zwischen den Beeten in der Mittagsruhe, das Gespräch mit dem Nachbarn und das Gefühl, etwas Sinnvolles mit den eigenen Händen geschaffen zu haben.

Meine Oma hätte das wahrscheinlich nicht so formuliert. Für sie war der Garten schlicht Alltag und Freizeitbeschäftigung, keine bewusste Entscheidung gegen den Supermarkt. Genau das hat sie mir mitgegeben: das Wissen, dass gutes Essen nicht im Regal liegt, sondern in der Erde. Das ist auch eine Form von Nachhaltigkeit.

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