Probstzella ist kein Ort, an dem man zufällig landet. Man muss schon einen Grund haben. Die Bahn fährt immerhin noch vorbei. Gegenüber dem Bahnhof am Hang steht ein großes, markantes Gebäude, das auf den ersten Blick aussieht, als habe jemand ein Bauhaus mitten in den Thüringer Wald gestellt.
Das Gebäude heißt Haus des Volkes. Heute ist es Hotel, Restaurant, Veranstaltungsort, Museum und Bauhausdenkmal. Man kann hier schlafen, essen, feiern, eine Ausstellung über die deutsche Teilung ansehen oder sich mit der Geschichte eines Mannes beschäftigen, der davon überzeugt war, dass Arbeiter nicht nur Lohn, sondern auch Kultur brauchen. In den 1920er-Jahren hatte Probstzella einen Mann, der große Pläne hatte. Er hieß Franz Itting.
Itting war Industrieller, Sozialreformer und SPD-Mitglied. Sein Geld verdiente er unter anderem mit einem Elektrizitätswerk. Er war kein Unternehmer, der nach Feierabend seine Ruhe haben wollte. Itting wollte für die Bevölkerung ein Kultur- und Erholungszentrum schaffen. Es sollte ein Hotel geben, einen großen Saal, Kino, Theater, Vereinsräume, Bibliothek, Kegelbahn und sogar eine Sauna. Dazu kamen Park, Kiosk, Bühne und weitere Einrichtungen. Das Haus sollte nicht den Eindruck erwecken: Hier wohnt die bessere Gesellschaft und dort unten wartet das Volk. Das Volk sollte vielmehr selbst hineindürfen. Daher der Name. Haus des Volkes. Itting beauftragte zunächst den Saalfelder Architekten Hermann Klapprodt.
Passend zum Bauhausstil: Wassily Kandinskys abstrakte geometrische Formen in der Kegelbahn des Hotels
© Wolfgang Cezanne
Vom Bauhausstudent zum Bauleiter
Klapprodt plante ein Gebäude, das deutlich traditioneller aussah als das Haus, das später tatsächlich entstand. Dann kam das Bauhaus, und zwar durch Ittings Sohn Gotthard. Er studierte am Bauhaus in Dessau. Dort lernte er Alfred Arndt kennen. Arndt war damals 27 Jahre alt und noch kein berühmter Architekt. Als er von den Bauplänen für Probstzella hörte, fand er sie offenbar nicht gerade berauschend. Arndt soll über den traditionellen Entwurf gesagt haben, man müsse sämtliche Fassadenelemente „abkloppen“. Franz Itting ließ sich auf die Sache ein. Er lud Arndt nach Probstzella ein.
Das war ein mutiger Schritt, denn Arndt war zu diesem Zeitpunkt zwar Bauhaus-Mann, aber als selbstständiger Architekt noch weitgehend unbekannt. Er unterbrach für das Projekt sogar sein Studium. Aus dem Bauhausstudenten wurde plötzlich ein Bauleiter in einem Thüringer Dorf.
Von außen wirkt das Haus monumental, aber nicht aggressiv. Es steht hinter der Häuserzeile am Bahnhof. Innen wird es radikaler. Denn hier wurde nicht einfach ein Bauhausgebäude gebaut und anschließend mit irgendwelchen Möbeln ausgestattet. Die Idee war umfassender: Das Gebäude sollte bis in die Details aus einem Guss sein.
Hier kann auch heute noch groß gefeiert werden: der Veranstaltungsraum im Haus des Volkes
© Haus des Volkes
Gesamtkunstwerk für alle Menschen
Möbel, Lampen, Stoffe, Türgriffe, Wandgestaltung – alles sollte zusammenpassen. Künstler und Handwerker des Bauhauses waren beteiligt. Alfred Arndt gestaltete große Teile der Inneneinrichtung, Möbel stammten unter anderem von Arndt, Ernst Gebhardt und Marcel Breuer, die Stoffe kamen aus der Bauhausweberei, die Lampen aus der Metallwerkstatt. Das Bauhaus war bekanntlich nicht nur eine Schule für Architekten. Es wollte Kunst und Alltag miteinander verbinden. Das Haus des Volkes wurde damit zu einer Art Gesamtkunstwerk für Menschen, die sich vielleicht nicht als Kunstkenner betrachteten.
1927 wurde das Haus fertig. Die feierliche Einweihung fand am 1. Mai statt. Arndt entwarf sogar die Geschäftspapiere: Einladungen, Speisekarten, Weinkarten, Rechnungen und Plakate. Das Bauhaus war hier also nicht bloß Architektur. Es war Corporate Design, bevor man diesen Ausdruck brauchte.
Dann änderte Deutschland seine Meinung über die Moderne. 1933 kamen die Nationalsozialisten an die Macht. Das Bauhaus wurde verfolgt, seine Vertreter diffamiert, die Bauhausschule schließlich geschlossen. Das Haus des Volkes in Probstzella wurde nicht einfach zerstört, aber seine Symbolik wurde den neuen Machthabern offenbar unangenehm. Am 31. Dezember 1936 musste der Schriftzug „Haus des Volkes“ vom Gebäude entfernt werden.
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Nach dem Krieg kam die DDR. Und wieder änderte sich die Bedeutung des Hauses, ohne dass sich sein Grundriss wesentlich veränderte. Probstzella lag unmittelbar an der innerdeutschen Grenze und später im Sperrgebiet. Das Haus des Volkes wurde intensiv genutzt. In den früheren Hotelräumen saßen regionale Zolldienststellen, während im großen Saal weiterhin gefeiert, getanzt und musiziert wurde. Das Gebäude war nun nicht mehr das sozialdemokratische Kulturhaus Franz Ittings, sondern gehörte zum staatlichen Kultur- und Veranstaltungsbetrieb.
DDR-Rock im Sperrgebiet
Bands wie Karat und die Puhdys traten in Probstzella auf. Das ist vielleicht das Überraschendste an der DDR-Geschichte dieses Ortes. Ein kleines Dorf im Sperrgebiet, wenige Kilometer von der bayerischen Grenze entfernt, wurde zur Konzertadresse für zwei der bekanntesten Rockbands der DDR. Der Saal, der ursprünglich für 1000 Menschen ausgelegt war, wurde damit zu einer Art Kulturpalast des kleinen Mannes. Probstzella war für die DDR ein besonders kontrollierter Ort. Wer hier lebte, musste mit den Einschränkungen des Sperrgebiets leben. Umso wichtiger waren Veranstaltungen, bei denen man für einige Stunden vergessen konnte, dass man in einer Gegend lebte, aus der andere Menschen nicht ohne Weiteres herausdurften.
Die DDR hatte mit dem Bauhaus ohnehin ein kompliziertes Verhältnis. Einerseits galt die Moderne als fortschrittlich und international. Andererseits passte das Haus des Volkes nicht ganz in die jeweiligen politischen Architekturvorstellungen. Es war zu sehr Ausdruck einer individuellen Geschichte: ein Unternehmer, ein SPD-Mann, ein Bauhauskünstler.
Dann kam 1989. Nach der Wiedervereinigung begann die vielleicht gefährlichste Phase in der Geschichte des Hauses. Nicht die Nazis hatten es zerstört, nicht die DDR hatte es abgerissen. Nun drohte ihm etwas viel Banaleres: Es war zu teuer geworden, es zu erhalten.
Offene Grundrisse, Räume, die ineinander fließen, große Glasfassaden: Das Bauhaus setzte auf Funktionalität und verzichtete auf jeglichen Zierrat.
© Axel Heimken
Für die Heimatregion
Das Haus stand leer und verfiel. Wasser drang ein, Parkettböden wölbten sich, Fenster gingen kaputt, Türen waren eingetreten. Es gab sogar Überlegungen, den riesigen Bau abzureißen. Schließlich kamen Dieter und Antje Nagel. Das Ehepaar aus Probstzella hatte seit 1990 gemeinsam mit einem Geschäftspartner ein Unternehmen für Medizintechnik aufgebaut. Mit zunehmendem wirtschaftlichem Erfolg entstand bei den beiden der Wunsch, sich stärker für ihre Heimatregion zu engagieren.
Dieter Nagel kannte das Haus aus seiner Kindheit und Jugend. Er wusste, was es einmal gewesen war. Vor allem aber sah er, was daraus geworden war. Eine Ruine. 2003 fuhren Dieter und Antje Nagel nach Berlin zu einer Zwangsversteigerung. Gemeinsam mit einem Geschäftspartner ersteigerten sie das Haus für gut 28.000 Euro. Der Preis klingt heute beinahe lächerlich. 28.000 Euro für das größte erhaltene Bauhausensemble Thüringens. Allerdings gehörte zu dem Preis auch ein ziemlich großes Problem.
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„Mein Mann wollte dieses Haus retten, das war das Wichtigste“, sagt Antje Nagel heute. Der Auktionator hatte das Objekt mit den Worten „alles, wie es dasteht und daliegt“ angeboten. Nagel erinnert sich an seinen Gedanken: „Ich habe gedacht, hoffentlich steht es – und liegt noch nicht.“ Das ist ein Satz, der ziemlich genau beschreibt, worauf sich Nagels eingelassen hatten. Denn mit den 28.000 Euro war die Sache nicht erledigt. Im Gegenteil. Sie hatte gerade erst angefangen. Erhebliche Investitionen waren nötig.
Das Ehepaar entschied sich, das Gebäude nicht einfach irgendwie zu sanieren. Es sollte möglichst genau das wieder werden, was Alfred Arndt und die Bauhauswerkstätten geschaffen hatten. Farben wurden untersucht, historische Fotografien ausgewertet, Studenten und Fachleute hinzugezogen. An manchen Stellen wurde Schicht für Schicht die ursprüngliche Farbgebung freigelegt.
„Wir haben hier einen normalen Drei-Sterne-Standard. Wir sind vom Deutschen Hotellerie- und Gastronomieverband klassifiziert“, erklärt Antje Nagel, die schließlich die Hotelleitung übernahm. Am 15. Oktober 2013 wurde der Schriftzug „Haus des Volkes“ wieder an der großen Straßenfassade angebracht – 76 Jahre, nachdem er unter den Nationalsozialisten verschwinden musste.
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