Dresden hat eine neue unterirdische Lebensader. Am heutigen 4. November 2026 nahm die Stadtentwässerung Dresden den Industriesammler Nord (ISN) offiziell in Betrieb – einen rund zehn Kilometer langen Abwasserkanal, der die Industriegebiete im Dresdner Norden direkt mit der Kläranlage Dresden-Kaditz verbindet. Rund 76 Millionen Euro flossen in das Großprojekt, das nach nur drei Jahren Bauzeit fertiggestellt wurde. Der Hintergrund ist handfest: Die Halbleiterindustrie der Stadt wächst, und ohne leistungsfähige Entwässerung wäre dieses Wachstum schlicht nicht zu stemmen.
Zur feierlichen Inbetriebnahme kamen Oberbürgermeister Dirk Hilbert, die beiden Geschäftsführer der Stadtentwässerung, Gunda Röstel und Ralf Strothteicher, sowie Vertreter von Behörden, Planungsbüros und Baufirmen auf der Kläranlage Kaditz zusammen. In der Siebscheibenhalle setzten sie ein symbolisches Schieberrad in Bewegung und gaben damit einen virtuellen Wasserstrom frei, der auf einer Videoprojektion vom Dresdner Norden bis nach Kaditz floss.
Warum Dresden diesen Kanal braucht
Die bestehenden Kanäle auf der rechtselbischen Seite der Stadt stoßen angesichts der wachsenden Chipproduktion an ihre Grenzen. Schon heute prägen Unternehmen wie Infineon, GlobalFoundries und Bosch die industriellen Abwassermengen. Mit dem Ausbau bestehender Produktionsstätten und der Ansiedlung des neuen Halbleiterwerks von ESMC werden sich diese Mengen in den kommenden Jahren verdoppeln.
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Die Halbleiter-Fabrik von Infineon: Im Dresdner Norden werden die Produktionskapazitäten sukzessive ausgebaut.
© Torsten Fiedler
Technischer Geschäftsführer Ralf Strothteicher bringt das Problem auf den Punkt: „Das Netz der Dresdner Neustadt wäre bei starken Niederschlägen mit den Abwassermengen des Halbleiterreviers überfordert.“ Der neue Sammler nimmt nun die Abwässer aus Klotzsche, Rähnitz und Wilschdorf auf, transportiert sie zur zentralen Kläranlage und entlastet zugleich das vorhandene Netz. Strothteicher spricht von der „dritten Hauptschlagader“ des Dresdner Abwassernetzes – eine Infrastruktur, deren Herzstück, das Klärwerk Kaditz, immerhin schon seit 1910 besteht.
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Oberbürgermeister Hilbert ordnet das Vorhaben größer ein. „Wir schreiben hier Zukunftsgeschichten für die europäische Industrie“, sagte er – und verwies auf den globalen Wettbewerb: „Wir sind als Standort im Wettbewerb mit globalen Märkten, mit Asien und Nordamerika.“ Dass ein Abwasserkanal zum Standortfaktor im internationalen Ringen um Halbleiterfertigung wird, zeigt, wie eng industrielle Ansiedlung und kommunale Grundversorgung mittlerweile verzahnt sind.
Vortrieb unter Autobahn, Bahn und Heide
Technisch war der Bau alles andere als Routine. Rund sieben der insgesamt zehn Kilometer wurden in geschlossener Bauweise als Rohrvortrieb hergestellt – Vortriebsmaschinen pressten dabei Stahlbetonrohre unterirdisch durch den Dresdner Norden. So ließen sich Straßen, die Autobahn A4 und sensible Bereiche wie eine wichtige Bahntrasse unterqueren, ohne großflächig aufzureißen. Gerade im Abschnitt durch die Dresdner Heide hielt diese Technik den Eingriff in die Natur klein. Die übrigen rund drei Kilometer entstanden in offener Bauweise.
Torsten Seiler, Gebietsleiter Investitionen bei der Stadtentwässerung, macht den Durchmesser der Kanalstränge deutlich.
© Lennart Zielke/Ostdeutsche Allgemeine Zeitung
Besonders knifflig war der Rohrvortrieb durch die Hellerberge, wo unter anderem ein rund 1.200 Meter langer Abschnitt mit Rohren von zwei Metern Außendurchmesser (DN 1.600) entstand. Ein wichtiger Meilenstein war der Durchstich der Vortriebsmaschine an der Königsbrücker Straße am 10. Dezember 2025.
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Eine Besonderheit ist die Nutzung des natürlichen Geländegefälles von rund 100 Metern zwischen dem Dresdner Norden und Kaditz. Das Abwasser fließt zunächst in einem Freispiegelkanal aus Beton (DN 1.600) und wird im weiteren Verlauf durch eine Kunststoffleitung (DN 1.200) als Gefälledruckleitung abgeleitet – zusätzliche Pumpwerke braucht es dafür nicht, was Betriebskosten und Energieverbrauch dauerhaft senkt. Am Ende mündet der Sammler kurz vor der Kläranlage in den Neustädter Abfangkanal.
Hochwasser, Vandalismus und alte Munition
Der Spatenstich fiel am 20. Juli 2023 – und von da an lief längst nicht alles glatt. Das Elbehochwasser zum Jahreswechsel 2023/2024 setzte Baugruben unter Wasser, Altlasten im Bereich des Hellers sorgten für Mehraufwand, dazu kamen zahlreiche vorhandene Versorgungsleitungen und schwieriger Baugrund.
Die Arbeiten fanden teilweise im Rohrvortrieb und in bis zu 14 Metern Tiefe statt.
© Torsten Fiedler
Strothteicher nennt die Hürden offen beim Namen: Baugruben waren zeitweise geflutet, eine wurde sogar Ziel von Vandalismus, und an manchen Stellen gestaltete sich die Suche nach Munition aufwendig. Hinzu kam der bürokratische Teil: Es waren zahlreiche Baugenehmigungen von Grundstückseigentümern notwendig – „die Zusammenarbeit verlief in den allermeisten Fällen reibungslos", so der Geschäftsführer.
Nicht spurlos vorbei ging das Projekt an der Natur. Torsten Seiler, Gebietsleiter Investitionen bei der Stadtentwässerung, macht daraus keinen Hehl: „Wir haben auf dem Heller mehrere hundert Bäume gefällt." Ein Eingriff, der zeigt, dass auch eine naturschonend geplante Trasse ihren Preis hat.
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Trotz allem blieb das Projekt im Zeitplan. Ende Juni 2026 wurde der direkte Anschluss des neuen Infineon-Werks an der Königsbrücker Straße hergestellt, am 5. August startete der Probebetrieb unter realen Bedingungen. „In der Kürze der Zeit wurde hier ein komplexes System fertiggestellt", lobte Hilbert. Strothteicher wird persönlich: „Zehn Kilometer Kanal durch dicht erschlossene Wohn- und Industriegebiete und schwierigen Untergrund zu bauen, dabei den laufenden Verkehr und die bestehende Infrastruktur möglichst wenig zu beeinträchtigen und den engen Terminplan einzuhalten, war eine enorme Herausforderung. Dass uns dies gelungen ist, macht uns stolz."
Die nächste Milliardenaufgabe steht schon an
Mit dem Sammler ist ein Baustein gesetzt, der nächste ist bereits in Arbeit. Bis Mitte der 2030er Jahre wird die Kläranlage Kaditz umfassend erweitert und modernisiert – geplant sind unter anderem eine neue mechanische Abwasserbehandlung, zusätzliche Belebungs- und Nachklärbecken, eine weitergehende Abwasserreinigung als vierte Reinigungsstufe und ein dritter Faulturm.
Kaufmännische Geschäftsführerin Gunda Röstel sieht beide Vorhaben als Einheit: „Der Industriesammler Nord und der Ausbau unserer Kläranlage gehören unmittelbar zusammen. Beide Projekte zeigen, welche Bedeutung eine vorausschauende Abwasserinfrastruktur für die Entwicklung einer wachsenden Großstadt hat. Wir investieren heute, damit Dresden auch in den kommenden Jahrzehnten wirtschaftlich erfolgreich sein kann und zugleich die hohen Anforderungen an den Gewässerschutz erfüllt."
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