Er wurde gut tausend Jahre alt und zeigte die meiste Zeit davon nach Norden. Am 16. Oktober ist der Kompass in Bonn von uns gegangen. Ministerpräsident Hendrik Wüst hat ihn vor dem Deutschlandtag der Jungen Union mit einem einzigen Satz in den Ruhestand geschickt: Die Vergangenheit sei nie ein Kompass für die Zukunft gewesen. Gesagt hat er das ausgerechnet in Bonn, der Stadt, in der die Bundesrepublik groß geworden ist, vor einem Parteinachwuchs, der sich gern auf Adenauer beruft.
Der Verstorbene hinterlässt Seefahrer, Wanderer, Pfadfinder und eine Partei, die sich bislang ebenso gern auf Adenauer berief. Er war ein bescheidenes Instrument. Er hat nie behauptet, das Ziel zu kennen, sondern nur angezeigt, wo Norden liegt, und das zugegeben seit Jahrhunderten unverändert. In Düsseldorf hielt man das zuletzt für Starrsinn.
Was ein Kompass kann
Ein Kompass zeigt nicht, wohin man gehen soll, sondern wo man steht. Wer das nicht wissen will, verläuft sich nicht aus Kühnheit, sondern aus Bequemlichkeit. Wer künftig wissen will, wohin die Reise geht, wird deshalb an die Staatskanzlei verwiesen. Dort orientiert man sich an der Zukunft. Sie hat den Vorzug, dass sie noch niemand gesehen hat und man ihr deshalb auch nichts nachweisen kann. Die Union nannte so etwas früher Geschichtsvergessenheit. Heute heißt es offenbar Zukunftskompetenz.
Vorwärts immer, rückwärts nimmer
Ganz neu ist die Lehre nicht. Am 6. Oktober 1989 stand Erich Honecker in Ost-Berlin am Pult der Festveranstaltung zum 40. Jahrestag der DDR und verkündete: „Soviel steht fest, für uns gilt die in der Gründerzeit der DDR geprägte Losung: Vorwärts immer, rückwärts nimmer.“ Bemerkenswert ist, dass selbst Honecker für seinen Blick nach vorn noch die Vergangenheit bemühen musste. Er verlegte die Losung allerdings in die falsche: Sie stammt nicht aus der Gründerzeit der DDR, sondern mutmaßlich aus einem Marsch des Militärmusikers Carl Latann aus dem 19. Jahrhundert. Wer die Geschichte für entbehrlich hält, verwechselt sie eben auch gern.
Wer nach dieser Losung fährt, gibt weiter Gas, wenn er das Schild „Sackgasse“ längst gesehen hat, und hält den Rückwärtsgang für Verrat. Zwölf Tage nach der Rede, am 18. Oktober 1989, war die Fahrt zu Ende, ziemlich genau 37 Jahre und zwei Tage vor dem Bonner Abend. Hendrik Wüst war damals vierzehn Jahre alt. Vielleicht hat er gefehlt, als das im Unterricht drankam. Die Geschichte lehrt jedenfalls, dass man gelegentlich zurücksetzen muss, um wieder auf die richtige Straße zu kommen. Sie lehrt es allerdings nur denen, die zuhören.
Zukunftsoffensive ohne Herkunft
Man darf befürchten, dass Düsseldorf aus der neuen Erkenntnis bald ein Regierungsprogramm macht. Es könnte etwa so aussehen:
1. Der Geschichtsunterricht wird durch das Fach „Zukunftskompetenz“ ersetzt. Die Abiturfrage „Was geschah 1989?“ wird gestrichen, weil die Antwort keine Rolle mehr spielt.
2. Die Landesregierung veröffentlicht keine Regierungsbilanz mehr. Was gestern geleistet wurde, sagt nichts über morgen. Die Wähler werden gebeten, sich daran auch bei der Landtagswahl zu halten.
3. Brückenprüfungen entfallen. Dass eine Brücke gestern gehalten hat, ist kein Kompass dafür, ob sie morgen hält. Weder die Ereignisse an der Rahmedetalbrücke noch der Einsturz der Dresdner Carolabrücke werden deshalb weiter ausgewertet.
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4. Aus allen Dienstwagen werden die Rückspiegel ausgebaut. „Wir schauen nur noch nach vorn“, erklärt ein Regierungssprecher, kurz bevor er rückwärts aus der Tiefgarage fährt.
5. Die Dienstwagen erhalten zudem Getriebe ohne Rückwärtsgang. Als Leitbild gilt „Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“ Auf eine Quellenangabe verzichtet die Staatskanzlei, weil sie Vergangenheit wäre.
Ein Trost
Auch der Satz des Ministerpräsidenten ist seit seiner Ausstrahlung Vergangenheit. Nach seiner eigenen Logik müssen wir uns also nicht weiter nach ihm richten.
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