Energiekrise

Kernenergie neu entfacht: Thüringens Wirtschaftsministerin will zurück zur Atomkraft

Colette Boos-John und Jens Spahn (beide CDU) stellen den Ausstieg der Kernenergie infrage. Doch wie wahrscheinlich ist eine Rückkehr?

Stefan-Johannes Reich
Stefan-Johannes Reich
6 Min
Inmitten der Energiekrise lebt die Debatte um die Rückkehr zur Atomkraft wieder auf. (Symbolbild)

Inmitten der Energiekrise lebt die Debatte um die Rückkehr zur Atomkraft wieder auf. (Symbolbild)

© Andreas Haas/IMAGO

Angesichts anhaltend hoher Energiepreise mehren sich innerhalb der CDU die Stimmen, die den deutschen Atomausstieg infrage stellen. Thüringens Wirtschaftsministerin Colette Boos-John fordert eine grundlegende Neubewertung der Kernenergie als mögliche Lösung für die Energiekrise. Auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur erklärt sie in Erfurt, Deutschland könne „nicht weiter tatenlos zusehen, wie die Energiepreise weiter durch die Decke gehen“, während der Rest Europas auf Kernkraft als grundlastfähige und emissionsarme Energiequelle setze.

Sie verwies dabei auf EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die den Atomausstieg als vorschnell und strategischen Fehler bezeichnet habe. „Wir werden unseren Sonderweg noch einmal kritisch hinterfragen und die Debatte führen müssen, wie wir es künftig mit der Kernenergie halten wollen“, sagte von der Leyen.

Boos-John verwies auf die geopolitischen Krisen in der Ukraine und im Iran und forderte, das gesamte Spektrum verfügbarer Energiequellen grundsätzlich zu überdenken. „Ich meine, wir werden unseren Sonderweg noch einmal kritisch hinterfragen und die Debatte führen müssen, wie wir es künftig mit der Kernenergie halten wollen“, so Boos-John.

Spahn wirbt für Reaktivierung

Das angekündigte Entlastungspaket der Bundesregierung, das unter anderem eine befristete Senkung der Energiesteuern auf Diesel und Benzin um 17 Cent sowie eine steuerfreie Entlastungsprämie von bis zu 1.000 Euro vorsieht, bezeichnete die Ministerin als ersten Schritt, der aber das grundsätzliche Problem nicht löse. Deutschland sei in Europa eine Hochpreisregion bei der Energie, was der Wirtschaft schade und Wohlstand vernichte. Die kurzfristige Steuersenkung nannte Boos-John schnell und unbürokratisch.

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Die Entlastungsprämie hingegen sieht sie kritisch: „Die 1.000-Euro-Prämie ist jedenfalls eine Maßnahme, die sich viele kleine und mittelständische Unternehmen überhaupt nicht leisten können – und die sie in der momentan angespannten Lage sogar noch zusätzlich massiv belasten würde.“ Gerade die ostdeutsche Wirtschaft müsse bei künftigen Überlegungen stärker berücksichtigt werden, forderte sie. Stattdessen regte Boos-John eine dauerhafte Absenkung der Energiesteuern auf das europäische Minimum an.

Unionsfraktionschef Jens Spahn (CDU) ging noch einen Schritt weiter und sprach sich für einen möglichen Wiedereinstieg in die Atomkraft aus. Vor einem Innovationskongress der Unionsfraktion sagte Spahn laut der Rheinischen Post: „Es gibt Studien, die sagen, dass die stillgelegten Reaktoren der letzten Jahre mit um die neun, zehn Milliarden Euro wieder ans Netz gehen könnten.“ In anderen Ländern würden 30 bis 50 Milliarden Euro in den Neubau von Kernkraftwerken investiert. Deutschland könne mit deutlich weniger Mitteln seine gerade abgeschalteten Meiler wieder in Betrieb nehmen. „Eine Diskussion ist es in jedem Fall wert“, betonte Spahn.

Reaktivierung gilt als unrealistisch

Die SPD wies die Überlegungen umgehend zurück. Parlamentsgeschäftsführer Dirk Wiese sagte der Rheinischen Post: „Täglich grüßt das Murmeltier. Es ist nicht zielführend, immer die gleichen Debatten zu führen.“ Atomkraft sei „die teuerste und die gefährlichste aller Energien, und die Endlagersuche für die Altlasten ist bis heute nicht geklärt“. Zudem stehe Kernenergie weder kurz- noch mittelfristig als Grundlast zur Verfügung. Der Fokus der SPD liege auf dem Ausbau erneuerbarer Energien, flankiert durch moderne Gaskraftwerke und Batteriespeicher, so Wiese.

Trotz der politischen Forderungen aus der Union gilt eine tatsächliche Wiederinbetriebnahme der 2023 endgültig abgeschalteten Kernkraftwerke als äußerst unwahrscheinlich. Der Rückbau der Anlagen ist bereits weit fortgeschritten, die Betreiber selbst halten eine Rückkehr für nicht realistisch. Im Koalitionsvertrag der schwarz-roten Bundesregierung ist der Wiedereinstieg in die Atomkraft kein Thema, und neue Kernkraftwerke sind in Deutschland gesetzlich stark erschwert. Der Atomausstieg war 2011 unter der CDU-geführten Regierung von Angela Merkel nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima beschlossen worden.

Dennoch wird in der Union ein Wiedereinstieg in die Atomkraft immer wieder in die Debatte eingebracht. Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte im März eine Abkehr vom Atomausstieg gefordert und den Bau moderner Mini-Atomkraftwerke im Freistaat angekündigt – und sich damit gegen Kanzler Friedrich Merz (CDU) gestellt, der den Ausstieg als „irreversibel“ bezeichnet hatte.

Reiche setzt auf Mini-Reaktoren

Eine Wiederinbetriebnahme der stillgelegten Reaktoren ist also extrem unwahrscheinlich. Anders sieht es jedoch bei neuen Kraftwerkstechnologien aus. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche stellte dies bei einer Veranstaltung der BMW Foundation am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz klar: „Wir werden nicht zu den alten Reaktoren zurückkehren.“ Stattdessen rückt sie sogenannte Small Modular Reactors (SMRs) in den Fokus – kleine, modulare Kernreaktoren, die in Fabriken hergestellt und vor Ort montiert werden sollen. Der Bau soll wesentlich schneller und kostengünstiger ablaufen als bei herkömmlichen Großkraftwerken. „Wir sehen uns nicht nur Speicher und erneuerbare Energien an, sondern auch SMRs“, sagte Reiche über die künftige deutsche Energiestrategie.

Länder wie China setzen bereits auf SMR-Reaktoren. (Archivbild: Bau eines SMR-Testreaktors in China im Februar 2024)

Länder wie China setzen bereits auf SMR-Reaktoren. (Archivbild: Bau eines SMR-Testreaktors in China im Februar 2024)

© luoyunfei/IMAGO

Im Wirtschaftsministerium wurde dafür bereits ein Referat „Kerntechnologien“ eingerichtet, angesiedelt in der Forschungsabteilung. Zum Referatsleiter wurde Micha Sygusch ernannt – ausgerechnet der frühere Büroleiter von Reiches Vorgänger Robert Habeck (Grüne), der sich in der Vergangenheit in sozialen Medien gegen eine Laufzeitverlängerung ausgesprochen hatte. Zudem hat Reiche nach eigenen Angaben ein Team zusammengestellt, das im Ausland neue Atomkonzepte studiert.

Analysten schätzen den weltweiten SMR-Markt auf sechs bis sieben Milliarden Dollar, innerhalb der nächsten zehn Jahre könnte er sich verdoppeln. Weltweit sind mehr als 30 Projekt- und Demonstrationsanlagen geplant, knapp 100 Vorhaben befinden sich in der Entwurfsphase. In China und Russland stehen bereits erste Testanlagen, Kanada hat mit dem Bau begonnen. Auch deutsche Unternehmen sind beteiligt: Siemens Energy liefert Dampfturbinen und Generatoren, der Essener Dienstleister GNS entwickelt Entsorgungslösungen, und über den staatlichen Energieversorger Uniper ist die Bundesregierung indirekt an der SMR-Entwicklung in Schweden beteiligt.

Hohe Kosten und große Hürden

Allerdings sind die Kosten hoch, die Finanzierung unsicher und regulatorische wie technologische Hürden erheblich. Im günstigsten Fall könnten laut einer Analyse der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bis 2035 weltweit 21 Gigawatt an SMR-Kapazität entstehen.

Zum Vergleich: Allein im ersten Halbjahr 2025 wurden global 380 Gigawatt Solarkapazität zugebaut. Da SMRs jedoch wetterunabhängig arbeiten, wäre ein Gigawatt SMR-Leistung deutlich verlässlicher als die gleiche Kapazität bei Solar- oder Windenergie.

Die SPD steht allerdings auch der SMR-Technologie skeptisch gegenüber. Das von den Sozialdemokraten geführte Umweltministerium erklärte in der Vergangenheit, es gebe noch keinen Nachweis, dass das Konzept wirtschaftlich tragfähig sei. Im Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD taucht das Thema SMR nicht auf.

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