Betriebsschließungen

„Erstmalirgendwasstudium“: Handwerkspräsident Keindorf rechnet mit Akademisierung ab

Jeder sechste befragte Handwerksinhaber rechnet mit einer Schließung. Gleichzeitig verschwinden im Süden Sachsen-Anhalts immer mehr klassische Baubetriebe.

3 Min
Ein Handwerker bearbeitet Metall: Im Süden Sachsen-Anhalts rechnet jeder sechste befragte Betriebsinhaber mit einer Schließung.

Ein Handwerker bearbeitet Metall: Im Süden Sachsen-Anhalts rechnet jeder sechste befragte Betriebsinhaber mit einer Schließung.

© Kirsten Neumann/dpa

Wer einen Fliesenleger, Maurer oder Heizungsbauer sucht, hat im Süden Sachsen-Anhalts inzwischen weniger Betriebe zur Auswahl. Binnen eines Jahres sank ihre Zahl zusammen um 109. Dabei deutet die Gesamtstatistik der Handwerkskammer Halle auf den ersten Blick kaum auf Probleme hin: Ende September waren lediglich drei Betriebe weniger eingetragen als ein Jahr zuvor.

Doch es könnten weitere Betriebe verschwinden. Jeder sechste befragte Handwerksunternehmer rechnet damit, seinen Betrieb in den kommenden Jahren zu schließen. Die schlechte Konjunktur ist dabei längst nicht das einzige Problem. Der Präsident der Handwerkskammer Halle, Thomas Keindorf, kritisierte im Gespräch mit dieser Zeitung vor allem die hohen Kosten, die Bürokratie und die geringe gesellschaftliche Wertschätzung für Selbstständige.

Sachsen-Anhalts Handwerk verändert sich

Wie sich das Handwerk verändert, zeigen die Zahlen der Kammer: Innerhalb eines Jahres sank die Zahl der Fliesenlegerbetriebe um 63, die der Maurerbetriebe um 25 und die der Installateure und Heizungsbauer um 21. Gleichzeitig kamen 55 Kosmetikbetriebe und 87 Gebäudereiniger hinzu. Insgesamt ging die Zahl der zulassungspflichtigen Handwerksbetriebe um 215 zurück, während zulassungsfreie und handwerksähnliche Betriebe zulegten.

Hinter den nahezu unveränderten Gesamtzahlen verbergen sich zudem zahlreiche Betriebswechsel. Wie die Kammer auf Anfrage dieser Zeitung mitteilte, wurden im vergangenen Jahr 903 Betriebe neu eingetragen und 1097 aus dem Register gelöscht. In den ersten neun Monaten dieses Jahres waren es 783 Neueintragungen und 653 Löschungen. Neben Insolvenzen, Krankheiten und Todesfällen würden zuletzt häufiger „wirtschaftliche Gründe“ genannt.

Warum die Übergabe vieler Betriebe scheitert

Für zahlreiche Unternehmer stellt sich zudem die Frage, wer ihren Betrieb einmal übernehmen soll. Laut der jüngsten Konjunkturumfrage wollen 14 Prozent ihren Betrieb innerhalb der kommenden drei Jahre übergeben, weitere 17 Prozent in den darauffolgenden drei Jahren. Dabei setzen 61 Prozent der Unternehmer mit Übergabeplänen auf eine Nachfolge innerhalb der Familie.

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Doch selbst wenn Unternehmer ihren Betrieb gerne weitergeben würden, scheitert das häufig an den Voraussetzungen. Unter den Befragten, die eine Übergabe planen, diese aber nicht verwirklichen können, halten 43 Prozent ihren Betrieb für ungeeignet. 40 Prozent nennen die schwierige wirtschaftliche Lage, 30 Prozent die starke Abhängigkeit vom bisherigen Inhaber. Nur 27 Prozent geben an, keinen passenden Nachfolger gefunden zu haben. Mehrfachnennungen waren möglich.

Handwerkspräsident kritisiert „Erstmalirgendwasstudium“

Keindorf sieht die Probleme auch in der gesellschaftlichen Einstellung zur Selbstständigkeit. Zu viele Eltern bevorzugten für ihre Kinder ein „Erstmalirgendwasstudium“, kritisierte der Kammerpräsident. Dabei machten Bürokratie, hohe Kosten und der Mangel an Fachkräften die Führung eines eigenen Betriebs zunehmend schwierig. „Denn nicht die Bürokraten erhalten das Land, sondern die Unternehmer“, sagte Keindorf dieser Zeitung.

Von der Politik forderte er deshalb weniger Bürokratie, geringere Steuern und Abgaben sowie langfristig verlässliche Entscheidungen. Insbesondere die Bundespolitik müsse bessere Bedingungen für das Handwerk schaffen. Von der Landespolitik wünschte sich Keindorf einen besseren Wirtschaftsunterricht an den Schulen, der jungen Menschen auch den Weg in die Selbstständigkeit aufzeige. Außerdem solle Sachsen-Anhalt die Meistergründungsprämie fortführen, mit der angehende Handwerksmeister bei der Gründung oder Übernahme eines Betriebs unterstützt werden.

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